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Kultur

Von einer, die ausbrach

Donnerstag, 23. März 2017 | Text: Gastbeitrag | Bild: Meyer Originals

Geschätzte Lesezeit: 3 Minuten

Theatermomente wie diese sollte es öfter geben: Als die zwei Darsteller wie schattenhafte Gestalten die Bühne betreten, herrscht kein andächtiges, sondern ein vorfreudiges Schweigen im Zuschauerraum. Man ahnt gleich, dass das Publikum wohl zu einem nicht unwesentlichen Teil aus Wolfgang-Herrndorf-Fans besteht. Die Bühnenfassung seines Bestsellers „Tschick“ läuft ja im Theater der Keller bereits seit Herbst 2014 mit anhaltendem Erfolg, nun wird dort auch „Bilder deiner großen Liebe“, das Spin-Off-Romanfragment auf die Bühne gebracht. Auch hier wurde der Stoff wieder von Dramaturg Robert Koall fürs Theater aufbereitet.

?Auf einen Gastauftritt von Tschick und Maik wartet man vergebens. Das ist aber zu verschmerzen, schließlich ist die Geschichte der „Tschick“-Nebenfigur Isa spannend genug. Frisch aus der Psychiatrie ausgebrochen, streift die Ich-Erzählerin von „Bilder deiner großen Liebe“ barfuß und ziellos durch Wald, Feld und Dorf. Auf ihren Streifzügen lernt sie skurrile Figuren kennen, aber auch den Hunger und die Waldeinsamkeit.

?Mit Vorurteilen aufräumen

?Isa ist eine herrlich unkonventionelle Figur, mit der Herrndorf gründlich und völlig unverkrampft mit Vorurteilen gegenüber „Verrückten“ und (weiblichen) Teenagern aufräumt. Die Vierzehnjährige pfeift nicht nur auf Mädchenhaftigkeit, sie pfeift vor allem auch auf die Meinung der anderen. Sie klaut, schnorrt und ergaunert sich die Zuneigung und vorsichtige Bewunderung der Männer und Jungs, die das Pech – oder das Glück – haben, ihr über den Weg zu laufen. Alrun Hofert hat alles, was die Rolle braucht: diesen Schalk, den intensiven, herausfordernden Blick, wie man sich ihn bei der Roman-Isa vorstellt. Allein ihre Mimik spricht Bände – muss sie auch.

?Schließlich gibt es weder musikalische Untermalung noch Requisiten, geschweige denn Spezialeffekte, die von der Hauptfigur ablenken könnten. Michael Witte spielt indes einen zunächst nicht näher definierten “Mann“, gewissermaßen Isas Schatten, der sich dezent im Hintergrund hält und erst später als eigenständige Figur in Erscheinung tritt. Mit gleichbleibender, angenehmer Reserviertheit gibt Witte unter anderem einen taubstummen Jungen, den Kapitän eines Lastkahns und einen zurückgezogen lebenden Schriftsteller.

 

„Wir sind beide gut und glücklich“ / Foto: Meyer Originals

?Mit dem Aufeinandertreffen von Isa und dem Jungen Olaf/Heinrich gelingt den Darstellern der wohl zärtlichste Moment der Aufführung. „Wir sind beide gut und glücklich“, sagt das Kind. Näher wird Isa keinem anderen Menschen kommen auf ihrer Wanderung. Denn das Mädchen und seine Wegbegleiter werden von Regisseur Bastian Kabuth als im Grunde einsame Figuren interpretiert, zwischen denen es weder Reibungsfläche noch Chemie geben muss. Schließlich ist allen klar, dass am Ende jeder wieder seines Weges geht.

?Ein literarisches „Roadmovie“ als Kammerspiel

?Kabuth setzt das sonnendurchflutete Roadmovie in Romanform – die Story spielt im heißesten Sommer – als minimalistisches Kammerspiel um, in dem die unbunten Farben Schwarz, Weiß und Grau dominieren. Das macht die Inszenierung zu einem Antimärchen in Film-Noir-Optik. Verrätselt oder klaustrophobisch ist das Spiel damit aber noch lange nicht. Für seine Bühnenfassung ließ Robert Koall die derben Szenen des Romans beiseite, und schälte stattdessen seine poetischen Momente heraus. Die kontrastieren bei Herrndorf aber ganz wunderbar mit der für seine Figuren typischen schnoddrig-sarkastischen Art, ihren gepfefferten Dialogen.

?Kopfkino und verspielte Ästhetik

?Es ist allerdings ein Wagnis, die Schauspieler mit so viel Erzähltext allein zu lassen, denn hier steht und fällt das Gelingen der Aufführung teilweise mit der Frage, ob sie es zuwege bringen, Kopfkino auszulösen. Und die muss mit einem eindeutigen Jein beantwortet werden. Denn so einnehmend Hofert in ihrer Rolle auch ist: Durch die anfangs zurückhaltende Inszenierung konzentriert sich tatsächlich erst einmal alles auf den rezitierten Text. Das ist etwas ermüdend und wirkt uninspiriert.

?Erst nach einer guten halben Stunde nimmt das Ganze Fahrt auf. Da wird dann endlich der gefängnisartige, kahle Raum als Spielfläche genutzt; die Körpersprache als Ausdrucksmittel entdeckt. Das bekommt der wortlastigen Inszenierung ungemein gut. Vor allem findet sie nun auch zu kommunikativer Dynamik und zu einer verspielten Ästhetik. An Bord des Lastkahns sinnieren Isa und ihr Kapitän über Gott und die Welt – und man sieht förmlich ihre Gedanken sich in Luft auflösen wie der Qualm ihrer Zigarette. Später werden sich Isa und der rasenmähende Autor im Ein/Aus des Spotlights schrittweise näherkommen. Das alles sind keine wirklich innovativen Kunstgriffe, aber sie geben der Aufführung, die oftmals ein bisschen auf der Metaebene schwebt, die nötige Erdung. (Foto: Meyer Originals)

?Herrndorfs lakonischer Humor lebt weiter

?„Der Abgrund zerrt an mir. Aber ich bin stärker. Ich bin nicht verrückt,“ sagt Isa am Ende. Dieser Satz kann einem Schauer über den Rücken jagen, wenn man die Entstehungsgeschichte der Romanvorlage kennt. Denn der an einem unheilbaren Gehirntumor leidende Wolfgang Herrndorf arbeitete bis kurz vor seinem Freitod an dem Text, den er ursprünglich nicht in seiner jetzigen – also unvollendeten – Form veröffentlicht sehen wollte.

?Doch „man sieht nur, was man weiß,“ wusste schon Goethe. Und so kann Isas Satz auch als Ausdruck eines unverwüstlichen Glaubens an die eigene innere Stärke gedeutet werden. In der atmosphärisch dichten Inszenierung lebt Herrndorfs unvergleichlich lakonischer, schwarzer Humor jedenfalls weiter.?
 

Die Autorin: Jaleh Ojan war ein waschechtes Südstadtkind, bis sie dem Stadtteil in den späten 80ern dann wieder untreu wurde. Heute zieht es sie immer wieder in das alte Heimatveedel – vor allem auch wegen der großartigen Theater. Seit 2002 schreibt sie als freie Kritikerin/Journalistin für diverse Medien.

 

„Bilder deiner grossen Liebe“
Wolfgang Herrndorf | Bühnenfassung: Robert Koall
Koproduktion mit dem Theater Oberhausen
Regie und Bühne: Bastian Kabuth
Kostüme: Ines Koehler
Mit: Alrun Hofert und Michael Witte

Theater der Keller, Kleingedankstraße 6, 50677 Köln
Weitere Termine am: 30.03./ 07., 12., 27.04./ 05., 14., 25.05.2017

Text: Gastbeitrag

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