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Gesellschaft

„Realität schlägt Utopie“

Mittwoch, 31. August 2011 | Text: Jörg-Christian Schillmöller | Bild: Dirk Gebhardt

Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten

Eigentlich wollten wir mit Koos van Weringh über seine Karikaturen-Sammlung reden (er besitzt 150.000 Stück). Aber gleich zu Anfang gerät uns Boris Jelzin dazwischen, genauer gesagt: die russische Verfassungskrise. Im Herbst 1993 beschoss die Armee das Parlamentsgebäude in Moskau, in dem sich die Abgeordneten verschanzt hatten. „Wir haben die Panzer anrollen sehen“, sagt Koos van Weringh – er wohnte damals direkt gegenüber und machte Fotos, die heute in seinem Arbeitszimmer hängen. Auf dem ersten ist das Parlamentsgebäude noch unbeschädigt, auf dem Bild darunter steigt Rauch aus den oberen Stockwerken, und ganz unten sind die oberen Stockwerke vollkommen schwarz.

 

So geht das, wenn man Koos van Weringh besucht: Man kommt zu nichts. Aber man erfährt doch vieles. Der 77-Jährige geht mal hierhin, mal dorthin, zieht ein Buch heraus, schlägt es auf, stellt es wieder fort, nimmt einen Ordner aus dem Schrank, blättert kurz darin und erzählt dabei eine Geschichte nach der anderen. „Da, sehen Sie mal“, sagt er. Wieder ein Foto, diesmal an der Frontseite eines Bücherregals. Es zeigt eine Replik der amerikanischen Freiheitsstatue, und zwar auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking. Da war Koos van Weringh genau zur Zeit der Studentenproteste von 1989. „Am 4. Juni sind wir abends nach Moskau abgefahren, und wir hätten fast den Zug verpasst, weil die Armee gegen die Unruhen vorging. Diese Statue hatten die Studenten damals auf dem Platz errichtet, und sie wohnten dort zum Teil in Zelten.“ Gleich unter dem Foto hängt – wie an vielen Stellen in diesem abenteuergefüllten Arbeitszimmer – eine ausgeschnittene Schlagzeile: „Skulpturen lösen keine politischen Probleme“ ist da zu lesen. „Oh, die hab‘ ich erst neulich entdeckt“, kommentiert van Wehring. Nicht weit entfernt hängt dies hier: „Journalismus ist Quatschen auf dem Flur“. Auch nicht schlecht.

Wir insistieren und wollen nun Karikaturen sehen. Vielleicht zum Mauerbau? Koos van Weringh zögert nur kurz, geht zum Schreibtisch hinüber und hat schnell ein paar Blätter in der Hand: „Schauen Sie, meine Enkelin ist 12, und sie musste etwas über die Mauer schreiben. Da habe ich ihr zwei Karikaturen geschickt“. Was er dann präsentiert, sind Kostbarkeiten: Zwei Karikaturen vom 14. August 1961, dem Tag nach dem Mauerbau. Die erste stammt aus dem niederländischen Blatt „De Volkskrant“, die andere aus dem „Daily Express“. Sie zeigt Nikita Chruschtschow in einer Festung, die den Kreml darstellen soll – und neben ihm die Kosmonauten Gagarin und Titow. Alle drei sind umgeben von einer hohen, kreisrunden Mauer mit einer kleinen Tür: „Exit“ steht darauf, und da hängt ein Schild: „closed“, geschlossen. In der Sprechblase heißt es dazu: „Es freut mich, dass ihr – Gagarin und Titow – hier seid, denn ihr wolltet wenigstens zurückkommen.“

Koos van Weringh ist über die Schule an sein Hobby gelangt: „Damals wurde im Geschichtsunterricht alles mit Karikaturen erklärt“, erzählt er. So fing das an. Er studiert Sozialwissenschaften in Groningen und wird Professor für Kriminologie an der Universität Amsterdam („Da  hatte ich viel mit der liberalen Drogenpolitik zu tun.“) Und obwohl er während der NS-Zeit aufwächst, findet er einen Weg nach Deutschland – weil er in Amsterdam seine zukünftige Frau kennenlernt: die Deutsche Kathinka Dittrich, die beim Goethe-Institut arbeitet. Sie wird später in den Neunziger Jahren Kulturdezernentin in Köln – und so kommt Koos van Weringh schließlich an den Rhein. Mit Zwischenstopps in München und Moskau. „Ich habe jahrelang für die Zeitung ‚Trouw‘ eine wöchentliche Kolumne geschrieben“, erzählt er. „Als wir nach München gingen, habe ich aus der Perspektive eines Niederländers berichtet, der in Bayern wohnt.“ Es folgt Moskau, von 1990 bis 1994. Und dann Köln, Ubierring.

Immer wieder verschwindet Koos van Weringh zwischen seinen Regalen: In der „Welt kompakt“ erschien unlängst ein Artikel über in, in dem es heißt: „Das Regalsystem macht den Eindruck eines begehbaren Gehirns“. Stimmt. Koos van Weringhs Welt ist tatsächlich eine begehbare, gedruckte Welt, eine Welt der Bücher, Sammelbände, Artikel. Nicht ohne Grund hängt irgendwo eine Postkarte, auf der steht: „No, I’m not on Facebook“. Das ist ein Statement: Dieses Archiv ist analog. Allein 4.000 Bücher dürften es sein. Die ausgeschnittenen Karikaturen auch aus den USA oder Spanien („Ich kriege von Freunden und meinen Töchtern einmal die Woche einen dicken Umschlag“) sind nach Zeichnern geordnet. Koos van Weringh mag besonders Klaus Stuttmann. „Viele Karikaturen sind deskriptiv und kommentieren die Politik. Stuttmann schaut hinter die Kulissen, er hat einen schärferen Blick.“

Sagt er und zieht eine aktuelle Karikatur aus dem „Tagesspiegel“ hervor. Wieder geht es um den Mauerbau, diesmal aber ist die Zeichnung vom 13. August 2011: Sie zeigt zwei Bilder, einmal den Umriss der DDR als Mauer mit dem Schildchen „Flüchten nach draußen verboten!“ und einmal den Umriss der EU, diesmal mit dem Schildchen „Flüchten nach drinnen verboten!“ Koos van Weringh mag das: diese geistreiche Härte, ein bisschen gnaden-, aber nicht geschmacklos.

Mit seinem Archiv hat der 77-Jährige schon viele Ausstellungen bestückt: Jetzt gerade ging in Beelitz in Brandenburg eine zuende: „Gott kann nichts dafür. Kirche in der politischen Karikatur“. Oder, vor ein paar Jahren in mehreren Städten: „Das Deutschland-Bild in der niederländischen Karikatur“. „Die Auswahl reichte damals von Bismarck bis Schröder“, meint van Wehring. Deutschland und die Niederlande – reichlich Stoff für böse Karikaturen? „Also sehr deutlich war das im Deutschen Reich, 1871. Damals gab es die Angst, dass auch die Niederlande annektiert werden könnte. Heute ist alles viel normaler geworden. Aber Hakenkreuze und Hitler-Schnurrbärte tauchen in den niederländischen Zeitungen mit ziemlicher Sicherheit auf, wenn die NPD in Deutschland mehr als 10 Prozent bekommt.“

Der Rundgang durch die Welt von Koos van Weringh endet, wie er beginnt – in Moskau. Vier großformatige Fotos hat der 77-Jährige herausgesucht. Sie zeigen ein Monument aus der Sowjetzeit, auf dem in großen Lettern steht: „UdSSR – Bollwerk des Friedens“. Auf dem zweiten Bild ist der Schriftzug weg, aber das leere Gerüst steht noch. Auf dem dritten und vierten hat dann der Kapitalismus Einzug gehalten: Groß und deutlich hängt dort statt des alten Sowjet-Emblems die Werbung von… zwei russischen Banken. Dazu passt die Schlagzeile, die wir irgendwo an einem von Koos van Weringhs vielen Regalen gelesen hatten: „Realität schlägt Utopie“.

Text: Jörg-Christian Schillmöller

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