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Kultur

„Ganz besonders herzlich begrüße ich dich, liebe Bombe!“

Sonntag, 9. Oktober 2011 | Text: Wassily Nemitz | Bild: Dirk Gebhardt

Geschätzte Lesezeit: 3 Minuten

Als unser Fotograf Dirk Gebhardt und ich abends auf dem Weg nach Hause am Waidmarkt vorbeikommen, merken wir es noch einmal in aller Deutlichkeit: Der Platz und seine Umgebung sind an Hässlichkeit kaum noch zu überbieten, die Atmosphäre ist seltsam, alles wirkt provisorisch. Als Auswärtiger würde man wohl sofort das Weite suchen und sich an einen schöneren Ort begeben. Zumindest die Kölner Kulturszene wird das ab sofort anders handhaben – dank einer neuen Ausstellung, die am Freitagabend (07.10.2011) im Kölnischen Stadtmuseum eröffnet wurde.

Unter dem Titel „Drunter und Drüber“ wird die Geschichte des Waidmarkts in den Sonderausstellungsräumen des Stadtmuseums präsentiert. Die Ausstellung ist ein Gemeinschaftsprojekt mit dem Römisch-Germanischen-Museum – erstmals, wie die Initiatoren nicht müde werden zu betonen. Zur Eröffnung gekommen sind eigentlich alle, die in irgendeiner Weise mit dem Waidmarkt verbunden sind. Anwohnerinnen und Anwohner, der Pfarrer von St.Georg, Reuter, der Vorstandssprecher der Kölner Verkehrs-Betriebe (KVB), Fenske. Letzterer wäre wohl am liebsten niemals zu einer solchen Veranstaltung eingeladen worden. Denn sein Unternehmen hat zweifelhafte Bekanntheit in Zusammenhang mit dem Waidmarkt erlangt: Kein Ereignis wird wohl so sehr mit dem Waidmarkt verbunden wie der Einsturz des historischen Stadtarchivs am 03.März 2009.

 

Das ist mit der Anlass, dass der erste Teil der neuen Ausstellungsreihe „Drunter und Drüber“ vom Waidmarkt handelt, berichtet Dr. Marcus Trier, kommissarischer Leiter des Römisch-Germanischen Museums (RGM). Er ist zuständig für das „Drunter“ im Veranstaltungstitel – also für Ausgrabungen, die im Rahmen des Neubauprojektes der Firma „Fay“ durchgeführt wurden.

Für die Archäologen traten erstaunliche Funde zu Tage: So konnte nachgewiesen werden, dass bereits zu Römerzeiten ein Straßennetz im Schachbrettmuster vor den Toren des damaligen Colonia Claudia Ara Agrippinensium angelegt war. Als das römische Köln von den Germanen belagert wurde, habe man die Vorstadt aufgelöst und sich hinter die Stadtmauern zurückgezogen, berichtet Dr. Trier. In der Folge wurden die aufgelassenen Häuser als Grabstätten genutzt – bis zur Zeit des Mittelalters Leben auf das Gelände zurückkehrte. So wurden auf dem Areal des ehemaligen Polizeipräsidiums Relikte aus allen Nutzungsphasen gefunden: Vasen, Grabbeigaben, Relikte von Fundamenten und Straßen oder Latrinen. Bei der Bergung der Latrinen seien „die Grundsinne der Kollegen stark strapaziert worden“, manches sei zwar sehr alt, aber dennoch „noch ziemlich frisch“ gewesen, erzählt Dr.Trier unter dem Gelächter der Anwesenden.

Die Erheiterung des Publikums findet kaum ein Ende, als Dr. Mario Kramp, Direktor des Kölnischen Stadtmuseums, ans Mikrofon tritt. Er wolle anstatt einer Rede nur Begrüßungen durchführen, behauptet er. Und daran hält er sich und grüßt Persönlichkeiten der vergangenen eintausend Jahre, die für das „Drüber“ am Waidmarkt, verantwortlich sind. Unter anderem werden auf diese Art und Weise Erzbischof St.Anno und Karl Friedrich Schinkel willkommen geheißen. Unter den verstorbenen, angeblich Anwesenden, ist auch Franz Grobben, ehemaliger CDU-Regierungspräsident von Köln. Er danke ihm dafür, sagt Dr. Kramp, dass er Ende der 1960er Jahre von Polizisten in einer öffentlichen Toilettenanlage am Waidmarkt festgenommen worden sei – deswegen habe man seitdem fast kontinuierlich eine SPD-Regierung in Nordrhein-Westfalen. Grobben wurde damals beschuldigt, homosexuelle Handlungen durchgeführt zu haben, weil er auf der öffentlichen Toilettenanlage, die im Übrigen bis 1994 bestand, mit anderen Männern angetroffen wurde. „Nachgewiesen“ werden konnte ihm nie etwas (nach damaligem Rechtsverständnis wäre das noch ein Vergehen gewesen). Die politische Karriere Grobbens war damit jedoch beendet – und die CDU geriet in eine Krise.
Am Ende seiner Ansprache begrüßt Dr. Kramp eine 2,5 Zentner-Bombe aus dem zweiten Weltkrieg mit den Worten: „Ganz besonders herzlich begrüße ich dich, liebe Bombe!“. Sie war beim Bau des neuen Stadtquartiers am Waidmarkt gefunden – und unschädlich gemacht worden. Jetzt ist auch sie in der Ausstellung zu finden, zusammen mit Gegenständen von Opfern des zweiten Weltkriegs, die beim Bau des Polizeipräsidiums (1953-1960) entdeckt worden sind.

Bürgermeisterin Elfi Scho-Antwerpes (SPD) zeigt sich in ihrer Ansprache, wie sollte es anders sein, erfreut über die neue Ausstellung. Der Waidmarkt sei ein „bedeutender Ort“, der viel hinter sich habe. Um auch denjenigen, die es noch nicht verstanden haben, zu helfen, weist sie darauf hin, dass der Titel „‘Drüber und Drunter‘ doppeldeutig gemeint“ sei.

Musikalisch begleitet wird der Abend durch den Kölner Männer Gesangs-Verein, der 1842 am – richtig, Waidmarkt gegründet wurde. Die Mitglieder des Chores wirken als wären vom Herzen her bereits von Anfang an dabei. Sie bewegen einige, insbesondere ältere Besucher dazu, mitzusingen, so zum Beispiel „Et Mayers Kätsche“.

 

Ein Rundgang durch die Ausstellung, die meisten Besucher bedienen sich derweil am Getränkestand, zeigt, dass die erstmalige Kooperation zwischen Römisch-Germanischem und dem Stadtmuseum gelungen ist. Über zwei Etagen wird die Geschichte des Waidmarkts chronologisch und sachte multimedial dargestellt – von den Anfängen in der Römerzeit bis zu den Neubauplänen der Firma „Fay“ 2011. Eine kleine Sonderabteilung ist der Bedeutung der Farbe Blau für den Waidmarkt gewidmet – mit interessanten Informationen und Hörstationen. Im Angebot unter anderem: „Blau ist der Enzian“ von Heino.

Wir hoffen, dass bei der nächsten „Drunter und Drüber“-Folge 2013 die Farbe Blau keine Rolle mehr spielen wird – Thema ist dann der Eigelstein.

Bei der Rückfahrt von der Ausstellungseröffnung dann werden Dirk Gebhardt und ich hoffentlich einen ansehnlicheren Waidmarkt zu sehen bekommen – „Fay“ will mit seinem Projekt Ende 2012 fertig sein. „Fay“ ist nicht die Stadt oder die KVB – wir können also dran glauben.

Die Ausstellung „Drunter und Drüber am Waidmarkt“ läuft noch bis zum 18. Februar 2012 im
 
Kölnisches Stadtmuseum
Zeughausstraße 1-3
50667 Köln
 
Öffnungszeiten:
Mo: geschlossen
Di: 10-20 Uhr
Mi-So: 10-17 Uhr
3.11., 1.12., 6.1., 3.2.: 10-22 Uhr
 
Eintrittspreise: 3,50 Euro, ermäßigt 1,50 Euro

Text: Wassily Nemitz

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