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Kolumne

Hurra, hurra, die Schule brennt

Dienstag, 4. Dezember 2012 | Text: Wassily Nemitz

Geschätzte Lesezeit: 5 Minuten

„I am so tired of this“, sagt Ms Rathbone, “every year it is the same!”. Die einzige weiße Lehrerin meiner Schule sitzt gelangweilt auf einem schwarzen Plastikstuhl und blickt zur Bühne unseres Versammlungsraums. Dort versuchen einige andere Lehrer und Eltern hektisch, Dekoration zu befestigen. Es ist fünf vor zehn, um zehn Uhr soll es losgehen – losgehen mit der diesjährigen „Graduation function“ der Legoleng Primary School. Normalerweise werden damit die Schüler der 7. Klasse aus der Schule verabschiedet, da sie ab Klasse 8 die „Secondary School“ besuchen.

Leider hatten die Klassenlehrer der 7 dieses Jahr aber kein Interesse, sich darum zu kümmern. Daher wird „Grade R“ geehrt – eine Vorschulklasse. Deren Lehrerin hatte nämlich gerade Lust; dass die Schüler nächstes Jahr in die erste Klasse kommen und somit noch sieben Jahre an der Schule bleiben, macht offenbar nichts.

„I am so tired of this“, sagt Ms Rathbone, “every year it is the same!”. Die einzige weiße Lehrerin meiner Schule sitzt gelangweilt auf einem schwarzen Plastikstuhl und blickt zur Bühne unseres Versammlungsraums. Dort versuchen einige andere Lehrer und Eltern hektisch, Dekoration zu befestigen. Es ist fünf vor zehn, um zehn Uhr soll es losgehen – losgehen mit der diesjährigen „Graduation function“ der Legoleng Primary School. Normalerweise werden damit die Schüler der 7. Klasse aus der Schule verabschiedet, da sie ab Klasse 8 die „Secondary School“ besuchen.

Leider hatten die Klassenlehrer der 7 dieses Jahr aber kein Interesse, sich darum zu kümmern. Daher wird „Grade R“ geehrt – eine Vorschulklasse. Deren Lehrerin hatte nämlich gerade Lust; dass die Schüler nächstes Jahr in die erste Klasse kommen und somit noch sieben Jahre an der Schule bleiben, macht offenbar nichts.
Ms Rathbone kann ihre Kollegen nicht verstehen: „They are making things difficult!“ Den Eindruck habe ich auch: Als ich morgens in der Schule ankomme, sitzen einige Lehrer aufgeregt im Lehrerzimmer und schmieden das Programm für die Graduation. Es sind noch zwei Stunden bis zum Beginn. Mister Aphane, der zusammen mit seinem Kollegen Mister Mathumba die Moderation übernahm, drückt mir einen handgeschriebenen Zettel in die Hand – „please type it for me and make 100 copies!“. Sofort beginne ich mit der Arbeit; mache 100 Kopien und liefere sie bei Mister Aphane ab.

Wenige Minuten später taucht Mister Shaku, ein rundlicher Lehrer – heute mit rosa Hemd und Krawatte – auf und verkündet, das Programm sei geändert worden. Also beginnt die Arbeit von neuem. Leider ist der Toner des Druckers schon seit Wochen fast leer („We will buy a new one soon!“), sodass wir es nur mit Ach und Krach hinbekommen, die Kopiervorlage halbwegs lesbar auszudrucken. Mister Shakus Tipp: „Shake the toner!“.

Ich gehe zurück ins Lehrerzimmer. Mister Aphane und Mathumba sitzen lachend an ihrem Tisch. Nebenan in der Versammlungshalle herrscht derweil Chaos. Der Strom funktioniert nicht, Lautsprecher sind keine vorhanden, und die beiden Mikrofone sind angeblich kaputt. Ich frage Aphane, was er vorhat. Er hat keinen Plan, der stellvertretende Schulleiter sagt, er sei nicht im Planungskommitee gewesen, und der Schulleiter ist sowieso schwer von Begriff; seine Fahne verrät, warum.
Bei einer Aufräum-Aktion haben wir ein Heimkino-System gefunden – damals unserer Meinung nach völlig sinnlos für die Schule, denn es gibt gar keinen Fernseher; doch jetzt erweist es sich als hilfreich. Ich baue es auf, krame eine CD mit schrecklicher Instrumental-Musik aus dem Auto des stellvertretenden Schulleiters und die wartenden Leute sind erst einmal beruhigt.

Der Schulleiter ruft mich in sein Büro und fragt, wie ich eigentlich heiße. Mister Aphane zieht sich eine Krawatte an, ein paar Lehrerinnen fangen an, im Lehrerzimmer zu kochen. Um halb zwölf geht es los. Mister Mathumba greift zum Mikrofon. Natürlich funktioniert es nicht. Hektisch wird herumgestöpselt, dann ist er wenigstens ansatzweise zu verstehen. Allerdings klingt er, als spräche er von der Raumstation ISS zu den Anwesenden.

An den Tischen für die „Ehrengäste“ haben bereits Polizisten, der allgegenwärtige Councelor (eine Art Bezirksbürgermeister) und eine Frau vom School Government Board (eine Art Aufsichtsrat) Platz genommen. Die Grade R-Schüler beginnen, zu Beat-Musik auf der Bühne zu tanzen. Ihre Klassenlehrerin läuft permanent auf der Bühne herum und beginnt, als handelte es sich um eine Probe, einzelne Schüler zu korrigieren.

Im Publikum herrscht die ganze Veranstaltung über Unruhe, wir haben Mühe, überhaupt etwas zu verstehen. In einem Programmpunkt begrüßt Mister Shaku sämtliche anwesenden Gäste. Das sind sehr viele, ein Großteil der Anwesenden hat mit der Schule eigentlich gar nichts zu tun. Sie haben nur sonst keine großartige Beschäftigung und möchten gerne am Essen, das sich der Zeremonie anschließt, teilnehmen.

Nach unzähligen Reden (Schulleiter: „One of our volunteers is NEMIT!“) beginnt die Verleihung von „Awards“. Die Grade R-Schüler tragen auf einmal Talare und Hüte, wie man sie von amerikanischen Colleges kennt. Irgendein ranghoher Polizist, der als „Guest Speaker“ auftritt, würdigt ihre Leistungen. Dann erhält jeder Schüler einzeln ein Zertifikat. Ms Rathbone wird auf die Bühne gebeten. Die würdigt den „Time-Keeper“ der Schule, einen Schüler, der regelmäßig die Schulglocke läutet.
Die ersten Gäste laufen schon vor dem Ende der Veranstaltung herum, um sich als erstes auf das Büffet stürzen zu können. Tags zuvor wurde, auf Kosten des Schulbudgets, eingekauft. Das Essen ist wirklich sehr gut, die Lehrerinnen haben sich offenbar viel Mühe gegeben. Ob es allerdings wichtiger ist, irgendwelchen Dorf-Bewohnern kostenloses Festessen zu bieten als Fenster zu reparieren, ist zumindest fragwürdig.

Nach dem Essen, die anderen Freiwilligen samt Mama Clara, die auch zu Gast waren, waren wieder nach Hause gegangen, räumen wir auf. Ich trage leere Flaschen ins Lehrerzimmer, komme zurück – dann der Schock: Meine Fototasche samt Kamera und Aufnahmegerät im Wert von mehr als 1400 Euro sind nicht mehr dort, wo ich sie abgestellt habe.

Ich bekomme etwas Panik, laufe umher und suche überall. Die Lehrer helfen mit, überlegen und bangen mit mir. Der Schulleiter kommt zurück (er hatte alte Frauen nach Hause gefahren), erfährt von der Situation und kann kaum an sich halten: „I will investigate until I find it!“, ruft er, rennt wahllos in eine Klasse und wirft irgendwelche Sachen durch die Gegend, um zu prüfen, ob sich meine Tasche vielleicht darunter befindet. Andere Lehrer kommen dazu, die Lehrer reden hektisch auf Sepedi, und ich höre immer wieder „15.000 Rand“. Manchmal werden es auch 20.000. Ich rufe bei meinen Mitfreiwilligen an, um zu fragen, ob sie die Tasche mitgenommen haben. Sie gehen nicht ran. Ich überlege schon, wie ich mit dem Verlust umgehen soll. Eine Lehrerin sagt: „They steal things here!“, eine andere: „I am afraid it is lost“. Meine Mitfreiwillige Alexandra ruft an und sagt: “Wassily, die sind jetzt wieder da und haben deine Tasche dabei!“. Ich umarme wahllos die Lehrer, sie freuen sich mit mir, auch der Schulleiter ist aus dem Häuschen. Er tanzt zu der Trommel-Musik, die nach wie vor aus den Lautsprechern ertönt.

So sehr ich mich teilweise über das Chaos der Graduation-Organisation und die Behäbigkeit mancher Lehrer geärgert habe, so sehr freue ich mich über ihre Mithilfe und Besorgnis – ich habe das erste Mal das Gefühl, ein Kollege von ihnen zu sein. Dieses Gefühl hat meine weiße Kollegin Ms Rathbone offenbar nicht – sie ist so sehr „tired“, dass sie sich nächstes Jahr im März in den Ruhestand verabschieden wird, vorgezogen, mit 58 Jahren.
 

Text: Wassily Nemitz

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