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Gesellschaft

Liebe zwischen Krieg und Frieden

Montag, 18. August 2014 | Text: Jörg-Christian Schillmöller | Bild: Dirk Gebhardt

Geschätzte Lesezeit: 5 Minuten

Das schaffen nur ganz wenige Paare: Beatrix und Herbert Born sind heute auf den Tag genau seit 70 Jahren verheiratet. „Meine Südstadt“ möchte den beiden nicht nur gratulieren, sondern die Geschichte ihrer Hochzeit erzählen, in Pommern, an jenem 19. August 1944. Mit verbotener Tanzmusik und Buttercremetorte. „Meinen Sie, die hätten Marschmusik gespielt?“ Beatrix Born lacht und beginnt zu singen, als hätte sie nie etwas anderes getan. „Roter Mohn, warum welkst Du denn schon, wie mein Herz sollst Du glüh’n und feurig loh’n…“ Ihre Stimme klingt sanft und dunkel, wie eine nostalgische Schallplatte, nur ohne das Kratzen der Nadel.

Ein Bild steigt auf vor unseren Augen: Ein Spätsommertag in Pommern. Eine Hochzeitsgesellschaft kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs. Eine Kompanie-Kapelle spielt zum Tanz auf, obwohl das Tanzen seit der Schlacht von Stalingrad verboten ist. Und spät in der Nacht taucht tatsächlich von irgendwoher eine Buttercremetorte auf.

Das Fest muss ein Stück Heimat für die Familie aus Wuppertal gewesen sein. Von dort stammt Beatrix Born. Als die Stadt 1943 ausgebombt war, flohen viele Wuppertaler nach Nowogard, dem damaligen Naugard. Das liegt nordöstlich von Stettin im heutigen Polen.

„Dort lagen viele Soldaten aus Wuppertal“, erzählt Beatrix Born. Die Gegend war „Etappe“, so nannte man das Gebiet hinter der Front. Von hier kam der Nachschub. Ihr Vater war dort bei den Landesschützen. Die bewachten zum Beispiel Gefangene.

Und Herbert Born kam zu Besuch. Der Gatte in spe bildete im Krieg Soldaten für die Wehrmacht aus: Marschieren, Artillerie, Panzer. Er hatte einen Lehrgang in Groß Born (heute Borne Sulinowo), kaum mehr als 100 Kilometer entfernt von Naugard. Es war zu dem Zeitpunkt schon das Ersatzheer, das dort geschult wurde. Vorbereitung für junge Offiziere, rund eineinhalb Jahre vor der Kapitulation. Kein leichtes Thema. „Ich habe meine Einstellung zum Krieg grundsätzlich geändert“, sagt Herbert Born heute.

Köln, August 2014. Ein Wohnzimmer an der Marktstraße. Herbert Born sitzt im Sessel, er ist Jahrgang 1915, gebürtiger Kölner und 99 Jahre alt. Beatrix Born ist Jahrgang 1926. Das heißt: Als die beiden sich in Wuppertal kennenlernen, ist sie 14, „und Herbert war für mich ein alter Mann“. Der künftige Bräutigam ist damals 25 und interessiert sich für ihre ältere Schwester Eleonore. Trotzdem werden er und Beatrix ein Paar, aber erst ein paar Jahre später.

Eines Nachts, in Pommern. Herbert schlendert mit den Schwestern zum Bahnhof. Es muss ungefähr an der Kirche sein, als er zu Eleonore sagt: „Kannst Du mal ein paar Schritte zurückbleiben?“ Und dann fragt er Beatrix: „Willst Du meine Frau werden? Du musst nicht sofort antworten, du kannst drüber schlafen“.

Eine schlaflose Nacht später sagt sie „Ja“. So richtig geheim konnte das Ganze sowieso nicht sein, denn Beatrix‘ kleine Schwester Karin soll irgendwann in diesen Tagen aufgeregt gerufen haben: „Mutti, Mutti, der Herr Born hat unsere Bea geküsst.“ Der Vater reagiert anfangs barsch auf die Verlobung: „Du dumme Göre hat er gesagt“, lacht Beatrix.

Endlich hatte sie Verwendung für die schwarze Taftseide, die sie Weihnachten 1943 geschenkt bekam. Sie lässt sich daraus ihr Verlobungskleid schneidern: „Bis zur Verlobung habe ich Herbert gesiezt“. Für die Hochzeit setzen die Wuppertaler in Pommern Himmel und Hölle in Bewegung. Kirchlich heiraten die Borns erst Jahre später, aber die Trauung war trotzdem sehr feierlich. Allein, der Standesbeamte trug eine Parteiuniform – also doch eine ideologisch gefärbte Hochzeit?

Beatrix Born winkt ab: „Um Gottes Willen. Wir waren verliebt, schwer verliebt.“ Herbert nickt: „Und lieben uns noch heute“. Die Worte stehen im Raum: Diese beiden Menschen, das spürt man, haben es aus Überzeugung so viele Jahrzehnte miteinander ausgehalten, – und zusammengehalten.

Und sie ringen um ihre Haltung zu diesem Krieg, diesem Zweiten Weltkrieg, den sie beide so hautnah miterlebt haben. Herbert Born hat mehrfach den Wunsch, eines klarzustellen: „Von Hitlers Schandtaten“, sagt er, „habe ich erst nach 1945 erfahren. Uns ist so viel vorgelogen worden von der Nazi-Propaganda.“

Herbert Born hat die Reichspogromnacht 1938 nach eigenen Worten in Köln miterlebt. „Ich habe die Einstellung der Nazis schon früher nicht gutgeheißen. Ich war kein Gegner der Juden“, sagt er. Beatrix Born scheut das offene Wort gegenüber ihrem Mann nicht: „Du wolltest ja im Frühjahr 1945 den Krieg noch gewinnen“, sagt sie unumwunden.

Das Thema bewegt beide. Daran hat sich bis heute nichts geändert. „Nach 1945 kam bei uns das große Zweifeln“, meint Beatrix Born. „Das kann doch nicht wahr sein, sagten wir uns, dass solche Verbrechen begangen wurden. Wir haben die Dokumentationen gesehen. Wir hatten das nicht gewusst.“

Dann erzählt Beatrix Born von März 1945, es war die Zeit der letzten britischen Bombenangriffe auf Köln. Mit einer Tasche voller Brot kehrt sie aus Wuppertal heim. Inzwischen wohnt sie in Herbert Borns Familienhaus in Marienburg, Rondorfer Straße. Das letzte Stück fährt sie auf dem Trittbrett eines Lkw mit, eine Hand im Führerhaus, in der anderen die Tasche mit dem Brot.

Endlich ist sie in Deutz, jetzt ist es nicht mehr weit. Auf der Hohenzollernbrücke kommen ihr viele Menschen entgegen, alle fliehen aus der Stadt. „Mädchen, was willst Du hier noch?“ rufen sie. „Ich muss heim“, antwortet Beatrix. Vor ihr liegt der Dom, schwer beschädigt. „Und die Hohe Straße war ein Trümmerberg“, sagt sie. Ihr kommen die Tränen. Das ist der Krieg.

Aber Herbert und Beatrix Born überstehen ihn. Das Haus in Marienburg finden sie kurz nach Kriegsende verrammelt vor, draußen hängt  ein Schild: „Beschlagnahmt für OB Adenauer“. Das hat Herbert dem späteren Bundeskanzler niemals verziehen. Da mag Beatrix noch so sehr für den Staatsmann Adenauer und dessen Nachkriegspolitik werben.

Das Paar baut sich das Leben wieder auf, erst in Müngersdorf, und – als nach zehn Jahren die Beschlagnahmung vorbei war – wieder in Marienburg. Nachkriegszeit in Köln: „Wir haben uns über alles gefreut, das irgendwann wieder da war“, sagt Beatrix.

Herbert wird wieder Handelsvertreter in der „H. Born OHG“, gegründet 1875, dritte Generation. Die Firma liefert Rohstoffe für die Lackindustrie in der Region, als Scharnier zwischen Produzenten und verarbeitenden Betrieben. Beatrix macht die Büroarbeit – und ist, wie sie sagt „auch Hausfrau und kölsche Mutter“.

Sie wohnen lange in Marienburg – bis 1981, da ziehen sie nach Büscheich in die Eifel, nahe bei Gerolstein. Ein schöner Plan, „aber es ging nicht ewig gut“, sagt Beatrix. Und schon holt uns die deutsche Gegenwart ein. „Die Ärzte gingen weg aus der Gegend“, erzählt Herbert. „Unser Hausarzt machte seine Praxis zu und zog in die Stadt“.

Da ist er, der Landarztmangel, den die Politik bis heute nicht in den Griff bekommt. Für die beiden Rentner ein Grund, nach Köln zurückzukehren. Aber nicht der einzige. In Büscheich, sagen sie, da wurden abends um acht die Bürgersteige hochgeklappt, und um zehn waren die Laternen aus. Jetzt wohnen Beatrix und Herbert seniorengerecht und wohlbehütet in der Marktstraße.

 


Was für ein Leben. „Ja, wir haben Meinungsverschiedenheiten“, sagt Herbert mit seinen 99 Jahren. „Aber“, sagt Beatrix: „Toleranz ist uns ganz wichtig. Nicht nachtragend zu sein. Und Herbert ist vor allem eines: ehrlich.“ Die beiden schauen sich an mit einem Blick, in dem 70 Jahre Ehe zu sehen und zu fühlen sind. „Wenn ich sie vergleichen sollte, vom Mädchen bis ins hohe Alter“, sagt Herbert, „dann gab es nie eine Frau, von der ich gesagt hätte: Die gefällt mir besser“.

„Meine Südstadt“ gratuliert herzlich zum 70. Hochzeitstag.

Text: Jörg-Christian Schillmöller

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