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Kultur

Für alles eine Ausrede

Montag, 1. Februar 2016 | Text: Alida Pisu | Bild: ©MEYER ORIGINALS

Geschätzte Lesezeit: 3 Minuten

Als wär’s eine Varietee-Bühne. Mit den blinkenden Lämpchen drum rum. Mit den beiden Röhrenmikrofonen im Stil der 30er Jahre. Mit den zwei Scheinwerferkegeln, an die Wand geworfen, in deren Licht sich jetzt ein Entertainer stellen könnte, um das Publikum zu begrüßen. Was heißt ein Entertainer, wenn zwei Scheinwerfer da sind. Na, dann betreten halt zwei die Bühne. Zwei Entertainer. Oder: ein Massenmörder und eines seiner Opfer. Oder: zwei Opfer. Oder: ich bin eigentlich dieser, könnte aber ebenso gut auch jener sein.

Und deshalb schlüpft er denn auch gekonnt in die Haut und in die Identität eines anderen. Als ihm kein anderer Ausweg mehr bleibt. Ihm, dem SS-Mann Max Schulz, der sich in Itzig Finkelstein verwandelt. Freund seit Kindheitstagen, auf einmal aber: ein Jude. Den er kaltblütig ermordet. Wie all die anderen auch. „Wie viele hast du eigenhändig umgebracht, Max?“ „Ungefähr Zehntausend. Nur um eine runde Ziffer zu nennen.“

Edgar Hilsenraths Romangroteske „Der Nazi und der Friseur“, 1977 in Deutschland veröffentlicht, erzählt vom Holocaust aus Sicht eines Täters. Der sich zum Opfer stilisiert und damit auch noch Erfolg hat. Eigentlich eine Ungeheuerlichkeit, denn wo bleibt da die Gerechtigkeit? Was ist mit Schuld und Sühne? Und ist es wirklich möglich, sich quasi zu häuten und in neuem Gewand, unter einem anderen Namen, ein fremdes Leben zu führen? Ohne dabei aufzufallen?

Die Bühnenadaption des Stoffes, der am „Freies Werkstatt Theater“ Premiere hatte, stellt diese Fragen. Die Antwort darauf muss jeder Zuschauer wohl selbst geben.
Wer da jetzt gerade auf der Bühne steht und erzählt, singt, tanzt oder in einen Dialog mit seinem Gegenüber verstrickt ist, das ist nicht immer sofort auszumachen. Sehen sich doch die beiden Akteure in ihren schwarzen Uniformen, den weiß geschminkten Gesichtern und ihren kahl geschorenen Köpfen viel zu ähnlich, um mit Bestimmtheit sagen zu können, ob Max seinen Stiefvater Slavitzki oral befriedigt oder ob es umgekehrt ist. Fest steht nur: Slavitzki ist ein Kinderschänder und hat Max bereits missbraucht, als er noch ein Säugling war. Max hat einen „Dachschaden“ davon getragen. Nähe und Wärme fand er bei Familie Finkelstein. In Finkelsteins Friseur-Salon „Der Herr von Welt“ hat er ebenso wie sein Freund Itzig eine Friseur-Lehre gemacht. Was ihm einerseits noch zugutekommen sollte und ihn andererseits nicht davon abhielt, die Familie im KZ zu ermorden.

Was sich so monströs anhört, kommt in der Inszenierung weitaus differenzierter und vielschichtiger daher. Stellenweise überaus unterhaltsam, wenn Till Brinkmann und Philipp Sebastian, um auch den Darstellern einen Namen zu geben, in rasendem Tempo die Rollen wechseln, sich die verbalen Bälle gekonnt zuwerfen, jüdische Lieder singen, miteinander streiten, zu einer Person verschmelzen. Um anschließend als Adolf Hitler in der Pose des Erlösers und seines Jüngers Max Schulz eine Lehrstunde über Pathos, religiöse Überhöhung und willige Verführbarkeit zu erteilen. Jesus auf dem Ölberg in der schlesischen Kleinstadt Wieshalle – grotesker geht es nimmer! Der permanente Rollenwechsel, großartig inszeniert (von Judith Kriebel) und ebenso großartig gespielt, ist eine adäquate künstlerische Umsetzung des Inhalts, der sich immer wieder darum dreht: wer bin ich und wie kann ich mich neu erfinden?

„Neu erfinden“ muss Max Schulz sich, nachdem der Krieg vorbei ist. Nachdem er, einer der schrecklichsten Momente der Inszenierung, in die Kate der uralten Veronja kommt und der Zuschauer Ohrenzeuge seines Mordens und ihres Sterbens wird. Veronjas Schreie, das Meckern einer Ziege, Vogelgezwitscher und Stille. Todesstille. Ein Mord von „Ungefähr Zehntausend. Nur um eine runde Ziffer zu nennen.“

 

Foto: Meyer Originals

Ziffern bzw. die Häftlings-Nummer des im KZ umgekommenen Itzig Finkelstein lässt Max Schulz sich tätowieren und nimmt die Identität seines Opfers an. Und das Wagnis gelingt. Er wandert nach Israel aus, eröffnet dort den Friseursalon „Der Herr von Welt“ und heiratet die dicke Mira, einzige Überlebende eines Massakers. Warum? „Wissen Sie, was Liebe ist? Was ich, der Massenmörder Max Schulz, für sie empfinde, muss es sein.“ Vielleicht ließe es sich auch anders formulieren: Täter und Opfer kommen nicht voneinander los. Max hätte ihr Mörder sein können. Dass Itzig ihr Mann wurde, Zufall oder Schicksal oder viel zu absurd und grotesk, um der Realität auch nur einigermaßen nahe zu kommen, wer weiß das schon.

Sicher aber ist: Opfer tragen ewig an ihrem Trauma. So wie die dicke Mira, die zur Fressmaschine wurde, weil sie nie wieder Hunger verspüren wollte. Täter dagegen kommen oft ungestraft davon. Sie leben unbescholten unter uns, sehen aus wie Gärtner, Arzte, Buchhändler oder eben Friseure. Weil sie den Opfern eines voraushaben: sie finden immer eine Ausrede, eine Beschönigung. Immer waren die Umstände oder die anderen schuld. So macht es auch Sinn, dass Max Schulz sein eigenes Urteil über sich spricht, natürlich ein: „Freispruch!“

Wie dieser Mensch (dieses Monster?) sich selbst inszeniert, wie er mit anderen spielt, wie er sich sein Leben zurechtbiegt, sich windet, um zu begründen und zu erklären, das ist Showtime. Das gehört auf die Bühne eines Varietees. Das ist Glitzer, aber kein Glamour. Denn unter dem Kostüm ist der Lack doch ab.

Das Publikum applaudiert begeistert, Till Brinkmann und Philipp Sebastian kann man nur eines attestieren: das sie unter die Haut zu gehen vermochten. So sehr, dass man nach 100 Minuten den Wunsch verspürt, mit anderen über das Gesehene zu sprechen. Weil es so beklemmend war. So aberwitzig. So unglaublich. Und doch auch so glaubhaft. Das ist das Bestürzende.

 

„Der Nazi und der Friseur“ nach dem Roman von Edgar Hilsenrath, Bühnenfassung: Judith Kriebel und Gerhard Seidel
Mit Till Brinkmann, Philipp Sebastian

Bühnenfassung und Inszenierung Judith Kriebel

Ausstattung Susanne Weibler, Musik: Matscho Herzschlag

 

Die nächsten Termine: 31. Januar, 10., 11., 26, 27., 28. Februar 2016
Freies Werkstatt-Theater, Zugweg 10, 50677 Köln
 

Text: Alida Pisu

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