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Kultur

Das Schokoherz der Welt – ja das war Kölle

Donnerstag, 14. Juli 2016 | Text: Aslı Güleryüz | Bild: Tamara Soliz

Geschätzte Lesezeit: 7 Minuten

Am vergangenen Samstag hat „Meine Südstadt“ an der Stadtteil-Führung durch „Kölns Schokoladenseite“ teilgenommen. Thomas Schiffer, Museumspädagoge des Schokoladenmuseums, führte erzählend durch die miteinander verwobene Geschichte des Unternehmens Stollwerck und des Severinsviertels.

Ein Erfahrungs-Bericht.

Eine kleine Gruppe trifft sich am Severinskirchplatz, dort, wo die Figur des ‚Stollwerck-Mädchens’ am Brunnen steht. Die Figur erinnert an die Arbeiterinnen, die die Schokolade verpackten und verkauften. Thomas Schiffer erzählt, dass Reisende zu Beginn des 19. Jahrhunderts vor allem von zwei Dingen aus der Südstadt berichteten: Von den Stollwerck-Mädchen und dem süßlichen Duft, der über dem Veedel lag. „Die Mädchen waren im Alter von 14 bis 16 Jahren und hatten einen zwielichtigen Ruf. Im Ehrenfelder Anzeiger wurde 1902 über sie berichtet. Sie waren verrufen, da sie arbeiteten und sich nicht auf ihre eigentliche Rolle als Hausfrau und Mutter vorbereiteten. Sie könnten keinen Haushalt führen, hieß es, und auch nicht nähen und kochen. Auch würden sie abends ausgehen und tanzen. Die Mädchen arbeiteten 84 Stunden in der Woche – auch am Sonntag. Als der Artikel im Ehrenfelder Anzeiger erschien, zeigte das Unternehmen Stollwerck Initiative und sorgte dafür, dass für die Mädchen Koch- und Haushaltsunterricht stattfand. Es wurde von ihnen erwartet, dass sie am Sonntagnachmittag an den Kursen teilnahmen.“ In diesen sollten sie nun auch kochen, nähen und stricken lernen. Schaut man sich die Skulptur an, so bemerkt man die etwas provokante Pose des Mädchens. Keck steht das Mädchen da, was wohl an den gespaltenen Ruf der Mädchen erinnern soll – doch eine gerade für damalige Verhältnisse vor allem emanziperte Haltung zum Ausdruck bringt.

Thomas Schiffer erzählt, dass die Südstadt damals außerhalb der Stadtmauern lag. Nur Felder habe es damals an dieser Stelle gegeben, und das Gebiet sei insgsamt sehr ländlich gewesen. Bauern und Fabrikanten ließen sich hier nieder, quasi im Industrieviertel der Stadt. Eine Baumwollspinnerei habe es hier auch gegeben. Auch das Unternehmen Stollwerck ließ sich hier nieder.

Wir schlendern in Richtung Severinstorburg. Franz Stollwerck, berichtet Schiffer, sei ein Bäcker gewesen. 1839 habe er eine Mürbebäckerei gekauft, die in der ‚Blindgasse’ gelegen habe. „Die Blindgasse gibt es nicht mehr. Sie lag zwischen Gürzenich und Kaufhof und ist im Krieg komplett zerstört worden“ erzählt er. 1843 ist die Bäckerei berühmt geworden – durch die Herstellung von Hustenbonbons. Da Bonbons in Köln bekanntlich ‚Kamelle’ genannt werden, lag der Spitzname für Franz Stollwerck nahe: Der ‚Kamelle-Napoleon’. Franz Stollwerck sah sich jedoch nicht nur als Bäcker und Konditor, er betrachtete sich eher als Gastronom und Theatermensch. So gründete er auf der Schildergasse 47 ein Theater mit Café. Doch zog er das Pech an: 2 Jahre nach der Eröffnung brannte das Theater ab. Stollwerck ließ sich nicht beirren und eröffnete wenig später eine damals viel zu große Veranstaltungshalle für Köln, die 2.600 Menschen fasste. Kurz nach der Eröffnung stürzte die Bühne ein und 1853 war Franz Stollwerck pleite. Der schlaue Geschäftsmann aber hatte seinen Besitz auf seine Frau überschrieben und machte weiter. Auf der Hohen Straße 9 eröffnete er die erste Schokoladen-Fabrik Kölns. Neu war, dass man durch große Fenster die Produktion beobachten konnte – eine Attraktion. Das Stollwerck-Haus gibt es heute noch. Es ist die Passage, die von der Hohe Straße zum Früh führt.

Doch Thomas Schiffer weiß, dass Franz Stollweck ein Patriarch war. Seine drei ältesten Söhne waren bereits mit in das Unternehmen eingestiegen, doch hatten sie nicht viel zu sagen – der Vater bestimmte alles. Aufgrund der familiären Konflikte machten sich die Söhne darum mit einem eigenen Unternehmen in der Südstadt selbständig.

 

 

Nun stehen wir im Ferkulum hinter der Severinskirche. An dieser Stelle eröffneten die Gebrüder Stollwerck 1870 ihre Zuckerfabrik: die Verwaltung war im heutigen Vringstreff niedergelassen, die Fabrik im Anbau in der Severinsmühlengasse. Das Geschäft boomte und die Fabrik zählte schon 1876 fast 300 Mitarbeiter.

Kurz vor Fanz Stollwercks Tod im selben Jahr wurden die beiden Fabriken zu einer zusammengelegt, die nun unter dem Namen „Kaiserlich-Königliche Hof-Chocoladen-Fabrik Gebr. Stollwerck von allen fünf Stollwerck-Söhnen geführt.

 

Thomas Schiffer holt ein altes Foto des Gebäudes aus seiner Tasche. Ein wunderschöner Bau mit zwei Türmen ist auf dem Bild zu sehen. „Das war der ‚Kamelle-Dom’“ erklärt er uns. „Das Gebäude war eine Provokation, da die Türme fast so hoch waren wie die von St. Severin.“ Weltliche, süße Versuchung gegen geistliche, religiöse Werte. Leider wurde das imposante Gebäude im 2. Weltkrieg zerstört. Die zwei Aussparungen an den Ecken des Vringstreff erinnern heute an den Standort der beiden Türme.

Der ‚Kamelle-Dom’ ist auch auf dem Werbeplakat der Ausstellung „Schokoladen-Rausch im Rheinland“ zu sehen. Diese  Sonder-Ausstellung des Schokoladenmuseums, die noch bis November zu sehen ist, ist der Anlass der Veedels-Führung. Weiter zum Annoriegel entdeckt man noch Zuggleise und eine alte Lok. Auch ein Fabrikschornstein ragt hier aus der Erde. Vernachlässigt sehen die Relikte aus einer Glanzzeit aus. Die Brüder Stollwerck beschäftigten sich nicht nur mit der Zuckerproduktion, sondern haben auch Maschinen für die Schokoladenproduktion entwickelt, hergestellt und weltweit exportiert. Noch heute steht in jeder Schokoladen-Fabrik weltweit die Walze von Heinrich Stollwerck. Die Schienen führten damals von der Fabrik bis in den Rheinauhafen. So wurden Rohstoffe angeliefert und die Produkte abgeliefert. Heute ist der Schornstein der Fabrik heruntergekommen und verkümmert langsam und die Schutzabsperrungen sind umgefallen und liegen auf der Erde.

Um 1900 herum waren 4-5000 Menschen bei der Firma Stollwerck beschäftigt. Da das Unternehmen hohe Steuern für die Rohstoffe Zucker und Kakao bezahlten musste, wurden im Ausland große Schokoladenfabriken gebaut, darunter in Amsterdam, Wien, London, New York. Stollwerck baute die größte Schokoladenfabrik der USA. Man kaufte jetzt auch Plantagen in Afrika und baute die Rohstoffe selber an. „Ein dunkles Kapitel in der Firmengeschichte“ berichtet Thomas Schiffer. „Die Arbeitsbedingungen und Hygienestandards waren sehr schlecht.“ Kurz vor Ausbruch des 1. Weltkrieges war das Unternehmen auf seinem Höhepunkt.

 

Während des Krieges aber bereitete die britische Wirtschaftsblockade dem Unternehmen große Probleme. Durch einen Mangel an Rohstoffen mussten Niederlassungen im Ausland geschlossen werden und das amerikanische Unternehmen wurde beschlagnahmt und enteignet.

 

 

Zwar konnte die Familie den Niedergang der Firma zunächst verhindern, doch 1931 schied die Familie Stollwerck letztlich aus dem Unternehmen aus, das dann an die Deutsche Bank verkauft wurde. Bis 1975 war diese nun im Besitz der Firma Stollwerck. Ein weiteres dunkles Kapitel eröffnete sich in der Nazi-Zeit. Das Unternehmen wurde als „NS-Musterbetrieb“ ausgezeichnet. Stollwerck war der erste Betrieb in ganz Deutschland, der diese Auszeichnung bekommen hat. Als erste Firma hatte Stollwerck einen Kindergarten gegründet, Wasch- und Sozialräume eingerichtet. 

 
Wir spazieren weiter zur Bottmühle. Herr Schiffer zieht einen Schlüssel aus der Tasche uns schließt das Tor auf: „Den habe ich mir für die Führung ausgeliehen“. Wir dürfen den Turm „An der Bottmühle“ besteigen, um von dort aus einen besseren Überblick über das damalige Firmenareal zu erhalten. „Die Bottmühle wird gerade saniert. An dem Wochenende 3.-4. September findet ein Straßenfest mit der feierlichen Eröffnung des Turmes statt,“ informiert uns Herr Schiffer. Wir erklimmen die erste Plattform. „Diese Plattform ist gebaut worden, um Geschütze gegen die Franzosen aufstellen zu können. So hat es 20 bis 30 Jahre gestanden, dann wurde eine Mühle darauf gebaut. Um 1678 wurde hier Korn gemahlen,“ weiß unser der Museumspädagoge. Wir steigen über die Wendeltreppe zum Turm auf. Oben angekommen liegt unter uns die Südstadt und wir genießen einen majestätischen Blick über unser Veedel.

 

 

Wir sehen das ganze Gebiet, auf dem sich vor rund 100 Jahren die Gebäude der Firma Stollwerck erstreckten. Heute beherbergen Eigentums- und Sozialwohnungen die alten Gemäuer. Und das kam so: In den 60er Jahren wollte die Deutsche Bank Stollwerck loswerden und wurde auf Hans Imhoff aufmerksam. Der Sohn einer alten Kölner Familie hatte nach dem Krieg so genannte ‚Kompensations-Geschäfte’ gemacht und Ende der 40er Jahre eine Schokoladenfabrik an der Mosel gekauft. Die Deutsche Bank bot dem Geschäftsmann die Firma Stollwerck an – und Hans Imhoff kaufte. Allerdings sagte dem neuen Eigentümer die Lage in der Südstadt nicht zu, und er schloss 1975 das Werk in der Südstadt, das dann nach Porz abwanderte. Ein großer Verlust. Arbeiteten 5.000 Menschen noch in der Südstadt, so waren nur noch 300 in Porz beschäftigt. Das Gelände der alten Fabrik verkaufte er gewinnbringend an Detlef Rüdiger. Das Angebot der Stadt fiel dabei viel zu niedrig aus. Doch dann kam 1978 der Sanierungsplan für das Areal, was bedeutete, dass jede Veränderung mit der Stadtverwaltung abgestimmt werden musste – und Rüdiger verlor sein Interesse an dem Gelände. Er verkaufte es mit großem Verlust an die Stadt, die einen Ideenwettbewerb über die weitere Nutzung des Areals ausrief. Und dann wurde ‚Stollwerck’ wieder berühmt: denn Anfang der 80er Jahre, als jahrelang nichts mit den Gebäuden geschah, besetzten ca. 600 Menschen die leer stehenden Häuser. Dies war die größte und längste Besetzung, die es in Köln je gab – und sogar von BAP besungen wurde. Was dann geschah, ist bekannt: Die Gebäude wurden saniert und eine Mischung aus Sozial- und Eigentumswohnungen ist entstanden. Ein wegweisendes Projekt, das das Gelände neu belebte.

 

 

Wir verlassen die Bottmühle und wandern zum Trude-Herr-Platz. „Das Bürgerhaus Stollwerck gehörte ja gar nicht zu Stollwerck,“ informiert Thomas Schiffer die verblüffte Gruppe. „Das Bürgerhaus Stollwerck ist noch ein Gebäude von den Preußen und gehörte dann der Post. Die Preußen nutzten es als Proviant-Depot für das Militär. Und der Kindergarten war früher eine Wagenhalle der Preußen. Köln wurde damals zum Schutz vor den Franzosen befestigt. Das Gebäude des Bürgerhauses, der Trude-Herr-Platz und die alte Wagenhalle gehörten aber mit zum Sanierungsplan und daher ist auch der Zusammenhang zu Stollwerck entstanden“.

Zurück zu Hans Imhoff, dessen Leben mit Schokolade verschmolzen ist. 1922 in der Fleischmengergasse geboren, wuchs er als kleiner Junge mit dem Duft der Stollwerck-Schokolade auf, kaufte die Firma später und sollte 1993 das „Schokoladenmuseum“ am Rhein eröffnen. Letztes Jahr dann endete die Geschichte von Stollwerck. Die Firma, die von 1839 bis 2015 der größte Schokoladenproduzent Kölns und zeitweise weltweit war, wurde von einer belgischen Firma aufgekauft. Auch der noch in Porz verbliebene Teil der Verwaltung wurde in diesem Jahr geschlossen und nach Norddeutschland verlegt. Ein großes Kapitel aus der Geschichte der Schokolade ging damit in Köln zu Ende.

 

Die Führung ist Teil der Rahmenprogramm zu Sonderausstellung im Schokoladenmuseum: „Schokoladen-Rausch im Rheinland“
Bis zum 14. November 2016

 

Text: Aslı Güleryüz

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