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Gesellschaft

Das werde ich nie tun… oder doch?

Montag, 4. Juli 2022 | Text: Hanna Bolin | Bild: Basis-Film Verleih, DFF

Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten

„Niemand ist sicher vor einem Gedanken, der ihn durchzuckt. Niemand kann sagen: Das werde ich nie tun.“ – Marguerite Duras.

Mit diesem Zitat beginnt der Film „Gotteszell – ein Frauengefängnis“ von Helga Reidemeister, der am Montagabend im Filmclub 813 gezeigt wurde. Den Abend plante die aktivistische Gruppe „Solidarity 1803“ aus der Südstadt gemeinsam mit „EXITEnter-Life“ und dem Filmclub 813. Das Ziel: „Aufklären“, erzählt Alexia Metge, eine ehemalige Insassin der Justizvollzugsanstalt Köln Ossendorf. Das Gefängnis sei ein Thema, mit dem sich die Gesellschaft sehr ungern beschäftige. Das weit verbreitete Vorurteil, wer im Gefängnis sitzt, habe das schon irgendwie verdient, hält sich beharrlich. Und dennoch weiß die Mehrheit der Zivilgesellschaft nicht, wie der Alltag in einem Gefängnis aussieht oder welches Delikt den größten Anteil an Strafgefangenen in Deutschland ausmacht.

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„Wie viele Menschen sitzen in Deutschland im Gefängnis?“, fragt Lisa Schneider. Sie ist Sonderpädagogin und Kriminologin und engagiert sich bei „EXITEnter-Life“. Vor der Filmvorstellung führte sie als Wissenschaftlerin zunächst in die Thematik von Frauen in Gefängnissen ein. Die Antwort auf die Eingangsfrage lautet: Ungefähr 46.000 Menschen sitzen in Deutschland im Gefängnis. Davon sind nur etwa 5% weiblich gelesene Menschen. Über Schwangere, im Gefängnis geborene Kinder oder einsitzende trans Menschen gibt es keine Daten.

Filmvorführung mit Diskussion: Lisa Schneider und Alexia Metge (Foto: Hanna Bolin)

Vorwurf der Verharmlosung

Die Dokumentation von Helga Reidemeister stammt aus dem Jahr 2001. Sie zeigt sechs inhaftierte Frauen aus dem einzigen Frauengefängnis in Baden-Württemberg „Gotteszell“. Mal erzählen sie von den Straftaten, die sie begangen haben und reflektieren über ihre Gründe oder Auslöser. Mal werden die Frauen bei „alltäglichen“ Situationen hinter Gittern begleitet. Zwei der Befragten haben sich nach der Veröffentlichung des Filmes jedoch davon distanziert und der Regisseurin Verharmlosung vorgeworfen. Reidemeister äußerte sich zu den Vorwürfen mit Zustimmung – sie habe einiges vereinfacht dargestellt, da es ihr Ziel war, dass die Dokumentation im Fernsehen gezeigt werde. Hätte sie die Situation unverschönert dargestellt, wären ihrer Meinung nach Menschen, die sich mit den Lebensrealitäten eines Frauengefängnisses noch nie auseinandergesetzt haben, zu sehr verstört worden. Im Jahr 2002 wurde der Film im Ersten gezeigt.

Gotteszell Filmplakat (Bild: Basis-Film Verleih, DFF)

Persönliche Geschichten der Inhaftierten

Die Zuschauer:innen des Filmes lernen Petra, Marion, Nicole, Babs, Sylvana und Andrea kennen. Sie sitzen im Gefängnis, weil sie wie Babs, Sylvana und Andrea mit Drogen gedealt, wie Nicole gezündelt oder wie Petra und Marion Gewalt angewendet haben. Petra sitzt wegen Mordes, Marion wegen Totschlags. Sie alle haben eins gemeinsam: Sie erlebten selbst Gewalt, sexualisierte sowie physische, Unterdrückung und Fremdbestimmung. Mit der Reflexion darüber wollen sie ihre Taten jedoch nicht rechtfertigen, sondern sie lediglich erklären. Und immer wieder schwingt die Ausgangsfrage mit: Hätte ich nicht vielleicht auch so gehandelt? Kann ich ehrlich behaupten, dass meine Reaktion nie so ausgefallen wäre? Die Dokumentation und die Erzählungen der Gefangenen wirft existenzielle Fragen auf. Wieso darf eine Person über eine andere urteilen? Was heißt es, schuldig zu sein? Was ist gut und was ist böse?

Die Geschichte von Marion zeigt diese Ambivalenzen eindrücklich auf. Sie berichtet, dass sie seit dem Alter von sechs Jahren von ihrem Vater, ihrem Bruder und ihrer Mutter Gewalt erfahren hat. Ihr Vater vergewaltigte sie regelmäßig. Auch aus ihrem Arbeitsleben als Kellnerin kennt sie sexualisierte Übergriffe. Eines Abends war sie auf dem Nachhauseweg, als sie ein Mann ansprach und sie angrapschte. Mehrmals will Marion laut und deutlich gesagt haben, dass er sie in Ruhe lassen soll. Der Mann machte weiter. Und Marion rastete aus. Sie erzählt, sie habe sich körperlich gewehrt, irgendwann habe sie nur noch ihren Vater vor sich gesehen. Der Mann, der sie angriff, starb. Marion wurde zu 9 Jahren wegen Totschlags verurteilt. Sie habe den Mann nicht töten wollen, sie habe nur gewollt, dass er aufhört.

Realitätsabgleich des Dargestellten

Auch die Beamtinnen der Justizvollzugsanstalt Gotteszell kommen in der Dokumentation zu Wort und erzählen von Ambivalenzen bezüglich der Inhaftierten. Eine Schließerin berichtet, sie stelle sich selbst manchmal die Frage, ob die „Guten“ nicht einsitzen und die „Schlechten“ frei herumliefen. Die Beamtinnen werden als Freundinnen der Inhaftierten dargestellt, als gäbe es das Machtgefälle von Frauen, die die Einrichtung jederzeit verlassen können und denen, die das nicht können, gar nicht.

Alexia Metge, die den Alltag im Gefängnis der Justizvollzugsanstalt Ossendorf am eigenen Leib erlebt hat, schloss an die Filmvorstellung am Montagabend einen Bericht über ihre Erlebnisse an. Sie fragt die Anwesenden: „War das echt?“ Die Zuschauer:innen sind sich uneinig. Das, was die Inhaftierten ausgesagt haben, sei echt, so Metge. Vieles, was die Beamtinnen jedoch sagten und wie sie sich verhielten, entspreche nicht der Wahrheit. Zumindest habe sie das anders erlebt. Dem stimmt Lisa Schneider zu. Auch die Distanzierung der zwei Inhaftierten spricht dafür, dass einige Situationen anders dargestellt wurden, als sie sich tatsächlich abgespielt haben. Reidemeister selbst räumte dies ein. Allerdings stellte sich im anschließenden Gespräch zwischen Metge, Schneider und dem Publikum auch immer wieder die Frage: Was wurde ausgelassen? Worüber wurde erst gar nicht gesprochen?

Alexia Metge (Foto: privat)

Kritik in der Diskussionsrunde

Es fällt zum einen auf, dass lediglich weiße, junge bis mittelalte Frauen gezeigt wurden. Ältere Frauen und Menschen mit Migrationsgeschichten kamen gar nicht vor. Zum anderen fanden weder Unstimmigkeiten noch Diskussion der Frauen untereinander statt. Gezeigt wird weder Rassissmus noch andere Formen der Diskriminierung zwischen Schließer:innen und Inhaftierten. Ein Mann aus dem Publikum erzählt, er habe selbst einmal im Gefängnis gesessen und finde, dass das Machtgefälle zwischen Bediensteten und Inhaftierten nicht wahrheitsgetreu dargestellt werde. Die Beamtinnen in Gotteszell hätten die komplette Verfügungsgewalt gegenüber den Menschen, die dort einsitzen. Davon sei in der Dokumentation leider nichts zu sehen.

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Was von den Eindrücken aus der Dokumentation bleibt, ist die Feststellung, dass viele nicht wissen, wie es im Gefängnis zugeht und welchen Schikanen die meisten Inhaftierten tagtäglich ausgesetzt sind. Das Fazit eines Anwesenden: „Je mehr wir drauf gucken, was im Gefängnis passiert, desto weniger können die Beamt:innen ihre Macht missbrauchen.“

Text: Hanna Bolin

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