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Politik

Mit Papier auf Fetzen schießen

Donnerstag, 3. März 2016 | Text: Stefan Rahmann | Bild: Stefan Rahmann

Geschätzte Lesezeit: 2 Minuten

Ein Drittel der Dokumente aus dem Archiv ist wieder nutzbar. Neues Verfahren zur Wiederherstellung nutzt Erfahrungen mit den geschredderten Stasi-Schnipseln. Stefan Rahmann hat sich das angeschaut.

Wie soll man sich einen Arbeitsplatz vorstellen, an dem man mit einem Weichpartikelstrahl arbeitet? Michael Helm weiß das ziemlich genau. Er sitzt nämlich an einem solchen in einem ehemaligen Möbellager von Porta in Porz-Lind und säubert in einer Außenstelle des Stadt-Archivs Dokumente vom Betonstaub. Mit einem Weichpartikelstrahl aus Zellulosepulver. „Wir schießen mit Papier auf Papier“, beschreibt er griffig, was er tut. Die Dokumente liegen in einem Glaskasten vor ihm auf einer Arbeitsplatte. Der Kasten steht unter Unterdruck, damit Helm den Staub, den er wegpustet, nicht einatmet. „Ein weicher Küchenschwamm würde im Vergleich zum Zellulosestahl wie Schmirgelpapier wirken. Und selbst der weichste Pinsel wäre nicht so sanft wie dieses Verfahren“, sagt die Restauratorin Nadine Thiel.  

„Digitale Rekonstruktion Kölner Fragmente“

Heute (03.03.2016) vor sieben Jahren stürzte das Kölner Stadtarchiv in die Baugrube der Nord-Süd-Stadtbahn. „Wir konnten in den Wochen danach etwa 95 Prozent des Archivgutes bergen“, berichtete die Archivleiterin Dr. Bettina Schmidt-Czaia bei einem Pressegespräch. Etwa 35 Prozent des geborgenen Materials seien mittlerweile analog oder digital wieder nutzbar. Schmidt-Czaia stellte das Pilotprojekt „Digitale Rekonstruktion Kölner Fragmente“ vor, mit dem die digitale Wiederherstellung der Archivalien deutlich erleichtert werden soll.

 

 

Das Projekt entstand in Zusammenarbeit mit der „MusterFabrik“ Köln, einer Firma für Software-Entwicklung, einer Ausgliederung aus dem Fraunhofer Institut für Produktions- und Konstruktionstechnik in Berlin. „Die MusterFabrik hat, vereinfacht gesagt, eine Software entwickelt, die das stark fragmentierte Archivgut aufgrund der Strukturen, der Risskanten und der Materialeigenschaften zunächst virtuell rekonstruiert, so dass die die Fragmente wieder in ihren archivischen Kontext zurückgeführt werden können“, sagte Schmidt-Czaia.

Kooperation mit Fraunhofer Institut

Vorbild sei das Stasi-Schnipsel-Projekt des Fraunhofer Instituts in den späten 2000er Jahren gewesen. Dr. Marc von den Linden, Geschäftsführer der MusterFabrik, erläuterte das Verfahren in Lind: „Viele Archivalien werden von alkalischem Betonstaub angegriffen der zersetzt das Papier. Wir reinigen die Fragmente, indem wir Zellulose auf die Archivalien blasen, die den Betonstaub beseitigt. Das muss man sich vorstellen wie beim Sandstrahlen, nur sehr viel vorsichtiger.“ Nach der Reinigung werden die Vorder- und Rückseiten der Schnipsel gescannt. Danach „puzzlet“ die Software die passenden Fragmente zusammen. Das sei bei den geschredderten Stasi-Akten einfach gewesen. Reisswölfe hinterlassen beim Zerkleinern von Akten klare Risskanten. Viele Kölner Fragmente hätten die eben nicht.

 

 

„Die Restauration ist auch viel schwieriger als etwa beim Rekonstruieren in der nach dem Brand Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar, wo wir ebenfalls tätig sind“, erklärte von der Linden. Die Suche nach den passenden Schnipseln gestalte sich problematisch, weil man in Köln beispielsweise nasse Fragmente und solche, die beim Archiveinsturz trocken geblieben sind, zusammenführen müsse. Deshalb seien die Risskanten und die Verfärbungen des Papiers sehr unterschiedlich, was die Rekonstruktion erschwere. „Im Übrigen sprechen wir von zwei bis drei Millionen Fragmenten, die wir untersuchen“, umriss von der Linden die Dimension der Aufgabe. Wie lange das alles dauern wird, könne man zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen. Auf jeden Fall lange. Viel Arbeit also noch für Michael Helm, den Mann am Weichpartikelstrahl.
 

 

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Text: Stefan Rahmann

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