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Kultur

Was fällt raus und was bleibt drin

Dienstag, 27. Oktober 2015 | Text: Nora Koldehoff | Bild: Julia Majewski

Geschätzte Lesezeit: 3 Minuten

Die Kamera folgt einem Rinnsal zu seinem Ursprung, einer schadhaften Stelle in der Dachrinne. „Eigentlich“, so hatte der Besitzer der Dachrinne den beiden Frauen, die ihn interviewen, erklärt, „würde ich da am liebsten nur einen Kaugummi reinmachen. Denn das Geld für die Reparatur der Dachrinne, das brauche ich für meine Sammlung.“
Peter Kerschgens ist ein pensionierter Förderschulpädagoge, und mit ihm fing Julia Majewskis Filmprojekt an. Kerschgens Leidenschaft gehört der Kunst und er sammelt und hebt auf, was er eben von Künstlern bekommen kann – Originalzeichnungen, Ausstellungseinladungen, Zeitungsartikel. Sein Konvolut umfasst 17 Räume in zwei Häusern, 320 000 Einladungskarten, unzählige Artikel, Bücher, Fotos und Zeichnungen.

„Die Spitzen ragen aus der Peripherie.
Das Herausragende bleibt.
Und das Andere?“

Dieser Frage widmet sich der Dokumentarfilm von Julia Majewski. Die Buchgestalterin, die ihr Atelier im Kunsthaus Rhenania in der Südstadt hat, lernte Peter Kerschgens in einem Atelierhaus kennen und hatte bei der Gelegenheit vom Umfang seiner Sammlung erfahren. Ein Umfang, bei dem es unglaublich erscheint, dass ein einzelner Privatmensch, dem nicht unbedingt unbegrenzte finanzielle Mittel zur Verfügung stehen, dieses Konvolut zusammenträgt, pflegt und unterhält. Natürlich stellt sich bei dieser Menge die Frage, was später einmal, nach dem Tod des Sammlers, mit dem ganzen Material passiert. Und ob es darum sinnvoll sein könnte, die Sammlung vorher schon aufzulösen. Julia Majewskis wollte deshalb Sammlung und Sammler portraitieren, solange es beide noch gibt. Und nachdem im ersten Gespräch immer wieder der Gedanke auftauchte „Jetzt hätte ich gern eine Kamera dabei“, löste sie sich von ihrem gewohnten Medium, dem Buch.

In dem Film, der entstand, stellt Kerschgens die titelgebende Frage: Was fällt raus und was bleibt drin? – Und stellt fest, dass er sie selber nicht beantworten kann, und auch nicht beantworten möchte. Bekannte Namen sind in seinem Archiv ebenso vertreten wie unbekannte. Nicht die kunsthistorische Wertung ist sein Kriterium, sondern die Frage, ob der Künstler nach Meinung des Sammlers etwas zu sagen hat. Eine Unterscheidung, was letztlich wichtig ist, wird und bleibt und was dagegen unwichtig, empfände Kerschgens als anmaßend. Und so fährt die Kamera, grandios geführt von Diana Harders, durch endlose Reihen von Ordnern und beschrifteten Kartons. Sie fängt Regalmeter um Regalmeter ebenso ein, wie Unmengen an Material hier gelagert werden, genau so wie auch Kerschgens Gedanken und seine Identifikation mit seiner Sammlung. „Das bin ich“ konstatiert er, und das ist auch spürbar.

 

Julia Majewski in ihrem Atelier.

Mit Kerschgens als dem Sammler, der nicht auswählt, beginnt der Film. Er bleibt aber nicht bei diesem allein schon faszinierenden Portrait. Majewski fragt auch nach nach anderen Standpunkten und dem, was dahintersteckt: Wie entsteht unser Wissen? Wer entschied früher darüber, was wert war, behalten zu werden, und was nicht? Schließlich gab es immer schon Menschen, die dafür verantwortlich waren – und es gibt sie bis heute.

Zum Beispiel Iris Krausemann, Archivarin im Historischen Archiv der Stadt Köln. Dort werden jährlich etwa zwei bis fünf Prozent der Anfragen aufgenommen. Das Bewahren und Archivieren ist ihr Beruf – ebenso wie das Auswählen. „Es ist die Frage, was man in 500 oder 1000 Jahren noch von uns wissen möchte“, erzählt die Archivarin. „Aber das ist eine Frage, die wir heute nicht beantworten können – und dennoch müssen wir jetzt die Entscheidung treffen. Das ist nicht einfach. Aber die Generationen vor uns haben entscheiden müssen, und so tun wir nun unser Bestes, um nach bestem Wissen und Gewissen diese Entscheidung auch zu treffen.“

Zwei unterschiedliche Absichten – die private Leidenschaft ohne Selektion auf der einen und das professionelle Archivieren und Auswählen von Material, das kommenden Generationen erhalten werden soll, auf der anderen Seite. Beide führen zu unterschiedlichen Problemen und Belastungen: räumlichen, verwalterischen – und vor allem aber der Frage nach Entscheidungskriterien.

Die zentrale These des Philosophen und Philologen Clemens Bellut versteht Julia Majewski in ihrem Film als mögliche Lösung und Entlastung. Das Vergessen gehört nach Belluts Ansicht nach ebenso zum Wissenserwerb und dessen Philosophie wie der Zelltod zum Stoffwechsel. Die Fülle an Information und Wissen, die uns heute zur Verfügung steht, begreift Bellut, der auch eine Buchhandlung führt, nicht als Belastung: „Wir denken oft, dass die Dinge, mit denen wir uns befassen, eine Frage von Auswahl und Entscheidung sind. Tatsächlich aber ist es meist eher so, dass die Dinge uns anspringen. Du vertiefst Dich in ein Thema oder ein Gespräch, eine Beziehung, egal welcher Art und es gibt etwas darin, das Dich dazu bringt, das zu tun – nicht als rein rationale Entscheidung.“

So unterschiedlich die beiden Charaktere und Ansätze von Kerschgens und Bellut auch sind: Man hat an dieser Stelle auch Peter Kerschgens vor Augen, vor seinen Regalen stehend, Material sortierend und leise sagend: „Mein Kriterium ist, ob in dem Material etwas ist, das mich ruft. Mich ruft und mir sagt ‚Komm, beschäftige Dich mit mir.'“

 

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Der Film „Was fällt raus und was bleibt drin“ wird am 28.10.2015 auf dem Internationalen Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm (DOK) zum ersten Mal öffentlich gezeigt.

Eine Vorführung für Köln ist in Planung.

Text: Nora Koldehoff

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