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Gesellschaft

Tolle Idee, made by Corona: Stift und Papier

Dienstag, 9. Juni 2020 | Text: Kendra Dana Roth | Bild: Stift & Papier

Geschätzte Lesezeit: 8 Minuten

Hein Bollow (1920-2020) war einer der berühmtesten Jockeys und Trainer im deutschen Galoppsport. Nach seiner Reitsportkarriere war er immer noch regelmäßig für das Training auf der Galopprennbahn in Köln-Weidenpesch zuständig. Er lebte bis zu seinem Tod im April ganz in der Nähe in einem Seniorenheim und war wie viele andere durch das Corona-Virus und die Beschränkungen von der Außenwelt abgeschottet. Der Kölner Renn-Verein publizierte am 21. März 2020 einen Post, mit dem er dazu aufrief, dem Ex-Jockey Briefe oder auch Bilder zu schicken, weil Menschen in Seniorenheimen sehr stark von der Krise betroffen und soziale Einsamkeit dort großes Thema sei.

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Das Feedback war spektakulär! Der Briefkasten füllte sich und laut Kölner Renn-Verein kam Bollow in seinen letzten Lebenswochen „mit dem Lesen kaum noch hinterher“. Das verstand Geschäftsführer Philipp Hein zusammen mit anderen als Signal und rief Schauspieler Florian Wünsche an und damit das Projekt „Stift und Papier“ ins Leben: BriefeschreiberInnen mit SeniorInnen aus Einrichtungen in ganz Deutschland in Verbindung bringen und so Brieffreundschaften entstehen lassen. Eigentlich ganz simpel, aber irgendwie schon lange aus der Mode gekommen…
Autorin Kendra Dana Roth hat sich mit Florian Wünsche am Eierplätzchen getroffen, um zu erfahren. Wie waren die Anfänge? Welche Problemen hatten sie zu Beginn und welchen Erfolg hat das Ganze schnell gehabt? Weshalb Briefe schreiben so wichtig ist, wie ein Arbeitstag bei „Stift und Papier“ aussieht und wie es in Zukunft, „nach“ Corona, weitergehen kann – hier das Gespräch mit einem Begeisterten!

Wann kam Philipp Hein auf dich zu mit der Idee zu „Stift und Papier“?
Im März rief er an einem Sonntag an und fragte, was ich denn von der Aktion hielte, dass Menschen dem ehemaligen Jockey Hein Bollow schreiben. Wir haben uns lange unterhalten und sofort größer gedacht. Denn das Problem der sozialen Einsamkeit und der Beschränkungen betraf zu diesem Zeitpunkt ja nicht nur Hein Bellow, sondern viele Menschen. Am gleichen Tag haben wir „gebrainstormed“ mit einem jungen Start-Up-Gedanken und haben überlegt, was wir alles brauchen und wie es funktionieren könnte. Philipp ist ein Geschäftsführer und ich bin Medienschaffender – da kommen einige Kontakte zusammen. Natürlich war uns klar, dass wir mit sehr sensiblen Daten arbeiten. Deswegen war der erste Schritt in Zuge der Projektentwicklung, auf Dr. Adina Sitzer zuzugehen, damit sie mit uns eine Datenschutzgrundverordnungsforme DSGVO erstellt. Danach kam Dan (Daniel Goihl) ins Spiel, der für uns das Webdesign übernahm. Und dreieinhalb Tage später sind wir auch schon online gegangen. Wir haben zu Beginn auch ein „line up“ erstellt mit den gesamten Botschaftern und wen wir schon alles erreicht haben. Das Netzwerk funktioniert und ist dicht. Und deswegen klappt es auch so gut!

Welche Erfolge habt ihr bereits erzielt und welches Feedback bekommt Ihr?
Erfolg war für uns zu Beginn, dass wir online gehen und wenn alles gut läuft, dass wir in der ersten Woche 60 – 100 begeisterte SchreiberInnen motivieren können. Ich habe auf meinen Kanälen dafür promotet und meine Community unterschätzt. Auf einmal hatten wir am ersten Tag 400 registrierte SchreiberInnen. Das war ein Schock! Weil: Jetzt hatten wir SchreiberInnen, aber nicht genügend Einrichtungen.

… also waren das Eure ersten Probleme?
Das stand zu Beginn in gar keinem Verhältnis! Doch durch die Multiplikatoren in den sozialen Netzwerken wurden es immer mehr. Wir mussten erstmal ein Vertriebsnetzwerk herstellen, wodurch weitere Freunde von uns in Rennen kamen, wie zB. Julian Hauth und Christian Kaub. Man beginnt klein und ruft Einrichtungen an, die natürlich zu dieser Zeit ganz andere Probleme hatten. Jemanden zu finden der sich Zeit nimmt und sich in Ruhe alles anhört war zu Beginn sehr holprig. Doch kurz danach hatten wir hier den gleichen Multiplikationseffekt. Primär arbeiten wir mit den großen Playern zusammen, da sie einfach sehr viele Häuser besitzen. Bei vielen Trägern landet es dann auch im Intranet oder im Newsletter und man kann zielgerichteter die Einrichtungsleitung oder den sozialen Dienst erreichen. Dadurch steigt die Seriosität. Viele fragen uns nach den Kosten und wir sagen dann „Es kostet nichts! Wir wollen den BewohnerInnen einfach ein Lächeln und einen schönen Moment schenken.“ Stand jetzt haben wir mehr als 11.200 Briefkontakte hergestellt. Ilia Shayesteh macht unser gesamtes Social Media Management. Er ist der Bruder eines guten Freundes: Shahin Shayesteh, ein Spielerberater im Fußball, z.B. von Emre Can und Mario Götze. Er hat das ganze bei seinen Spielern „gedropped“. Und auch der Torwart des 1. FC Köln, Timo Horn, der sehr eng mit der Pferderennbahn verbunden ist, hat diese Aktion öffentlich kommuniziert. Wenn man drei so prominente Starter hat, dann geht das sehr schnell. Dadurch kamen wahnsinnig viele SchreiberInnen hinzu. Da hatten wir dann auch den ersten Serverzusammenbruch, durch die Schlagzeile „Emre Can schreibt Briefe“. Dadurch waren wir in aller Munde: EXPRESS und BILD schrieben drüber und wir konnten dadurch viele junge Menschen ansprechen.

Wie kann ich mir einen Arbeitstag bei Stift und Papier vorstellen?
Drei Leute versuchen, eine Idee in Form einer Homepage durchzusetzen, ohne gemeinsam auf einen Monitor zu gucken. Es war einfach unabdingbar, dass wir alle irgendwie zusammensitzen müssen. Wir sind alles ein großer Freundeskreis: Marcel Spang zum Beispiel, der mit 1000 % Herzblut dabei ist. Wir haben uns auch untereinander ausgetauscht, wie man am besten telefoniert und vor den Einrichtungen auftritt. Der Kölner Rennverein, der uns auch unterstützt, bot uns dann die Räumlichkeiten auf der Kölner Pferderennbahn an, damit wir uns miteinander austauschen können.

Kreative an der Galopprennbahn

Morgens um 9.30/10.00 Uhr treffen wir uns, jeder trinkt seinen Kaffee, fährt den Computer hoch und geht die Liste, mit den neu registrierten SchreiberInnen, durch. Und dann wird ganz stumpf, aber mit viel Herzblut, eine nach der anderen Einrichtung abtelefoniert. Wir stellen uns vor und leisten Überzeugungsarbeit. Und wenn dann eine Liste mit Einwohnernamen reinkommt wird der asiatische Gong geschlagen und wir wissen „Juhu, wir haben wieder Namen!“ Mittlerweile haben wir eine automatische Software, die uns gesponsert wurde. Und die Zuweisung geschieht jetzt vollkommen automatisch und wird jetzt nicht mehr händisch gemacht. Wir bekommen dann zum Teil einen Tag später von Einrichtungen Feedback, dass sie schon Briefe erhalten haben. „Ihr seid das Glasfaser der Gemeinnützigkeit“, wie Marcel Spang damals formulierte. Wir arbeiten von Montag bis Freitag mit einer Mittagspause und zwischendurch spielen wir auf den Hunderten von Metern an der Rennbahn Frisbee. Wir haben Spaß und sind motiviert durch das Feedback. Und wir wollen das dieser Spirit erhalten bleibt!

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Gibt es einen besonderen Moment, an den du dich gerne zurückerinnerst?
Der erste WOW-Moment war ein Anruf der Deutschen Post mit der Ansage: „Ihr bekommt eine eigene Briefmarke!“. Oder als wir nach anderthalb Wochen eine E-Mail von Stern-TV bekommen haben, dass sie gerne einen Beitrag über uns senden möchten. Doch fast täglich gibt es besondere Momente: Rührende Nachrichten von MitarbeiterInnen oder auch Fotos von BewohnerInnen, die sich über die Briefe freuen. Dann wissen wir: Wir machen genau das Richtige! Die Software war auch ein großer Moment, da wir ab diesem Zeitpunkt nichts mehr händisch machen mussten. Es gab so viele Einrichtungen und noch mehr SchreiberInnen – und das alles von Hand machen zu müssen – egal wie viele wir sind – wäre einfach nicht möglich gewesen. Auf einmal bestand die Möglichkeit, mit nur einem Klick 10.000 Matches zu generieren – das war einfach nur WOW!

Aus welchem Grund liegt dir diese Aktion so am Herzen?
Seit März können wir, das glaube ich, alle besser nachempfinden, wie es ist, isoliert zu sein. Natürlich haben wir auch recherchiert, wie viele Einrichtungen es gibt und wie viele Menschen eigentlich in Pflege sind. Wie läuft das ab und was bedeuten eigentlich die Besuchsverbote? Und was für uns Handy-Suchtis WhatsApp und Co sind, ist für diese Generation eben Stift und Papier. Warum also sollen diese Menschen sich unserem Tempo anpassen? Wieso gehen wir denn nicht einen Schritt auf sie zu? Auch einfach der Gedanke „Was schreibe ich einer Person, die diesen Brief erst in drei Tagen erhält?“, an Stelle einer E-Mail mit „Hey, was machst du so?“ Es ist einfach ein entschleunigtes Medium. Hier muss man weiterdenken und den Horizont erweitern. Wir haben auch Feedback von Einrichtungen erhalten, dass wir ein paar Literaten unter den BriefeschreiberInnen haben. Diese schreiben prosaähnliche Werke von 10 bis 12 Seiten. Und jetzt haben wir die Herausforderung, dass wir ja wissen, dass es mit Corona nicht endet. Auch die Einrichtungen sagen, dass es momentan eine besondere Zeit ist. Aber auch davor und nach dieser Zeit gibt es viele BewohnerInnen, die haben zum Teil noch Familie, die aber sehr weit weg wohnt – und dadurch entsteht Einsamkeit.

Denn soziale Einsamkeit ist ein Dauerproblem…
Ja. Deswegen vermeiden wir bewusst das Wort „Corona“. Natürlich ist es durch Corona entstanden, aber uns war klar, dass dieses Projekt weitergeführt werden kann. Wir können uns auch gar nicht mehr zurückziehen (und wir wollen es auch nicht!), weil wir jetzt einen Riesen geweckt haben. Wir haben auch irgendwo eine Verantwortung. Wir sind jetzt an dem Punkt, wo jeder ehrenamtlich in der Woche eine halbe Stunde diesem Projekt widmen kann, oder wir stellen uns unternehmerisch unter dem Status der Gemeinnützigkeit so auf, dass wir sogar ein bis zwei Leute fest anstellen können. Da sind wir im Moment dran, da es natürlich auch ein großer juristischer Prozess ist. Wir müssen jetzt einfach einen Weg finden, wie wir das finanzierbar machen können, damit wir das ganze am Leben erhalten können.

Gibt es Dinge, die du persönlich jetzt bewusster machst? Und allgemein, was sollte die Gesellschaft aus dieser Zeit mitnehmen?
Ich persönlich genieße die Entschleunigung. Ich finde das Miteinander im Grundsatz entspannter, es ist nicht mehr so hektisch und ich habe das Gefühl, die Leute lächeln mehr. Ich habe ein bisschen die Befürchtung, dass das nicht lange anhält, weil am Ende doch jeder für sich selbst kämpft. Und auch wenn es um Jobs geht – dann werden die Ellenbogen wieder ausgefahren. Doch die Maxime des Miteinanders und des Zuhörens habe ich schon immer in mir getragen. Man sollte sich einfach bewusst machen, dass manche Sachen nicht selbstverständlich sind. Wie schön es ist, seine Liebsten nach vielen Wochen wieder zu sehen – das ist ein wahnsinniges Glücksgefühl! Auch wie Deutschland damit umgeht, welche Gelder in die Hand genommen werden – das ist ein hohes Gut. Und dessen sollte man sich auch bewusst sein. Allgemein in was für einem Land wir leben. Und auch unser Gesundheitssystem ist einfach super! Doch so viele Menschen in diesem Bereich werden immer noch unterbezahlt. Natürlich ist es schön, wenn man abends klatscht. Aber ich wünsche mir, dass die Gesellschaft wie auch die Politik, da ein Umdenken hat und sagt „Okay, lass uns diese Menschen fairer bezahlen! Denn sie retten Leben und setzen sich einer enormen Gefahr aus.

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Könnte man Stift und Papier auch auf andere Bereiche übertragen?
Kinder und Jugendliche wollten wir erstmal rauslassen. Für uns steht der Schutz der Menschen an erster Stelle. Auch viele ältere Privatpersonen haben uns geschrieben und nach Brieffreundschaften gefragt. Wir wollen was Gutes tun, aber nicht automatisch die Büchse der Pandora öffnen und erfahren, dass da ein einsamer Mensch ist, der seine Einsamkeit kundtut und seine private Adresse Preis gibt und auf einmal jemand vor der Türe steht. Viele Leute haben viel Gutes im Sinn, aber es gibt natürlich auch immer die dunkle Seite. Deswegen gehen wir auch über Einrichtungen und nehmen nur die Vornamen der Bewohner, damit wir den Schutz gewährleisten können. Wir arbeiten auch mit ambulanten Pflegeeinrichtungen zusammen, die dann nicht nur die Senioren pflegen, sondern ihnen auch direkt Briefe mitbringen, die die BriefeschreiberInnen in die jeweilige Pflegeeinrichtung geschickt haben. Wir haben zusätzlich Kontakt mit NRW-Bildungsministerin Yvonne Gebauer und mit LehrerInnen, die einfach ihre Hilfe anbieten, was man nicht noch alles machen könne. In der Langfristigkeit sehen wir da auch einen gewissen Bildungsauftrag, den wir erfüllen wollen. Und das sind unsere Ziele: Die Herstellung eines Generationsaustausch, ein neues Bild des Miteinanders kreieren und natürlich ein großes Engagement im Sinne der Bildung.

Öfter mal das Handy weglegen und einen Brief schreiben. Dient nicht nur einem guten Zweck, sondern verbessert auch die Handschrift! Hast auch Du Interesse daran? Dann registriere Dich bei stiftundpapier und lass´ innerhalb weniger Tage Deine persönliche Brieffreundschaft starten.

Text: Kendra Dana Roth

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