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Kultur

Drunter und drüber

Sonntag, 20. November 2011 | Text: Nora Koldehoff | Bild: Karsten Schöne/ Eusebius Wirdeier

Geschätzte Lesezeit: 6 Minuten

Eine Radiosendung brachte Eusebius Wirdeier 2002 auf den Plan. In der Sendung hieß es, dass im Zusammenhang mit dem Bau der Nord-Süd-Stadtbahn in Köln auch die größte archäologische Ausgrabungsstätte Europas entstehen würde, und das interessierte den Fotografen. Er akkreditierte sich, erhielt einen Baustellenausweis und begleitete von 2003 an den Bau der Bahn fotografisch als eigenes, zunächst ergebnisoffenes Projekt, das nun, acht Jahre später doch ein Ergebnis hat, gebunden, 96 Seiten stark und im eigenen „Verlag der Eusebius-Werke“ erschienen ist. „Zeitraffer Waidmarkt“ heißt das Buch, das den Waidmarkt am nördlichen Ende der Südstadt so abbildet, wie er sich seit 2003 präsentiert: als eine der größten innerstädtischen Baustellen Kölns. Als einer der Orte, an dem sich die Stadt zur Zeit am stärksten verändert. Und seit dem Einsturz des Historischen Archivs auch als jene Stelle, an der am deutlichsten sichtbar ist, um welchen Preis all dies geschieht.

Eigentlich war nur die archäologische Arbeit Wirdeiers Thema, und so stand der heute 61-Jährige, mit Warnweste, Helm und Sicherheitsschuhen ausgestattet, regelmäßig hinter den Archäologen und schaute ihnen mit seinen Kameras über die Schulter.
Zunächst wurde das mit Skepsis gesehen, erinnert er sich heute. Schlechte Erfahrungen in der Vergangenheit führten bei vielen Archäologen zu einer ganz grundsätzlichen Sorge: Sorge um die Funde zum Beispiel oder um das Recht der Erstveröffentlichung. Mit der Zeit aber erkannte man sich auf der Grabungsstelle wieder, man wusste, dass der Fotograf weder Grabräuber noch Wissenschaftsspion war, und das Vertrauen wuchs.

Dass Wirdeier womöglich der letzte Profifotograf sein würde, der den Waidmarkt in der Intensität dokumentierte, konnte ihm zu diesem Zeitpunkt selbst noch nicht klar sein.
Anlässlich der Ausstellung „Drunter und drüber. Der Waidmarkt. Schauplatz Kölner Geschichte 1“, die das Kölnische Stadtmuseum und das Römisch Germanische Museum gemeinsam präsentieren, erschien Wirdeiers Zeitraffer-Buch als eigener Beitrag. Vom Moment der Planung an, über den Bau der ersten Schlitzwände, Grabungen und archäologische Funde, den Einsturz des Archivs und dem Abriss der umgebenden Häuser und des Portikus – eines alten preußischen Wachgebäudes – bis zum Abriss des Polizeipräsidiums und dem Bau des Bergungsbauwerks dort, wo das Stadtarchiv stand, dokumentiert das Buch in einer 51 Fotos umfassenden Auswahl aus einem riesigen Bilderkonvolut die Veränderungen am Waidmarkt.

 

Der Fotograf Eusebius Wirdeier an seinem Arbeitsplatz, dem Waidmarkt.

 

Eusebius Wirdeiers Werdegang liegt eine vielseitige Ausbildung in Grafik Design, freier Kunst und Bildhauerei zugrunde. Im Laufe der Jahre wurde dann vor allem die Fotografie zum Mittel der Wahl. In den Jahren 2001 – 2004 lehrte der gebürtige Dormagener an der Bergischen Universität Wuppertal „Fotografie in der Architektur“. Die Studenten waren es damals, die ihn zur digitalen Fotografie brachten, denn einige lösten die ihnen gestellten Aufgaben nicht mehr analog. Und um dies dann angemessen beurteilen und auch mithalten zu können, machte sich auch Wirdeier mit der neuen Technik vertraut. Erst mit zurückhaltender Skepsis – er sei eigentlich ein Mann der Dunkelkammer, sagt er und lacht. Inzwischen aber füllen allein die digitalen Bilder, die über den U-Bahn-Bau entstanden sind, mehrere Festplatten.

Irgendwann brachte er beide Kamerasysteme mit in die Schächte, ebenso wie die Archäologen. Und der Fotograf lernte viel über ihre Aufgaben und ihre Rolle, die bei allen Bauarbeiten im Stadtgebiet klar definiert ist: Die Wissenschaftler stehen unmittelbar hinter den Bauleuten, beobachten die Erdschichten, in denen sie Funde erwarten sehr genau und schalten, wenn sie etwas entdecken, mit einem einfachen „Stopp“ das Zeitrad mehrere Gänge herunter. Dann wird erst vermessen, vermerkt, fotografiert und die Lage akribisch festgehalten, bevor man das Fundstück vorsichtig und fachgerecht sichert. In der Kölner Innenstadt ist man auf diesen Fall vorbereitet und er wird mit eingeplant. Immer sind beide Gruppen – Bauarbeiter und Archäologen – anwesend, und wer in Köln bauen möchte, muss als Bauherr auch die Sicherung der Funde sowie die Archäologen mitbezahlen. Umgekehrt, berichtet Wirdeier, gebe es in Köln keine Orte, an denen Archäologen abseits von Baustellen tätig sind. Wo nicht gebaut wird, wird auch nicht gegraben.

So gab es am Alter Markt den kuriosen Fall, dass sich ein Schiff etwa zur Hälfte auf dem zu bebauenden Grundstück befand. Im ehemaligen, später verlandeten römischen Hafen auf Grund gelaufen, wurde es mit der Zeit zugekippt und tauchte erst beim Bau der entsprechenden U-Bahn-Haltestelle wieder auf – allerdings nur zur Hälfte. Der Rest befindet sich unter einem Grundstück, der vom Bau der Strecke nicht betroffen ist. Die Schlitzwände für den Bahnhof, die als erstes gesetzt werden und grob den Umriss des späteren Baus umreißen, führen in diesem Fall mitten durch den Fund hindurch und teilen und zerstören ihn an der Stelle auch. Erst wenn irgendwann einmal auch auf dem benachbarten Grundstück gebaut werden sollte, könnte dort auch die andere Hälfte des antiken Schiffes gesichert werden.

Neben der archäologischen Arbeit steht im Fokus des Buches das Stadtarchiv, dem Wirdeier sich sehr verbunden fühlt. Schon als kleinem Jungen brachte ihm sein Vater die Bedeutung dieses wichtigsten kommunalen Archivs in Nordeuropa nahe. Damals befand es sich noch im neugotischen Gebäude am Gereonskloster.
1991 stellte Wirdeier im Archivgebäude am Waidmarkt fotografische Arbeiten mit dem Titel „Trotzdem Alaaf!“ aus, die im Karneval des gleichen Jahres entstanden waren, der stattfand, auch wenn wegen des Golfkriegs der Rosenmontagszug ausfiel.

Nach der Ausstellung nutzte er das Archiv auch selbst, gestaltete und produzierte in Zusammenarbeit mit Archivaren ein Findbuch zur Sozialen Bewegung von 1970-1990 und ist Gründungsmitglied des 2006 entstandenen Freundeskreises.

 

Bauschutt weit und breit an der Stadt-Archiv-Einsturztzstelle Waidmarkt.

 

Vom Einsturz des Historischen Archivs der Stadt Köln im März 2009 hatte der Fotograf erfahren, als er selbst gar nicht in Köln war. Der Schock war trotzdem groß. Weil er wegen seiner Abwesenheit unmittelbar nach der Katastrophe, bei der zwei Menschen starben, nicht fotografieren konnte, ist im Zeitraffer-Buch stellvertretend für diese Zeit ein schwarz gerändertes Foto abgebildet, auf dem eine Aktenkartonbeschriftung arg durch Bauschutt entstellt, aber immer noch erkennbar ist. Mit Stahlscheren, mit denen sonst Autowracks geöffnet werden, hatte die Feuerwehr damals deformierte Aktenschränke aufgebrochen und Archivalien in Container verfrachtet. Wirdeier besuchte seitdem nicht nur weiterhin die Einsturzstelle, sondern auch das Erstversorgungszentrum und die Schuttsortierhalle in Porz und dokumentierte fotografisch, was er sah.

Mit der Frage, was nun mit dem Platz geschehen wird, an dem das Archiv einmal stand, setzen sich inzwischen verschiedene Institutionen und Initiativen auseinander. Eusebius Wirdeier selbst engagiert sich in einer Bürgerinitiative und für eine Bürgerbeteiligung, weil ihm das Thema sehr am Herzen liegt. Eine seiner ersten Ideen für den Waidmarkt war eine neue Kunsthalle. Der Gedanke entstand während der Arbeit an einem anderen Projekt, bei der er den Abriss der Josef-Haubrich-Kunsthalle am Neumarkt fotografierte und gegenüber, an der Volkshochschule, auf einmal der Ikarus des Friedrich-Wilhelm Gymnasiums als Banner auftauchte. Inzwischen sind viele Iden gesammelt worden, und Wirdeier ist nicht mehr allein auf die Kunsthallen-Idee festgelegt. Eine kulturelle Nutzung, die wieder Bürger dorthin zieht und gleichzeitig den schrecklichen Ereignissen und den Betroffenen gerecht wird – den Anwohnern, den Angehörigen der Toten und den Menschen, die im Archiv arbeiten – befürwortet er aber nach wie vor.
 Bevor es um eine endgültige Neunutzung des Grundstücks am Waidmarkt geht, die vermutlich erst in einigen Jahren möglich wird, kann zunächst über künstlerische Interventionen in der Zwischenphase nachgedacht werden.

Eusebius Wirdeier hatte schon einmal an anderer Stelle einen Vorschlag gegen das Vergessen gemacht: Schon vor dem Einsturz des Stadtarchivs hatte die KVB ein Wettbewerb zur Gestaltung der neuen U-Bahnhöfe ausgelobt. Wirdeier hatte sich mit etwa 50 anderen Künstlerinnen und Künstlern daran beteiligt. Er wollte zum Thema machen, dass die Anwohner der neuen Strecke währen des Baus sehr lange massive Behinderungen, Umleitungen und Unannehmlichkeiten ausgehalten hatte. Das sollte weder vergessen noch als selbstverständlich angesehen werden – zumal ja viele Kölner ganz grundsätzlich die gesamte U-Bahn-Planung von Anfang an eher mit gemischten Gefühlen begleitet hatten. Wie recht sie hatten, sollte sich erst im März 2009 am Waidmarkt traurig bestätigen. Schon davor aber stieß der Vorschlag von Eusebius Wirdeier, den schwierigen Wandel entlang der neuen Strecke fotografisch in die Bahnhöfe mit einzubringen, auf wenig Gegenliebe. Gewundert, sagt er heute und blickt auf die Baugrube am Waidmarkt, habe ihn das schon damals nicht.

Buch:
Zeitraffer WaidmarktBildarchiv 2004–2011 ist erhältlich im Buchhandel, auch in der Südstadt, am Chlodwigplatz, an der Mainzer Straße, auf der Severinstraße und am Waidmarkt. Auf der Website von Eusebius Wirdeier, www.eusebius-wirdeier.de kann man das Buch ebenfalls bestellen.  

Ausstellung:
Drunter und drüber. Der Waidmarkt. Orte Kölner Geschichte 1.
08.10. 2011 – 18.2.2012
Kölnisches Stadtmuseum, Zeughausstraße 1 -3, 50667 Köln
Di 10-20 Uhr, Mi-So 10-17 Uhr, Feiertags 10-17 Uhr, jeden ersten Do 10-22 Uhr
Eintritt 3,50 €, ermäßigt 1,50 €

Am Samstag, 10. Dezember 2011 ab 16 Uhr wird Eusebius Wirdeier am Waidmarkt eine Führung rund um die Einsturzstelle veranstalten, an der maximal 25 Personen teilnehmen können. Verbindliche Voranmeldung im Kölnischen Stadtmuseum unter sascha.pries@stadt-koeln.de oder unter 0221-221-28462 ist erforderlich. Kosten: 7 € inklusive 3,50 € für das Kölnische Stadtmuseum mit anschließender Führung. Festes Schuhwerk wird empfohlen, die Führung findet bei jedem Wetter statt. Treffpunkt Waidmarkt 2.

 

Text: Nora Koldehoff

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