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Gesellschaft Kultur

„Ich komme aus Sülz und ich ben ene Kraat“

Dienstag, 6. Juli 2010 | Text: Stephan Martin Meyer | Bild: Dirk Gebhardt

Geschätzte Lesezeit: 8 Minuten

Jean Jülich ist einer der letzten Edelweißpiraten. 1929 wurde er geboren und ist in Sülz aufgewachsen. Ihm ging die Hitlerjugend mit ihren langweiligen Liedern und dem Gehorsam auf die Nerven. Er hat lieber mit seinen Freunden eigene Lieder gesungen. Die Konflikte mit dem NS-Regime waren vorprogrammiert. Er hat sich schließlich, als der Krieg nach Köln kam, im zerbombten Ehrenfeld versteckt, hat Juden und anderen Verfolgten Unterschlupf geboten, bis er schließlich doch verhaftet wurde. Er saß mehrere Jahre in Haft. Für seine Taten wurde er in Yad Vashem als „Gerechter unter den Völkern“ geehrt. Bis heute muss er sich jedoch immer noch gegen den Vorwurf wehren, eigentlich nur ein Kleinkrimineller gewesen zu sein. Am 11. Juli findet im Friedenspark in der Südstadt das 6. Edelweißpiratenfestival statt. Aus diesem Anlass hat sich unser Redakteur Stephan Martin Meyer mit Jean Jülich zum Gespräch getroffen.

Herr Jülich, die historische Auseinandersetzung mit den Edelweißpiraten setzte erst sehr spät ein. Und lange wurden Sie noch offiziell als Krimineller bezeichnet. Was hat das in Ihnen ausgelöst?

Die Gruppe ist nach dem Krieg zusammengeblieben. Wir haben uns als erste deutsche Jugendgruppe zusammengeschlossen, nannten uns aber nicht mehr Edelweißpiraten sondern Fahrtenbund. Denn die Aufgabe der Edelweißpiraten war erledigt. In der zweiten Hälfte der 40er Jahre waren wir jedoch in erster Linie damit beschäftigt, etwas zu Essen zu finden. Wir hatten keine Zeit, uns mit den ehemaligen Gestapo-Leuten zu beschäftigen. Währenddessen haben sich die Gestapo-Leute und die in der Justiz gegenseitig Persilscheine ausgestellt.
Ende der 70er Jahre schloss sich in Ehrenfeld dann schließlich eine Gruppe zusammen, die sich wieder die Edelweißpiraten nannten. Die Städtischen Bühnen brachten ein Stück auf die Bühne, die Bläck Fööss sangen ein Lied über die Edelweißpiraten. Plötzlich waren wir wieder Thema. Trotzdem wurden wir weiterhin als Kriminelle angesehen.
Dr. Dette vom Amt für Wiedergutmachung, der den Verfolgten des NS-Regimes eigentlich helfen sollte, hat mich eines Tages zu sich gebeten. Er wollte wissen, warum ein Kleinkrimineller von Yad Vashem geehrt worden war. Er erzählte mir von einem Jungen, der von der HJ verprügelt worden war. Den hat er gefragt, warum der denn nicht zu den Edelweißpiraten gegangen sei. Der Junge hat geantwortet: Das sind doch alles Kraat“. Ich habe dem Dette daraufhin gesagt: „Sie haben einen Doktortitel, Sie waren auf dem Gymnasium und haben studiert. Dazu hatten Sie Geld, und das braune Umfeld musste stimmen. Vermutlich kommen Sie aus Lindenthal. Ich komme aus Sülz und ich ben ene Kraat.“ Damit war das Gespräch beendet.
Die Herren Wisskirchen und Daners vom Geschichtsverein Pulheim haben ein Buch herausgebracht: „Was in Brauweiler geschah: Die NS-Zeit und ihre Folgen in der Rheinischen Provinzial-Arbeitsanstalt.“ Eine an sich gute Dokumentation. Bloß bei der Vorstellung des Buches im ELDE-Haus waren wir nicht eingeladen. Wir sind dennoch hingegangen und haben dann gefragt, wo denn die Edelweißpiraten seien. Ja, so war die Antwort, das sind doch Kriminelle. Wir haben die Herren zur Rede gestellt und es ist eine Diskussion entstanden, bei der die richtig Zoppes gekriegt haben. Die sind dann voller Wut nach Hause gefahren.
Danach haben die den Volmer, den ehemaliger Kripochef, der Mitglied in ihrem Verein war, hochgewienert und ein paar Tage später stand in der Rundschau: „Ehrung in Yad Vashem erschlichen. Ex-Kripo-Chef hat neue Beweise.“ Es hieß weiter, Yad Vashem würde die Sache prüfen. Eine Journalistin vom WDR hat bei Yad Vashem angerufen und gefragt, was daran sei. Die wussten nichts davon. Die Frechheit, die Gemeinheit zu besitzen, zu schreiben, Yad Vashem würde die Sache prüfen – das ist eine Unverschämtheit. Ich musste einen Prozess führen, er musste widerrufen und musste die Kosten des Verfahrens tragen. Wir haben uns nicht klein kriegen lassen sondern weiter den Mund aufgemacht.
Seit wir uns Ende 70er Jahren wieder als Edelweißpiraten geoutet haben, wurden wir von den Betonköpfen und der Justiz diskriminiert. Mir wurden einmal in der Justiz Fotos von der Hinrichtung meiner Freunde in Ehrenfeld vorgelegt und ich sollte sagen, wer wer sei. Aber ich konnte das nicht, ich habe sie nicht erkannt. Da haben dir mir vorgeworfen, ich würde meine Freunde nicht wieder erkennen. Später habe ich dann erfahren, dass es sich um Fotos einer ganz anderen Hinrichtung handelte. Die wollten mich aufs Glatteis führen.

Beim Lesen der Texte über Sie stolpere ich immer wieder über die einerseits fröhliche Gruppe der Edelweißpiraten, die sich am Wochenende im Siebengebirge traf, um gemeinsam Lieder zu singen…


Wir waren ja im Jungvolk, das ging nicht anders. Wenn man auf den Jahn-Wiesen mit 20.000 Jungs steht und singt, das ging durch und durch. Einer meiner Freunde, der bei der HJ war, wurde dann mein Jungscharführer. Der hat mich zusammen gestaucht. Das war mir alles zu blöd. Samstags mussten wir immer marschieren. Da war ich ab sofort samstags immer krank. Ich konnte wunderschön simulieren. Die HJ-Führer haben mich dann eines Tages ins HJ-Heim gebeten, damit ich für sie unsere Lieder singe, denn die kannten ja auch nur diese Nazi-Lieder. Die wollten unsere romantischen Lieder hören. Und ich muss sagen, die haben mich nicht verpfiffen.

War es nicht schwer, sich gegen die HJ zu stellen? Sie waren ja doch auch äußerlich anders als die breite Masse. Wie schwer oder leicht war es damals, sich zu den Edelweißpiraten zu bekennen?

Aufgetakelt waren wir nur am Wochenende. Die anderen in meinem Alter waren ständig nach Geschlechtern getrennt: Durch den BDM und die HJ, die Mädchen- und Jungenklassen. Wir hingegen hatten Mädchen dabei. Wir hatten unsere Freundinnen dabei, so wie die Jugendlichen heute auch.

Wie sind Sie mit der HJ umgegangen?

Es gab da immer wieder Kloppereien. Aber die Pimpfe waren uns nicht gewachsen. Das waren ja meist so ganz weiche Germanisten. Wir kamen aus der Arbeiterschicht und waren viel kräftiger als die. Aber das lief damals auf Augenhöhe und uns hat keiner verpfiffen.

Waren Ihnen die Konsequenzen bewusst? Sie hätten ohne Weiteres zu Tode kommen können, wie Ihre Freunde. Kamen die Hinrichtungen für Sie überraschend?

Als ich im Gefängnis war, saßen meine Freunde rechts und links von mir in anderen Zellen. Wir konnten uns über die Fenster unterhalten. Und eines Tages haben die beiden keine Handtücher bekommen, ich aber schon. Da haben wir uns gedacht, die beiden kämen ins KZ und mein Fall wäre abgeschlossen. Erst ein paar Tage später habe ich dann erfahren, dass sie an dem gleichen Tag in Ehrenfeld erhängt worden waren.

Begegnen Sie noch heute Menschen aus der Zeit, die damals auf der nationalsozialistischen Seite standen?

Nein. Ich war mit 15 Jahren der jüngste aus der Gruppe, der verhaftet wurde. Die jüngeren waren nicht so ekelhaft wie die Gestapo-Leute. Und die anderen waren etwa acht oder zehn Jahre älter als ich. Die sind inzwischen ausgestorben. Der Kütter, das war der grausamste. Ein Sadist. Sein Scherge, das war der Högen. Der hatte später, nach dem Krieg, in Weiden einen Obst- und Gemüsehandel. Das habe ich aber nicht gewusst. Zum Glück habe ich das nicht gewusst. Denn wenn ich das gewusst hätte, dann hätte ich mir noch eine Anklage wegen Körperverletzung eingehandelt. Und auch dieser Dr. Dette lebt wohl nicht mehr.

Wie ist es gewesen, nach Kriegsende nach Köln zurück zu kommen und dort auf die gleichen Menschen zu treffen, die ein paar Monate zuvor noch stramme Nazis waren?

Die strammen Nazis hatten sich nach Kriegsende erst mal für eine Weile aus Köln verdrückt. Wir haben uns zum Fahrtenbund zusammengeschlossen und eine der ersten Jugendgruppen aufgebaut. Wir waren ja als Verfolgte des Nationalsozialismus anerkannt. Doch die Umstände waren so schwer, dass wir zunächst damit beschäftigt waren, etwas zu Essen zu besorgen.

Sind Sie jemals von einem ihrer ehemaligen Peiniger persönlich angesprochen und um Verzeihung gebeten worden?

Nein. Ich bin einmal in einem Seminar der Friedrich-Ebert-Stiftung gewesen. Da war ein ehemaliger Bannführer, er hatte also einige zigtausende Jungen befehligt. Der hat vor allen gesagt, dass es falsch war, was er gemacht hat. Aber mir gegenüber hat sich nie jemand persönlich entschuldigt. Schuld waren immer die anderen.

Sie waren in Ehrenfeld während der NS-Zeit. Haben Sie im Nachhinein von dem Überfall auf den damals 8-jährigen Hans Abraham Ochs in der Südstadt etwas mitbekommen? Sie waren ja in etwa gleich alt.

1936 ist mein Vater verhaftet worden, auf sehr brutale Weise. Meine Mutter war sehr arm. Ich bin dann in den Klapperhof gekommen. Zu den katholischen Nonnen. Die haben uns immer wieder in den Waschräumen windelweich geschlagen. Da habe ich von den anderen Dingen nichts mitbekommen.

Die Kölner, insbesondere die Südstädter, sehen sich wahnsinnig gerne in der Tradition des Widerstandes. Was ist dran an dem Bild? Waren die Proteste in Köln massiver als in anderen Städten?

Unsere rheinische Mentalität ist ja nicht preußisch. Stramm stehen und Gehorsam, das kennen wir nicht. Das hat eine lange Tradition. Die richtig strammen Nazis kamen aus Schlesien, der Mark Brandenburg, Niedersachsen, über all da her, wo einst die Grafen das Sagen hatten und wo es viele Leibeigene gegeben hatte. Die waren auf Gehorsam gedrillt. Hier gab es den Nährboden für den „heiß geliebten Führer“ nicht.
Adenauer hat sich ebenfalls immer auf das katholische Köln bezogen. Aber wir hatten hier auch viele überzeugte Nazis, die von ihrem Recht, Nazis zu sein, Gebrauch machten. Alle anderen waren Duckmäuser und Feiglinge. Die Kommunisten, die sich 1933 mit der SA geprügelt haben, waren als erste weg. Sie sind alle verhaftet worden oder konnten fliehen. Ich habe meinen Vater einmal gefragt: „Warum bist du denn nicht auch getürmt, so wie die anderen?“ Er hat mir geantwortet: „Ein paar mussten doch bleiben. Es mussten doch ein paar Mann darauf achten, dass alles in der Reihe ist.“ Obwohl er wusste, was ihm passieren konnte. Zehn Jahre hat er Zuchthaus gesessen, das ist schlimm. Er war damals erst 35 Jahre alt. Und das Zuchthaus ist das, was der Name sagt. Ansonsten waren keine anderen mehr da. Es war alles gleich geschaltet. Und dieser Massenhysterie konnte man sich nicht erwehren. Nur die rote Frontkämpferfront war nicht ohne.

Es wächst die erste Generation heran, die keine Großeltern mehr hat, die ihnen aus der NS-Zeit erzählen können. Wie erleben Sie die Jugendlichen heute im Umgang mit dem Nationalsozialismus?

Ich habe mir gesagt, wenn du 80 bist, dann hörst du auf. Aber ich war in so vielen Schulklassen. Und ich habe die Schüler immer gebeten, mir zu schreiben, wie die Begegnung mit mir war. Ich habe wunderschöne Briefe von den Jugendlichen bekommen. Nur Komplimente. Ich hatte die Gitarre immer dabei und habe die alten Lieder gespielt. Das hat ihnen gefallen. Aufgeschlossen sind die immer gewesen.

Am 11. Juli ist das sechste Edelweißpiratenfestival. Was werden Sie dort tun?

Ich wollte eigentlich gar nichts mehr machen. Aber wie das so ist…. Rolli Brings hat ein Lied über mich geschrieben. Und ich werde zum Ehrenbürger ernannt. Zudem spielt dort eine junge Gruppe, ein Streichquartett. Eine von denen hat mich gebeten, bei ihnen zu sein. Ich werde das Festival dann eröffnen.

Die ehemalige Hochburg der Protestbewegung wird zu einem Schickimicki-Stadtteil. Teure Wohnungen werden gebaut. Dicke Autos beherrschen die Straßen. Wie erleben Sie den Wandel in der Südstadt?

Ich bin als Kind in Sülz groß geworden. Da wohnte das Gesocks. Da waren auch die Kommunistenhochburgen. Heute sind da wundervolle schicke Wohngegenden. Und ich finde das auch gut, wenn das Lebensniveau allgemein etwas angehoben wird. Jetzt öffnet sich das alles. Das lockert sich langsam. Diese Entwicklung erhoffe ich mir das auch für das Severinsviertel. Wenn die erstmal mit ihrer U-Bahn fertig sind…

 

Links:

Homepage Edelweißpiratenfestival

Jean Jülich bei wikipedia

Homepage von Yad Vashem
 

Text: Stephan Martin Meyer

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