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Gesellschaft

Shlof, mayn tayer Kind

Donnerstag, 6. Oktober 2011 | Text: Stephan Martin Meyer | Bild: Karsten Schöne

Geschätzte Lesezeit: 2 Minuten

Hans Abraham Ochs wurde im September 1936 im Römerpark zusammengeschlagen. An den Folgen starb er ein paar Tage später. Begraben ist er auf dem jüdischen Friedhof in Bocklemünd. In der Südstadt erinnert eine Straße an den Jungen. Ein Schild berichtet von seinem Leben und Sterben. Immerhin. Aktuell wird die Geschichte spätestens dann, wenn dieses Schild abmontiert wird.

Wer, so fragen sich nun einige Südstädter, hat dieses Schild abmontiert? Im Keller des Bauspielplatzes wurde es gefunden, der Hausmeister brachte es an seinem angestammten Platz wieder an, wenig später war es wieder verschwunden. Und wieder fand es sich in den Räumen des Bauspielplatzes. Wer es dort hin brachte, das kann niemand genau sagen. Gerüchte kursieren. Fakt ist: Zum jetzigen Zeitpunkt ist dieses Schild unauffindbar.

Peter Koch-Weisgerber fiel dieses Geschehen ins Auge und er entschied sich, den Künstler Gunter Demnig mit der Erstellung eines Stolpersteins zu beauftragen. Vor dem ehemaligen Wohnhaus Hans-Abraham Ochs´ in der Trajanstraße befindet sich zwar schon ein solcher Stein, doch Koch-Weisgerber strebte eine weitere „Immobilie“ für den vermuteten Ort des Geschehens an. Als Ersatz für das verschwundene Schild.

Eine solche Steinsetzung forciert den neuerlichen Versuch, der viel zu kurzen Lebensgeschichte des jüdischen Jungen aus der Südstadt auf die Spur zu gehen. Schon vor einem Jahr war dieses Unterfangen nicht von großem Erfolg gekrönt. Und auch diesmal sind die Recherchen wenig erfolgreich gewesen. Denn sobald ein Journalist der Kölner Geschichte auf die Spur gehen will, wird das fatale Ausmaß des Stadtarchiveinsturzes deutlich: Alle Archivalien sind vom U-Bahn-Schacht geschluckt worden. Keine Schülerlisten sind einsehbar. Einwohnerregister sind verschwunden. Dokumente von Krankenhäusern, der Polizei und anderer Behörden sind auf schier zahlreiche Archive in Deutschland verteilt.

In der Chronik der Katholischen Grundschule Mainzer Straße heißt es: „1934. Jüdische Kinder besuchen plötzlich nicht mehr die Schule. Den Klassenkameraden wird erzählt, sie seien krank oder weggezogen.“ Dieser Satz bringt zweierlei zutage: Erstens wird Hans Abraham Ochs nicht auf diese Schule gegangen sein, sondern hat entweder eine der anderen Grundschulen im Viertel oder eine jüdische Schule besucht. Drei Grundschulen kommen dafür in Betracht: Die in der Zwirnerstraße, im Zugweg und die heute nicht mehr existente Schule an der Seyengasse. Doch alle alten Archivalien befanden sich zentral gesammelt im Archiv auf der Severinstraße. Nun wird in aller Deutlichkeit klar, welch einen Verlust dieses Archiv für die Kölner Geschichte darstellt. Für die nächsten 30 bis 40 Jahre ist jegliche Recherche in dieser Richtung blockiert. 2000 Jahre Stadtgeschichte sind im Schlamm versunken und müssen erst gereinigt, sortiert und restauriert werden.

So bleibt nichts anderes übrig, als vagen Informationen glauben zu schenken. Der achtjährige Hans-Abraham wurde wohl von einer Gruppe Hitlerjungen erschlagen und schwer verletzt im Römerpark zurückgelassen. Im Krankenhaus durfte ihn nur ein jüdischer Arzt behandeln. Doch alle Versuche, das Leben des Jungen zu retten, waren vergebens – der Junge starb. Der Arzt vermerkte auf dem Totenschein als Todesursache eine Bauchfellentzündung. Die Bitte der Mutter, dem Jungen wenigstens eine letzte Ehre zu erweisen und den Tod als Folge eines gewaltsamen Überfalls zu deklarieren, musste er in Hinsicht auf seinen Job und in Angst um seine Familie abschlagen. Die Grabinschrift „Umgekommen durch eine irregeleitete Jugend“ ließ seine Mutter erst nach dem Krieg in den Grabstein ritzen.

Am 5. Oktober 2011, 75 Jahre nach dem Tod des Jungen, wird seiner gedacht. Gunter Demnig legt Hand an das Pflaster, reißt es auf, senkt die Erinnerung in die Lücke. Peter Koch-Weisgerber ruft das Leben Hans-Abraham Ochs´ in Erinnerung. Eine gelbe Rose findet ihren Platz neben dem Stein. Die Mezzosopranistin Agnes Erkens singt ein jiddisches Kinderlied*:  „Dremlen feygl af di tsvaygn, shlof, mayn tayer kind.“ Kathrin Keller erklärt sich bereit, Patin des Steins zu werden.

Zurück bleiben viele offene Fragen. Wer erschlug das Kind? Leben die Täter noch unter uns? Was genau ist an jenem Tag im Herbst 1936 geschehen? Wer hat etwas gesehen und was wurde davon erzählt? Auf welche Schule ging der Junge? Wer waren seine Freunde?

 

Aber auch Fragen zur Gegenwart stehen ungeklärt im Raum: Wer montierte das Schild ab? Und warum?

Vielleicht hat der eine oder andere Leser von „Meine Südstadt“ noch ältere Verwandte oder Nachbarn, die etwas aus der Zeit erzählen können. Viele Fragen warten noch auf schlüssige Antworten.

*Aus: Gotthard Stolle, Lieder aus dem Ghetto, Acoustic Music Books

Text: Stephan Martin Meyer

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