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Politik

Vergangenheit mit Zukunft – Teil I

Sonntag, 21. April 2013 | Text: Christoph Hardt | Bild: Christoph Hardt

Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten

Kölner Studenten der Restaurierungs- und Konservierungswissenschaft auf dem Weg zu Bewahrern unseres Kulturerbes. Pinzette, Scheinwerfer, weißer Kittel – mit chirurgischer Präzision stellt Verena Roßmann ihre Diagnose: Altersgebrechen. Der Lack ist ab. Wie bei so vielen der in die Jahre gekommenen Patienten, die hier im Neonlicht sorgsam gebettet liegen. Weil ihre Beine zu wackelig sind, um noch zu stehen. Oder ihre Leiber aus dem Leim gegangen sind. Und obwohl es sich in gewisser Hinsicht um eine Pflegestation für Hochbetagte handelt, ist Verena doch keine Ärztin: Die 22-jährige hat sich dem Studium der Restaurierungs- und Konservierungswissenschaft an der FH Köln verschrieben. Genauer: Der Studienrichtung der Restaurierung von Objekten aus Holz und Werkstoffen der Moderne des Cologne Institute of Conservation Sciences (CICS).

Verenas aktueller Notfall sind Baldachine aus einem großen Altar. Gotisch. Zweite Hälfte des 15. Jahrhunderts. Holz, das wie durch ein Wunder bald ein halbes Jahrtausend durch Nägel zusammengehalten wurde, und nun drohte, die Weisen aus dem Morgenland unter sich zu begraben. „Zur Stabilisierung der Konstruktion mussten fast 60 Bruchstücke ihren ursprünglichen Positionen zugeordnet werden. Das erfolgte beispielsweise über genauen Abgleich der Bruchkanten“, verrät Verena. Ihre Arbeit soll für den Betrachter später möglichst unsichtbar bleiben. Genau wie die Ergänzungen der fragilen Maßwerkfenster, in denen große Lücken klaffen. Denn Restauratoren arbeiten nicht selten im Verborgenen. Die behutsame Annäherung an den Urzustand gilt als Ideal, nicht die freimütige Rekonstruktion.

Der Zahn der Zeit nicht nur im Räderwerk

Selbst für Uhren schlägt irgendwann die Stunde: „Über die Jahrhunderte laufen die Lager aus“, analysiert Student Paul Kostial den Schaden einer Biedermeier-Uhr von 1830. Dadurch würden die Bohrungen in den Platinen oval, müssten ersetzt werden. Der Zahn der Zeit nagt nicht bloß im Räderwerk – das gesamte Kulturerbe der Menschheit zerfällt im Zeitlupentempo zu Staub. Und wo es Autoren leicht haben, nur neue Bücher in die Bibliothek der Menschheit einsortieren, wälzt der Restaurator die Mühen eines modernen Sisyphos, einen stetig wachsenden Bestand vor der Vergessenheit zu bewahren.

Der Beruf des Restaurators also als Aufbäumen des Menschen gegen die Vergänglichkeit? Ja, sogar als Spiegel der Sehnsucht nach ewigem Leben? Professor Hans Portsteffen macht sich keine Illusionen: „Wir leben alle in der Gegenwart. Die Vergangenheit lässt sich nicht festhalten.“ Alles, was der Mensch bewerkstelligen könne, sei, die Zeugen der Vergangenheit zu bewahren und den Zerfall zu verlangsamen. „Um unsere Gegenwart zu verstehen, brauchen wir die Möglichkeit, auf diese Zeugen der Vergangenheit zugreifen zu können“, so der Professor der Studienrichtung für Restaurierung von Gemälden und Skulpturen.

Rosige Berufsaussichten für Schriftgut-Restauratoren

Die Möglichkeiten der Spezialisierung im Bachelorstudiengang des CICS sind ebenso mannigfaltig wie die Ausformungen der Kultur selbst. Bewerber müssen ein bereits einschlägiges Praktikum von einem Jahr vorweisen. Grundkenntnisse im restauratorischen und kulturhistorischen Bereich werden in einer Zulassungsprüfung auf die Probe gestellt. Neben „Holz- und Moderne Werkstoffe“ und „Gemälde und Skulpturen, Moderne Kunst“ gibt es die Bereiche „Textilien und Archäologische Fasern“, „Wandmalerei und Objekte aus Stein“ sowie „Schriftgut, Grafik, Foto und Buchmalerei“. Letzteren Absolventen werden besonders rosige Berufseinstiegschancen vorausgesagt – nicht erst seit dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs mit beschädigtem Archivmaterial von 30 Regalkilometern. Das Kölner Institut genießt einen guten Ruf. Innerhalb von Deutschland konkurriert es mit sieben weiteren Hochschulstandorten, die vergleichbare Studiengänge anbieten. „Ich sage den Leuten bei der Studienberatung immer: Ihr kommt hier in einen  schwierigen Bereich, wo ihr Qualität anbieten müsst, euch nicht auf Daunen betten könnt“, erzählt Professor Portsteffen.

Trotzdem hat sich Raphaela Klein bewusst für den Wand-und-Stein-Bereich entschieden. Lieber wollte sie ab und an unter freiem Himmel arbeiten als nur im Labor. Die Taktik ist aufgegangen: Ihre Bachelorarbeit hat die 24-Jährige um den halben Globus geführt, bis zu den buddhistischen Tempelanlagen von Wat Mahathat Ayutthaya in Thailand. Um die einzigartige Ornamentik aus dem 14. Jahrhundert zu erhalten, muss eine spezielle Hinterfüllmasse entwickelt werden, die in den entstandenen Hohlraum zwischen Ziegel und Lateritgestein gespritzt werden kann. Als Grundlage für ihre Experimente dienen ihr Proben von vor Ort. Denn was an einem modernen Ziegel klebt, muss nicht unbedingt auch an hunderte Jahre alten Steinen haften. „Die Oberfläche ist entscheidend“, sagt sie. „Und die Literaturforschung: Welche Massen wurden schon erforscht, welche haben gute Werte?“

 


Die Mischung stimmt: Mit Bariumhydroxitlösung rückt Sarah Hansen dem berüchtigten „Tintenfraߓ zuleibe.

 

Kulturwissenschaftler, Archäologen, Detektive

Dass dabei selbst die theoretisch beste Füllmasse im praktischen Einsatz versagen kann – diese schmerzliche Erfahrung musste sie bei ihrer letzten Auslandsaufenthalt machen: Ein Bindemittel, das zur Regenzeit glänzende Ergebnisse erzielt hatte, härtete in der Trockenzeit plötzlich schon in den Kanülen aus. „Jetzt habe ich eine neue Rezeptur entwickelt, das ganze noch flüssiger gemacht“, sprudelt es aus ihr hervor. „Bindemittel, verschiedene Zuschläge und Zellulose-Esther.“ Sie ist fit in Chemie und muss es auch sein – Restauratoren stehen bereits im Studium vor interdisziplinären Herausforderungen.

Mal ist die Übersicht eines Kulturwissenschaftlers gefragt, etwa wenn indonesische Festtagsgewänder aus geklopften Rindenbaststreifen als Leihgabe des Rautenstrauch-Joest-Museums in einen kulturhistorischen Kontext gebracht werden wollen. Mal die Behutsamkeit eines Archäologen, der die Fragmente eines Umhangs aus einem etruskischen Grab in Verucchio (Italien, 700-650 v. Chr.) vorsichtig vom Grabesstaub befreien muss. Und dann wieder der Spürsinn eines Detektivs, der erst einmal der Ursache eines Firnisproblems auf die Schliche kommen muss, das ein modernes Gemälde aus Privatbesitz zum Schrecken seiner Besitzer nun ungleichmäßig glänzen lässt.

 


Nur gucken, nicht anfassen – mit Glasperlen verzierte Strickbeutel aus dem Rheinland (19. Jhd.).

 

Risse in Pergament werden zum Grand Canyon

Die Kölner Restauratorenausbildung mit ihrem 3-jährigen BA-Studium und dem darauf aufbauenden 2-jährigen Master bietet den Studenten ein Arsenal kostspieliger Apparaturen, ihren Objekten mit den Methoden der naturwissenschaftlichen Analyse die letzten Geheimnisse zu entlocken. Diese Analytik ist auch Grundlage für eine ganze Reihe von Forschungsprojekten, die das Institut verfolgt. So liefern etwa Videomikroskope gestochen scharfe 3-D-Bilder: So klar, so exakt, dass Aufnahmen von Rissen in einem Pergament so detailliert erscheinen, als handle es sich um die Vermessung des Grand Canyon. Ein Röntgendiffraktometer ermöglicht die Analyse verwendeter Farben auf einer Buchseite, ohne eine Probe nehmen zu müssen. Und im Klimaschrank der Textil-Restauratoren lassen sich Alterungsprozesse simulieren, um ersonnene Restaurierungs-Methoden auf ihre Langzeit-Folgen zu überprüfen.

Die technische Ausstattung spricht Bände: Der Studiengang ist das Schmuckkästchen der Fachhochschule, und die Studenten genießen eine sehr privilegierte Ausbildung, verlassen das Institut als ausgebildete Spezialisten. Da hierbei mitunter unbezahlbare Originale wie von Beuys oder Picasso behandelt werden, sind sämtliche Fachbereiche mit Türcodes gesichert. Handschuhe und Atemmasken gehören in manchen Räumen zur Ausrüstung. In anderen überwachen Thermohygrographen das Klima, schalten ihrerseits automatisch Befeuchtungsanlagen hinzu, sobald die Luftfeuchtigkeit unter einen kritischen Wert fällt, unter dem gewisse Fasern spröde werden. Denn wo der Restaurator nicht aktiv eingreift, dort gilt das Prinzip Konservierung: Umgebungsbedingungen so gestalten, dass Alterung möglichst langsam abläuft.

 

Lesen Sie auch den Zweiten Teil der Reportage: „Für die Kunst sitzt das Geld locker, für die Erhaltung meist nicht“.

Text: Christoph Hardt

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