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Gesellschaft Kultur

Nicht über sondern mit

Mittwoch, 3. Juni 2015 | Text: Aslı Güleryüz | Bild: Tamara Soliz

Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten

Immer wird geredet – über Sinti, Roma und alle Zigeunergruppen. Vorurteile gibt es genug, und die werden dabei gerne bedient. Die wollen wir an dieser Stelle nicht alle unnötig aufführen. Aber wie sieht es mit Begegnungen aus? Wer geht mal gegen die Vorurteile an? Wer kennt einen ‚Zigeuner’ persönlich? Wer hat sich schon einmal mit einem oder einer von ‚denen’ unterhalten? Nein, wir möchten nicht über sie reden (oder schreiben) – wir wollen mit ihnen ihre Kultur & Kunst feiern und sie kennenlernen. Das 2. Rheinische Zigeunerfestival bietet den perfekten Rahmen dazu. Es gibt gleich zwei große Veranstaltungen in dieser Woche. „Meine Südtstadt“ hat sich mit Rudi Rumstajn, einem der Veranstalter und Musiker, zum Interview getroffen.

Meine Südstadt: Musik hat eine sehr große Bedeutung in eurer Kultur. Wie ist dein Verhältnis zur Musik?
Rudi Rumstajn: Ich bin in Kroatien zur Welt gekommen, als Sohn einer Fahrgesellschaft. Wir haben Kirmes, Zirkus und Theater an vielen Orten gemacht. Die Musik- und Schauspieltradition hat ca. 300 Jahre Geschichte in meiner Familie. Mein Vater ist ein Tänzer und kein Musiker. Aber ich habe mich mit ungefähr 14 Jahren zur Musik hingezogen gefühlt. Ich habe mir eine Gitarre besorgt und angefangen zu musizieren. Mein Vater fand das nicht so toll. Aber meine Mutter und meine Oma waren besondere Menschen. Meine Mutter hatte Ballett und Klavierspielen gelernt. Meine Oma hatte eine Bibliothek in ihrem Wagen. Ich bin dann mit 15 von Zuhause ausgerissen und habe mir Orte gesucht, wo es Musik gab. Vier Jahre habe ich bestimmt herumgelungert und habe meine Familie immer wieder besucht. Mit Musik lebt unsere Tradition der Freiheit weiter.

Musik ist deine Tradition. Wie kannst du das hier in Köln vereinen?
Man ist wie gefangen, wenn man sich nicht verwirklichen kann. Unsere Tradition ist ja die Freiheit. Die Freiheit ist auch eine große Verpflichtung. Wenn du da keine festen Regeln hast, klappt das nicht. Du brauchst viele Regeln und eine feste Struktur. In meiner Kindheit sind wir viel herumgereist, aber wir hatten viele Regeln. Ich habe bestimmt sieben Mal die Schule gewechselt in einem Jahr. Nach der fünften Klasse habe ich aufgehört mit Schule. Das ging nicht mehr. Es hat keinen Sinn gemacht mit so vielen Schulwechseln. Heute müssen wir hier lernen, das Musische mit der Schule zu verbinden. Die Musik ist unsere Qualität, unsere Stärke. Das müssen wir an unsere Kinder weitergeben. Sonst sterben wir aus.

Gibst du dann etwas von deiner Freiheit auf?
Ich lebe seit 30 Jahren in Deutschland. Hier hatte ich meine erste Wohnung. Ich habe irgendwann gelernt, dass ich in der Kultur hier viel zu lernen habe. Ich habe begriffen, dass ich mich hier anpassen muss. Ich muss eure Sprache lernen, damit ihr meine lernen könnt. Dann kann ich wieder zu meiner Freiheit kommen. Ich darf nicht vergessen, wer ich bin und was ich kann. Wir hatten eine tolle Kindheit. Wir haben dieses Schausteller-Leben sehr genossen. Wir hatten Freiheit, Freunde, Geld. Ich habe hier das Arbeitsamt so lange genervt bis sie mich in eine Ausbildung gesteckt haben. Ich habe eine Ausbildung zum Gas- und Wasser-Installateur gemacht. Ich habe Verkaufstrainings gemacht und Security. Ich kann mich hier in die Gesellschaft einbringen. Die Gesellschaft braucht mich.

Wie meinst du das?
Sagen wir, meine Freunde und ich haben einen Ort. Nennen wir ihn Begegnung. Wenn wir sagen, dass wir uns mit unseren Freunden an diesem Ort treffen, dann machen wir ein Feuer, dann kommen die Gitarren und wir feiern. Das wollen wir ausleben. Wir wollen diese Feierkultur am Leben erhalten. Wir wollen der Gesellschaft das geben, was wir sind. Dadurch kann die Gesellschaft freier werden.

Schafft ihr es, die Jugend von hier und heute zu erreichen?
Hier hat die Jugend viel Ablenkung. Es sind einige Projekte mit Markus Reinhardt entstanden in Chorweiler, in der Herkulesstraße und in der Boltensternstraße. Wir suchen nicht große Talente, sondern die, die Musik im Herzen tragen. Wir werden auch ein bisschen zu ihren Vorbildern. Wir wollen auch ein Kulturzentrum aufbauen. Alle Aktivitäten, die wir organisieren, sei es die Zigeunernacht in der Lutherkirche oder das Zigeunerfestival oder so: Alles geht in diese Richtung. Wir brauchen einen Raum, ein Haus, wo wir das verwirklichen können. Wir gründen gerade zwei Vereine. Einmal einen für die sesshaften kölschen Zigeuner und einmal einen der Balkanzigeuner, der migrierten Zigeuner. Wir kooperieren immer mehr und kommen näher zusammen. Wir respektieren einander und die andere Gruppe. Musik öffnet die Grenzen. Die Gemeinsamkeit ist die Kultur. Jeder ist bei uns willkommen. Auch Nicht-Zigeuner. Überhaupt haben wir ein paar ganz besondere Nicht-Zigeuner-Unterstützer wie Sonja Grupe, Marianne Müller und Jan Krauthäuser. Sie haben uns von Anfang an den Weg bereitet und an uns geglaubt.

Am Mittwochabend findet eine Zigeunernacht in der Lutherkirche statt und am Donnerstag ein Festival auf der LVR-Wiese in Deutz.
Das Festival ist unsere Aufgabe. Wir müssen das tun, was wir können. Die Kultur geht von den Zigeunern aus, aber es ist nicht nur für Zigeuner. Wir haben auch Nicht-Zigeuner-Musiker eingeladen und musizieren gemeinsam. Die Kunst hat einen hohen Stellenwert in unserer Kultur. Mit ihr haben wir unser täglich Brot verdient. Es gibt auch viel Not und Armut. Ich kann es nicht mehr hören und sehen. Es gibt auch anderes – unsere Kultur. Sie steht über der ganzen Not und ist sehr wertvoll. Was mit den Indianern und Aborigines passiert ist, darf uns nicht passieren.

Was sollten wir auf dem Festival auf gar keinen Fall verpassen?
Wir haben großartige Künstler eingeladen. Lyko kommt aus Russland, Romengo aus Ungarn, die Familie Jankovic aus Serbien, das Lulo Reinhardt Trio und viele lokale Musiker wie Bozidar mit seiner Brass-Band aus Köln. Es wird auch viele Leckereien aus unserer Kultur geben.

Zigeunernacht
Mittwoch, 19:30 Uhr in der Lutherkirche anschließend Party mit DJ Meli Melo & Jan Ü
Tickets im VVK 17 Euro, AK 20 Euro

2. Rheinisches Zigeunerfestival
Donnerstag, ab 14:30 Uhr auf den LVR-Wiesen in Deutz
Eintritt frei, Spenden willkommen
www.zigeunerfestival.de/web/aktuell.html

 

Text: Aslı Güleryüz

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