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„Hässlich? Wir doch nicht!“ – Warum Köln seine Unorte verschweigt

Montag, 9. Mai 2011 | Text: Doro Hohengarten | Bild: Dirk Gebhardt

Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten

„Dieses unansehnliche Ensemble liegt am südlichen Ende der Südstadt. Unsere Hoffnung, im Zuge des U-Bahn-Baus würde wenigstens die Tankstelle verschwinden, hat sich leider nicht erfüllt. Das Hochhaus hinter der Tankstelle ist ausgesprochen hässlich und ohne jeden Bezug zur Umgebung, die im Wesentlichen durch Altbauten geprägt ist. Ein wahrer Unort!!“
(User Matthes über das Ensemble Tankstelle/Hochhaus an der Ecke Bonner Straße/Bonner Wall)

„Eigentlich schön, dass man nun auch am Rheinauhafen promenieren kann. Aber wozu ein Bodenbelag aus Beton – Erinnerung an alte DDR-Autobahnen? Sollen hier Kettenfahrzeuge rollen oder verliebte Pärchen spazieren gehen? Das kalte Metallgeländer, die seelenlosen Fassaden der Uferbebauung und das Fehlen jeden Grüns machen deutlich: Menschen sind in diesem Architektentraum nicht vorgesehen.“
(User tomcologne über die neue Rheinuferpromenade)

 

Wenn in Köln über hässliche Orte geredet wird, dann liegt den BürgerInnen eine Menge Klartext auf den Lippen. Kein Wunder. Es gibt viele Gründe, Köln zu lieben – seine Schönheit ist es definitiv nicht. Köln ist quasi ein einziger Schandfleck. Aber muss man das öffentlich machen, gar im Internet?

Auf jeden Fall! Erst wenn einzelne Probleme benannt sind, kann man sie lösen. Wer könnte das besser, als diejenigen, die immer vor Ort sind – die BürgerInnen als „Benutzer“ ihrer Stadt? Das waren die Überlegungen, als ein paar Ehrenamtliche aus dem bürgerschaftlichen Leitbildprozess Köln 2020 auf die Idee kamen, ein „Unortkataster“ für Köln zu entwickeln. Der Mülheimer Graphiker Jan Hopmann schob das Projekt an – die Kunsthochschule für Medien entwickelte dann 2007 mit EU-Forschungsgeldern die Website www.unortkataster.de.

Das ganze funktioniert so: Auf einer Googlemaps-Karte können BürgerInnen eintragen, welches Bauwerk, welche Straße, welcher Platz oder welches Gebiet ihnen in Köln missfällt. Hat man einen solchen Unort festgelegt („Was einen Unort auszeichnet und worin dessen »Mangel« besteht, definiert der Autor durch Texte und Bilder selbst“), wird dieser auf der Karte mit einem roten Fähnchen markiert und steht dann automatisch zur Diskussion. Die Begründung für die Eintragung lässt sich nachlesen und kommentieren. Köln ist im Unortkataster übersäht von roten Fähnchen. Im Innenstadtbereich kommt wenigstens die Südstadt dabei ganz gut weg – hier sind den Usern nur ein Handvoll Unorte ein Dorn im Auge.

 

„Köln ist extrem verdreckt, eine Stadt mit vielen privat verursachten Schandflecken. Das Desinteresse geht durch alle Schichten. Das ist sozusagen ein rheinländisches soziologisches Phänomen: Wenn mal ein Haufen liegt, wächst er. Aus einem Graffiti werden viele“, sagt Jan Hopmann. Außerdem sei Köln ein Ort, in dem es viele Angst-Räume, dunkle Orte gebe. Die Stadtverwaltung begünstige das, was man beispielhaft im Bereich Dom sehen könne. 

Bei der Architekturmesse plan08 präsentierte der damalige Oberbürgermeister Fritz Schramma das Unortkataster der Öffentlichkeit – und lobte die Idee des bürgerschaftlichen Engagements via Internet. Die Stadtverwaltung bekam das Kataster als Informationsinstrument an die Hand. Das war’s dann auch. Seitdem ist die Seite tot – letzte Überarbeitung: 2009, letzter Unort-Eintrag: Oktober 2010.

 

Es geht ums Geld. Um das Unortkataster weiterzuentwickeln und zu pflegen und um die Informationen darin auszuwerten, hätten die jeweiligen Ämter gemeinsam ein Budget von mindestens 20.000 Euro pro Jahr aufbringen müssen, rechnet Jan Hopmann vor.

 

 

Auswerten heißt: Wo sich illegale städtische Müllhalden, gefährliche Verkehrsknotenpunkte, vernachlässigte Bauwerke befinden – all das sind Informationen, die für das Ordnungsamt, das Amt für Stadtentwicklung und das Bauamt interessant sein könnten. Auf der Basis dieser Bürgerbeschwerden (wie wichtig und richtig sie sind, beurteilen übrigens die anderen User per Bewertung) kann die Stadt handeln und die Missstände beseitigen – man muss die Infos nur regelmäßig abgreifen und den Hinweisen nachgehen. E-Government nennt man das, wenn Bürger via Internet unkompliziert mit den Behörden in Kontakt treten können.

 

Doch für diese Art Bürgereinbindung wollen die zuständigen Ämter das Budget nicht aufbringen – und verweigerten seinerzeit sogar den Dialog mit den Machern. Bis heute lehnt die Stadt das Unortkataster als zwar lobenswertes, aber letztlich nutzloses Projekt engagierter Bürger ab: „Die Stadt verfügt selbst über flächendeckende Informationen zu Schwachstellen was das Straßennetz, das Stadtbild, Mülldeponien (Hotline  Abfallwirtschaftsbetriebe) und Ähnliches betrifft“, lässt die Stadtverwaltung auf Anfrage mitteilen. Bürger könnten ihrem Unmut ja über die Bürgersprechstunde, das Call-Center und den Beschwerdeausschuss des Rates Ausdruck verleihen.

 

Während Jan Hopmann im Unortkataster die Möglichkeit sieht, Personal im Call-Center und in den Ämtern einzusparen, weil ja die Bürger wertvolle Vorarbeit leisten, will man bei der Stadt in Zeiten knapper Kassen nicht Geld für etwas ausgeben, das „keinen Mehrwert“ bringe.

 

„Die Stadt arbeitet hart an den vorhandenen Problemen und ist für Hinweise offen. Wir haben unsere eigenen Strukturen dafür, hinter denen das Unortkataster zurückbleibt“, begründet Baudezernent Bernd Streitberger seine Ablehnung. Bürgerbeteiligung via Unortkataster: Fehlanzeige.

 

Doch es gibt noch einen anderen Grund: „Das Wort „Unortkataster“ würde ein negatives Image pflegen“, heißt es in der Stellungnahme der Stadtverwaltung gegenüber „Meine Südstadt“. Unorte sind ein hoch emotionales Thema in einer Stadt, die zwischen Selbstverliebtheit und mangelndem Selbstbewusstsein hin- und herschwankt. Subversiv, eine Gefahr für den guten Ruf Kölns: Von Schandflecken übersäht will die Stadtverwaltung ihren Einsatzort jedenfalls nicht sehen und blockte deshalb ab. Jan Hopmann: „Das erfuhren wir dann indirekt“.

 

Da half auch das tolle Tool des Unortkatasters nicht: Wenn ein Unort tatsächlich verschönert wird, dann lässt sich das rote Fähnchen in ein grünes  verwandeln – der Unort wird zum Ex-Unort, das Unortkataster eines fernen Tages vielleicht zu Schönort-Kataster.

 

Andere Städte sehen das mit den Namen übrigens lockerer. Das hübsche Sankt Augustin zum Beispiel. Dort hat man großes Interesse daran, das Unortkataster ins Stadtinformationssystem zu integrieren.

 

 

Rheinuferpromenade, Vorgebirgstraße, Chlodwigplatz? Kennt Ihr auch Unorte in der Südstadt oder in Bayenthal? Würdet Ihr sie in ein Unortkataster eintragen? Oder macht so ein Kataster aus Eurer Sicht keinen Sinn? Eure Meinung ist gefragt – als Kommentar!

 

 

 
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Text: Doro Hohengarten

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