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Kultur

„Ich bin Filmemacher, kein Journalist“

Montag, 30. Mai 2011 | Text: Reinhard Lüke | Bild: Dirk Gebhardt

Geschätzte Lesezeit: 5 Minuten

Pepe Danquarts 140minütiger Dokumentarfilm „Joschka und Herr Fischer“ ist ein eigenwilliges Porträt des ehemaligen Grünen-Außenministers und zugleich eine faszinierende Zeitreise durch 60 Jahre BRD-Geschichte. Am vergangenen Donnerstag stellte Oscar-Preisträger Pepe Danquart seinen Film im Odeon vor und verteidigte sich anschließend im Gespräch mit Reinhard Lüke gegen seine Kritiker.

 

Meine Südstadt: Ist Herr Fischer derzeit frustriert?
Pepe Danquart: Warum sollte er?
 
Im Film erzählt er doch, er habe sich seinerzeit vor allem aus Frust über seine Zeit als Umweltminister in Hessen seine Wampe angefuttert. Und seit seinem Abschied aus der Politik hat er auch wieder ganz ordentlich zugelegt.
Ich denke, das hat eher mit dem Loslassen und der Entspannung nach seiner stressigen Zeit als Außenminister zu tun.
 
Kannten Sie Joschka Fischer schon vor dem Filmprojekt persönlich?
Nein, ich habe ihn anlässlich der Vorbereitungen zu dem Film erstmals getroffen.
 
Die frühesten Bilder im Film, die Fischer im Wahlkampf zeigen, stammen ja aus dem Jahr 2005. Was wäre passiert, wenn Rot-Grün die Wahl gewonnen hätte? Theoretisch könnte er ja heute noch Außenminister sein. Wäre der Film dann drei Stunden lang geworden?
Es wäre ein ganz anderer Film geworden. Denn bei Drehbeginn schwebte mir noch vor, Joschka Fischer als eine Art Führer durch die Krisenregionen der Welt zu nehmen. Das hat sich dann zerschlagen. Auch weil mir ein Teil der Ausrüstung und Filmmaterial gestohlen wurde, was mich ziemlich frustriert hat. Danach habe ich das Fischer-Projekt erstmal ruhen lassen und in Amerika „Am Limit“ gedreht. Aber auch in den USA, wo Fischer gerade einen Lehrauftrag in Princeton hatte, habe ich immer Kontakt zu ihm gehalten. Ab 2008 habe ich dann wieder intensiv über einen Film mit ihm nachgedacht.

 


 
Wie kam es dann zu der Form, die ja kein klassisches Porträt ist, sondern anhand von Fischers Biographie die Geschichte der BRD erzählt?
Die Idee kam mir, als mir anlässlich seines 60. Geburtstages klar wurde, dass er exakt so alt ist wie die Bundesrepublik.
 
Die Besonderheit Ihres Films ist ja, dass Sie den heutigen Joschka Fischer mit Filmsequenzen aus der Geschichte der Republik und seiner eigenen Biographie konfrontieren, die in einer alten Fabrikhalle, dem ehemaligen Berliner Heizkraftwerk, auf mehr als zwanzig von der Decke hängenden, transparenten Projektionsflächen zu sehen sind. Wie kam es dazu?
Die Frage ist ja, was mache ich mit einem, der ja zu fast zu allem in den verschiedenen Medien alles gesagt hat. Da gibt´s zum einen die Möglichkeit, ein Reenactment mit Schauspielern zu machen wie etwa in „Baader Meinhof Komplex“. Darauf hatte ich keine Lust. Vielmehr wollte ich Fischer irgendwie in die Geschichte stellen. An der Umsetzung des Konzeptes nach der Art einer virtuellen Zeitmaschine habe ich dann ziemlich lange getüftelt, weil man ja Filme nicht einfach auf Glasflächen projizieren kann.
 
Wie sahen denn die Vorbereitungen jenseits der technischen Schwierigkeiten konkret aus.
Ich habe zunächst über 300 Stunden Archivmaterial gesichtet und zwanzig Stunden mit Joschka Fischer Gespräche geführt, in denen wir die Eckpunkte der BRD-Geschichte und seiner Biographie festgelegt haben.
 
Heißt das, Fischer wusste, was ihn beim Dreh in der Halle erwarten würde?
Überhaupt nicht! Ich wusste nur, dass er zu einem bestimmten Termin dorthin kommen sollte. Von den Projektionen und allem anderen, das ihn da erwarten würde, hatte er keine Ahnung.
 
Seine Reaktionen auf das Ambiente und die Bilder im Film sind also spontan?
Absolut. Zwischen seinem Betreten der Halle und dem Beginn des Drehs lagen vielleicht zwei, drei Minuten. Das merkt man Fischer im Film auch an. Anfangs ist er noch ziemlich zurückhaltend und versucht sich zu orientieren, bevor er dann zunehmend souveräner und auch emotionaler wird. Auf diese Emotionen, wenn er etwa seinen alten Dorf-Pfarrer wieder sieht und plötzlich schwäbelt, kam es mir auch an. Und in der Passage über den Deutschen Herbst sieht man, wie er geradezu körperlich reagiert.
 

Es gab auch nicht mehrere Takes oder nachträgliche Korrekturen von einzelnen Passagen?
Nein, das alles ist „Direct Cinema“ innerhalb eines zuvor festgelegten Konzeptes.
 
Es gibt eine einzige Einstellung, in der Sie und das Drehteam zu sehen sind. Warum?
Ich wollte eine Brechung drin haben, um die Versuchsanordnung dieser Zeitreise transparent zu machen.
 

Haben Sie Fischer denn während seines Rundgangs Fragen gestellt oder hat er die ganze Zeit ein Selbstgespräch geführt?
Ich habe während des Drehs die ganze Zeit mit ihm geredet…
 
Wovon man im Film aber nichts mitbekommt…
Wozu auch? Ich bin schließlich Filmemacher und kein Journalist. Ich habe Fischer weder interviewt noch ihn irgendwie ins Kreuzverhör genommen. Das habe ich bei meinen anderen Filmen wie „Höllentour“ oder „Am Limit“ auch so gehalten. Meine Fragen an Joschka Fischer bestanden ja in erster Linie aus den Endlosschleifen der Archivbilder, die übrigens alle ohne Ton liefen.
 
Wie lange hat der Dreh in der Halle gedauert?
Knapp eine Woche.
 

Hatten Sie im Vorfeld nicht die Befürchtung, dass Fischer als versierter Medien-Profi das Konzept zur ausgiebigen Selbstdarstellung nutzen könnte.
Nein, nach unseren langen Vorgesprächen war ich mir sicher, dass das nicht passieren würde. Der Narziss, den man ihm immer unterstellt, ist er auch gar nicht. Schließlich hat es viele Gespräche gebraucht, um ihn von diesem Projekt überhaupt zu überzeugen.
 
Nach welchen Überlegungen haben Sie  die Zeitzeugen ausgewählt, die sich in Exkursen zu bestimmten Entwicklungen oder Ereignissen in der BRD-Geschichte äußern?
 
Nach ganz subjektiven. Ich wollte auf keinen Falls die üblichen Verdächtigen oder Promis von Gerhard Schröder bis Oskar Lafontaine drin haben. So sind es Leute, die vor allem auch mit mir zu tun haben, wie der ganze Film letztlich auch meine eigene Biographie spiegelt.
 
Einige Kritiker haben Ihnen ja vorgeworfen, im Film keine Joschka-Gegner zu Wort kommen zu lassen….
Was hätte das gebracht? Was Jutta Ditfurth über Fischer gesagt hätte, war mir vorher schon klar. Ich bin in erster Linie ein Geschichtenerzähler fürs Kino und dabei interessieren mich journalistische Konzepte wie das der Ausgewogenheit überhaupt nicht. Die Auseinandersetzung zwischen Fundis und Realos wird im Film schließlich ausgiebig thematisiert. Da brauche ich keine Zeugen, die mir noch einmal erzählen, was sie in Talkshows schon hundert Mal erzählt haben.
 
Ein anderer Kritikpunkt: Warum endet der Film mit Fischers Ausstieg aus der Politik und lässt seine jetzige Beratertätigkeit, in deren Rahmen er u.a. für Siemens und REW arbeitet, außen vor?
Weil mich die politische Biographie des Joschka Fischer interessiert hat. Und die endete 2005. Und zwar radikal. Wenn Kritiker lieber ein klassisches Biopic gesehen hätten, dann ist das ihr Problem.

 

Was ja erstaunt, ist der Umstand, dass Fischer, der immer als ausgeprägter Machtmensch gilt, sich hier in mehreren Situationen als Getriebener darstellt, der von anderen in bestimmte Ämter oder Rollen gedrängt wurde. Sogar die legendären Turnschuhe, die er bei seiner Vereidigung als Umweltminister in Hessen trug, sollen nicht seine eigene Wahl gewesen sein. Ist das glaubhaft?
Ich glaube ihm das jedenfalls. Wir erinnern uns doch alle, was es damals für absurde Diskussionen auch um Kleiderordnungen gab, als aus spontanen Bewegungen wie der außerparlamentarischen Linken eine Partei wie „Die Grünen“ wurde. Der Weg von der Straße in die Institutionen war doch von allerlei seltsamen Erscheinungen und Widersprüchen begleitet.

 

Pepe Danquart, geb. 1955, war 1977 Mitbegründer des Kollektivs der Freiburger Medienwerksatt, die u.a. die ersten Proteste gegen das AKW im badischen Wyhl dokumentierte. Nach mehreren Dokumentarfilmen zu Themen der linksalternativen Bewegung wurde Pepe Danquart für seinen Kurzfilm „Schwarzfahrer“ 1993 in Hollywood mit einem Oskar ausgezeichnet. In den letzten Jahren drehte er u.a. viel beachtete Sport-Dokumentationen wie „Höllentour“ und „Am Limit“ sowie den Spielfilm „Basta – Rotwein oder tot sein“. Neben seiner Arbeit als Filmemacher unterrichtet Pepe Danquart seit 2008 als Professor an der Hochschule für bildende Künste Hamburg.

 

 

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Text: Reinhard Lüke

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