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Gesellschaft

„Stell dich nicht so an!“ #MeToo in Köln

Mittwoch, 20. Dezember 2017 | Text: Alida Pisu | Bild: Tamara Soliz

Geschätzte Lesezeit: 5 Minuten

Nicht nur in Hollywood werden Frauen sexuell belästigt und genötigt. Der Skandal um den ehemaligen Filmproduzenten Harvey Weinstein und die dadurch ausgelöste „Me Too“-Debatte haben ans Licht gebracht, was täglich unzähligen Frauen überall auf der Welt passiert. Meine Südstadt sprach mit Heike von Hagen, Frauenbeauftragte des evangelischen Kirchenkreises Köln-Mitte, über das Thema und die Situation in Köln.

Meine Südstadt: Frau von Hagen, Sie sind Mitglied im Arbeitskreis Gewalt gegen Frauen und Mädchen der Stadt Köln. Wie groß ist die Bandbreite der Gewalt?
Heike von Hagen: Es gibt ganz viele Formen von Gewalt. Sie reicht von der strukturellen Gewalt in Form von sozialer Armut, Diskriminierung am Arbeitsplatz bis zur körperlichen Misshandlung, der alltäglichen Pornographie bis zum Sexismus in Medien und Werbung.

Wie sieht es aus mit sexueller Gewalt?
Es gibt Studien, die besagen, dass etwa 30 % aller Frauen zwischen 16 und 85 Jahren mindestens einmal in ihrem Leben körperliche, sexuelle Gewalt erleben.

Das ist ja eine erschreckende Zahl!
Es ist ja so: nicht nur die körperliche Misshandlung, sondern auch, wenn man angegrapscht oder wenn nachgepfiffen wird, das sind alles Dinge, die Diskriminierung und strukturelle Gewalt bedeuten, eine Form von Misshandlung. Es gibt seit 1961 den internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen. Er geht zurück auf die Schwestern Mirabal, die politisch Widerstand gegen die Diktatur in der Dominikanischen Republik geleistet haben und vom militärischen Geheimdienst am 25.11.1960 ermordet wurden. Seitdem wird der 25.11. weltweit als Gedenktag genutzt, um das Ausmaß von Gewalt gegen Frauen zu verdeutlichen, um auf Erreichtes, aber auch, um auf Handlungsdefizite aufmerksam zu machen.

Wir organisieren in Köln an diesem Tag jährlich viele Veranstaltungen. In den letzten Jahren haben wir vor dem Kaufhof einen Infostand aufgebaut, haben Flyer verteilt und Gespräche geführt, um auf das Thema aufmerksam zu machen. Es gibt eine ganz eindrucksvolle Ausstellung, die das Amt für Gleichstellung entwickelt hat: angezogene, menschengroße Schaufensterpuppen, die alle an ihrem Körper irgendeinen frauenfeindlichen Slogan tragen. Diese Puppen standen auf der Schildergasse und konnten von den PassantenInnen angeschaut werden.

In welchem Umfeld findet sexuelle Gewalt statt? Ist das familiär, beruflich oder…?
Völlig unterschiedlich. Die Formen sind vielfältig. Es ist ja schon das Anfassen und Anquatschen. Alles, was gegen den Willen der Frau geschieht, ist eine Form von Gewalt. Es geht ja nicht nur immer um eine Vergewaltigung.

Wie gehen betroffene Frauen mit solchen Situationen um?
Das ist auch unterschiedlich. Viele machen ja zum Glück etwas, machen z. B. eine Anzeige. Aber die Belästigung von Frauen ist alltäglich und viele Frauen nehmen es auch hin, als müssten sie es hinnehmen. Nach dem Motto: „Es ist eben so. Männer sind so. Das ist normal.“ Aber wichtig ist es, immer wieder zu sagen: „Es ist eben nicht so!“ Es ist wichtig, zu Beratungsstellen zu gehen, sich zu wehren und zu sagen: „Nein heißt Nein. Alles, was ich nicht will, will ich nicht.“ Und dann nicht: „Komm, stell dich doch nicht so an.“ Da fängt es an. Oder wenn Vergewaltigungen passiert sind: „Die hat sich aber auch aufreizend angezogen.“ Als wäre das Opfer schuld, weil sie ein ausgeschnittenes Kleid trägt oder sich schminkt oder besonders hübsch aussieht!

Warum schweigen Frauen oft so lange, manchmal Jahre oder Jahrzehnte über das, was ihnen angetan wurde?
Es ist eine Traumatisierung. Wenn man in die Situation kommt, vergewaltigt zu werden, löst das ein Trauma aus. Es gab in der Vergangenheit in unserem Kirchenkreis viele Initiativen, die sich um die Frauen kümmerten, die in den Weltkriegen von den Soldaten vergewaltigt wurden. Die haben ja nie etwas gesagt. Und wir haben vor Jahren einmal noch lebende Frauen aus dieser Zeit eingeladen, die damals vergewaltigt wurden. Es kamen viele. Diese Frauen haben über Jahrzehnte dieses Trauma mit sich herumgeschleppt und in der damaligen Generation wurde darüber ja auch nicht gesprochen. Es war tabu. Als wir das Angebot dann machten, kamen 80 Jahre alte Frauen und sagten: „Jetzt kann ich endlich mal darüber reden.“


„Ich glaube schon, dass es auch immer mehr Frauen gibt, die sich wehren und sich nicht mehr alles bieten lassen.“

Wo finden Frauen, die sexuelle Belästigung erleben, Hilfe?
Es gibt ein Hilfetelefon gegen Gewalt an Frauen. Es hat eine Hotline und ist rund um die Uhr besetzt. „Der Wendepunkt“ ist ein Gewaltschutzzentrum der Diakonie Michaelshoven, wo die Frauen sich beratungsmäßig hinwenden können  und es gibt den Notruf für vergewaltigte Frauen. Die evangelischen Frauenbeauftragten sind auch immer ansprechbar. Außerdem gibt es die Frauenhäuser, die vieles auffangen. Davon gibt es leider noch immer nicht genügend. Für Köln kämpfen die Kolleginnen der Frauenhäuser seit Jahren um ein drittes Haus.

Es gibt nur zwei in ganz Köln?
Ja, und sie sind komplett überbelegt. Es ist immer so, dass sie Frauen abweisen müssen.

Was passiert mit diesen Menschen, die abgewiesen werden?
Das ist ganz schwierig. Den Schutzraum kann man den Leuten dann nicht mehr geben. Wenn es eine gerichtliche Anordnung gibt, dürfen die Frauen in ihren Wohnungen bleiben und die Männer werden der Wohnung verwiesen. Aber das funktioniert natürlich auch nicht immer.

Sie sind seit 10 Jahren im Arbeitskreis Gewalt gegen Frauen und Mädchen. Was hat sich in dieser Zeit gebessert?

Es hat sich einiges geändert. Z. B. durch Gewaltschutzgesetze, die jetzt auch verheiratete Frauen vor häuslicher Gewalt schützen. Aber wir haben auch das Problem, dass geflüchtete Männer ins Spiel kommen, die pauschal mit Gewalt gegen Frauen ins Visier genommen werden. Das ist sicher eine Dimension, die dazu gekommen ist, aber damit müssen wir auch umgehen. Wir müssen die Männer fremder Kulturen vernünftig integrieren und sozialisieren und ihnen sagen, dass Dinge wie Frauen anfassen oder als Freiwild zu sehen, hier nicht gehen. Frauen sind kein Freiwild. Nur: es sind eben nicht nur die geflüchteten Männer. Und ich glaube schon, dass es auch immer mehr Frauen gibt, die sich wehren und sich nicht mehr alles bieten lassen.

Können Sie die Frauen auch durch Öffentlichkeitsarbeit unterstützen?
Ja, wir haben z. B. eine Plakat-Kampagne über die Würde von Frauen gemacht. Eine gesamte Initiative hat uns da unterstützt und wir haben das Plakat an verschiedenen Stellen in Köln großflächig aufgehängt.
Viele andere Städte haben bereits nachgefragt, ob sie es auch für ihre Stadt haben können. Die Begeisterung für diese Aktion war immens. Das Thema ist immer wieder präsent und das ist meiner Meinung nach ein Verdienst dieses Arbeitskreises und vieler Initiativen, die sich daraus gegründet haben.

Wer ist im Arbeitskreis vertreten???
Der Arbeitskreis besteht seit etwa 20 Jahren und vertreten sind u. a. der Notruf und die Beratung für vergewaltigte Frauen, die Frauenberatungsstelle Frauenleben e. V., die Lobby für Mädchen, das Gewaltschutzzentrum des SKF, die Opferschutzstelle der Polizei Köln, das Amt für Gleichstellung der Stadt Köln, da liegt auch der Vorsitz. Ich bin jetzt seit ungefähr 10 Jahren dabei als Vertreterin der evangelischen Kirche in Köln. Das Thema Gewalt gegen Frauen und Mädchen ist schon seit Beginn meiner Tätigkeit vor 25 Jahren relevant.

Noch ein Schlusswort von Ihnen?
Mir ist wichtig  – und das ist der Grund, warum ich immer weitermache, auch wenn es manchmal Rückschläge gibt  – mit diesen gleich denkenden Frauen und Einrichtungen zusammen zu arbeiten und immer wieder neue Ideen zu entwickeln, wie ich dieser unsäglichen Gewalt gegenüber Frauen und Mädchen entgegen treten kann und wie ich es schaffen kann, die Situation zu verbessern.

Viel Erfolg dabei und vielen Dank für das Gespräch!
 

Mehr im Netz
Ansprechpartner und Kontakte finden sich auf der Webseite des Arbeitskreises:
www.stadt-koeln.de/[…]

Text: Alida Pisu

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