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Kultur

Schwarmintelligenz

Donnerstag, 8. November 2012 | Text: Doro Hohengarten | Bild: Waugsberg

Geschätzte Lesezeit: 5 Minuten

Millionen rosa Blüten, Mandelbäume, wohin das Auge reicht. Kalifornische Idylle. Wäre da nicht dieser Mandelbaron, der sagt, um was es hier geht: „Total global domination“ – die totale Vorherrschaft auf dem Weltmarkt. Damit 80 Prozent aller Mandeln auch weiterhin aus Kalifornien kommen, werden gigantische Monokulturen unterhalten – hunderte von Quadratkilometern Land, auf denen nichts anderes wächst als Mandeln. Alles hängt an den Bienen: Genau einen Monat, während der Blüte, haben sie Zeit zur Bestäubung – ohne Bienen keine Mandeln, ohne Bienen keine Vorherrschaft.

 

Doch die Bienen sind am Ende. Seit sechs Jahren stirbt ein Drittel weg. Jahr für Jahr werden notdürftig Völker nachgezüchtet. Bienen sind so rar geworden, dass diejenigen, die noch welche liefern können, steinreich werden.

 

Pestizide, Inzucht, Stress, eine Tod bringende Milbe – diesen Phänomenen begegnet der Schweizer Filmemacher Markus Imhoof auf der Suche nach den Gründen für das gewaltige Bienensterben. Für seinen Dokumentarfilm „More Than Honey“  ist er zwei Mal um die Erde geflogen, auch nach China, wo in manchen Landesteilen die Bienen endgültig ausgerottet sind und nun Menschen ihre Arbeit leisten müssen.

 

Imhoofs Kamera begleitet die Bienen im Minihubschrauber, schlüpft in Bienenstöcke, streichelt ihre geplagten Panzer – und am Ende sind nicht die Insekten fremde Wesen, sondern die Menschen in ihrer Gier. Nur eine Bienenart scheint auch dieser zu widerstehen. Ich treffe Markus Imhoof im Odeon-Café, während sein Film im großen Saal Premiere hat.

 

Meine Südstadt: Herr Imhoof, sind die Killerbienen die Lösung?

Peter Imhoof: Die Killerbiene ist die gesündeste Biene, die es gibt. Natürlich könnte man Killerbienenstöcke nicht einfach hinter die Häuser stellen, aber vielleicht könnte man sie etwas sanfter züchten. Genau das ist aber einer der Gründe dafür, dass die Bienen heute sterben: Sie wurden auf Sanftmut und Fleiße gezüchtet. Alle fünf oder sechs Gründe für das Bienensterben, um die es in dem Film geht, sind Auswirkungen eines zu starken Eingriffes der Menschen in die Natur. Selbst die Varroa-Milbe: Sie entstand, weil russische Imker ihre Bienen nach China gebracht haben. Die haben sich dort angesteckt und dann ganz Europa und Amerika damit infiziert.

 

Ihr Film zitiert Albert Einstein mit dem Satz: „Wenn die Bienen verschwinden, hat der Mensch nur noch vier Jahre zu leben“. Wie schlimm steht es wirklich um die Bienen?

Wenn jedes Jahr ein Drittel der Kühe tot auf der Weide läge, würde der nationale Notstand ausgerufen. Bei den Bienen ist es so. In Europa, Amerika und China kann keine Honigbiene mehr ohne chemische Eingriffe überleben. Es gibt keine wild lebenden Bienen mehr – jeder Schwarm, der sich von einem Bienenvolk abspaltet und nicht von einem Imker eingefangen und behandelt wird, ist nach zwei Jahren tot. Während hier die Imker ein Volk in zwei teilen, machen professionelle Imker, etwa in den USA, aus einem Volk schon vier.

 

Ist Biene Maja medikamentenabhängig?

Das Wort Medikamente mögen die Imker gar nicht. Ameisensäure, Oxalsäure, Thymol, mit denen die Bienen hierzulande behandelt werden dürfen, kommen zwar in der Natur vor – aber würden Sie Ameisensäure trinken? Und in den USA dürfen Bienen sogar mit Antibiotika behandelt werden. Je nachdem, wann Medikamente gegeben werden, können davon auch Rückstände im Honig bleiben.

 

Welchen Honig kann man dann noch essen?

Honig aus dem Supermarkt, auf dem steht: Mischung aus EU- und nicht EU-Honig, würde ich stehen lassen. Oft ist der Pollen gefiltert – der Fußabdruck des Honigs. Dann wird er nach Griechenland verschifft, in Bremen gemischt – Honey Laudry, Honigwäscherei ist das. Man sollte im Grunde nur Honig von Imkern nehmen, die man kennt, und nachfragen: Fliegen seine Bienen in einem Gebiet, in dem Pestizide verwendet werden? Auch südamerikanischen Honig, etwa aus Guatemala, kann man essen – dort muss nicht behandelt werden – es sind quasi nur noch Killerbienen im Einsatz.

 

„Den Bienen ist aber wohler in der Stadt, weil dort weniger Gift ist…“ sagt Filmregisseur Markus Imhoof.

 

Was würde passieren, wenn das Rettungssystem mit Medikamenten und Völkerteilungen eines Tages zusammenbräche und auch die Killerbienen einer Krankheit zum Opfer fielen?

Bienen bestäuben alle Blüten, die bunt, duftend oder feucht sind. Ohne Bienen gäbe es kein Gemüse und kein Obst mehr. Es gäbe zwar noch Getreide – denn das wird durch den Wind bestäubt – aber Bäume und Blumen würden aussterben.  

 

Auf unseren Tellern nur noch Beilagen und Fleisch?

Auch Fleisch wäre problematisch. Gras und Klee brauchen die Rinder als Wiederkäuer.  Ohne Bienen keinen Klee. Wir würden also langweilig essen, und draußen würde es mies aussehen.

 

Bislang hat sich doch für alles irgendeine Lösung ergeben.

Ich hoffe, dass man in zehn oder zwanzig Jahren eine Lösung für die Varroa-Milbe gefunden hat – Wissenschaftler auf der ganzen Welt arbeiten derzeit daran. Das andere große Problem sind allerdings die Pestizide. Sie kommen dort zum Einsatz, wo großflächig nur eine einzige Sorte angebaut wird.  Wo nur Mais wächst, ist das ein Fest für Schädlinge – eine Monokultur braucht Pestizide. Die sind aber auch der Tod für die Bienen. Wofür Monokulturen gut sind, ist noch die Frage. Die so genannte „menschheitsernährende Massenproduktion“ ist nur eine Behauptung. Der UNO Foodreport sagt immer wieder, dass nur kleinrastrige Landwirtschaft die Menschheit ernähren kann.

 

Wer „total global domination“ möchte, hat kein Interesse daran, die Monokultur abzuschaffen – bei der industriellen Landwirtschaft steht das Geld im Vordergrund, das zeigt auch Ihr Film.

Und die ganze Struktur ist darauf ausgerichtet. Wie soll man einem Mandelplantagenbesitzer sagen: Fälle deine Bäume und pflanze Spinat? Er würde diese Berge von Mandeln nicht zusammenkriegen, die wir in unseren Supermärkten kaufen können. Alles ist Globalisierung.

 

Zugleich finden aber immer mehr Menschen Interesse an den Bienen und ihrem Schicksal. Imkerkurse boomen, gerade in den Städten. Lässt das auf einen Wandel hoffen?

Die Leute, die zu Imkern anfangen wollen,  tun das nicht wegen des Honigs oder Verdienstes, sondern weil sie sich für die Natur interessieren. Natürlich ist es pervers, wenn es den Bienen in den Städten mittlerweise besser geht als auf dem Land.  Wir alle gehen am Wochenende aufs freie Feld, um uns zu erholen –  den Bienen ist aber wohler in der Stadt, weil dort weniger Gift ist.  Es wird 2020 eine Revolution der Jungen geben aus Umweltgründen, sagt das österreichische Mitglied des Club of Rome. Das sind junge Leute, die sich überlegen, wie viele Mandeln sie an Weihnachten essen wollen – oder was sie überhaupt essen wollen. Es bildet sich eine Schwarmintelligenz – und die wird sich mit Sicherheit auswirken.

 

Schwarmintelligenz – darin scheinen die Bienen weitaus besser als wir.

Letztlich kann auch der Mensch nirgends alleine leben – auch nicht in unserer total individualisierten Gesellschaft. Der Nutzen des Altruismus bei den Bienen ist ein spannender Gedanke. Sie machen Königinnen in der Hoffnung, Drohnen aus einem anderen Volk begatten sie. Fremde Drohnen werden in den Stock gelassen, alte Bienenköniginnen überlassen ihren Stock den Jungen. Altruismus funktioniert nur, wenn einer einen Teil dazu gibt, von dem er nichts hat. 

 

 

Der Dokumentarfilm „More than Honey“ ist ab sofort im Odeon-Kino auf der Severinstraße zu sehen. Zum den aktuellen Vorstellungszeiten geht’s hier.

 

 

Wenn Sie noch mehr über Hönig und Bienen in und aus der Kölner Südstadt erfahren möchten, lesen Sie „Bienen essen keinen Bienenstich“ von Sonja Alexa Schmitz.

 

In der Südstadt imkern lernen kann man zum Beispiel im mobilen Gemeinschaftsgarten NeuLand. Das rührige Ehrenfelder Bienenprojekt betreibt einen Lehrbienenstand im Obsthain Grüner Weg.

 

Text: Doro Hohengarten

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