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Kultur

Sieben Punkte

Freitag, 15. September 2017 | Text: Nora Koldehoff | Bild: Tamara Soliz

Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten

Am Sonntag ist der Bildhauer Ulrich Rückriem zu Gast im Talkgottesdienst in der Lutherkirche. „Meine Südstadt“ hat ihn vorab zuhause besucht.

Die postkartengroße weiße Pappe vor sich, greift Ulrich Rückriem zu seinem Bleistift und verteilt sieben Punkte auf dem Weiß, die er darauf danach mit einem kleinen Lineal verbindet. „So, so und so“, unterstreicht er das Getane, als alle Punkte verbunden sind. „Und um die Verbindungen zu variieren, drücke ich einfach mit dem Zirkel die Punkte auf die nächste Karte durch und verbinde sie anders. So. Jetzt wisst Ihr, wie es geht, jetzt könnt Ihr’s selber machen.“

Ulrich Rückriem blickt auffordernd. Einen Anspruch darauf, dass nur er seine Arbeit weiterführen dürfe, erhebt er nicht. Bei den Zeichnungen nicht und auch nicht bei den Steinen, mit denen er weltberühmt wurde. Der Kunstmarkt interessiert ihn nicht mehr, stößt ihn ab. „Wenn sich jemand dafür begeistert, was ich tue, kann er das weitermachen. Und wenn ich in die Kneipe gehe, habe ich immer ein paar Zeichnungen dabei, hier in dem Umschlag“, sagt er und zieht aus seiner Jacketttasche das Kuvert mit den DIN A6-großen Zeichnungen hervor. „Wenn mir jemand gefällt, sag ich: ‚Such’ Dir eine aus!’ Manchmal werd‘ ich dann gefragt, ob ich sie signiere, aber das mache ich nicht. Die Signatur macht es ja kaputt, dann geht es doch gleich um was ganz anderes und eben nicht mehr um die Zeichnung und Idee selbst oder um das Weitergeben.“

 

Für die Zeichnungen gibt es eine sehr genaue Beschreibung: „Auf einem DIN-Format Bogen werden sieben Punkte frei gesetzt. Alle Punkte werden durch Geraden miteinander verbunden, die jeden Punkt nur einmal tangieren und zum Ausgangspunkt zurückkehren. Die entstehenden Flächen, die sich an den Kreuzungspunkten berühren, werden alternierend mit Schwarz und den Grundfarben ausgefüllt.“
Bei einem Gang durch Wohnung und Atelier in der Südstadt sind in den verschiedenen Variationen mehrere Hundert dieser Zeichnungen zu sehen und mehrere Tausend weitere in Kisten verstaut. Akkurat gehängt, sortiert, gereiht, liegend gestapelt, direkt auf die Wand gemalt, als großer Teppich geknüpft, als Glasdruck und auch die Punkte als Nägel in Holz geschlagen, mit einem Faden verbunden, der die Flächen definiert. Es gibt welche, die sich ähneln, Reihen und Serien, die einem inneren Konzept folgen und auch Zwillinge. Aber nie zwei, die ganz gleich sind. „Ich mache jetzt fast nur noch Zeichnungen“, erklärt der Künstler die Menge. „Für die ist das Interesse aber nicht so groß. Alle wollen die Steine. Mach’ ich aber nicht mehr. Ich war lange genug im Steinbruch. Das Zeichnen kann ich am Küchentisch machen, ganz meditativ.“

Die schöne Sieben

Die Sieben als wichtige und, wie er selbst sagt, magische Zahl, die ihre Bedeutung in den verschiedensten Kulturen und Religionen hat, ergab sich bei Rückriem aus einer ganz anderen Aufgabe, dem Damenproblem. Bei dieser schachmathematischen Aufgabe sollen acht Damen so auf dem Spielfeld verteilt werden, dass sie sich nicht gegenseitig schlagen können. Aus den 92 Lösungsvariationen nahm der Bildhauer die Kreuzungspunkte und setzte sie zeichnerisch frei. „Das ist das Letzte“, beschreibt er sein Thema. „Die Sieben.“

 


 
Sieben Fenster hat der Künstler jetzt in der Lutherkirche gestaltet. Auf den mundgeblasenen Glassteinen der Waben-Wand zum Innenhof mit schwarzer Farbe direkt auf die Steine gemalt, übertrug er die unterschiedlichen, sich ergebenden Flächen der verbundenen Punkte. Eigentlich in schwarzer Farbe, aber von innen erscheinen die Flächen Blau. „Irre“, findet er, „das hatte ich gar nicht erwartet.“

Der Katholizismus, unter dem er aufgewachsen war, habe ihn gequält, erzählt Ulrich Rückriem. Er glaube eigentlich nichts mehr, doch ganz sicher sei er sich da auch nicht. Ein Buch über den Taoismus bewegte ihn so sehr, dass er sich seither als Taoist versteht: „Im Fluss bleibend und die Dinge als sie selbst lassend und das Unbegreifliche auch unbegreiflich lassend.“

 

Vom Kloster in den Steinbruch

„Eigentlich sollte ich ins Kloster“, erinnert sich der 78-Jährige und lächelt, „aber dieser Finger – da habe ich einen Ball gegenbekommen – der hat mich gerettet“. Nach dem Fußball-Unfall und anschließenden Komplikationen lag er lange im Krankenhaus. Ins Kloster wollte er nicht zurück, und in der Regelschule wurde es nach der langen Zeit schwierig, den Anschluss wieder zu finden. Dem Rat seines Zeichenlehrers folgend, absolvierte er eine Steinmetzlehre in Düren. „Das war die einzige Prüfung, die ich je gemacht habe, die Steinmetzprüfung“, erinnert sich Rückriem und streicht über den neuen Papier-Bogen, der vor ihm liegt. Anschließend arbeitete er in Köln in der Dombauhütte und studierte an den Werkschulen.

„In Düsseldorf wollte ich auch mal studieren, da haben sie gesagt, ich sei nicht begabt“, erzählt der Bildhauer. „20 Jahre später haben sie mich da zum Professor berufen. ‚Aber ich bin doch gar nicht begabt’, habe ich denen dann gesagt. ‚Guckt ruhig nach.‘ ‚Das waren wir nicht‘, meinten sie dann. Naja. Das kann man auch alles nicht so ernst nehmen.“

Die erste große Ausstellung hatte der Bildhauer 1969 in der Düsseldorfer Galerie des legendären Konrad Fischer. Es folgten Ausstellungen in Museen, erst in Deutschland, dann international. Inzwischen sind seine bekanntesten Skulpturen auf der ganzen Welt zu sehen: tonnenschwere quaderförmige Steinblöcke, an denen er durch Spalten und Sägen das hervorhebt, was die Beschaffenheit des Steins von Natur aus enthält. Der Ort, an dem eine Skulptur steht, ist wesentlich und macht einen Teil des Werkes aus. Einfaches Versetzen des Objektes zerstört es.

Wenn der Künstler, dessen Arbeiten im New Yorker MoMA gezeigt werden und auf der Biennale von Venedig wie auf der documenta zu sehen waren, selber über sich liest, er sei berühmt oder bedeutend, kann er damit wenig anfangen. „Das ist eigentlich ein fieses Gefühl“, findet er, „wenn einer sagt, Du bist doch berühmt. Was soll der Scheißdreck? Was soll das heißen? Und das ist auch wieder pervers. Denn andererseits hat mir der Erfolg ja wiederum die Möglichkeit gegeben, von der Kunst zu leben. Und auch Andere mit zu unterstützen. Aber der Kunstbetrieb ist eine Belastung.“ Ulrich Rückriem guckt nachdenklich und zündet sich eine Zigarette an. „Ich will ja nicht unbedingt mit dem Zeichnen aufhören, das kann ich ja weitermachen. Aber ich will aus dem Betrieb raus. Still werden.“

 

Talkgottesdienst: Pfarrer Hans Mörtter im Gespräch mit Ulrich Rückriem
17. September 2017, 11.15 Uhr
Lutherkirche, Martin-Luther-Platz 2-4, 50677 Köln

Text: Nora Koldehoff

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