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Kultur

“Wer hier reinkommt, geht klüger wieder raus

Dienstag, 8. Dezember 2015 | Text: Aslı Güleryüz | Bild: Dirk Gebhardt

Geschätzte Lesezeit: 5 Minuten

…zumindest nicht dümmer” sagt Michael Rheinländer, Akkordeon-Spezialist der Südstadt, mit einem verschmitzten Lächeln. Er betreibt eine kleine, gemütliche Werkstatt in einem Hinterhof in der Veledastraße. Seine Akkordeon Werkstatt mag zwar klein sein, ihr Ruf jedoch ist groß. Warum MeineSüdstadt ihn besucht hat und mit wem, erfahrt Ihr jetzt.

Janos Selimovic besitzt ein Akkordeon. Das hat er sich letztes Jahr zu Weihnachten gewünscht. Der sehbehinderte Mann aus Montenegro spielt gerne Akkordeon. Noten hat er nicht gelernt. Er spielt nach Gehör. Und gleich nach Erhalt des betagten Instrumentes hat er gehört, das eine Klappe nicht richtig funktioniert. Nach einiger Recherche hat er von Pfarrer Hans Mörtter den Tipp bekommen: “Geh’ doch zum Michael!”. Gesagt getan.

An einem Nachmittag haben wir uns mit Janos und dem Akkordeon bei Michael Rheinländer getroffen. Durch eine Holztür gelangt man ins Innere der Werkstatt. Der Boden ist mit Holz ausgelegt. Rechts erstreckt sich ein Podest aus Holz, auf dem der Meister die Instrumente inspiziert und repariert. Leise erklingt ruhige Musik aus dem Computer. Eine gemütliche Atmosphäre. Michaels Akkordeon Werkstatt ist ein Geheimnis der Südstadt. Insider aus der lokalen Musik-Szene kennen und schätzen ihn sehr. “Es ist schön, wenn Musiker von den Bläck Fööss, den Höhnern, Paveiern oder Brings hier sind. Man erlebt sie dann Abseits vom Trubel,” erzählt Michael Rheinländer.

 

“Eine Klappe schließt nicht. Die ist undicht,” stellt Michael kurz nach der ersten Begutachtung des Patienten fest. “Der Ton g im Bass, der Gustav,” lacht er. Die Töne haben alle Namen: der Ton c heißt Cäsar, d heißt Dora, e Emil und a Anton. “Das kann ich nicht sofort reparieren. Das Instrument muss hier bleiben.”. Soweit die Diagnose.

Wie ist Michael Rheinländer, geboren in Kirn an der Nahe, in die Veledastraße 17 gekommen, wollen wir wissen. Er atmet tief ein und beginnt zu erzählen: “Ich bin eigentlich gelernter Koch. Aber das ist urlang her und war 1980 vorbei. Ich bin dann ins Ausland gegangen, weil ich nicht zur Bundeswehr wollte. Es war auch klar, dass ich keinen Zivildienst machen kann. Da bin ich einmal ums nördliche Mittelmeer herum. Von der Türkei bis Portugal, überwiegend zu Fuß. Dann sieht man mehr“ fügt er lachend hinzu. Beim Arbeiten trägt Michael eine Schürze. Die schützt seine Kleidung vor dem Schmutz erklärt er.

 

„Auf meiner Reise habe ich viel gelernt. Ich habe gelernt, mich auf meinen Bauch zu verlassen. Ich habe gelernt, mein Schubladendenken auszuklammern und dass man von Leuten Hilfe kriegt, von denen man es nicht erwartet hätte. Außerdem habe ich in meiner Wanderzeit das Akkordeonspielen gelernt. Und ich habe gelernt, mit einer Rucksackladung Klamotten auszukommen“ erzählt er. Er ist ins Reden gekommen und fährt fort: „Ich habe viel Straßenmusik gemacht und Straßentheater. Da habe ich auch viel gesehen. Ich habe schon immer Musik gemacht. Mein Vater hatte eine Wirtschaft in Kirn an der Nahe. Das ist genau 160 Kilometer Luftlinie südlich von Köln. In dem Lokal gab es immer Musik. Da wurde gesungen und Klavier gespielt. Ich bin in der Kneipe groß geworden. Ich bin ein Kneipenkind. Damals habe ich auch Klavierunterricht bekommen. Das war furchtbar. Meine Lehrerin hat mir immer mit einem Bambusstock auf die Finger gehauen, wenn ich etwas falsch gemacht habe“ erinnert Michael sich. Für die Qualen, die er durch seine Klavierlehrerin erlitten hat, hat er sich an ihr gerächt. Wie, das könnt Ihr in Cornel Wachters Buch „….als Paul McCartney mich anrief – Mein erstes Musikerlebnis“ lesen.

1983 ist Michael Rheinländer in Köln gelandet – bei Klaus, dem Geiger. Er ist ein halbes Jahr in Köln geblieben und dann nach Berlin weitergezogen, nach Tempelhof. Dort hat er zwei Jahre auf dem Ufa-Gelände mit dem Ufa-Zirkus verbracht. „Ich war da Koch und dann Clown im Zirkus. Ich habe da in der Zirkus-Kommune gelebt,“ erinnert er sich. Als ich nach Köln zurückkam, habe ich in der Band von Klaus dem Geiger gespielt. Eines Tages ist mir dann die Stimmzunge im Akkordeon gebrochen. Niemand in Köln konnte sie reparieren und so musste ich das selbst lernen. Ich habe dann die nächsten zwei Jahre an verschiedenen Reparatur-Seminaren der Firma Hohner in Baden Württemberg teilgenommen und 1989 die Akkordeon Werkstatt in der Südstadt eröffnet.

 

Dann habe ich gehört, dass es in Italien eine Akkordeon-Stadt gab. In dieser Stadt gibt es die meisten Akkordeon-Hersteller der Welt. Bestimmt 30 Firmen. Das ist das Akkordeon-Zentrum der Welt – Castelfidardo. Von 1993 bis 1996 habe ich da in mehreren Sommern alles rund um das Akkordeon gelernt: Gehäuse, Mechanik, Stimmstöcke, Schreinern, Bassmechaniken bauen, Akkustik. Ich hatte ja keinen Gesellen gemacht oder Meisterbrief. Als ich die Werkstatt eröffnet habe, habe ich vom Regierungspräsidenten eine Ausnahmebewilligung bekommen. Hilfreich dafür waren die Referenzen der diversen Karnevalsbands in Köln und verschiedener Akkordeonorchester. Nur so durfte ich die Werkstatt eröffnen. Den Gesellen habe ich nie gemacht. 1998 habe ich in Sachsen meinen Meisterbrief gemacht. Meine 7 Jahre Werkstatterfahrung wurden mir anerkannt. Da bin ich 2 Jahre lang alle 14 Tage für ein Wochenende nach Sachsen gefahren. Berufsbegleitend nannte man das“ erinnert er sich.

 

 

Stolz berichtet er, dass er neben dem Meisterbrief auch eine Ehrenurkunde erhalten hat. Beide Urkunden hängen an der Wand in der Werkstatt. Bescheiden erklärt Michael, dass er diese besondere Auszeichnung aufgrund seines Könnens und auch seines sozialen Engagements erhalten hat: „Mit der DDR hatte ich kaum Berührungspunkte. Wir hatten keine Verwandet dort. Ich hatte vorher nie etwas damit zu tun. Ich kannte den Osten nur von ein paar Tagesbesuchen in Ostberlin, wo ich billig Stifte gekauft habe. Jetzt war das mit der DDR vorbei und ich habe meine Ausbildung im Osten gemacht. In dem Meisterkurs trafen sich unterschiedliche Menschen aus  Ost- und Westdeutschland. Ich fand das sehr interessant, die anderen Menschen, die Vermischung der Menschen und der Dialektik. Als ich das so eines abends in der Kneipe erzählte, fragte mein Meister mich, ob ich die Abschlussrede vor den rund 600 Absolventen der unterschiedlichen Ausbildungen halten könnte.“

Die Tür zur Werkstatt öffnet sich. Ein junges Pärchen steht in der Halle. Sie haben ein Akkordeon dabei. „Mein Opa hat entrümpelt,“ erzählt die junge Frau. „Da hat er sein altes Akkordeon gefunden. Das würden wir gerne im Internet verkaufen“. Das Pärchen bittet den Fachmann Michael um eine Einschätzung. „Das ist ein italienisches Akkordeon. Aus den 50’er Jahren. Da haben sie solche serienmäßig hergestellt,“ weiß Michael nach einer kurzen Inspektion. „Dafür könntet ihr schätzungsweise 400 bis 500 Euro kriegen“. Das Pärchen verlässt zufrieden die Werkstatt.

Michael erinnert sich wieder zurück und erzählt weiter. Nach ein paar Umzügen ist die Werkstatt 1994 in der Halle in der Veledastraße gelandet. Lange Jahre hat Michael Rheinländer auch mit einem Kompagnon zusammen gearbeitet. Gemeinsam haben sie einen weiblichen Lehrling ausgebildet. Seit 2012 ist er alleine in seiner Werkstatt. Selbst spiele er nicht mehr, erklärt Michael nüchtern: „Ich spiele seit dreieinhalb Jahren kein Akkordeon mehr. Ich hatte zu viele Töne im Kopf. Ich habe den ganzen Tag in der Werkstatt mit dem Akkordeon zu tun. Ich mag jetzt nicht mehr spielen. Ich habe dann mal den Yavuz Duman Trompete spielen hören. Mir hat das sehr gut gefallen und ich habe ihn gefragt, ob er mich unterrichten könnte. Ich habe 3 Jahre Unterricht von ihm bekommen. Jetzt spiele ich Trompete im Stollwerck-Orchester“.

 

Leidenschaftlich gerne spielt er auch für die „Ahl Säu Brass Band“. Die Ahl Säue sind die anarchische Gruppe, die sich frech vor dem ersten Zugschild des Rosenmontagszugs aufstellt. Zuerst kommen die Ahl Säu und dann, ja dann erst kommt der Rosenmontagszug. Die Band zu den Ahl Säu hat Michael vor 4 Jahren mit Michael Lerner gegründet: „Wir saßen zusammen beim Bier und kamen auf die Idee. Angefangen haben wir mit 6 Leuten. Dieses Jahr beim Rosenmontagszug waren wir 26. Dabei sind Tuba, Posaune, Tenorhorn, Trompete, Bariton-, Tenor- und Alt-Saxophon und Percussion,“ erklärt er lächelnd und rückt die Brille zurecht. Noch proben sie einmal im Monat, aber ab Januar wöchentlich. Wer Michael Rheinländer nicht in seiner Werkstatt in der Veledastraße besuchen geht, der kann ihn spätestens am Rosenmontag bei den Ahl Säu sehen.

Das Akkordeon von Janos war übrigens nach ein paar Tagen repariert. „Es hat etwas länger gedauert. Ich musste die ganze Mechanik auseinandernehmen, weil die Klappe sich quer gestellt hatte. “
 

 

Mehr im Netz

www.akkordeon-rheinlaender.de

Text: Aslı Güleryüz

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