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Kultur

Skurril, lustig, lesenswert: Michel Houellebecq

Donnerstag, 17. März 2011 | Text: Jörg-Christian Schillmöller | Bild: Dumont Buchverlag

Geschätzte Lesezeit: 3 Minuten

Michel Houellebecq: witzig? Michel Houellebecq: komisch? Ausgeschlossen. Undenkbar. Geht nicht, passt nicht. Und jetzt das: Michel Houellebecq: witzig. Komisch. Doch, bestimmt. Ich habe beim Lesen seines neuen Romans laut gelacht, den Kopf geschüttelt und mich glänzend unterhalten. „Karte und Gebiet“ heißt das skurrile, ironische und wahrhaft lesenswerte Buch, das heute in Deutschland erscheint.

Im Mittelpunkt: die Kunst, oder, etwas theoretischer: die Bedingungen der Möglichkeit von Kunst. Was macht Schöpfung möglich? Was ist Schöpfung? Die Hauptfigur ist Jed Martin: Maler, Fotograf, ein Künstler eben. Und das Buch erzählt die Geschichte seiner Schaffensphasen – und seines Sich-Abfindens damit, dass er in dieser Welt so recht keinen Platz findet. Dass er diesem irdischen Dasein bis zum Schluss fremd bleibt. Das klingt nach dem alten Houellebecq-Klischee: Schlecht gelaunte, komplizierte Charaktere auf der Suche nach Sinn. Stimmt. Nur dieses Mal ist das lustig.

Das liegt daran, dass Michel Houellebecq die real existierende französische Kunstszene porträtiert, dass er sie unverschlüsselt parodiert. Frédéric Beigbeder taucht auf (der Autor von „39,90“, einem zynischen Roman über die Werbeindustrie), und zwar als launischer, koksender Dandy. Diverse namhafte Kunstkritiker geben sich die Klinke in die Hand – und es macht überhaupt nichts, wenn man sie als deutscher Leser nicht alle kennt (so ging es mir): Man kann sie im Geiste einfach durch deutsche Köpfe ersetzen. Allen voran taucht in Michel Houellebecqs Roman ein wichtiger, französischer Schriftsteller auf. Es ist Michel Houellebecq selbst, und das ist das wunderbar Skurrile an diesem Roman: dass der Autor schonungslos und voller Freude alle Negativ-Klischees über sich selbst in Szene setzt. Er präsentiert uns einen verschrobenen, faulen und depressiven Houellebecq. Einen, der dem Besucher Jed kleinlaut gesteht, dass er am liebsten den Dezember mag. Weil es dann in Irland (wo er im echten Leben wahrscheinlich und im Roman ganz sicher lebt) schon um vier dunkel wird. Weil er dann endlich den Schlafanzug anziehen und sich mit einer Flasche Wein und seinen Schlaftabletten ins Bett verkriechen könne: Ich habe sehr gelacht bei dieser Passage.

Das ist das Schöne an dem Buch: Dauernd fragt man sich, ob der Mann wirklich so ist. Oder ob es eben doch „nur“ ein fiktiver Houellebecq ist. Einer, den Michel Houellebecq erfunden hat. Auch hier geht es um die Frage der Abbildung, um das Spiel von Wirklichkeit und Fiktion. Die Frage erledigt sich insofern, als der fiktive Michel Houellebecq im zweiten Teil des Romans ermordet – oder plastischer: von einem Psychopathen zerlegt wird, und zwar mit dem Laser. Der Schriftsteller als zerstückeltes Wesen: Auch das zweifelsohne ein Kunstwerk – allerdings nach Ansicht von Jed Martin kein sehr gutes.

Zurück zur Geschichte: Jed Martin, der Künstler, gerät im Laufe der Handlung in Kontakt zu Michel Houellebecq. Er will den Schriftsteller überreden, für einen Ausstellungskatalog das Vorwort zu schreiben. Auf einer Party gibt Frédéric Beigbeder ihm knallhart den Tip, es auf jeden Fall mit Geld zu versuchen: Damit könne man diesen Houellebecq vermutlich herumkriegen. In diesem Stil geht das: herrlich. Jed Martin selbst hat als Künstler seine ersten Erfolge damit, dass er Michelin-Landkarten abfotografiert. Danach malt er Persönlichkeiten der Zeitgeschichte (Steve Jobs und Bill Gates etwa), scheitert aber symbolischerweise genau bei dem Gemälde, das zwei Künstler darstellen soll: Damien Hirst und Jeff Koons. Und malt danach nur noch ein Gemälde – das Porträt von Michel Houellebecq. Schätzwert am Ende: 900.000 Euro.

Wo bleiben die Frauen? In „Plattform“ etwa gab es jede Menge von detailliert beschriebenen Sex-Szenen in verschiedener Konstellation. Damals verriet der Autor im Interview, dass es ihn nun einmal errege, derlei zu formulieren. „Die Karte und das Gebiet“ kommt in dieser Hinsicht ohne aus. Zugegeben: eine wunderschöne, langbeinige Olga schreitet durch das Buch. Man möchte Jed, den Künstler, schütteln und ihm zurufen: Hallo, warum merkst Du nicht, dass Sie die Richtige sein könnte? Dennoch: Zu nennenswerten Vollzugsszenen kommt es nicht. Der neue Roman ist asketisch. Er verlegt das Schwelgen von der körperlichen Ebene auf die der Kunst. Er feiert die Magie der Abbildung, versucht das Wesen der Schöpfung zu ergründen – und, spielerisch, schwelgt das Buch eben auch auf der Nabelschau-Ebene.

Fazit: „Die Karte und das Gebiet“ ist ein witziger, tiefgründiger Roman über Kunst und Mensch, über das Verhältnis von Wirklichkeit zu Abbildung. Der Maler Jed Martin malt Steve Jobs und Bill Gates und porträtiert den Schriftsteller Houellebecq – aber das tut dieser in Wirklichkeit genauso, indem er sich selbst als Romanfigur erfindet. Von diesem dauernden Spiel mit Welt und Bild lebt der Roman, der bezeichnenderweise mit diesem glasklaren Satz aufhört (und damit der Kunst den Boden entzieht): „Der Triumph der Vegetation ist vollständig.“ Bezeichnend auch, dass das Buch selbst der Beweis dafür ist, dass die These nicht stimmt.
 

 

Michel Houellebecq

„Karte und Gebiet“
400 Seiten, Hardcover

Dumont Buchverlag
EUR 22,99 Euro
ISBN 978-3-8321-9639-4

 

Text: Jörg-Christian Schillmöller

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