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Kultur

Ans Messer liefern

Mittwoch, 29. November 2017 | Text: Alida Pisu | Bild: Meyer Originals

Geschätzte Lesezeit: 2 Minuten

Die beiden Herren im Business Dress stehen vor der Skyline einer Großstadt – als Projektion auf die Leinwand hinter ihnen. Ihre Gesichter reflektieren das Flackern und Flirren nächtlicher Straßenschluchten. Vielleicht ist diese Großstadt New York, DAS Finanzzentrum der Welt.
Für die beiden Unternehmensberater Öllers und Niederländer sind Rendite und Profitmaximierung Ziele, die sie effizient umsetzen. Im Auftrag einer obskuren Company und im Sinne ihrer Kunden, für die sie um die Welt jetten und vorzugsweise in Entwicklungsländern Stellenabbau und Neustrukturierung von Betrieben betreiben. Wen sie dabei ans Messer liefern, wer dabei auf der Strecke bleibt, ist ihnen egal. Für sie zählt nur eines: vom Angestellten zum Partner zu werden und damit die ultimative Karriere zu machen.

„Zeit der Kannibalen“, 2014 von Johannes Naber verfilmt und sofort mit dem deutschen Kritikerpreis ausgezeichnet, brachte Theater der Keller-Intendant Heinz Simon Keller nun auf die Bühne. Es ist eine Komödie über die Abgründe der wirtschaftlichen Globalisierung, die in eine bitterböse Abrechnung mit dem Kapitalismus mündet. Die Haie, die dem Erfolg hinterher jagen und dafür alles tun, werden selbst zu Gejagten, die alles verlieren. Sogar ihr Leben.

Niederländer (Mathias Luhn) und Öllers (Sebastian Schlemmer) bilden seit Jahren ein gut eingespieltes Team, zu dem auch Kollege Hellinger gehört. Das Trio geht seinen Geschäften in den überall gleich aussehenden Hotelzimmern einer internationalen Hotelkette nach. Die reale Welt dringt nicht durch Mauern und Fenster, sie erscheint unwirklich und ist auch nicht von Interesse. Hellinger, auf den Öllers und Niederländer warten, erscheint nicht, dafür aber Bianca März (Katharina Waldau), eine neue Kollegin. Von ihr erfahren Öllers und Niederländer, dass keiner von ihnen beiden, sondern Hellinger zum neuen Partner aufgestiegen ist. Böse Überraschung! Sie ahnen nicht, welche Überraschungen noch auf sie zukommen werden. Was ihnen immer näher kommt und sich Bahn bricht in ihre hermetisch abgeschirmte Hotelzimmerwelt, in der sie jeglichen Realitätsbezug verloren haben.

Doch der Lauf der Dinge zwingt sie jetzt, sich der Realität zu stellen und ihre Masken fallen zu lassen. In einem wahnwitzigen Tempo überschlagen sich die Ereignisse geradezu: Hellinger stürzt sich aus dem Fenster, die Company wird verkauft und der neue Chef bietet ihnen doch Partnerschaft an. Niederländer und Öllers scheinen es geschafft zu haben und unterschreiben den Vertrag, März hört auf ihr Gefühl und unterschreibt nicht. Was sich als richtige Entscheidung herausstellen soll, jedoch: mitgefangen heißt mitgehangen. Als krumme Geschäfte der Company ans Licht kommen und die Außenwelt schließlich mit geladenen Gewehren in die Innenwelt der Repräsentanten und Vollstrecker des Raubtierkapitalismus eindringt, bereuen sie, brechen zusammen, werden zu schluchzenden Wesen, die mit zitternden Stimmen das Vaterunser beten. Doch zu spät. Sie haben sich letztlich selbst ans Messer geliefert.

Heinz Simon Keller hat eine temporeiche, packende Inszenierung hingelegt, Mathias Luhn als Niederländer zeigt einen Neurotiker, der alles unter Kontrolle haben muss, eine Insektenphobie hat und trainiert, nachts im Dunkeln seinen Koffer im Notfall in 37 Sekunden packen zu können. Als er das zackig vorführt, sieht man eher einen Roboter als einen Menschen. Erst viel später erkennt man, dass dieser „Roboter“ mal menschliche Denk- und Verhaltensweisen hatte und als Kind Kröten über die Straße getragen hat. Ein ehemaliger Grüner, der ebenso von einer besseren Welt träumte wie Bianca März, die eigentlich Ärztin werden wollte.

Sebastian Schlemmer als Öllers wiederum hängt am Telefon wie ein Süchtiger an der Nadel. Sein Familienleben reduziert sich auf Telefonate mit seiner Frau, während ein Zimmermädchen sein Sexobjekt ist: „Ich hab sie sooo geleckt.“

Die Dialoge sind pointiert, hart und zynisch, Regisseur Heinz Simon Keller hinterfragt, ebenso wie die Vorlage, das kapitalistische System im Grundsatz. Die Figur der Bianca bleibt leider etwas blass neben den männlichen Hauptrollen, hier wäre mehr Möglichkeit zur Entfaltung schön gewesen. Und natürlich ist die Wirklichkeit, sind echte Charaktere komplexer als die vielleicht etwas stereotypen „bösen Jungs“ im Stück. Alles in allem aber ein Theaterabend, der Stoff zum Nachdenken gibt.

 

„Zeit der Kannibalen“ nach dem gleichnamigen Film von Johannes Naber und Stefan Weigl
Regie: Heinz Simon Keller
Mit: Matthias Luhn, Sebastian Schlemmer, Katharina Waldau
Theater der Keller, Kleingedankstraße 6, 50677 Köln??
Weitere Termine: 30. November, 2., 8., 17., 21. Dezember 2017

Text: Alida Pisu

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