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Kultur

„Leidenschaft und ein bisschen Wahnsinn gehören einfach dazu“.

Mittwoch, 20. April 2016 | Text: Antje Kosubek | Bild: Tamara Soliz

Geschätzte Lesezeit: 6 Minuten

Den Architekten Dieter Tiedemann treffen wir im „Alten Pfandhaus“. Das es ohne ihn so nicht geben würde. Seit 2006 ist er der Geschäftsführer und organisiert zusammen mit Christa Kamper die vielen Veranstaltungen. Insbesondere die  Jazzkonzerte haben europaweit einen exzellenten Ruf. Bis Dezember 2015 war das Alte Pfandhaus zudem Interimsquartier der Kinderoper Köln. Es gibt in Deutschland nichts Vergleichbares: Im Gebäude einer ehemaligen Pfandkreditanstalt, ist aus einer einstigen Versteigerungshalle ein Konzertsaal entstanden, in dem Publikum und Künstler gemeinsam von der Nähe zueinander profitieren können. In diesem Jahr wird das zehnjährige Bestehen des „Alten Pfandhauses“ mit diversen Konzerten gefeiert.  

Direkt zu Beginn des Gesprächs gibt uns Dieter Tiedemann unaufgefordert ein Statement ab: „Wir sind mit unserer Öffentlichkeitsarbeit für das ‚Alte Pfandhaus‘ eher unterbelichtet. Gerade heute ist es mir noch einmal aufgefallen. Was ich an wild geklebten Plakaten sehe: von Lutherkirche bis Ubierschänke. Es wimmelt ja förmlich vor Veranstaltungen. Dagegen ist unsere Jazz-Geschichte hier – salopp gesagt – eine Randsportart.“
Christa Kamper ergänzt „Die Jazzfamilie ist, insgesamt auf Deutschland gesehen, natürlich eher klein und wenn man das dann noch herunter bricht auf die Südstadt, noch geringer. Obwohl wir auch ganz viele Leute von außerhalb anziehen.“

Meine Südstadt: Wie kommt das Publikum ins Pfandhaus?
Dieter Tiedemann: „Also wenn wir große Namen oder Bands haben, dann kommen die Leute sogar aus Dänemark oder der Schweiz, aber auch aus Deutschland, wie Frankfurt oder Stuttgart. Man sieht es ja über die Vorverkaufslisten. Das ist dann schon verblüffend.“

Also ist das „Alte Pfandhaus“ auch ohne Öffentlichkeitsarbeit ein Publikumsmagnet?
Dieter Tiedemann: „Ja, aber nur im Speziellen. Über unsere Homepage sind die Leute informiert, die an Jazz interessiert sind. Zudem erhalten sie über unseren Newsletter alle wichtigen Informationen zu den Veranstaltungen. Das ist unsere Hauptwerbung. Wir sind gar nicht in der Lage Plakate zu kleben, auch aus Kostengründen.“

Erreicht man denn heutzutage noch Publikum durch Plakate?
Dieter Tiedemann: „Ja. Das zeigt ein Beispiel. Das „Dave Holland Trio“ (Anm. der Redaktion: Der Brite Dave Holland gilt seit vielen Jahrzehnten als einer der besten Kontrabassisten, Komponisten und Bandleader des Jazz) spielte im März in der Philharmonie und der Event wurde im Vorfeld groß plakatiert. Die Bude dort war voll, es kamen circa 1500 Leute zum Konzert. Bei uns hier im Pfandhaus war Dave Holland in der gleichen Besetzung und es kamen vielleicht 100 Leute.“

Findet der Jazz nicht die Anerkennung in den Medien, die ihm eigentlich zusteht?
Dieter Tiedemann: „Ja, hier gibt es eine Riesendiskrepanz. Der Jazz geht in den Medien und der öffentlichen Förderung total unter. Wir haben hier in Nordrhein-Westfalen einen Kulturetat von 380 Millionen Euro und davon ist nur ein ganz kleiner Anteil, von 1,9 Millionen, für die Jazzmusik vorgesehen. Das entspricht überhaupt nicht dem Stellenwert, den der Jazz in meinen Augen hat. Sehen Sie, die ganze Popmusik ist vom Jazz beeinflusst, die ganze Weltmusik ist ohne den Jazz nicht denkbar und vom Jazz gehen immer noch große Impulse aus.“

Zum 10jährigen Jubiläum wurden im „Alten Pfandhaus“ bereits im März verschiedene Konzerte veranstaltet. Zum Beispiel das Konzert von „Clarinet Summit“, einer Gruppe die vor 30 Jahren sehr erfolgreich war.
Dieter Tiedemann: „Wir hatten die Band schon einmal hier im Rahmen eines Festivals, ich fand das Konzert so gut, das wir es wieder veranstalten wollten. Auch wenn es ein großer logistischer Aufwand ist. „Baby“ Sommer, der in der Deutschland mal ganz großer war, kommt aus Dresden, der Jazzmusiker Trovesi aus Mailand und die anderen aus Konstanz. Dazu kamen drei der bekanntesten Improvisations-Musikern der Kölner Szene: Sebastian Gramss, Annette Maye und Albrecht Maurer.“

Wie funktioniert der Vorlauf zu einem Konzert im Pfandhaus?
Dieter Tiedemann: „Wir bekommen laufend Anfragen von Bands und Gruppen, auch von den großen Stars aus Amerika. Sie kündigen sich dann an, wenn sie in Europa auf Tournee sind oder auch auf Festivals spielen. Dort bekommen sie gute Gagen und wir sie dann zu zivilen Preisen. Wenn die Künstler dann einen so genannten „Leertag“ haben, können die auch hier im Pfandhaus spielen. Oft wird sehr zufällig und kurzfristig gebucht.“

Herr Tiedemann zeigt mir eine Liste von Künstlerinnen und Künstlern, die im Pfandhaus in den vergangen zehn Jahren aufgetreten sind. Ich staune, denn die DIN A4-Seite füllt eine Aneinanderreihung von vielen berühmten Namen (in kleiner Schrift), von denen ich nur wenige hier nennen kann: Lee Ritenour, George Gruntz, Jacky Terrasson, Paul Kuhn, Pee Wer Ellis, Rachel Z, Randy Brecker, Pat Martino, Talking Horns, Thoneline Orchestra, Paul Shighara, Richard Bargel, oder Rigmor Gustaffson.

Es benötigt also Veranstaltungen, um die hochwertigen Konzerte zu finanzieren?
Dieter Tiedemann: „Als freies Kulturzentrum und ohne öffentliche Gelder ist es nicht immer einfach, ein Haus wie unseres zu organisieren. Zum Beispiel ist die ‚Lit.Cologne Kids‘ regelmäßig mit Veranstaltungen im Pfandhaus vertreten. Wir stellen dafür den Raum, Beamer und die Tontechnik zur Verfügung.“

Christa Kamper: „Wir haben hier immer wieder verschiedene Veranstaltungen und auch Festivals. Zuletzt war die Botschaft Zyperns hier. Demnächst bezieht das Frauenfilmfestival hier ihr Büro und Zentrale. Gregor Meyle hat hier ein Video zu einem Song gedreht, nun kommen auch andere Bands auf die Idee. Das freut uns. Die DOMSTüRMER, werden beispielsweise ihr zehnjähriges Jubiläum im Pfandhaus feiern. Die Kölner Band wird für drei Konzertabende ins Pfandhaus (14., 15. und 16. Juni 2016) ziehen.“

Auf Ihrer Homepage konnte man lesen, dass am 11. April 2016 Rea Garvey hier ein exklusives Radiokonzert für den WDR gegeben hat.
Dieter Tiedemann: „Ja, wir haben immer wieder Konzerte für den WDR. Weil es einen kleinen Rahmen gibt, etwa 200 Leute passen in den Konzertsaal. Die Karten für dieses Konzert gab es leider nicht im freien Verkauf, sie wurden exklusiv bei WDR2 verlost.“

Christa Kamper: „Wir bekommen sehr verschiedene Anfragen für unsere Räumlichkeiten – auch von Kinder- oder Krimiserien. Die Produktionsfirmen schätzen die Intimität in unseren Räumlichkeiten.“

Das Pfandhaus besticht natürlich durch seine Architektur. Der Konzertsaal bietet mit seiner Größe und Akustik einen sehr intimen Rahmen. Die Gäste sitzen im Kreis um die Bühne, in drei aufsteigenden Reihen und erleben dadurch die Konzerte hautnah.
Dieter Tiedemann: „Es ist extrem wichtig, wie Räume gestaltet sind und wie die auf das was hier passiert reagieren. Viele amerikanischen Jazzmusiker kommen gern in den Konzertsaal, weil sie hier gern spielen, Ron Carter war schon dreimal hier. Im Herbst kommt er eventuell noch mal, das sind Musiker, die sonst nicht in Deutschland spielen – hier schon. 99% der Künstler genießen die Nähe zum Publikum. Aber ich hatte auch einmal den Fall mit einer ganz bekannten norwegischen Sängerin, die saß den ganzen Abend nur auf dem Hocker und bewegte sich kaum. Sie habe ich dann zwei Tage später in Essen gesehen, bei einer Riesenshow in einem großen Konzertsaal – es war ein Unterschied wie Tag und Nacht. Die hatte also tatsächlich Platzangst bei uns.“

Herr Tiedemann, Sie sind selbst Architekt. Trägt das Pfandhaus also „Ihre Handschrift“?
Dieter Tiedemann: „Ja, die Räumlichkeiten habe ich geplant. Hier waren früher die alten Pfandkreditanstalten, die 1820 unter Napoleon gegründet wurden. Diese wurden damals in Köln gegründet, um die Armen zu unterstützen, als Pfandkreditanstalt der Stadt Köln und als Sparkasse der Stadt Köln. Das war damals eine Institution, der erste Standort war in der Minoritenstraße und
seit den 60er Jahren dann in der Südstadt.  Am Anfang gab es nur den Vorderbau. Wir sitzen hier in der Lounge, das waren die Lagerräume. Der Konzertsaal war der Auktionssaal, wo die Teppiche oder die anderen Pfandgegenstände versteigert wurden. In den 90er Jahren wurde das Auktionshaus seitens der Stadt Köln geschlossen, man dachte, dass braucht keiner mehr. Doch das war ein Irrtum, denn die Leute rufen heute immer noch bei mir an und wollen Computer und Handys versetzen, meistens kurz vor Weihnachten, den großen Ferien oder vor Karneval.“

Wie kam es zu dem Umbau? Vom monetären Versteigern zur hochwertigen Kunst der Musik?
Dieter Tiedemann: „Die Stadt Köln versuchte einen Käufer zu finden, aber die Räume waren alle so heterogen. Kaum jemand konnte sich etwas darunter vorstellen, was man damit machen könnte.
Zudem ist die Stadt Köln verpflichtet, wenn sie eigene Grundstücke verkauft, auch Einfluss darauf nehmen, dass das im öffentlichen Interesse ist. Mein Vorschlag war, ein Medienzentrum daraus zu machen, das wurde dann drei Jahre angeboten, fand aber auch keinen Käufer. Letztlich habe ich es gekauft und gewagt. Die Umbauzeit zog sich dann von 1999 bis 2006, erst wurde das Vorderhaus fertig und später das Hinterhaus. Diese Räumlichkeiten wollte ich eigentlich vermieten, doch das gelang mir nicht, also kam die Idee hier Veranstaltungen durchzuführen. Ich bin also hierhin gekommen wie die Jungfrau zum Kinde.“

Wenn Sie einen Rückblick auf die vergangenen Jahre ziehen. Was war für Sie die größte Herausforderung?
Dieter Tiedemann: „Die größte Herausforderung war, das alles finanziell zu stemmen. Das funktioniert nur, weil wir hier sehr komplexe Räumlichkeiten haben, die wir für Firmen, Events und andere Veranstaltungen vermieten können. So können wir uns quer finanzieren, denn die meisten Konzerte werfen keine Gewinne ab. Die Kosten bei einem Konzert laufen durch, deswegen machen wir auch Vermietungen.“

Christa Kamper ergänzt energisch: „Aber das funktioniert hier auch ganz klar nur durch das private Engagement des Eigentümers.“
Beide lachen und sind sich einig: „Ein bisschen Wahnsinn und ein bisschen Leidenschaft gehören  auch dazu.“

 

Vielen Dank für das Gespräch.

 

 

Mehr im Netz
Auf www.altes-pfandhaus.de kann man auch den Newsletter des Alten Pfandhauses abonnieren.
 

Text: Antje Kosubek

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