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Kultur

Berlinale-Süd #4 – Köln kann Kino

Dienstag, 11. Februar 2014 | Text: Jörg-Christian Schillmöller | Bild: augenschein Filmproduktion

Geschätzte Lesezeit: 3 Minuten

„Die kenne ich doch, die Bar“, denke ich, als der Film „Hüter meines Bruders“ vor uns auf der Leinwand des schönen Kiez-Kinos „Toni“ in Weißensee läuft. Später, beim Publikumsgespräch mit Regisseur, Drehbuchautorin und Schauspielern, stellt sich heraus: Es ist tatsächlich die Barracuda-Bar aus dem Belgischen Viertel, und der Film ist ganz und gar ein Kölner Gewächs.

Der Plot: Die Brüder Gregor und Pietschi fahren zum Segeln. Die Konstellation Arzt und Lebemann erinnert an Narziss und Goldmund, an Ordnung und Sinnlichkeit, an Planung und Zufall. Pietschi verschwindet – und Gregor beginnt dessen Leben zu leben, trägt Pietschis Kleidung, hört Pietschis Musik und schläft mit Pietschis Freundin. Das ist die erste Ebene.

Es geht aber auch um Loslassen und Abschied. Das ist die zweite Ebene. Denn im Laufe des Flms verdichten sich die Hinweise darauf, dass Pietschi Selbstmord begangen hat. „Hüter meines Bruders“ war dieses Jahr der Auftaktfilm der Berlinale-Reihe „Perspektive Deutsches Kino“.

Die Macher: Regisseur Maximilian Leo ist Absolvent der Kölner Kunsthochschule für Medien, das Drehbuch hat Susanne Finken geschrieben, durch und durch Südstädterin. Hinzu kommen viele bekannte Kölner Motive wie die Südbrücke , die Zoo-Seilbahn – und eben die Barracuda-Bar, die im Film allerdings absichtlich etwas heruntergekommen aussieht.

„Hüter meines Bruders“ ist kein schneller Film. Es ist, finden wir, ein eindringlicher, psychologischer und sehr deutscher Film, eben weil er sich auf die Befindlichkeit der Hauptperson Gregor konzentriert. Gesprochen wird nicht viel, dafür wird viel gefacebooked, in Fotos und Videos gewühlt, und fast immer läuft Musik. Spielt sie in der Bar, stammt sie vom Kölner Label Kompakt. Die eigentliche Filmmusik aber – eines der Highlights von „Hüter meines Bruders“ – stammt von Martin Rascher und passt wunderbar zu den wortkargen Kölner Großstadtbildern.

 

 

Eine schöne Szene im Publikumsgespräch: Maximilian Leo erzählt von Martins Studiokeller und dass die Situation dort ihn stark an einen Tarantino-Film erinnere. Ein tageslichtloser Raum, ausgekleidet mit Goldfolie (ein früherer Partykeller), darin hochwertige Instrumente (gefühlte 27 Keyboards) und mittendrin Martin, der bis spät nachts improvisiert und zu den Bildern vorn auf dem Monitor die Musik komponiert. Sein erster Film als Filmmusik-Komponist. Kompliment, das Debut ist gelungen.

Am nächsten Tag treffe ich Drehbuchautorin Susanne Finken im Café Kranzler (Foto unten). Für sie war der Selbstmord die Kernidee für den Film: „Bei jedem, der sich tötet“, sagt sie, „gibt es drei bis fünf nahestehende Menschen, die damit fertig werden müssen. Die mit Fassungslosigkeit, Schuldgefühlen und Ratlosigkeit konfrontiert werden.“

Wie schreibt sie so ein Drehbuch? „Ich schreibe es danach, wie die Handlung vorangeht, welche Emotion die Szene bestimmt. Wenn sich nichts ändert, kannst Du die Szene auch streichen. Die Ausnahme ist der Anfang, wenn Du eine Figur so einführst, wie sie ist.“ Welche Rolle spielt die Stadt Köln? „Ich habe beim Schreiben schon Orte und Menschen gesehen. Ich würde keinen Mehrwert darin sehen, den Film woanders zu drehen. Das ist ein Film für und über Köln.“

Und die tolle Musik? „Dass es eine Musik gibt und dass Gregor über die Musik in die Welt seines Bruders eintritt: das stand schon in meinem Buch. Und die Kneipe ist ein wichtiger Schauplatz, da passte das.“ Und wie kam der Film an auf der Berlinale? „Gut. Die Premiere im CinemaxX am Potsdamer Platz war ausverkauft. Und die Fragen im Anschluss an die Vorstellungen waren zustimmend freundlich. Es sind keine Tomaten geflogen.“

Noch zwei Dinge zum Schluss: Gesehen haben wir gestern auch „Der Anständige“, das ist ein Dokumentarfilm über Heinrich Himmler von Vanessa Lapa. Kein leichter Stoff, und das Prinzip des Films bestand darin, den langweiligen Plauderton der Briefe Himmlers an seine Familie mit den harten, schwer zu ertragenden Bildern der NS-Zeit und des Holocaust (den Himmler maßgeblich mit plante) zu kombinieren. Allerdings ergab sich daraus für uns keine historische Erkenntnis, kein Mehrwert. Himmler war eben, so formulierte es Historiker Wolfgang Benz im Deutschlandfunk, ein „penibler Spießer“, aber die Informationen aus seinen Briefen nutzten dem Historiker nicht bei der Erforschung der Wahrheit.

Ein grandioser Film dagegen: „Geliebte Schwestern“ von Dominik Graf, den wir in Steglitz im Adria-Kino gesehen haben. 170 Minuten, keine Sekunde langweilig, und erzählt wird die (in Deutschland laut Dominik Graf noch immer nicht sehr bekannte) Geschichte von Friedrich Schillers enger Liebesbeziehung zu den Schwestern Charlotte und Caroline von Lengefeld (Charlotte hat er geheiratet). Ein sinnlicher Kostümfilm mit großartigen Schauspielern. Prädikat: absolut sehenswert.
Heute gehen wir in die NRW-Landesvertretung zum Empfang der Filmhochschulen. Dort werden KHM-Studenten neue Projekte vorstellen. Wir sind gespannt.

 

 

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Text: Jörg-Christian Schillmöller

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