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Gesellschaft

„Man muss mit den Wölfen heulen“ – Weiberfastnacht bei Merzenich

Donnerstag, 7. Februar 2013 | Text: Jörg-Christian Schillmöller | Bild: Dirk Gebhardt

Geschätzte Lesezeit: 3 Minuten

Ägypten, Rotes Meer, 10 Meter unter der Wasseroberfläche und Korallentauchen. Das täte Michael Klein heute am liebsten. Geht aber nicht. Michael Klein ist unentbehrlich. Seine Firma regelt die Versorgung der Karnevalszüge. Nicht mit Kamelle, sondern mit Strom und Wasser. Zuschauertribünen, Toilettenhäuser, das ganze Programm. Er ist beauftragt vom Festkomitee und kriegt die Anschlüsse von Rheinenergie. Heute, an Weiberfastnacht, ist er für den Stand von Radio Köln verantwortlich. Jetzt gerade steht er mitten drin bei Bäcker Merzenich, und es ist kurz nach 11.11 Uhr.

 


Von drinnen fällt der Blick durch geöffnete Glastüren auf den Chlodwigplatz. An der Litfaßsäule eine Werbung für Brause: „3x Kölle Ahoj“ steht da. Dahinter eine rote Bude: „Pommes, Steaks, Bratwurst“. Grundversorgung. Im Vordergrund flanieren Jecken. Vom Ring zur Severinstorburg und weiter in die Severinstraße. Manche bleiben stehen und reden, singen, lachen, trinken. Viel Rot-Weiß ist dies Jahr zu sehen bei den Kostümen: Entweder FC oder gleich Köln als Ganzes – in Form von Schal, Mütze, Pulli, Strumpfhose plus Schminke. Ein bisschen Lokalpatriotismus. Weiberfastnacht: Der Karneval ist noch jung heute Vormittag, und es ist zwar saukalt, aber trocken. Gott sei Dank.

Bei Bäcker Merzenich ist ein Großaufgebot im Einsatz. Die komplette Belegschaft ist da, ein 20-köpfiges Team. Alle sind verkleidet, aber nicht einheitlich. In einer Auslage fallen mir „Beschwipste Berliner“ ins Auge, „gefüllt mit leckerem Eierlikör“ und einer reingepieksten Karnevalsfigur. Mini-Jecken als Deko für den Happen zwischendurch. Michael Klein, der Mann für Wasser und Strom, ist alles andere als jeck. Karneval ist für ihn ein Job. Nur sein schmales Bärtchen und die Augenbrauen hat er verziert. Neongelb und neongrün.

Und Geschichten hat er zu erzählen. Am einfachsten fragt man ihn nach den Schäden an den Verteilerkästen, die er betreut. „Das wollen Sie nicht wissen“, meint er. Doch, wollen wir. „Die kriegen wir oft in desolatem Zustand zurück“. Also zerbeult? „Nicht nur. Da wird auch regelmäßig reingepinkelt.“ Gibt sowas einen Kurzschluss? Michael Klein lächelt. „Naja, zumindest lösen unsere Sicherheits-Einrichtungen aus.“ Wie gesagt: Michael Klein wäre ja sowieso am liebsten in Ägypten. Aber an Karneval gibt es keinen Urlaub. Sein Motto: „Dann muss man eben mit den Wölfen heulen.“

Der Leitwolf bei Merzenich heißt Sebastian Teske. Ihn sieht man zwischen den Theken hin- und herhuschen, dabei hat er eine kleine Reißverschlusstasche aus blauem Kunstleder in der Hand. Sebastian Teske leitet vier Filialen der Kette, heute ist er im Dauereinsatz am Chlodwigplatz. „Das ist nur das Wechselgeld“, antwortet er auf die Frage, was und wieviel in der blauen Tasche ist. Und, ja, ich bin der Geldbote, bestätigt er. „Wir schöpfen die Beträge aus den Kassen ab, weil es sicherer ist. Und weil irgendwann nichts mehr reinpasst.“

 


Sebastian Teske mit einer Mitarbeiterin.

Heute ist für ihn einer der drei „Bombentage“, wie er es nennt. Weiberfastnacht, Sonntag und Rosenmontag. Herr Teske ist seit vier Uhr früh hier, und er will durchhalten bis zum Ende. Ab 19 Uhr wird noch durchs Fenster verkauft, gegen 20 Uhr ist Schluss. „Ich mach das jetzt das dritte Jahr, und – klopf auf Holz – bislang gab es keine Schlägereien, keine Verletzten.“ Ich frage, was die Jecken denn am liebsten essen – und Sebastian Teske antwortet mit dem Wort des Tages: „Die Fettgebäckzeit beginnt ja schon nach Weihnachten.“ Fettgebäckzeit. Gemeint sind natürlich Berliner. Und Muzemandeln. Letztere sind heute im Sonderangebot.

Auf dem Weg hinter die Theke fällt der Blick auf einen großen Kühlschrank aus Silber. An der Tür klebt ein Lageplan: „Skizze Aufbau Weiberfastnacht“ heißt es darauf. Zu sehen ist das Innere der Bäckerei, gezeichnet wie der Plan einer Wohnung. Die Theken im Umriss – und die Einsatzbereiche mit Textmarker gekennzeichnet, in blau, grün, pink und orange. Soko Merzenich, denke ich. Unten auf dem Plan steht: „HB und SB werden nicht belegt.“ Leider vergesse ich zu fragen, was das heißt. HB = handgemachte Brötchen? SB = Schwarzbrot?

 


Hinter der Theke arbeitet Sabrina. Ich stehe ungünstig, bekomme dauernd die bauchhohe Schwingtür in die Flanke. „Wollense mitmachen?“ fragt Sabrina, die gerade Baguettes mit Bierknackern und Krautsalat dekoriert. Das gibt es heute zum ersten Mal. Katerbaguette. Für Sabrina ist es etwas Besonderes, an Karneval zu arbeiten. Auch wenn direkt hinter ihr die tragbare Stereoanlage dröhnt. „Bei mir in der Familie haben heute alle frei – und ich strahle: jippieh, ich darf arbeiten.“ Sie strahlt wirklich. Und ich habe schon wieder die Schwingtür in den Rippen. Es folgt ein Teewagen mit Geschirr. Karnevalsgeschichten bei Merzenich.

Für Sabrina ist es die 7. Weiberfastnacht hier. „Die Leute sind toll, die Stimmung ist gut – und vor allem die Stammkunden sind da, schauen Sie mal“. Sie deutet in das Gedränge vor der Theke. „Die da kommen seit vielen Jahren hierher.“ Ich weiß nicht, wen sie meint, aber ihr Lächeln zeigt: Sie mag diese Kunden. „Ich glaube, die kommen schon, seit es unser Geschäft hier gibt.“

 

Weiberfastnacht bei Merzenich: Von Stress keine Spur. Laut ist es, das ja. Und Eierlikör-Berliner werden nicht mein Leibgericht. Aber es ist hier drinnen lange nicht so anstrengend wie erwartet. Fehlt nur noch Sabrinas schönste Karnevalsgeschichte. „Das war an einem Rosenmontag, morgens um kurz nach vier. Da standen hier plötzlich 30 Leute vom Ordnungsamt.“ Und die waren nicht betrunken? „Nein nein, die sahen noch gut aus. Die wollten hier frühstücken, und wir hatten noch nicht auf. Aber wir haben das hinbekommen.“

Text: Jörg-Christian Schillmöller

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