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„Wer kann eine Urne tragen?“

Dienstag, 23. Oktober 2012 | Text: Gastbeitrag | Bild: A. Savin/ Tamara Soliz

Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten

Kein Blumenkranz, keine Gestecke, keine Schärpen mit letzten guten Wünschen. Die drei braunen Urnen, die hinten auf der Ladefläche des Gärtnerwagens auf dem Kölner Südfriedhof stehen, wirken ohne den sonst üblichen Blumenschmuck einsam und verloren. Dafür, dass das nicht so bleibt, sorgen der Franziskanerbruder Markus Fuhrmann und die Franziskanerin Schwester Franziska Passek. Die beiden sind von Gubbio, der Obdachlosenseelsorge in der Kölner Ulrichgasse. Innerhalb der „Interessengemeinschaft Bestattung obdachloser Menschen“ kümmern sie sich darum, dass wohnungslose Menschen ohne Angehörige eine letzte Gedenkfeier erhalten.

„Wir erfahren von Todesfällen meist über die Krankenhäuser oder von anderen Obdachlosen“, erzählt Schwester Franziska. „Dann informieren wir das Ordnungsamt und warten.“ Wenn das Ordnungsamt keine Angehörigen findet, meldet es sich wieder bei den Seelsorgern. Das kann in einzelnen Fällen bis zu mehreren Wochen dauern. Besonders bei  Verstorbenen, die ursprünglich aus Polen oder anderen osteuropäischen Ländern stammen, ist es nicht immer einfach, mögliche Verwandte auszumachen.

 

Ist alles entschieden, gilt es, die Gedenkfeier für den Verstorbenen vorzubereiten und mögliche Gäste, meist Freunde von der „Platte“, sprich von der Straße einzuladen. „Wir können ja keine Einladungen verschicken, sondern informieren die Freunde der Verstorbenen mit Handzetteln, Aushängen oder bei der Suppenausgabe auf dem Appellhofplatz“, erzählt die Franziskanerin. „Wie viele am Ende bei der Beerdigung erscheinen, wissen wir immer erst, wenn es soweit ist.“

Auch sonst läuft eine Obdachlosenbeisetzung etwas anders ab als eine gewöhnliche kirchliche Bestattung. Neun Personen sind diesmal zur Kapelle des Kölner Südfriedhofs gekommen – dem Treffpunkt für die Beerdigungen. Von dort aus zieht die Gemeinde kurz nach Eintreffen los. Denn die Trauerfeier wird aus Kostengründen direkt am Grab abgehalten und nicht in einer Trauerhalle. Da ist es gut, wenn der Himmel wie heute wolkenlos bleibt.

 

„Wer von euch kann eine Urne tragen?“ fragt Bruder Markus, der als Priester die Beisetzung leitet, in die Runde. Schnell finden sich in der kleinen Trauergemeinde drei Freiwillige – ehemalige Wohnungslose, die die Verstorbenen zu ihren Gräbern tragen möchten. „Das ist viel persönlicher, als wenn sie auf dem sonst so leeren Wagen dorthin gefahren werden“, findet Frank Reuter, der eine weiße Kutte trägt und eine der Urnen hält. Als er sesshaft wurde, schloss er sich Gubbio an. Seitdem hilft er in der dortigen Kirche als Küster aus und fungiert bei den Obdachlosenbeisetzungen als Messdiener.

Die persönliche Note spielt auch bei der Zeremonie am Grab selbst eine große Rolle. Bruder Markus hält sich dabei zwar an den Ritus der katholischen Kirche, im Allgemeinen geht es meist jedoch lockerer zu, als man es von anderen Beerdigungen gewohnt ist. „Bei der Trauerfeier für Larry haben seine Freunde Liederzettel mitgebracht und am Grab die Moritat von ‚Mackie Messer’ aus der Dreigroschenoper gesungen“, erinnert sich der Franziskaner und schmunzelt. Da sich der frühere Draussenseiterverkäufer zu Lebzeiten sozialpolitisch engagierte, passte das Lied zum Abschied gut. „Andere bringen Bier mit zum Grab und schütten es drauf, weil der verstorbene Kumpel gerne getrunken hat“, erinnert sich Schwester Franziska.

Solche teils ungewöhnlichen Abschiedsgeschenke werden von den Anwesenden nicht als unverschämt empfunden, sondern als liebevolle, persönliche Geste gewertet. „Wer auf der Straße lebt, ist näher am Tod dran, weil unter den schwierigen Bedingungen dort öfters Menschen sterben“, erklärt die Ordensschwester. „Wenn Bruder Markus und ich dann die Freunde der Verstorbenen über deren Tod informieren, ist die Reaktion oft ‚schon wieder einer’.“ Wer ständig den Tod vor Augen hat, geht mit ihm auch souveräner um, nennt die Dinge eher beim Namen.

Diesmal gibt es allerdings weder Gesang noch Bier. Die Trauerfeier läuft relativ traditionell ab. Und obwohl drei Verstorbene anstatt nur einem beerdigt werden, schafft es Bruder Markus, sie in seiner Rede individuell zu verabschieden. Ein wenig Hilfe erhält er dabei von einem der Trauergäste – einem Betreuer vom Kölner Sozialdienst katholischer Männer. Er hat zwei der Verstorbenen zu Lebzeiten mit unterstützt und kann ein wenig aus ihrem Leben berichten. Etwa, dass einer von ihnen ein „ganz lieber Kölscher aus Königswinter“ war, dass er den anderen „bei – 14 Grad kennen gelernt hat, er immer sehr zufrieden und vielleicht zu nett für die Welt war“.

Am Ende der Zeremonie gibt es dann doch noch Blumen. Zwei der Gäste haben einen kleinen Strauß mit einer Sonnenblume darin mitgebracht, den sie nun auf das Grab legen. Von anderen gibt es langstielige weiße Rosen. Dann geht jeder wieder seiner Wege. „Manchmal treffen wir uns noch auf einen Kaffee im Gubbio“, sagt Bruder Markus. Dort sind viele der Verstorbenen vom Südfriedhof auch noch einmal in einem Totenbuch verewigt, das in der Kirche ausliegt. Jeder kann Geschichten oder Erinnerungen eintragen, Briefe oder Fotos einkleben. So bleiben die Verstorbenen auch über die Trauerfeier hinaus in Erinnerung.
 

 

Sabrina Kempf

 

 

Im DRAUSSENSEITER – Das Kölner Straßenmagazin – werden in loser Folge alle Kölner Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe vorgestellt, die sich im engagierten AK Umbruch zusammengeschlossen haben. Dieser Artikel ist erstmals in der DRAUSSENSEITER-Ausgabe 126/2012 erschienen. Teil Zwei des Artikels veröffentlichen wir in Kürze!

Mehr über die Arbeit von Schwester Franziska und Bruder Markus und der katholischen Obdachlosenseelsorge in Köln erfahren Sie hier: www.gubbio.de

 

 

Übrigens: Auch die evangelische Kirche kümmert sich um Obdachlosen-Bestattungen. Wenn Obdachlose sterben heißt der Artikel von Meine Südstadt-Reporterin Sonja Schmitz .

 

Wenn Sie die Arbeit ehrenamtlich unterstützen möchten, steht als nächstes das Projekt Nacht-Café

Engagierte Helfer willkommen!

In den letzten Jahren haben sich auch in Köln Gemeinden bereit erklärt, von November bis April an einem bestimmten Wochentag Obdachlose in Gemeinderäumen schlafen zu lassen und dabei gute Erfahrungen gemacht.
Im letzten Winter wurden auf diese Weise die gesamte Woche abgedeckt.

 

Nach dem Winter 2009/2010 haben Theologiestudierende der UNI Köln ein Dokumentationsheft mit ihren Erfahrungen mit dem Nacht-Café zusammengestellt. Wenn Sie einmal hineinschauen möchten, klicken Sie bitte hier!

Text: Gastbeitrag

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