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Gesellschaft Politik

“Wir arbeiten auf unsere Selbstauflösung hin…”

Mittwoch, 18. Mai 2011 | Text: Aslı Güleryüz | Bild: Dirk Gebhardt

Geschätzte Lesezeit: 6 Minuten

…sagt Birger Diesem, Sprecher der Gruppe 1272 Innenstadt-Süd von Amnesty International. Aber seit 50 Jahren ist es Amnesty International nicht gelungen, sich selbst aufzulösen, und so wie es derzeit in unserer Welt aussieht, wird “ai” auch die nächsten 50 Jahre noch genügend zu tun haben.

“Auf die Freiheit!”
trinken zwei portugiesische Studenten in Lissabon im Frühjahr 1960. Das Wort “Freiheit” war in der Diktatur damals aber verboten, und die Studenten wurden inhaftiert, gefoltert und zu sieben Jahren Haft verurteilt. Im November 1960 liest der Londoner Anwalt Peter Benenson über diesen Vorfall in der Zeitung. Das Unrecht, das den Menschen dort zugefügt wird, und das Verbot, die eigene Meinung frei auszusprechen, beeindrucken den 39-jährigen Anwalt tief und bewegen ihn dazu, einen Artikel für den “Observer” zu schreiben. Am 28. Mai 1961 erscheint sein Artikel “The Forgotten Prisioners”, in dem Peter Benenson die Gründung der Gruppe “Appeal For Amnesty” erklärt und um Unterstützung bittet. Er appelliert an die Öffentlichkeit, nicht tatenlos zuzusehen, wenn Unrecht in der Welt geschieht,  Menschenrechte verletzt werden und Menschen aufgrund ihrer politischen Gesinnung inhaftiert werden.

 

Einer alleine mag wenig bewirken, aber eine große Gruppe kann auf sich aufmerksam machen. Die Idee: Wenn alle Briefe an die Regierungen schreiben würden, die Menschenrechte verletzen, könnte das zum Erfolg führen. Benenson glaubte an die Macht der Worte – die Geburtsstunde von Amnesty International, das damals noch als Gefangenenhilfsorganisation startet. Die Resonanz ist überwältigend, größer als der Anwalt es je vermutet hätte.

Goltsteinstraße, Bayenthal: Die Wiege der deutschen Sektion
Wenige Wochen später findet in einer Villa auf der idyllischen Goltsteinstraße ein Sommerfest des „Kongresses für die Freiheit der Kultur“ statt. Spät abends klingelt es an der Tür, und Carola Stern und Gerd Ruge öffnen dem Besuch aus England. Eric Baker, ein Freund von Peter Benenson kommt herein und erzählt ihnen von der neuen Organisation in England. In der gleichen Nacht noch, beschließen die beiden Journalisten, die deutsche Sektion zu gründen. Carola Stern, Gerd Ruge und Felix Rexhausen treffen sich und  gründen bereits am 28. Juli 1961 “Appeal for Amnesty e.V.”. In Köln bildet sich die erste bundesweite Gruppe von Amnesty.  Die regelmäßigen Treffen finden im Büro von Carola Stern in Bayenthal statt. Ende des Jahres 1961 haben sich Sektionen in Irland, den Niederlanden, Frankreich, Schweden, Norwegen, Australien und den USA gebildet. Im September 1962 findet in Brügge ein internationales Treffen statt, und die Organisation einigt sich auf den Namen “Amnesty International”.

Bedrücktes Gewissen als Motivation
1963 wird Wolfgang Piepenstock, der in Bonn Jura studiert, von seinem Professor nach Köln zu einem Treffen eingeladen. Gäste aus London sollen kommen. Der junge Student lernt Carola Stern bei diesem Amnesty-Treffen kennen. Sie fordert Piepenstock gleich auf: “Machen Sie doch mit bei uns! Wir brauchen junge Leute wie Sie. Arbeiten Sie doch im Büro mit!”. Das tut Piepenstock und ist seither aktiv bei Amnesty. 1965 verfasst er die Satzung der deutschen Sektion von Amnesty. Heute noch ist er Mitglied der Gruppe in Bayenthal.
Piepenstock möchte sich einsetzen gegen Verfolgung. Als kleines Kind hat er den Nationalsozialismus erlebt und stellt als Student die Frage, was man tun kann, damit so etwas nicht noch einmal passiert. Er sagt: “In den 30er Jahren ist viel passiert in Deutschland. Unsere Großeltern und Eltern haben sich ziemlich ruhig verhalten. Sie sagten, sie hätten von vielem nichts gewusst. Sie hätten sich nicht getraut. So ging es nicht. So etwas soll nirgendwo auf der Welt noch einmal passieren. Man muss sich mit dem eigenen Land auseinandersetzen, um die Verhältnisse nicht anderen zu überlassen, sonst ändern sie sich nicht. Eine Gesellschaft muss sich gut organisieren, wenn sie Freiheit möchte. Die Menschenrechte darf man nicht den Parlamentariern überlassen.”

“Es gibt eine Aufgabe, aber keinen Anspruch auf Erfolg”
Wolfgang Piepenstock erinnert sich an den ersten Brief, den er geschrieben hat: für die Rechte von syrischen Häftlingen an die syrische Regierung. Wenn man sich heute Syrien anschaut, dann war die Arbeit von Amnesty noch nicht sehr erfolgreich. Doch Wolfgang Piepenstock sieht das anders: “Die Lage in Syrien ist auch heute noch sehr ernüchternd. Es muss weiter geschrieben werden! Es muss die Bevölkerung eines Landes mobilisiert werden. Konsequent, aber ohne die Leute zu gefährden. Das Regime muss von innen Schritt für Schritt entmachtet werden. Es gibt eine Aufgabe, aber keinen Anspruch auf Erfolg. Was ist Erfolg? Wenn sich die Haftbedingungen eines Menschen verbessern? Wenn er entlassen wird? Wann ist ein Fall abgeschlossen? Ein Mensch wird thematisiert. Das scheint vielleicht nicht genug zu sein. Aber dieser Fall strahlt auf Hunderte über und beeinflusst deren Fälle. Der Feind eines Diktators ist die Öffentlichkeit!”

 

“Ich kann etwas tun”
Ein 15-jähriger Schüler erfährt an einem Amnesty-Stand an seiner Schule in Wiehl über die Beschränkungen der Meinungsfreiheit auf der Welt und ist entsetzt. Er will etwas dagegen tun und er kann etwas dagegen tun. So kam Birger Diesem 1980 zu Amnesty. Er betreute einen Gefangenen in Argentinien und einen in Russland. Er schrieb Briefe an Regierungen und Politiker. Birger Diesem freut sich heute noch über das Ergebnis: “Die Leningrader Prawda schrieb über unsere Gruppe. Das große, mächtige Russland hat sich geärgert über Briefe aus Wiehl! Sie bezeichneten uns als ‘ill and infamed group from Germany’!”

In den Anfängen konzentriert Amnesty sich auf die Hilfe für Gefangene. Später kommen die Themen Folter und Todesstrafe hinzu. In den 80er Jahren beschäftigt Amnesty sich mit politischem Mord und Menschen, die “verschwunden” sind. Birger Diesem sagt nüchtern: “Die Materie ist düster. Die Welt wird nicht besser.” Und schreibt weiter Briefe.

 

Heute richten sich die Briefe an die kolumbianische Regierung. Die Südstadt-Gruppe von Köln unterstützt die Einwohner der Friedensgemeinde San José in Kolumbien. 3.000 Menschen sind aus dem Karussel von Guerilla, Militärs und Para-Militärs ausgestiegen. Sie wollen in Frieden leben und haben eine Kommune gegründet. Alle zwei Wochen montages trifft die Südstadt-Gruppe sich in einem Raum in der Lutherkirche und entwickelt neue Aktionen für die Menschen von San José. Ihr Ziel: eine Schule für die Kinder von San José zu bauen. “Betroffenheit alleine reicht nicht,” sagt Birger “Wut habe ich. Ich kann etwas dagegen tun, ich kann das kanalisieren. Das gibt Energie.”

Nicht nur Birger tut etwas. Heute zählt Amnesty weltweit über 2,8 Millionen ehrenamtliche Mitglieder und Unterstützer. Lediglich 600 Menschen sind bei Amnesty hauptamtlich beschäftigt. Die hauptamtlichen Tätigkeiten werden aus den Einkünften über die Mitgliedschaften und Spenden finanziert. Staatliche Gelder oder zweckgebundene Mittel gibt es bei Amnesty nicht. Aber den Friedensnobelpreis gab es 1977 für die Organisation.  In Deutschland ist Amnesty International der drittgrößte Verein – nach Bayern München und Schalke 04.

Schülergruppe an der Kaiserin-Augusta-Schule
1987 ist Birger schon Gruppensprecher. Mit vier anderen Gruppensprechern wollen sie einmal etwas unternehmen. Sie fahren für fünf Tage nach Paris! Was das mit der Schülergruppe am KAS zu tun hat? Sehr viel! An der Reise nimmt auch die Gruppensprecherin Nina aus Köln teil. Nina und Birger werden ein Paar, lassen sich in der Südstadt nieder und bekommen einen Sohn. Er muss wohl an etlichen Aktivitäten von Amnesty teilgenommen haben. “Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte” war bestimmt die Gute-Nacht-Geschichte. Denn mit 13 Jahren entscheidet sich Wassily, auch Mitglied bei Amnesty zu werden. Nur drei Jahre später gründet er an seiner Schule die Schülergruppe von Amnesty. Wassily Nemitz – mein Kollege, der auch hier auf “Meine Südstadt” für Euch schreibt!

Die Schülergruppe der KAS besteht hauptsächlich aus SchülerInnen der 7. Klasse und der Jahrgangsstufe 12. Der Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt auf Syrien. Sie betreuen den syrischen Arzt Kamal al-Labwani, der wegen seiner oppositionellen Meinung nun zum zweiten Mal im Gefängnis sitzt und 15 Jahre Haft bekommen hat. Zum 50. Geburtstag von Amnesty haben sie sich eine besondere Aktion am Neumarkt überlegt: Sie bauen eine Menschenrechtswaage und wollen an ihren Gefangenen und die Umstände in Syrien erinnern. Das Vergessenwerden muss verhindert werden.

Gefangenenhilfsorganisation – 2011 noch?
Man möchte es nicht meinen, aber die Selbstauflösung von Amnesty scheint noch Lichtjahre entfernt zu sein. Die Todesstrafe ist ein “kleineres” Problem geworden, Dank Amnesty International. In Europa haben alle Länder außer Weißrussland sie abgeschafft. Weltweit haben jedoch 58 Länder die Todesstrafe noch in ihren Gesetzen. Immer noch werden Menschen aufgrund ihrer politischen Meinung verhaftet und gefoltert. Doch die Herausforderungen an Amnesty haben sich verändert. Menschenrechte sind auch soziale Rechte. So kämpft Amnesty gegen die Vertreibung von armen Menschen aus den Slum-Gebieten. Amnesty setzt sich ein für das Recht auf Bildung und das Recht auf Wasser.

Wolfgang Piepenstock hat erst vor ein paar Tagen wieder einen Brief abgeschickt: “Nach Rumänien. Für eine bessere Schulbildung für Roma-Kinder habe ich an den Kultusminister von Rumänien geschrieben.”

Termine:
Am Samstag, dem 21. Mai, gibt es die Aktion Menschenrechtswaage der Schülergruppe der Kaiserin-Augusta-Schule am Wallraff Platz vor dem WDR Funkhaus, ca. 13:30 Uhr

Am Samstag, dem 28. Mai, feiert die Südstadt-Gruppe den 50. Geburtstag von Amnesty am Aachener Weiher. “Auf die Freiheit” werden sie mit portugiesischem Wein anstoßen. Alle sind herzlich eingeladen!
Treffpunkt ist um 18 Uhr vor dem Biergarten am Aachener Weiher. Ansonsten einfach nach Amnesty-T-Shirts in Gelb mit Schwarz oder Bannern Ausschau halten um den Weiher herum.

 

Weitere Informationen unter: www.amnesty-koeln-1272.de
 

 

Text: Aslı Güleryüz

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