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Bildung & Erziehung Gesellschaft Politik

“Kenne mer nit! Wore mer nit! Han mer nix mit ze don jehat!”

Montag, 1. August 2011 | Text: Aslı Güleryüz | Bild: Patrick Ehrmann

Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten

So sieht der Kölner sich gerne zur Zeit des Nationalsozialismus. War es tatsächlich so? Wie haben sich die Bewohner der Südstadt damals verhalten? Eine Führung durch die Südstadt mit dem Soziologen und Historiker Daniel Brücken gibt Aufschluss darüber.

 

Köln ist stets stolz auf seine Nazi-Vergangenheit, gilt die Stadt doch als “Hochburg des Widerstandes”. Haben die Kölner wirklich solch eine reine Weste? Mit der Führung “Köln im Dritten Reich – Die Kölner Südstadt im Nationalsozialismus” werden wir mehr über unser geliebtes Veedel erfahren.

 

Neugierig und gespannt radele ich zum Treffpunkt an der Severinstorburg am Sonntag. Es regent nicht und gleich erkenne ich auch die Gruppe und Daniel Brücken. Der 29-jährige Zollstocker war im NS-Dokumentationszentrum tätig. 1988 wurde diese Informations- und Gedenkstätte von der Stadt Köln eingerichtet und ist die größte lokale Gedenkstätte für die Opfer des Nationalsozialismus. Seine Tätigkeit hier und verschiedene Fernsehdokumentationen beeindrucken Daniel Brücken und nehmen ihn mit. Er fühlt sich angesprochen: “Ich wollte historische Zusammenhänge in die Stadt einbetten. In der Kölner Südstadt geht dies besonders anschaulich, da es noch gut erhaltene Orte und Gebäude aus der NS-Zeit gibt.”

 

Judenhäuser in der Südstadt und die Vergangenheit der FH

Viele Menschen wissen nicht von den Dingen, die Daniel Brücken in seiner Führung durch die Südstadt berichtet, denn diese Dinge werden nicht so laut herum erzählt. Wusstet Ihr zum Beispiel, dass es drei so genannte “Judenhäuser” in der Südstadt gab? In der Maternusstraße, der Alteburger Straße und auf der Bonner Straße.

Jüdische Hauseigentümer wurden enteignet und mussten ihre eigenen Wohnungen verlassen. Sie wurden in den Mehrfamilienhäusern, den “Judenhäusern” gedrängt gemeinsam untergebracht, bevor sie deportiert wurden. Die Bedingungen in diesen Häusern waren miserabel. Diese Mehrfamilienhäuser gehörten vor der Enteignung jüdischen Mitbürgern. Die neu eingezogenen Zwangsmieter dieser “Ghettohäuser” waren auch angehalten, Miete zu zahlen. Nicht etwa an den jüdischen Eigentümer sondern an die Stadt Köln. Diese “Judenhäuser” waren inmitten einer sonst “arischen” Straße. Durch dieses Mannöver sollten die Juden von ihren Nachbarn besser beobachtet und kontrolliert werden können. Täglich gingen hier Juden, die mit einem Davidstern gekennzeichnet waren, in diesen Häusern ein und aus.  Schwer, da mit der Behauptung durchzukommen, nichts von Deportationen und Festnahmen gewusst zu haben. Heute erinnern nur die “Stolpersteine” noch an die jüdischen Bewohner der Häuser der Südstadt. Mehr nicht.

 

Die Universität der Stadt Köln wurde nach 100-jähriger Nichtexistenz in der Südstadt untergebracht, nämlich in der Claudiusstraße, jenseits des Römerparks. Das pompöse Gebäude beherbergt heute die Fachhochschule. Am 17. Mai 1933 wurden auf dem Platz vor dem Eingang Bücher verbrannt – Bücher hauptsächlich von jüdischen Autoren und Autoren, die kommunistisch oder nicht staatskonform waren. Die Akteure waren mehrheitlich Studenten. Heute erinnern die Namen der Autoren, die unscheinbar in das Pflaster geritzt worden sind, an dieses Vergehen. Kurt Tucholsky, Heinrich Mann, Erika Mann, Sigmund Freud – um nur einige der vielen “undeutschen Geister” zu nennen. Bis heute äußert sich die Fachhochschule nicht zu diesem Ereignis. Auch erinnert keine Gedenktafel an diesen dunklen Fleck in der Geschichte des FH-Gebäudes. Die Kölner Bücherverbrennung fand eine Woche nach der deutschlandweiten Aktion statt., wahrscheinlich lediglich aufgrund von heftigen Regenfällen am 10. Mai 1933.

Die Geschichte des Gebäudes wird auch nach der Bücherverbrennung nicht erfreulicher. Nachdem die Kölner Universität in das heutige Hauptgebäude in Lindenthal umgezogem war, zog die Gauleitung in die Claudiusstraße ein. Die Gauleiter hatten sehr viel Macht in dem Bespitzelungs-Apparat, mehr Macht noch als der Oberbürgermeister. Die Gesinnung der Gauleiter und ihre Machenschaften bringt Daniel Brücken uns anhand von einigen anschaulich erzählten Begebenheiten nah.

 

Narrenrevolte – mehr närrisch als widerständisch

1935 wird die NS-Organisation “Kraft durch Freude” in den Kölner Karneval eingegliedert. Die daraufhin resultierende Narrenrevolte war weniger als Widerstand gegen den Nationalsozialismus einzuschätzen, wissen wir heute. Vielmehr sollte dadurch die traditionelle, den Karnevalsvereinen zugeordnete Organisationsform des Karnevals verteidigt werden. Auch der aufmüpfische Büttenredner Karl Küpper hatte es in diesen Jahren nicht einfach! Wegen seiner kritischen Reden wurde er bedroht, verfolgt und bekam ein Büttenverbot. Der damalige Präsident der Prinzengarde, Thomas Liessem, war selbst schon früh der NSDAP beigetreten und sollte noch bis in die 60’er Jahre hinein im Kölner Karneval aktiv bleiben. Dem nationalsozialisten Einfluss in den Kölner Karneval haben wir übrigens unsere weiblichen Tanzmariechen zu verdanken! Bis dato wurden die Mariechen von Männern dargestellt. Doch Männer in Frauenkleidung – lächerlich! – passten nicht in das Männer-Bild der Nazis. Sie wurden kurzerhand ausgetauscht. So wie auch die Kölner Jungfrau! 1938 und 1939 wurde sie von Frauen dargestellt. Das wurde allerdings nach dem Zweiten Weltkrieg revidiert, wie Ihr wisst. Frauen sehen einfach besser aus als Tanzmariechen!

Doch im Kölner Karneval ist noch Geschichtsbewältigung zu leisten.

 

 

Fakt ist, dass die Kölner in den 1930er Jahren ihre Stimmen der KPD gaben. In Köln lag der Zuspruch für die NSDAP immer unter dem Reichsdurchschnitt. Fakt ist aber auch, dass Hitler gesagt hatte, dass ihm die “größten Ovationen” seines Lebens in Köln entgegengebracht wurden. Viel erfahren wir am Sonntagnachmittag auch über die Elsaßstraße, ihren Hochbunker, die Zivilcourage der Kölner Geistlichen und das Fort I.

Doch viel mehr möchte ich an dieser Stelle gar nicht von der informativen Führung berichten. Jedem lege ich die Teilnahme an der Führung durch die “Südstadt im Dritten Reich” nahe. Besonders gut geeignet ist sie für Schulklassen der 9. oder 10. Jahrgangsstufen.

Daniel Brücken formuliert seine Motivation so: “Das ist der Teil der Geschichte in Deutschland, der uns mahnt. Wie ist es dazu gekommen?”

 

Kontakt zu Daniel Brücken über www.stadtimpressionen-koeln.de oder telefonisch 0221 – 2987 4691

 

Im NS-Dokumentationszentrum (www.museenkoeln.de/nsdok/) findet am 4. August ein KölnTag statt, das heißt für alle KölnerInnen ist der Eintritt frei.

 

 

 

 

Text: Aslı Güleryüz

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