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Gesellschaft

„Ich kenne alle Preise von allen Lebensmitteln fast auswendig”

Montag, 10. April 2017 | Text: Aslı Güleryüz | Bild: Tamara Solis

Geschätzte Lesezeit: 8 Minuten

Das sagt Renate (Name geändert) als ich sie in ihrer Küche treffe. “Ich gucke auch auf fünfzig Cent,” fügt sie hinzu. Warum? Wie konnte es dazu kommen, in einem der reichsten Länder Europas? Seit Anfang März ist das Thema wieder in aller Munde: Armut. Anfang März wurde der neueste Bericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbands veröffentlicht. Umstritten ist der Bericht, da der Begriff “Armut” unterschiedlich interpretiert werden kann. Bundesweit gilt jedes fünfte Kind als arm. Das geht ganz leicht und schneller als man denkt. Denn besonders betroffen sind Kinder mit einem alleinerziehenden Elternteil. Auch in der Südstadt. Wir haben uns mit zwei Familien zum Gespräch getroffen.

 

“Eigentlich will ich kein HartzIV bekommen“

 

Alles fing ganz normal an. Renate hat eine Ausbildung genossen und in ihrem Beruf gearbeitet. Sie hat geheiratet und zwei Kinder bekommen. Doch seit 14 Jahren ist die Mittvierzigerin getrennt. Seit der Trennung kann sie ihren Beruf nicht mehr ausüben, denn sie müsste im Schichtdienst tätig sein. Das ging alleine mit zwei kleinen Kindern nicht. Sie sattelte um und erlernte einen zweiten Beruf. Doch aus gesundheitlichen Gründen kann sie auch diesen Beruf nicht mehr ausüben.

Wir trinken Kaffee. “Die Maschine habe ich von meinen Kindern zum Geburtstag geschenkt bekommen,” erzählt Renate. Ihre blauen Augen strahlen, auch wenn sie von nicht so schönen Dingen berichtet: “Eigentlich will ich kein Hartz IV bekommen. Lange habe ich es den Kindern gegenüber verheimlicht, dass wir Hartz IV erhalten. Ich war auch auf Unterhaltsvorschuss angewiesen, da der Vater nicht gezahlt hat. Später habe ich meinen Kindern erzählt, dass wir Hartz IV bekommen, denn ich finde es auch gut, dass wir diesen Sozialstaat haben und es diese Unterstützung gibt. Sonst hätten wir kein Dach über dem Kopf gehabt. Das wollte ich meinen Kindern vermitteln. Armut herrscht überall.”. Ein Hauch von Traurigkeit umgibt ihre Augen, wenn sie davon spricht, dass sie schon lange keinen Urlaub mehr gemacht haben.

 

An der Supermarktkasse

 

Im Alltag ist Renate stets mit ihrer finanziellen Situation konfrontiert. “Ich kenne fast alles Preise auswendig. Ich gucke auch auf fünfzig Cent. Ich achte darauf, dass es auch Fleisch für die Kinder gibt. Das gibt es bei uns aber nicht so oft. Das kann ich mir nicht leisten. Wir können uns auch kein Auto mehr leisten. Phantasialand, Aqualand und ähnliches kannst du vergessen. Das ist zu teuer.”

 

Offiziell heißt es auch, Arbeitslosengeld II, HartzIV, sei eine Existenzsicherung und kein Luxus. Da sind Phantasialand und Aqualand dann eben nicht drin. Renate fährt fort: “Meine Tochter hat sich einen Computer gewünscht. Ich konnte mir allerdings auch das nicht leisten. Sie hat bei älteren Menschen ausgeholfen, und das Geld gespart, das sie erhalten hat. Sie hat sich den Computer damit selbst finanziert. Wir sind sozial gut vernetzt. Ich habe gute Freunde, von denen wir das ein oder andere geschenkt bekommen haben. Manche Weihnachtswünsche konnte ich meinen Kindern durch die Weihnachtsaktion der Lutherkirche ermöglichen. Den KölnPass besitzen wir auch. Meine Kinder schämen sich nicht, den zu zeigen. Ich aber schon. Es bleibt kaum noch Geld zum Leben übrig,” fügt sie etwas leiser hinzu. An die Entbehrungen hat sie sich gewöhnt. Aber eines vermisst sie doch sehr: Seit Jahren war sie nicht mehr beim Friseur. Früher war das kein Thema für sie. Als wäre ‘früher’ ein anderes Leben. Hartz IV ist eben das Minimum. Das ist auf Kante genäht.

 

Was heißt “arm”?

 

Trotz dieser schwierigen Lebenslage hat Renate ihre Lebensfreude nicht verloren. Sie ist mit ihren Problemen auch nicht alleine in Köln. Überdurchschnittlich viele Menschen gelten in NRW als arm: Rund 17,5% der Bevölkerung ist arm, so steht es im Bericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbands. In Köln bezogen Ende 2016 rund 116.000 Menschen (Männer, Frauen und Kinder) Hartz IV. Das sind knapp 10 Prozent der Bevölkerung (1.081.701 Einwohner im Jahr 2016). Und wie viele Nachbarn könnten Hartz IV beantragen, tun es aber aus Stolz nicht und wurschteln sich durch?

Aber was genau heißt dieses “arm”? Im Bericht des Paritätischen Wohlfahrtsvrbandes hält man sich an eine Definition der EU, wonach jeder als arm gilt, dessen Einkommen weniger als der Durchschnitt ist (Der Durchschnitt lag 2015 für Alleinstehende bei 942 Euro und bei Paaren bei 1978 Euro). Doch die EU spricht von einem ‘Armutsrisiko’, wohingegen der Paritätische Wohlfahrtsverband darunter schon ‘Armut’ versteht.

 

Geschäftsführer Ulrich Schneider versteht unter Armut nicht, “dass Menschen erst unter Brücken schlafen oder in Papierkörben nach Pfandflaschen suchen müssen, bevor wir sie arm nennen, sondern wenn wir Armut als eine Situation begreifen, in der die Menschen so wenig Geld haben, dass sie am ganz normalen Leben nicht mehr teilhaben können”. Ja, Aqualand, Phantasialand, Kino, Theater, Museum, ein Urlaub und ein Besuch beim Friseur – zählt das zum ganz normalen Leben? Hand auf’s Herz – für mich schon. Zumindest in einem Land wie Deutschland, wo der Lebensstandard hoch ist.

Kritiker des Berichts argumentieren, dass man die Armutsgrenze nicht mechanisch an einem Durchschnittseinkommen festmachen könne. Sie betrachten den Bericht als Propaganda und nicht als Wissenschaft. Auch Studenten habe man in dem Bericht als “arm” eingestuft. Die Einkommenssituation sei nur ein Kriterium. Man sollte auf die komplette Lebenssituation schauen. Also soziale Teilhabe, Gesundheit und was nötig sei, für ein menschenwürdiges Leben. Da wären wir wieder bei Aqualand und Co.

 

Was könnte man besser machen?

Kämpferisch zeigt Renate sich als ich sie danach frage, was sich ändern sollte. “Die Arbeitszeiten sollten so sein, dass man Zeit für die Familie hat. Man wird ja regelrecht genötigt, keine Kinder zu haben. Ich möchte auch Zeit für meine Kinder haben. Ich möchte sehen, wie sie groß werden. Auch die Arbeit selbst müsste besser bezahlt werden. Und was willst du machen, wenn ein Kind krank wird?” Wenn man festangestellt ist, wird man vom Arbeitgeber zehn Tage im Jahr aufgrund von Krankheit pro Kind von der Arbeit befreit. Zehn Tage pro arbeitendes Elternteil. Alleinerziehende erhalten 20 Tage pro Kind pro Jahr. Wenn man aber zwei Kinder alleine groß zieht und diese Tage in Anspruch nimmt, erfreut das wahrscheinlich die wenigsten Arbeitgeber.

Ausbildung? Nein, danke?

Renate ärgert sich, wenn sie an die Zukunft ihrer Kinder denkt: “Meine Tochter wollte eine Ausbildung machen. Aber es wird Kindern aus Hartz-IV-Familien vermiest. Sie sollte 650 Euro im Monat in ihrer Ausbildung verdienen. Aber das sollte alles auf unsere Hartz-IV-Leistungen angerechnet werden. Sie bekommt also nichts von dem Geld. Es lohnt sich nicht, eine Ausbildung zu machen und arbeiten zu gehen, wird ihnen vermittelt.”

Die Anrechnung der Ausbildungsvergütung ist tatsächlich sehr kompliziert und nicht immer gerecht. Als erstes schaut das Jobcenter sich das Bruttoeinkommen des Azubis an. Davon werden 100 Euro Freibetrag abgezogen. Das steht dem Azubi schon einmal zur Verfügung. Anschließend werden die Miete der Familie pro Kopf geteilt und der Anteil des Azubis berechnet. Dieser Anteil wird von seinem Einkommen abgezogen.

 

Hat der Azubi dann noch die 316 Euro Regelbedarf für 14-17-jährige oder 331 Euro für 18-25-jährige? Wenn nein, bekommt er das Kindergeld noch angerechnet. Liegt er mit seinem Einkommen aber über dem Regelbedarf, wird das Kindergeld den Eltern als Einkommen angerechnet. Es kommt auch vor, dass das Kinderdgeld zu einem Teil dem Jugendlichen angerechnet wird – bis er den Regelbedarf erreicht hat – und dann den Eltern als Einkommen.

Laut Bundesinstitut für Berufsbildung lag der bundesweite Durchschnitt der tariflichen Ausbildungsvergütung 2016 bei 854 Euro im Monat. Viele der beliebten Ausbildungen laut Onlineportal ausbildung.de können aber deutlich unter dem Durchschnitt liegen mit ihrer Ausbildungsvergütung. Es gibt auch je nach Ausbilder, erhebliche Schwankungen, nämlich mehrere Hundert Euro, was die Vergütung angeht. So können Einzelhandelskaufmänner und -frauen (Platz 1 der beliebten Ausbildungen) im ersten Lehrjahr zwischen 550 und 950 Euro Ausbildungsvergütung erhalten. Im zweiten zwischen 590 und 1050 Euro und im dritten zwischen 710 und 1200 Euro. Wenn der Azubi Pech hat, liegt er also zwei Jahre lang unter dem bundesweiten Durchschnitt. Dann bleibt von der Vergütung nicht mehr viel oder gar nichts übrig, wenn seine Familie HartzIV erhählt. Bei VerkäuferInnen (zweitbeliebteste Ausbildung) sieht es ähnlich aus.

Ein fiktives Beispiel

Sagen wir, eine Jugendliche aus einer Hartz-IV-Familie möchte Friseurin werden. Da würde sie im ersten Lehrjahr zwischen 210 und 450 Euro Ausbildungsvergütung erhalten. Nehmen wir den Mittelwert von 330 Euro als Vergütung. Sagen wir, sie ist 17 Jahre alt, und ihr Regelbedarf würde somit 316 Euro im Monat betragen. 100 Euro zieht das Jobcenter gleich ab als ihren Freibetrag, der steht ihr zur Verfügung. Ihr Einkommen würde dann 230 Euro betragen. Ihre Familie würde in einer Wohnung mit einer Miete von 800 Euro wohnen. Gehen wir davon aus, es ist eine drei-köpfige Familie. Dann würde der Mietanteil des jungen Mädchens knapp 270 Euro betragen. Da ihr Einkommen ihren Bedarf nicht decken würde, würde das Kindergeld ihr zugeschrieben werden. Ihr blieben dann also 100 Euro von ihrem Einkommen inkl. Kindergeld jeden Monat zum Leben. Im zweiten Lehrjahr könnte sie 400 Euro Vergütung erhalten und im dritten 520 Euro. Die gleiche Rechnung würde aufgestellt werden und der Jugendlichen blieben nur die 100 Euro Freibetrag zum Leben.

Lehrjahre sind keine Herrenjahre. Das Jobcenter argumentiert, dass es bei einer Ausbildung um die Zukunft der Jugendlichen geht. Nach der Ausbildung wird das Gehalt sich bessern und somit auch die finanzielle Situation. Außerdem sei dies eben schon der erste Schritt in ein Erwachsenenleben. Da muss man für seine Miete, Strom, Internet, Telefon etc. selbst aufkommen.

 

Zu stolz für HartzIV

 

Eine ähnliche Geschichte kann auch Martina (Name von Red. geändert) erzählen. Auch sie hatte einen Partner und hat einen Sohn. Doch schon früh trennte sie sich von dem Vater ihres Sohnes. Martina arbeitete im Schichtdienst im Krankenhaus. Nach der Trennung war dies für sie nicht mehr möglich. Ihr Sohn ist jetzt im Grundschulalter. Sie wurschtelte sich durch.

 

“Ich war zu stolz, um HartzIV zu beantragen. Ich nahm also einen Teilzeitjob an. Zweimal wurde mein Vertrag jeweils um ein Jahr verlängert. Doch dann hätte mich der Arbeitgeber fest anstellen müssen und hat den Vertrag nicht mehr verlängert. Seit kurzem bekomme ich jetzt Arbeitslosengeld. Dann noch Unterhalt und das Kindergeld. Das war’s. Ich habe gelernt, dass Geld nicht alles ist im Leben. Ich habe Freunde und Familie. Mir sind Werte, Liebe, das Miteinander und Bescheidenheit wichtig. Ich kenne viele Leute in der Südstadt, die alles haben, aber unglücklich sind. Ich bin bescheiden. Bir mir gibt es auch nicht viele elektrische Geräte. Ein bisschen weniger Geld würde jedem gut tun. Wir verlieren den Blick auf das Wesentliche,” berichtet sie.

 

Martina spricht langsam und mit leiser Stimme: “Ich gehe oft ins Vringstreff. Da gibt es von Montag bis Donnerstag täglich den Mittagstisch. Und am Freitag ein gemeinsames Frühstück. Das war am Anfang für mich eine Überwindung dahin zu gehen. Ich habe viele Geschichten gehört, die mich tief bewegt haben. Vom Manager bis zum Vorstandsvorsitzendem ist da alles. Da sind viele Menschen, die von ganz viel zu ganz wenig gekommen sind. Da wurde mir nochmal klar, wie schnell man alles verlieren kann.“

 

Wie macht sich das begrenzte Budget im Alltag von Martina und ihrem Sohn bemerkbar? “Ich fahre Fahrrad. Die Bahn ist sehr teuer. Wir haben einen KölnPass. Ich kaufe nur beim Discounter ein. Ich kann es mir nicht leisten, im Bio-Laden einzukaufen. Ich habe alle Preise und Angebote im Blick. Wir kaufen auf dem Trödelmarkt oder im Second-Hand-Laden ein. Mein Sohn, weiß, dass wir nicht so viel Geld haben. Kulturelle Veranstaltungen gibt es nicht. Gerade haben wir zwei Theaterkarten geschenkt bekommen. Mein Sohn würde gerne Klavier spielen lernen. Das kann ich mir leider nicht leisten. Das tut mir sehr leid. Das wünsche ich mir manchmal,” erzählt sie. Vermisst sie etwas aus der Zeit, als es ihr wirtschaftlich besser ging? Sie überlegt lange. “Mir fehlt nichts. Ich vermisse nichts. Ich will kein Haus, kein Auto. Ich habe früher mein Geld immer für Reisen ausgegeben. Ich versuche, einmal im Jahr mit meinem Sohn zu verreisen. Und früher bin ich oft zu Musikkonzerten gegangen. Das geht jetzt nicht mehr.”

 

Mehr Solidarität

 

Was müsste sich ändern? Martina weiß es direkt: “Reiche sollten mehr Steuern abgeben. Die Schere geht immer weiter auseinander. Es sollte mehr Solidarität geben. Wir leben in einer Konsumgesellschaft. Ich habe ein bisschen Angst, dass der Blick für das Wesentliche verloren geht. Es fehlt den Menschen an Werten.”

Text: Aslı Güleryüz

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