Raum für Workshops & Ausstellungen in der kölner Südstadt anmieten

Aufgeschnappt: „Liebes Publikum,… +++ In eigener Sache: Wer möchte mitschreiben? +++ And the winner is… – Der beste Blues-Club steht in der Südstadt +++ Schutz für BewohnerInnen des Severinsviertels +++ Bagatelle Südstadt – Neustart am 11.11.? +++

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„Köln war da!“

Montag, 5. November 2012 | Text: Aslı Güleryüz | Bild: Jasper Goslicki

Geschätzte Lesezeit: 7 Minuten

Und zwar am 9. November 1992 am Chlodwigplatz. Kurz vorher hatte sich die Initiative „Arsch Huh, Zäng Ussenander!“ gegründet. Künstler aus der Kölner Musikszene hatten aufgerufen, um ein politisches Zeichen gegen Rassismus & Neonazis zu setzen.

Was war passiert? Erinnert ihr euch? Nach der Wende steigerte sich stetig fremdenfeindlich motivierte Gewalt im neu vereinten Deutschland. Im September 1991 war es in Hoyerswerda (Sachsen) zu mehrtägigen Ausschreitungen gekommen. Ziele der Brandflaschen, Eisenkugeln und Parolen waren ein Wohnheim für Vertragsarbeiter und ein Flüchtlingswohnheim. Es folgten ähnliche Taten, die Lage eskalierte im August 1992 in Rostock. Ich habe gelesen, dass in Mecklenburg-Vorpommern 1992 insgesamt 207 rechtsextremistisch motivierte Gewalttaten registriert worden sind. Daraus entstand die Haltung „Arsch huh, Zäng ussenander!“, und es kam zu dem legendären Konzert am Chlodwigplatz.

Von Anfang an dabei, Tommy Engel. / Foto: Karsten Schöne.

 

Tommy Engel war von der ersten Stunde an dabei und erinnert sich: “Die Idee des Konzertes ist relativ spontan entstanden. Wir konnten überhaupt nicht einschätzen, ob die Leute kommen würden. Wir hätten uns da total blamieren können und keiner wäre gekommen. Ich erinnere mich, wir standen oben in der Severinstorburg und schauten auf den Chlodwigplatz. Und langsam fing der Platz an, sich zu füllen. Aus allen Ecken kamen sie plötzlich herbei geströmt. Das war total beeindruckend. Köln war da!“

Ich war auch da. Ich erinnere mich, dass es extrem kalt war und geregnet hat. Damals wohnte ich in Ehrenfeld und war mit Freunden und der Bahn am Chlodwigplatz angekommen. Langsam wurde es voller und enger. Wir kamen nicht nur wegen der Musik. Da gab es schon einige Bands, die ich mir sonst freiwillig nicht anhören würde. Nein, wir kamen zur Kundgebung, zur Demonstration. Die Technik war nicht immer so gut und man konnte nicht alles hören, was die Redner sagten. Und irgendwann spürte ich es, dieses Gefühl von Gemeinsamkeit und Solidarität. Wir waren alle zu einer Masse verschmolzen. Mit einer Message: Braun muss raus!

Auch einige andere Südstädter haben sich an das Konzert und die Kundgebung erinnert. Zum Beispiel Markus: „Ich bin als Mischlingskind gut behütet in Köln groß geworden, augenscheinlich mehr Exot, denn Einheimischer. Mit Freude betrachtete ich die Wiedervereinigung Deutschlands. Mit Sorge nahm ich die Zunahme des bislang im Nachkriegsdeutschland unbekannten Nationalstolzes sowie den Verlust von politischer Demut zur Kenntnis. Die blühenden Landschaften ließen auf sich warten. Nachrichten über zündelnde Deutsche aus jubelndem Mob gingen um die Welt und bestärkten jenes Zwiegefühl. Es formierte sich Protest in Form von Mahnwachen und Diskussionsrunden gegen die gehäuften öffentlichen Fremdenfeindlichkeiten. Ich nahm an diesen Bewegungen des Widerstandes nicht teil: Ich empfand es als ,Bedrohter‘ zu selbstverständlich und hoffte auf ein Zeichen meines deutschen Umfeldes. Vor genau 20 Jahren fand das Arsch-huh-Konzert an einem bitterkalten Abend statt, dennoch war der Platz bis zum Bersten gefüllt. Unter tosendem Beifall des Publikums formulierten damals noch Unbekannte bis zu Prominenz ihr Missfallen und ihren Widerstand gegen Fremdenfeindlichkeit. Ich habe diese, meine Stadt nie verlassen, weil ich mich – wie vor 20 Jahren auf dem Chlodwigplatz – in Köln nach wie vor gut behütet fühle.“

Ich denke nach über die Worte von Markus. Ja, ich habe mich auch immer gut aufgehoben gefühlt in Köln. Direkt bedroht habe ich mich auch nie gefühlt. Mir sieht man meine nicht-deutschen Wurzeln nämlich auch auf den ersten Blick an. Und das ist genau das, was Köln ausmacht. Köln zeigt Zivilcourage, Köln wehrt sich! Gegen Rassismus, Neonazis, Islamisten, soziale Ungerechtigkeit. Zumindest öffentlich. Was jeder in seinem Alltag tut, muss jeder selbst seinem Gewissen gegenüber rechtfertigen.

Zwei der ganz prominenten Künstler von 1992 sind 2012 nicht dabei: Martin Stankowski und Jürgen Becker. Sie kritisieren die Veranstaltung, weil sie sie als „verkapptes Geburtstagskonzert“ betrachten und ihnen zu viel „Kölschtümelei“ dabei ist. Der „Kölsche Klüngel“ ist immer so eine Sache. Aber der ist aus Köln nicht weg zu denken. Seien wir doch mal ehrlich. Zu der Kritik, es handle sich um Selbstbeweihräucherung und doch nur ein Geburtstagskonzert sagt die AG Arsch Huh: „20 Jahre nach den ersten Brandanschlägen gegen Flüchtlingsheime ist Fremdenfeindlichkeit in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Die neueste Studie Wilhelm Heitmeyers liefert ernüchternde Zahlen: 50% der Deutschen sind einer repräsentativen Befragung zufolge der Ansicht Deutschland sei ,in gefährlichem Maße überbefremdet‘. Am 20. Jahrestag von Arsch huh, Zäng Ussenander gibt es also keinen Grund zu feiern. Es kann nur ein Tag des Protests sein.“

 

Protestveranstaltungen gegen Rassismus in Köln. / Foto: Jasper Goslicki

100.000 Menschen versammelten sich 1992 am Chlodwigplatz – das war die größte Demonstration der Nachkriegszeit in Köln. Dieses Gefühl von Miteinander und Solidarität kann so nur in Köln hervorgerufen können. So ähnlich wie im Karneval. Natürlich ist viel von dem besungenen und verherrlichten Köln nur Illusion. Aber die Menschen nehmen einen Funken von diesem Gefühl der Gerechtigkeit mit, halten einen Moment inne und engagieren sich vielleicht ein bisschen mehr im eigenen Umfeld. Ein Sohn der Südstadt ist besonders engagiert: Der Pfarrer der Lutherkirche Hans Mörtter. Er kritisiert: „Für mich gab’s vor 20 Jahren beim Arsch-huh-Konzert kein Halten. Da musste ich dabei sein. Beim Blick über all die vielen Menschen kamen mir die Tränen. Es war ein wahnsinniges Erlebnis wie so viele miteinander einstehen. Zum Konzert am 9. November werde ich nicht gehen und auch niemanden dazu motivieren. Die Frage, wer sich da warum auf dem Markt positioniert, stellt sich. Die Grundidee von Arsch huh – Zäng ussenander ist super. Dazu gehört für mich aber die Verbindlichkeit, Tag für Tag dafür einzustehen und nicht alle 20 Jahre und ab und zu irgendwie dazwischen. Von den Arsch-huh-Musikern wünsche ich mir um ihrer Glaubwürdigkeit und Ernsthaftigkeit willen ein Bündnis für die Menschen unserer Stadt und der Welt. Ich wünschte uns allen, dass Arsch-huh-Mitglieder den Arsch so weit hoch kriegen, um Bündnisse mit den Kölner Schulen in den sozialen Brennpunkten einzugehen. Als verbindliche Herzensangelegenheit und damit Zeichen setzen, die wirken. Die Armen, die Verlierer unserer Gesellschaft, stürmen wöchentlich die Pfarrämter, weil das Sozialamt ihnen nicht helfen kann. Dabei erlebe ich den beschämenden menschenunwürdigen deutschen gesetzlichen Rassismus. Ich wünschte, dass die AG Arsch huh und ihre MusikerInnen ernsthaft mit uns reden würden, sich mit uns verbünden, die wir täglich ,an der Front‘ von Rassismus und Armut stehen und unseren Kopf und unser Herz hinhalten. Bisher erlebe ich das kaum.“

Ja, was hat die AG Arsch huh in den letzten 20 Jahren gemacht? Ich habe jetzt von vielen gehört, dass sie gar nicht wissen, was das eigentlich soll? Was macht die Organisation und wofür steht sie? Silke aus der Südstadt hat ein bisschen über die Arsch-huh-Organisation gegoogelt: „Es gibt ja eine eigene Homepage. Diese Form des politischen Engagements finde ich beeindruckend, und vor allem wird über etwas so Positives wie Musik das Thema Solidarität gegen den Rassismus für viele Menschen lebbar, die ansonsten zuhause blieben. Ich fände es schön, wenn sich das Konzept immer wieder verjüngen würde, so dass auch irgendwann unsere Kinder Lust hätten, auf diese Konzerte zu gehen.“

 

Arsch Huh! AG versammelt am Chlodwigplatz, 20 Jahre später. / Foto: Karsten Schöne.

 

Nach dem Konzert vor 20 Jahren wurde aus der AG ein gemeinnütziger Verein, um weitere Aktionen planen zu können und die Einnahmen aus den Verkäufen korrekt verwalten zu können. Es findet eine Vielzahl von unentgeltlichen Auftritten der Künstler statt. Finanzielle Unterstützung aus Buch-, CD- und T-Shirt-Verkäufen wird kulturellen und künstlerischen Aktivitäten zur Verfügung gestellt. Vor allem die aufklärerische Arbeit wird unterstützt. Ein umfangreiches Medienpaket für den Schulunterricht wird zusammengestellt bestehend aus CD, Taschenbuch, Song- und Textbuch. Die Aktionswoche gegen Rassismus und Neonazis im Januar 1993 in Betrieben, Kirchen, Schulen, Universitäten, im Sport und im Karneval wird unterstützt. Solidaritätskonzerte nach dem Vorbild Chlodwigplatz werden in Frankfurt und Leipzig unterstützt. Ende 1993 wird der Kongress „173 Völker – 1 Stadt“ unterstützt. Dann wird es tatsächlich etwas still um Arsch huh. Im Jahre 2000 wird die Ausstellung „Zwangsweise Köln“ unterstützt und 2008 die Aktion „Köln stellt sich quer“. Aktuell setzt sich Arsch huh für eine solidarischere Stadtgesellschaft ein, damit die Schere zwischen Reichen und Armen nicht weiter auseinandergeht.

Kann man mit so einer Veranstaltung etwas bewirken? Wird das alles überbewertet? Was hat sich an der Realität verändert? Diese Fragen stellt sich der Künstler Fatih Çevikkollu. Für das Buch „Arsch huh, Zäng ussenander! Eine Stadt. Eine Bewegung. Ein Aufruf.“ hat er ein Kapitel geschrieben. Er fragt „Wo warst du vor 20 Jahren?“. Denn er selbst war 1992 am Chlodwigplatz nicht dabei. Er erzählt mir: „Der Südstadt-Groove hat mich damals nicht erreicht. Das war für mich betroffenheitsfanatischer Streichelzoo für Südstadt-Sozis. Für mich war es Realität, für die war es eine Veranstaltung. Das war vor 20 Jahren, da war ich auf einem anderen Planeten. Inzwischen habe ich meine Meinung etwas geändert. Es ist gut, dass es solche Veranstaltungen gibt, da muss man auch mitmachen. Aber was verändern sie an der Realität? Fraglich, ob man etwas erreicht. Ob man Gefühle verändert. Gestern war der erste Jahrestag der Aufdeckung der rechtsextremen Terrorzelle „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU). Und wir wissen immer noch nichts! Es müssten Menschen gezielt ausgebildet werden, um Aufklärung zu fördern. Das sollte durch die Politik gefördert werden.“

Unsere Bürgermeisterin Elfi Scho-Antwerpes war 1992 auch mit „dabei“: „Ich war tief beeindruckt und auch berührt, wie wir Kölnerinnen und Kölner den ,Arsch huh‘ bekommen haben. Gemeinsam haben wir klar gemacht: Für Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit gibt es in unserer Stadt keinen Platz. Das gilt immer noch. Natürlich bin ich auch diesmal wieder dabei. Denn es geht auch heute immer noch darum, ein deutliches Zeichen zu setzen für Respekt und Toleranz, für ein friedliches Miteinander in unserer Stadt. Köln steht für Vielfalt. Und diese Vielfalt ist eine unserer Stärken. ,Arsch huh‘ ist nicht egal, was bei uns passiert. Sie mischen sich ein und beziehen Position. Das ist Zivilcourage im besten Sinne.“
Fatih Çevikkollu reicht das nicht aus: „Wir müssen weg von der Betroffenheit und hin zur Realität. Ich sage immer: „Ich repräsentiere Deutschland. Ich bin Deutscher – so sehen die jetzt aus.“

 

Arsch huh, Zäng ussenander 2012
Freitag, 9. November, 17:30 bis 22:00 Uhr
Deutzer Werft

„Arsch Huh 2012“ – CD
11 Euro
Seit dem 2. November erhältlich

„Arsch huh, Zäng ussenander! Eine Stadt. Eine Bewegung. Ein Aufruf.“, Helmut Frangenberg (Hrsg.), 192 Seiten, 10 Euro
Erscheinungstermin: Ende November 2012
 

Text: Aslı Güleryüz

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