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Gesellschaft

Brasilianische Ninjas

Montag, 9. Juni 2014 | Text: Jörg-Christian Schillmöller | Bild: Giorgio Palmera/ Echo Agency

Geschätzte Lesezeit: 5 Minuten

Sie filmen auf der Straße, inmitten der Streiks, im Zentrum von Demos. Sie berichten live, direkt, ungefiltert. Sie sind erfinderisch und gewitzt. Vor allem aber haben sie riesigen Zulauf: 270.000 Likes bei Facebook. Beeindruckend für ein unabhängiges Portal jenseits vom Mainstream. „Midia Ninja“, „Ninja-Medien“ nennen sich die Reporter. NINJA ist auch eine Abkürzung für „Unabhängige Erzählungen, Journalismus und Aktion“.

Durch ihre Wohnungen in Rio de Janeiro und anderswo weht der Geist der Kommune 1. Die Ninjas leben zusammen, kochen zusammen und teilen Geld und Auto. Ein Privat-Einkommen hat keiner von ihnen. Heute zieht sich ihr Netzwerk von kleinen Gruppen durch ganz Brasilien, Sie engagieren sich für soziale Themen, berichten über die Favelas, die Landlosen-Bewegung, über indigene Volksgruppen. Und vor allem über die Schattenseiten der WM. Kritikern ist das Portal zu weit links und nicht neutral genug, aber der Erfolg spricht für sich.

Den Durchbruch hatten „Midia Ninja“ im Sommer 2013, als in Brasilien Massenunruhen ausbrachen. Damals explodierten die Likes bei Facebook. Denn viele Brasilianer klickten aus einem einfachen Grund auf die Seite: Dort wurde so berichtet, wie sie selbst die Proteste erlebt hatten, und nicht vom Hubschrauber aus und mit Studiogästen wie in den großen Fernsehkanälen (zum Beispiel Globo).

„Meine Südstadt“ hat eine Stunde lang mit Rafael Vilela geskypt. Er ist einer der Gründer von Midia Ninja.

Meine Südstadt: Rafael, schlechte Nachrichten vor der WM gibt es genug. Es sind Milliardengelder in teure Stadien geflossen, es gibt jeden Tag Demonstrationen und Streiks. Was wird Midia Ninja von der WM berichten?
Rafael Vilela: Die Frage ist: Was ist das Erbe dieser WM? Für uns sind es nicht die Stadien. Für uns ist es das internationale Interesse an unserem Land (er sagt wörtlich: „visibility“). Wir glauben, dass wir die WM nutzen können, um der Welt die Widersprüche Brasiliens zu zeigen.

Welche Widersprüche meinen Sie?
Während der WM findet eine militärische Besetzung der Favela Maré statt. Dort sind 3.000 Soldaten stationiert, wegen einer Anti-Drogen-Politik, die nicht funktioniert. Mit unserem Netzwerk zeigen wir das. Wir zeigen die andere Seite der Proteste. Wir zeigen auch den Kampf der indigenen Volksgruppen. Noch ein Widerspruch: Brasilien ist zwar ein Land mit einer großen Vielfalt – aber zugleich haben wir große Probleme mit den Rechten von Schwulen und Lesben. Brasilien ist sehr komplex, und es ist viel mehr als Bananen und Samba. Wir haben zum Beispiel als erstes Land der Welt im April eine gute Internet-Verfassung verabschiedet mit dem Schwerpunkt Netzneutralität. Das war der „Marco Civil da Internet“.

Was schlagen Sie für die Favelas vor?
Wir brauchen keine Polizei, wir brauchen eine eine andere Politik. Es gibt dort keinen Staat mehr. Der einzige Repräsentant des Staates ist die Militärpolizei. Die Menschen brauchen aber Bildung, Schulen, Wasser, ein Abwassersystem, sie brauchen nicht noch mehr Polizei. Wir haben zwar die UPP in den Favelas, die „Unidades da Polícia Pacificadora“. Das ist eine Friedenspolizei, die aber Teil der Militärpolizei ist. Wir wollen, dass die Favelas wieder ein Teil der Städte werden und nicht das Problem der Städte sind.

Haben Sie Kontakt zu den Menschen in den Favelas?
Ständig. Jeden Tag gibt es dort einen Toten. Die Polizei erschießt jeden Tag jemanden, meistens einen jungen Schwarzen. Die Familien leiden sehr darunter. Wir berichten darüber. Wir zeigen, was passiert. Dieses Wochenende gebe ich einigen Kids einen Workshop. Sie kommen aus einem der schlimmsten Orte, Duque de Caxias, einer Vorstadt von Rio. Die sind hochintelligent. Sie sind hungrig nach allem, nach Wissen, nach Technologie. Man darf sie nicht als Kriminelle sehen. Sie haben einfach keine Strukturen, um ein gutes Leben zu führen.

Was ist mit den Drogenbossen in den Favelas? Das ist doch nicht erfunden.
Nein, aber dem Staat ist auch nicht daran gelegen, die Militarisierung in den Favelas zu beenden. Dieser Krieg gegen die Drogen ist eine Entschuldigung, um gegen die Armen vorzugehen. Das Modell haben wir aus den USA importiert, aber dort funktioniert es auch nicht. Wir glauben an die Legalisierung von Drogen, vor allem Marihuana. Aber der Staat sieht das als ein militärisches Problem, nicht als ein soziales Problem oder ein Gesundheitsproblem. Dieses Bewusstsein müssen wir ändern.

Wie soll die Legalisierung von Drogen funktionieren?
Coca-Cola ist eine Droge. Kaffee ist eine, Zigaretten, Alkohol sind welche. Und alle sind legal. Marihuana ist eine leichte Droge, aber es ist verboten. Und deswegen werden Leute umgebracht. In Uruguay dagegen gibt es tolle Fortschritte, die haben eine öffentliche Politik der Legalisierung. Sie haben gerade Marihuana erlaubt.

 

Zurück zur WM. Die Stadien sind gebaut, die WM beginnt in zwei Tagen. Sind Sie zu spät dran, weil die Millionen Dollar nun einmal investiert sind?
Die WM findet statt. Aber wir können fragen: Für wen? Denn es geht nicht um Fußball, es geht um den Profit der großen Unternehmen. Wir können die WM in vielerlei Hinsicht in Frage stellen. Die Bewegungen stehen bereit. Diese WM kostet mehr als die WMs in Deutschland und Südafrika zusammen. Das muss man sich mal vor Augen halten.

Was planen Sie auf Ihrem Portal?
Wir werden dort alle wichtigen Infos zusammentragen, und wir wollen versuchen, vieles davon zu übersetzen. Sie können uns helfen mit Deutsch, wenn Sie wollen. Aber wir werden auch den öffentlichen Raum in Rio besetzen. Wir werden Zelte aufschlagen und ein unabhängiges Medienzentrum aufbauen.

Aber Sie können natürlich noch nicht sagen, wo genau.
Es wird in der Innenstadt von Rio sein, Downtown. Da gibt es viele Möglichkeiten.

Haben Sie manchmal Angst wegen ihrer Arbeit?
Wir glauben daran, dass wir sichtbar sind. Diese Transparenz, das ist unser Schutzschild. Wir verstecken uns nicht, wir geben dauernd Interviews. Wir müssen halt mit den Gefahren umgehen. Wir sind eine Gemeinschaft, und wir vertrauen uns gegenseitig.

Geht es dem Projekt finanziell gut?
Ja, das läuft stabil. Erstmal finanzieren wir uns ja selbst. Wir teilen eine Wohnung, wir teilen ein Auto, wir leben billig, ohne den Luxus der Mittelklasse. Wenn wir auf dem traditionellen Markt arbeiten würden, dann würde jeder von uns sicher 10.000 Reais im Monat verdienen (knapp 3.300 Euro). Wir stecken das Geld in unser Projekt. Wir setzen alles daran, noch größer und noch besser zu werden. Ein paar Aktionen von uns werden unterstützt, auch von internationalen Organisationen und Stiftungen. Aber wir lassen sie nicht bestimmen. Wir tun das, was wir wollen.

Sie können auch lustig sein. Zum Beispiel mit einer Aktion für die WM. Aus der „Copa do mundo“ – dem Weltcup – wird bei Ihnen die „Copula do Mundo“. Das Motto lautet „Make Love, not FIFA.“
Humor ist uns ganz wichtig. „Copula do Mundo“, das war die Idee von einer der Gruppen. Der 12. Juni – der Tag der WM-Eröffnung – ist bei uns der Valentinstag. Und dafür haben sie das Motto erfunden: Seht nicht fern, sondern habt Sex. Das ist die „Copula do mundo“, die internationale Kopulation.

Rafael, vielen Dank für das Gespräch.

 

PS: Inzwischen dreht Regisseur Spike Lee eine Doku, in der „Midia Ninja“ eine Hauptrolle spielen.

 

 

 

Mehr im Netz
Und hier könnt ihr „Midia Ninja“ live erleben – sie arbeiten mit dem Nachrichtenportal oximity.com als Plattform zusammen.

Das hier sind sie bei Facebook mit den sagenhaften 270.000 Likes

Oder bei Twitter: MidiaNinja

Eine brandaktuelle Sendung über „Midia Ninja“ im ORF.

Ein aktueller Film von Radio Bremen:

Und ein Dossier der Heinrich-Böll-Stiftung – jetzt auch auf Deutsch.
 

Text: Jörg-Christian Schillmöller

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