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Kultur

Form follows feeling

Freitag, 22. Juni 2012 | Text: Nora Koldehoff | Bild: Tamara Soliz

Geschätzte Lesezeit: 6 Minuten

– Arbeiten und Spielen. Designpreise gibt es wie Sand am Meer – und das nicht ohne Grund. Die Firmen, die sie ausloben, suchen auf diese Weise nach Gestalternachwuchs. Viele Designer arbeiten bereits während ihres Studiums an professionellen Projekten. Später wechseln sie in Agenturen oder machen sich selbstständig – die Szene ist unübersichtlich. Der „Kölner Klopfer“ aber, den die Köln sitzende International School of Design seit 1996 an den/die weltbesten Designer/in oder eine Gruppe Designer verleiht, hat ein anderes Ziel.

Hier soll es noch um das Eigentliche gehen: die Suche nach der neuen Idee, dem guten Entwurf, der nicht sofort eine Praxisanbindung und kommerzielle Verwertbarbeit haben muss. Vorschlagende für diese finanziell nicht dotierte Auszeichnung ist deshalb eine ganz besondere Jury. Die Studierenden der Hochschule in der Südstadt selbst haben nicht nur das Vorschlagsrecht, sie stimmen geheim ab und organisieren die Verleihung eigenständig. Für die Ausgezeichneten gibt es nur eine Bedingung: Sie müssen selbst am Ubierring erscheinen, um den Preis in Empfang zu nehmen. In diesem Jahr ging der Kölner Klopfer an die französischen Designer Ronan und Erwan Bouroullec. Vorgeschlagen hatte die Brüder der Kölner Student Tobias Nickerl – der dafür gestern Abend die Laudatio halten durfte.

Meine Südstadt: Warum gerade die Bouroullecs?
Tobias Nickerl: Ich finde ihr Design faszinierend, auch gerade, weil es dem aktuellen Retro-Trend entgegensteht. Während dort immer wieder Formen und Designs wiederholt werden, die es schon gab, ist das der Bouroullecs inspiriert von der Natur und anderen Dingen, das Wesen des Objektes spielt dort eine zentrale Rolle, nicht die Reminiszenz an schon existierende Dinge. Und sie denken nicht allein an die Funktion: Sie wollen nicht nur einen Stuhl entwerfen, der funktioniert, sondern einen, bei dem man sich gut fühlt. Ihre Designs sind ein „Feel Good Design“.
Ein gutes Beispiel ist der „Chair vegetal“, an dem sie vier Jahre gearbeitet und den sie immer wieder neu überarbeitet haben, weil die Industrie meinte, so könne man den nicht herstellen. Als dann irgendwann grünes Licht kam, hatte der Stuhl nicht mehr den Charakter, den die Bouroullecs intendierten, also arbeiteten sie so lange daran weiter, bis beide Seiten in Einklang waren. Jetzt ist der Stuhl eines der meistverkauften Objekte bei Vitra – also hat die Mühe sich gelohnt. Das finde ich bewundernswert, wie man an den eigenen Ideen und Überzeugungen festhält, bis es wirklich stimmig ist: Nicht das schnelle Geld zu machen, sondern das zu vertreten und umzusetzen, hinter dem man wirklich steht.

Was hat besonders Dein Interesse geweckt?
Eben jener Stuhl, aber eben auch in einer Reihe mit den organischen Formen anderer Produkte. Das Verflochtene, Raumgebende – man schaut es sich an und erkennt gleich, dass es ein Design der Bouroullecs ist. Und ich fand nicht nur das Aussehen, sondern auch das Konzept dahinter interessant. Sie beschäftigen sich viel mit Raumkonzepten und der Art und Weise, wie man Räume in einem Raum gestalten kann, zum Beispiel mit einem Sofa, deren Module unterschiedliche Möglichkeiten der Anordnung bieten, damit der Benutzer es so verwenden kann, wie es für ihn gut ist.
Auch interessant finde ich, dass die Bouroullecs interdisziplinär arbeiten, sie entwerfen kleine Gebrauchsgegenstände, aber auch beispielsweise ein Boot. Das ist auch etwas, das charakteristisch für das Studium an der KISD ist: Man kann sehr breit gefächert lernen, überall reinschauen und die Erfahrungen dann wieder in anderen Bereichen anwenden. Ich finde, die Arbeiten der Bouroullecs haben etwas sehr Grafisches, das dann wiederum auf Gegenstände angewandt in den Raum wächst.

Wie war die Reaktion der Bouroullecs auf den Preis?
Die Reaktion kam prompt. Sie schrieben sofort zurück, sie würden sich sehr freuen und geehrt fühlen und den Preis sehr gern entgegennehmen. Und für uns ist es natürlich schön, ein Vorbild persönlich kennenzulernen. Die Verleihung des Kölner Klopfers wird ja komplett von Studierenden organisiert und durchgeführt, da geben dann die Begegnung und der Austausch selbst die entsprechende Motivation. Und eben der Wunsch, jemanden auszuzeichnen, der uns besonders wichtig ist. Dafür arbeitet man für so eine Veranstaltung dann eben auch mit Herzblut. Die Designer reagieren eigentlich alle sehr positiv. Unser Preis hat keine taktischen Gründe, und sie sehen in uns wiederum eine Jury, mit der sie sich identifizieren können, an die Zeit denkend, bevor sie große Namen hatten.

Welches wäre Deine Wunschvorstellung für Dein späteres Arbeitsleben?
Ich bin nicht wirklich spezialisiert, mache im Moment ein Auslandssemester Produktdesign in Paris, interessiere mich aber auch für Grafikdesign, Videos. Ich könnte mir vorstellen, in einer Agentur zu arbeiten, die viele Bereiche anbietet und viele Lösungen sucht – vielleicht als Problemlöser.

Besteht bei der Arbeitssuche von Seiten der Arbeitgeber die Sorge, dass Vielseitigkeit auf Kosten von Fachwissen und Professionalität gehen könnte?
Ich denke, dass die KISD da auf einem sehr hohen Niveau ausbildet. Durch den Austausch mit anderen Fächern, Studiengängen, aber auch internationalen Partnerhochschulen, durch enge Zusammenarbeit mit Fachleuten aus aller Welt, man wird hier zu einer Art Allrounder ausgebildet. Und ich finde es auch wichtig, dass in Firmen Leute gibt, die verbinden können, weil man weiss, was in den anderen Bereichen passiert.

 


Meine Südstadt: Monsieur Bouroullec, welche Bedeutung hat für Sie der Preis der Studierenden?
Erwan Bouroullec: Das ist etwas sehr besonderes. Je jünger du bist, desto unschuldiger bist du. Ich habe sehr jung angefangen, professionell zu arbeiten. Wenn du jung bist, berücksichtigst du nicht alle Aspekte deiner Arbeit. Du bist stark in radikalen Herangehensweisen, denn du bist zu jung um alle Faktoren zu sehen, die berücksichtigt werden müssten. Und je älter und professioneller du wirst, umso mehr bist du davon besessen, alles zu berücksichtigen. Das macht einen immer weniger unabhängig von Gewohnheiten. Also sagt die Ehrung durch einen Preis von Studenten vielleicht, dass meine Arbeiten eine Art Unabhängigkeit haben. Ich gehe manchmal in Schulen und Hochschulen und bin dann neidisch auf die Unabhängigkeit der jungen Leute dort.

Wenn Sie sagen „Der Benutzer entscheidet“, was wissen Sie oder was gilt es zu erfahren über die Bedürfnisse des Benutzers?
Ich denke, das Leben ist oft einfacher als wir denken. Wir neigen heute zu der Ansicht, dass jedes Detail uns betrifft. Und das macht manche Denkprozesse für uns komplizierter, als es sein müsste. Wenn ich ein Sofa, einen Tisch, Stühle entwerfe, lese oder erarbeite ich vorher keine Studien, wieviele Stunden Menschen am Tag arbeiten oder was sie tun, ich sammele keine Faktoren.

 

Wir machen natürlich auch Dinge, die viele Faktoren der Ergonomie berücksichtigen, aber einer der Vorteile der Globalisierung ist ja, dass man eine große Auswahl hat. Wenn wir ein Produkt machen, muss es nicht für jeden geeignet sein. Das war früher nicht so, da gestaltete man vor allem Möbel für die Menschen seiner Umgebung. Aber mit dem Transport, der Bewegung von Möbeln und Produkten ist es möglich, dass aus der Fülle des weltweiten Angebots jeder das heraussuchen kann, was er braucht und was gefällt. Ich brauche kein Schema des normalen Menschen, denn der normierte Mensch existiert meiner Ansicht nach nicht.

Bekommen Sie viel Feedback von Benutzern?
Hin und wieder bekommen wir nicht nur durch Verkaufszahlen Rückmeldung, sondern auch direktes Feedback. Menschen schicken uns Emails ins Studio, vor allem über das Sofa. Bei einem Sofa ist es ja oft so, dass es für sechs Monate perfekt ist und dann beginnt das Gewebe zu fasern. Und zwei Jahre später ist es wieder perfekt, dann ist es durch das Leben verändert, wie eine Tasche, die immer besser besser wird, je älter sie ist.

Was gibt Ihnen Anregung und Inspiration?
Wir beschäftigen uns sehr viel mit Details – die richtige Technologie zu finden, mit Materialien, Stabilität – und entwickeln aus dieser Arbeit ein Design, entwickeln eine Form nicht so sehr aus Anregungen von außen, wie das zum Beispiel bei Philippe Starck der Fall ist. Wir entwickeln den Charakter der Gegenstände durch seine immanenten Fragestellungen. Und während wir dies tun, versuchen wir, kreativ genug zu sein, um nicht ausschließlich die Voraussetzungen die Form bestimmen zu lassen. Wir haben kein Programm oder eine vorgegeben Idee. Da ist nichts, das ich unbedingt in jedem meiner Objekte einbringen möchte. Es gibt kein Dogma, das ich für mich beanspruchen könnte.

Wieviel von dem, was Sie in Ihrer Studienzeit erlernt haben, ist für Sie im Arbeitsleben anwendbar?
Ich lernte zu reden. Aber ich habe keine Design-Akademie besucht. Ich war in einer Schule für Gegenwartskunst – kein Design, keine Architektur. Es ging um Annahmen und Entscheidungen. Alles, was wir erarbeiteten und produzierten, hatte nichts mit der Realität zu tun. Es ging nicht darum, etwas stabil zu machen oder gut oder produzierbar; es ging darum, eine Idee zu entwickeln. Diese auch zu realisieren, hatte keine Bedeutung. Viele waren fasziniert von Performancekunst. Ein Mädchen meiner Schule machte ein Jahr lang nichts. Und am Ende des Jahres machte sie eine Art Show: Sie begann, auf spanisch zu singen,  und immer mehr kamen, und während sie sang, schnitt sie ihre Haare ab, die wirklich sehr lang waren. Niemand war in der Lage zu sagen, warum sie das tat. Ich habe kein Dogma in den Entscheidungen, die ich treffe.

Was würden Sie Studierenden heute mit auf den Weg geben?
Ein Rat: arbeiten, arbeiten, arbeiten. Und spielen, spielen spielen. Die Arbeit ist beim Entwerfen das Fundament, die Idee nur ein kleiner Teil, und sie verändert sich durch die Arbeit, wird überprüft, wird besser. Ich werde manchmal gefragt, ob es nicht immer eine Art Kompromiss ist, wenn sich eine Idee durch Fragen der Technologie oder des Marketing verändert. Aber es ist ja auch wichtig, dass eine Idee sich verändern kann und vom Wissen unterschiedlicher Fachleute profitiert: Das macht sie besser und den Prozess aktiv. Wir machen Produktdesign und spielen alle mit in einem großen Spiel namens Ökonomie.

Text: Nora Koldehoff

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