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Gesellschaft Glaube

Stricken für die Welt

Mittwoch, 5. September 2012 | Text: Jasmin Klein | Bild: Privat Archiv

Geschätzte Lesezeit: 3 Minuten

Wenn ein Patient im Holy Family Hospital in Nkawkaw im Westen Ghanas ins Krankenhaus geht, bekommt er von den Schwestern eine Decke geschenkt. Eine Wolldecke, die in der Kölner Südstadt gestrickt wurde. Warum braucht man in Ghana eine Decke, wenn es da ‚eh immer heiߒ ist? Und wie kommen überhaupt Decken aus der Südstadt nach Afrika?

Elisabeth Schneider ist eine rüstige, ältere Dame von 89 Jahren mit kurzem, weißen Haar und wachem Blick. Wer einmal im Anschluss an die Familienmesse in Sankt Severin im Pfarrsaal gefrühstückt hat, wird sie dort vielleicht gesehen und auch schon einmal etwas bei ihr gekauft habe. Sie ist in der Gemeinde seit Jahrzehnten ein gern gesehenes und aktives Mitglied.

Frau Schneider arbeitete vor über 30 Jahren im Fernmeldedienst und korrigierte im 11. Stock des Colonius Fernsprechbücher. Als sie aus gesundheitlichen Gründen vorzeitig in den Ruhestand trat, war ihr klar: „Ich brauche eine Aufgabe!“ Sie beschloss, sich von nun an ihrem Hobby, dem Handarbeiten, zu widmen. In einer Kirchenzeitung las sie das Interview mit einer Ärztin, die dort sagte, sie brauche dringend Socken für Leprakranke. Das könnte doch eine wundervolle Aufgabe sein, dachte sich Frau Schneider. Da sie ehrenamtlich in der Pfarrbücherei im Ferkulum arbeitete, kam sie dort mit vielen Menschen ins Gespräch und organisierte mit anderen Interessierten ein wöchentliches Treffen zum Handarbeiten, jeden Dienstag von 15 bis 17 Uhr im ersten Stock des Pfarrheims. Hier fanden sich bald regelmäßig über 20 Frauen ein, die Socken für Leprakranke strickten, sich dabei unterhielten und Spaß miteinander hatten.

Ungefähr zu dieser Zeit besuchte Frau Schneider auch den Orden der Missionarinnen in Steyl nahe der deutsch-holländischen Grenze. Die Missionarinnen arbeiten wie alle Missionen darauf hin, dass Menschen, die durch Armut oder Krankheit in Not geraten sind, Hilfe erfahren und dadurch den Weg in den christlichen Glauben finden. Häufig arbeiten Missionare in Entwicklungsländern, um dort auch praktische Entwicklungshilfe zu leisten.
Im Orden in Steyl sah Frau Schneider eine Kiste mit Wolldecken auf dem Boden stehen und fragte, was es denn damit auf sich habe. „Die gehen in die Mission!“, wurde ihr mitgeteilt. Der Missionsorden hatte 1949 in Ghana ein Hospital gegründet, in das er seine Schwestern entsendet. Und die Nächte sind für dortige Verhältnisse kalt und ungemütlich bei gerade mal 20°C. Gerade Alte und Kranke könnten dann wärmende Decken gut gebrauchen. Und so strickte der Dienstagskreis ab sofort auch Wolldecken für die Mission, 1,50 x 1,80m, und brachte sie im Auto nach Steyl. Von dort wurden sie nach Ghana verschifft. Einmal legte eine Schwester des Ordens den Decken die Adresse von Frau Schneider bei. So kamen Schwester Defensora, die Steyler Missionarin vor Ort in Afrika, und Elisabeth Schneider direkt miteinander in Kontakt.

 

Schwestern der Holy Family Hospital in Nkawkaw, Ghana. / Foto: Privat Archiv

 

Nach über zwanzig Jahren Missionsstrickkreis setzte sich die mittlerweile 82-jährige Elisabeth Schneider 2005 ins Flugzeug und besuchte  Schwester Defensora im 8.000 Kilometer entfernte Nkawkaw. Diese war seit Anbeginn der Missionsarbeit dabei und verbrachte letztendlich 58 Jahre ihres Lebens in Ghana. Für ihr Lebenswerk wurde sie auch 2005 von der holländischen Königin Beatrix mit einem Orden ausgezeichnet. Frau Schneider hält bis heute den Kontakt zu ihr aufrecht; die mittlerweile 92-jährige lebt wieder in den Niederlanden.
Vor Ort in Ghana lernte Frau Schneider auch alle anderen kennen, die sich im Holy Family Hospital engagieren. Pfarrer in Nkawkaw nimmt auch gerne die Wolldecken aus der Südstadt mit, wenn er Alte und Kranke besucht, und verschenkt sie. Frau Schneider begegnete vor Ort auch viel Elend, und sie lernte Menschen kennen, die in einfachsten Behausungen leben mussten und nachts froren. „Da stand für mich fest, dass wir da weiter etwas tun müssen.“

Von den über 20 Frauen im Missionsstrickkreis sind heute nur noch vier übrig geblieben. Sie treffen sich immer noch jeden Dienstag von 15 bis 17 Uhr im ersten Stock des Pfarrheims und würden sich sehr über Zuwachs freuen. Wer also Spaß am Handarbeiten hat und dabei etwas Gutes tun will, der kommt einfach vorbei. Kleidungsstücke wie Pullover, Socken sowie Dekorations- und Geschenkartikel werden hier auch angefertigt. Wenn einmal im Monat die Familienmesse mit anschließendem Frühstück stattfindet, steht Frau Schneider nach der Messe ab 12 Uhr im Pfarrsaal und verkauft dort ihre Werke, so auch am kommenden Sonntag (9. September 2012). Das hier eingenommene Geld fließt zu 100 Prozent an das Holy Family Hospital in Ghana. Davon werden dort Medikamente und Spritzen gekauft. „Wir konnten durch den Verkauf nach der Messe bis zum Ende der DM-Zeit 58.510 DM und seitdem 13.340 Euro nach Ghana schicken“, so die stolze Bilanz von Frau Schneider und ihren Mitstrickerinnen. 915 Wolldecken sind in den letzten 30 Jahren von der Südstadt nach Ghana gegangen. Sie werden mittlerweile von einer belgischen Bekannten abgeholt, die bringt sie zum Hafen, und von dort werden sie nach Ghana verschifft.

Am 12. August wurde das 30-jährige Jubiläum des Missionsstrickkreises in der heiligen Messe in Sankt Severin gefeiert. Auch Schwester Agathina, die Nachfolgerin der mittlerweile wieder in den Niederlanden lebenden Schwester Defensora, konnte dabei sein, da sie gerade in ihrer Heimat Urlaub machte.

Haben Sie noch eine Botschaft an die Leser, Frau Schneider?
„Wenn Sie in Rente gehen oder sind, dann denken Sie nicht, Sie ruhen sich jetzt aus! Suchen Sie sich eine Tätigkeit. Der Mensch braucht eine Aufgabe!“

Text: Jasmin Klein

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