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„Was vom Nachlass übrig blieb“

Montag, 4. März 2013 | Text: Nora Koldehoff | Bild: Tamara Soliz

Geschätzte Lesezeit: 5 Minuten

Der eine Nachlass war in den Regalen des ersten Stockwerks schon inventarisiert, als mutmaßlich Folgen der U-Bahn-Arbeiten das Stadtarchiv zerstörten: Tausende von Briefen und Fotos, Dokumenten und Erinnerungen, die das Leben und Wirken von L. Fritz Gruber dokumentierten. Gruber war einer der bedeutendsten Fotokuratoren und -vermittler der Welt, der ab 1950 Köln durch die Bilderschauen zur „photokina“ zum Mittelpunkt der Fotowelt machte.

Der andere Nachlass war gerade erst im Stadtarchiv eingetroffen. Nach langen Verhandlungen stand er noch in Kartons gleich neben den Gruber-Regalen. Dort warteten Briefe und Textfragmente, biografische Zeugnisse und Romanentwürfe des Literaturnobelpreisträgers Heinrich Böll noch auf ihre Aufarbeitung, als die Wände am Waidmarkt erst schwankten und dann in eine große Grube aus Erde und Wasser stürzten.

„Ich habe keine große Hoffnung“, sagt René Böll / Foto: Dirk Gebhardt

 

Seither vereint Renate Gruber und René Böll das Warten: Was wird wiedergefunden? Was ist noch lesbar? Wird sich das Leben des Ehemanns L. Fritz Gruber und des Vaters Heinrich Böll wenigstens ansatzweise wieder rekonstruieren, wird sich jemals wieder nutzen lassen, was ihre Erben dem Stadtarchiv anvertraut hatten, weil sie es für bewahrenswert hielten? „Ich habe keine große Hoffnung“, sagt René Böll. Von seinem Atelier im Kunsthaus Rhenania in der Südstadt aus blickt er auf den Rhein. „Die Stadt spricht immer wieder stolz davon, dass 95 Prozent der Archivalien geborgen worden seien. Aber was heißt das denn? Was konnte identifiziert werden? Ich habe Papierstücke gesehen, bei denen ich Mühe habe, sie tatsächlich als die Handschrift meines Vaters zu erkennen. Und ich kenne diese Handschrift wahrscheinlich so gut wie kaum ein Zweiter. Die Stadt hat mich bislang aber nicht um Hilfe gebeten. Ich glaube weder an die 95 Prozent noch an die 30 Jahre, die die Rekonstruktion des Stadtarchivs angeblich dauert. Wenn es so weiter geht wie bisher, wird es viel viel länger dauern. Das erleben wir alle nicht mehr.“

Renate Gruber war seit dem Einsturz nicht mehr in der Severinstraße. Es ist zu schmerzlich für sie. Nachdem ihr Mann vier Jahre zuvor mit fast 97 Jahren gestorben war, waren nun auch seine privaten Dokumente und Unterlagen und 14.000 dokumentarische Fotografien verloren. Manches vorerst, manches so, dass es stark beschädigt ist – und manches für immer.
Was sie und ihr Mann ans Stadtarchiv gaben, hatten sie zuvor akribisch in Bestandslisten festgehalten. Gelegentlich komme ein Brief von der Stadt, erzählt Renate Gruber dann: „Da steht dann drin: 3 Fotos gefunden. Zustand: stark beschädigt.“ Was heißt das aber? Fotografien und Papierstücke, die tagelang im Wasser gelegen haben, auf die Geröll und Zementstücke fielen, sind vermutlich nicht wieder nutzbar zu machen.

„Da steht dann drin: 3 Fotos gefunden. Zustand: stark beschädigt.“/ Foto: Bernd Arnold

 

Im Kontext dessen, was das Archiv alles beherbergt hat, sieht Renate Gruber den Nachlass ihres Mannes als sehr bescheidene Größe. Ungeheure Schätze seien verschüttet worden, sagt sie, aber der Tod von zwei Menschen gebe der Katastrophe in ihren Augen noch in eine ganz andere Dimension: „Der Gedanke, dass der Einsturz eventuell vermeidbar gewesen wäre, ist natürlich ein sehr schmerzlicher. Zumal ja zwei junge Menschen zu Tode kamen, die einfach nur das Pech hatten, geographisch in der Nähe zu sein und die keine Chance hatten, sich retten zu können.“

Die Frage nach der Vermeidbarkeit treibt seit vier Jahren viele Leihgeber um. Sie haben von Mitarbeitern des Archivs gehört, die schon Wochen vor dem Einsturz darauf hingewiesen haben, dass sich im Haus deutlich sichtbare Risse gebildet hatten. Dass der Versatz von Wandstücken gar soweit ging, dass im Keller regelmäßig Gasalarm ausgelöst wurde, weil Rohre auseinanderbrachen, Türen sich nicht mehr öffnen oder schließen ließen. Wer im Nachhinein an die Dringlichkeit der frühzeitig vorgetragenen Sorgen erinnerte, sei als Nestbeschmutzer gescholten worden. Ein Begriff, der immer wieder reflexhaft verwendet wird, doch Irritation auslöst, weil er ja unterstellt, dass derjenige, der darauf hinweist, dass ein Nest schmutzig ist, für diesen Umstand auch verantwortlich sei.

Was die Sachwerte angeht, sehen viele Nachlassgeber die immer wieder fast beschwörend genannte Zahl von 95 Prozent geretteten Archivguts sehr skeptisch. „Die Frage ist ja: 95 Prozent wovon eigentlich? Bezieht sich diese Zahl auf das überhaupt nur Bergbare? Vieles wurde beim Einsturz zermahlen, Anderes verschwand im stabilisierenden Beton. Das, was geborgen wurde, ist noch nicht wieder identifiziert – auf welcher Grundlage kann dann eine derart hohe Bergungsquote konstatiert werden?“ fragt René Böll, der Sohn des Dichters. „Zudem war auch vieles, das im Archiv stand, noch gar nicht katalogisiert. Bezieht sich die Menge dann auf Kubikmeter? Solche Angaben erscheinen vorschnell und unrealistisch, das schafft mehr Misstrauen, als es beruhigt.“

Die Kommunikation mit den Verantwortlichen bei der Stadt sei am Anfang keine gute gewesen, sagt Böll. Sie habe sich aber inzwischen verbessert. Immerhin einmal im Jahr werden die Depositäre ins Rathaus eingeladen und über den neuesten Stand der Bergungen unterrichtet, und es gibt Raum für Fragen. Die Nachlassgeber haben sich aber auch untereinander vernetzt und eine Interessensgemeinschaft gebildet, die sich austauscht, gegenseitig juristisch berät und gemeinsame Forderungen formuliert.
Eine Zusammenarbeit mit denen, die das Archiv zu rekonstruieren versuchen, gibt es aber immer noch nicht – obwohl viele Nachlassgeber ihre Hilfe seit langem angeboten haben. Man könne ja nicht in jede Kiste gucken, hieß es lapidar, um zu schauen, wo die für den jeweiligen Nachlassgeber passende Stücke darin sind. Viele von ihnen waren gekränkt darüber, dass vor allem in der Anfangszeit Zuspruch von Seiten der Stadt ausblieb. Und vom Bauunternehmer kam, dessen mögliche Mit-Schuld ja noch ermittelt wird, bis heute nicht einmal ein Wort der Anteilnahme.

Nicht nur die Rekonstruktion der Archivalien, auch die Ermittlungen zur Ursache werden sich noch eine unabsehbare Zeit hinstrecken. Und noch bevor das Besichtigungsbauwerk überhaupt erst fertig gestellt war, stand am Ende des vergangenen Jahres auch schon eine Verjährung für Schadenersatzansprüche im Raum. Die Stadt sicherte den Leihgebern aber schriftlich zu, dass sie diese nicht geltend machen wird.

Vielen Nachlassgebern, das haben sie bei Treffen -auch mit der Stadt- immer wieder deutlich gemacht, geht es aber gar nicht um materielle Entschädigung.
Sie beschäftigt, dass einem großen Teil der Bevölkerung erst nach dem Einsturz des Archivs bewusst wurde, welche kulturellen und historischen Schätze die Stadt hier versammelt hatte. Das aber scheint inzwischen wieder in den Hintergrund zu geraten. Wünschenswert fänden es die Nachlassgeber deshalb, noch einmal die Bedeutung des Stadtarchives öffentlichkeitswirksam in den Vordergrund zu rücken – auch, um möglicherweise mehr finanzielle Unterstützung zu erwirken.

Dass ein neues Stadtarchiv immens wichtig sei, ist für Renate Gruber wie für René Böll keine Frage. Zu wichtig sei das kulturelle Gedächtnis der Stadt, und vieles von ihrer Geschichte doch nur durch Originale erfahrbar. Renate Gruber (Foto: Bernd Arnold) hatte schon ein halbes Jahr nach dem Einsturz wieder Unterlagen an die Archivare abgegeben. „Bei allem Schmerz über den Verlust, möchte ich doch auch nach vorne schauen und beim Aufbau des neuen Archivs mit guten Gedanken mithelfen.“ René Böll hingegen denkt über den geeigneten Zeitpunkt noch nach. Vielleicht sei er erst da, wenn ein neues Gebäude fertig ist, sagt er und blickt wieder auf den Rhein: „Wann immer das sein wird.“

„Guten Grund und Boden“ antwortet Renate Gruber auf die Frage, welche Wünsche sie an ein neues Stadtarchiv hat. In der kommenden Woche trifft sich die Interessensgemeinschaft wieder – in privatem Rahmen. Auch die Archivleitung wird daran teilnehmen. Dies wird als Ausdruck von Interesse und dem gegenseitigen Wunsch zu einem freundlichen Miteinander gewertet.  „Wenn das neue Archiv eröffnet wird, dann werde ich mich jedenfalls ordentlich rausputzen und die Arbeit unterstützen, so gut ich kann,“ sagt Renate Gruber zum Abschied und lächelt.

Text: Nora Koldehoff

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