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Kultur

Nordost – Schauspiel im Theater der Keller

Samstag, 19. März 2011 | Text: Stephan Martin Meyer | Bild: Meyer Originals

Geschätzte Lesezeit: 3 Minuten

Wir sind mitten drin. Wir wissen, was auf uns zu kommt. Im Laufe des Abends werden wir zu Geiseln. Ob wir wollen oder nicht. Es gibt kein Entrinnen. Der 23. Oktober 2002 ist als Trauma tief in die russische Seele eingebrannt. Das, was die US-Amerikaner am 9. September 2001 in New York erlebten, hat sein Pendant im Moskauer Dubrowka-Theater gefunden. 850 Besucher und Akteure des Musicals Nord-Ost werden von tschetschenischen Terroristen als Geiseln genommen. Sie fordern den sofortigen Abzug der russischen Truppen aus Tschetschenien. Zweieinhalb Tage lang leben die Menschen im Theater in einer Mischung aus Angst und Resignation. Schließlich wird ein bis heute unbekanntes anästhetisches Gas in den Zuschauerraum geleitet. Die Geiseln und ein Teil der Geiselnehmer verlieren das Bewusstsein. Das Theater wird gestürmt, alle Geiselnehmer auf der Stelle erschossen. 129 Geiseln sterben, vermutlich an den Folgen des Gases. Eine Untersuchung des Vorfalles hat es offiziell bis heute nicht gegeben.

Das Theaterstück Nordost des Leipziger Autoren und Schauspielers Torsten Buchsteiner erzählt die Geschichte dreier Frauen. Da ist zum einen Zura, eine tschetschenische Terroristin, die als eine der „Schwarzen Witwen“ an der Geiselnahme beteiligt ist. Amely Dräger verkörpert die junge Frau, die aus teils persönlichen, teils ideologischen Gründen an dem Überfall teilnimmt. Ihre Waffe: Eine Handkamera, mit der sie immer wieder ins Publikum hinein schwenkt, einzelne Gesichter ins Visier nimmt, sie beinahe teilnahmslos beobachtet, bevor sie zum nächsten Gesicht weiter wandert. Auf der Bühne: Eine Leinwand. Groß, Raum füllend. Auf ihr ist zu jeder Zeit sichtbar, was oder wen die Terroristin gerade im Blick hat.

Die zweite Frau: Olga, ein Buchhalterin, die lange gespart hat, damit sie für sich und ihre Familie die Musical-Karten kaufen konnte. Sie sitzt unter uns, sie macht uns deutlich, wie nah die Geiselnahme ist. Doris Plenert spielt die Verzweifelte, die irgendwo zwischen den vielen Menschen kauert, deren Kind auf die Empore verbannt wird, dorthin, wo alle Kinder sitzen, um eine weitere Verschlimmerung der Zwangslage zu provozieren. Durch sie erfahren wir, wie grausam die Terroristen und wie ignorant die russischen Unterhändler agieren.

Und dann: Tamara, eine Ärztin, die zufällig an diesem Abend Notdienst hat und erst vor, dann im Theater mit der unmenschlichen Situation konfrontiert ist. Fiona Metscher spielt die entsetzte Medizinerin, die feststellen muss, dass ihre Mutter und ihre Tochter ebenfalls in das Musical gegangen sind, dass sie ihnen ganz nah ist, und doch nichts für sie tun kann.

Das Stück beginnt dort, wo jeder Theater- und Musical-Besuch seinen Anfang hat: Im Foyer. Die drei Akteurinnen erzählen ihre Lebensgeschichten, die unterschiedlicher kaum sein können, und sich doch in so vielem gleichen. Ist es ein Hohn, dass ausgerechnet Zura die Eintrittskarten kontrolliert? Noch kann sie jedem einzelnen Besucher sagen, dass sein Ticken ungültig ist und er nach Hause gehen soll. Sie hat die Macht, über unser Leben und Sterben zu entscheiden. Doch sie lächelt, lässt alle ohne Warnung passieren.

Im Saal sind die Sitzreihen entfernt. Der nackte Boden, in Stufen nach hinten ansteigend. Der Rücken schmerzt bereits nach zehn Minuten. Wie muss es sich erst anfühlen, zweieinhalb Tage nicht aufstehen zu dürfen?

Auf sehr verstörende und zugleich berührende Weise erzählen uns die drei Frauen, wie sie die Situation im Theater erleben. Für jede von ihnen entsteht eine irrationale Nähe, selbst Zura bekommt ihren Platz als Mensch, der vom Leben gebeutelt wurde, die von den Hauptakteuren der Geiselnahme betrogen wird – sei es, weil sie von einer unbeantworteten Liebe in die Situation gelockt wurde, sei es weil es am Ende nicht genug Gasmasken für alle Terroristen gibt.

Nordost ist ein verstörendes Stück, das nachdenklich macht über die vermeintliche Sicherheit, in der uns die Politik immer wieder wiegt. Schwerwiegende Entscheidungen, die über das Leben und Sterben von Menschen in scheinbar weit entfernten Ländern gefällt werden, können irgendwann wie ein Bumerang auf uns zurückfallen, können unser Leben entscheidend verändern. Können uns mitten ins Herz treffen.

Am Abend der Premiere im Theater der Keller ist der Autor Torsten Buchsteiner anwesend. Er berichtet von dem Erfolg, den er mit dem Stück erlebt, und davon, wie er das Stück schrieb. Er äußert auch Kritik an der Inszenierung: Die permanente Präsenz der Kamera habe ihm nicht besonders gefallen. Doch die Regie unterliegt nicht dem Diktat des Autors. Und Daniel Kuschewskis Arbeit ist durchdacht bis ins kleinste Detail, sie macht die Bedrohung spürbar, sie provoziert die Auseinandersetzung mit den Emotionen der Geiseln und der Terroristen. Und immer wieder lässt er die Zuschauer mit ihren Gefühlen und der Ungewissheit allein. Dann streicht Zuras Kamera wieder über unsere Gesichter, die Akteure schweigen, warten angespannt, was als nächstes geschehen wird. Und wir wissen: Wir sind mitten drin.

Termine
20., 22., 23., 24., 29., 30., 31. März
9., 10., 16., 17. April

Mehr über Theater der Keller hier.

 

Text: Stephan Martin Meyer

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