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Kultur

Wir mit unserer Dickheit

Donnerstag, 23. Juli 2015 | Text: Alida Pisu | Bild: Dirk Gebhardt

Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten

„Wer ein schon stark besetztes kleines Rettungsboot mit beschränktem Fassungsvermögen und ebenso beschränkten Vorräten zu kommandieren hat, indessen Tausende von Opfern einer Schiffskatastrophe nach Rettung schreien, muss hart scheinen, wenn er nicht alle aufnehmen kann. Und doch ist er noch menschlich, wenn er beizeiten vor falschen Hoffnungen warnt und wenigstens die schon Aufgenommenen zu retten sucht.“ Mit diesen Worten rechtfertigte der Schweizer Politiker Eduard von Steiger am 30. August 1942 die restriktive Politik der Schweiz gegenüber den jüdischen Flüchtlingen während des Zweiten Weltkrieges. Für jüdische Flüchtlinge galt ab August 1942 eine totale Grenzsperre, was dazu führte, dass bis zu 25000 Juden (exakte Zahlen sind nicht bekannt, die Redaktion) abgewiesen und in den Tod getrieben wurden.

 

Die Handlung des 1980 entstandenen Films „Das Boot ist voll“ nimmt Bezug auf diesen historischen Hintergrund. Die Parole „Das Boot ist voll“ spielte auch in der bundesdeutschen Asyldebatte eine Rolle. Sie wurde mehrfach visualisiert, zunächst Anfang der 1990er Jahre auf einem Wahlplakat der Republikaner, im September 1991 auf der Titelseite des Spiegels. Der in der Südstadt lebende Künstler Sebastian Schober hat sich auf ganz eigene Weise mit der Thematik auseinandergesetzt. Sein Skulpturen-Relief „Das Boot ist voll“ hängt noch bis Mitte August am Portal der Lutherkirche und sorgt dort für große Aufmerksamkeit. Menschen bleiben stehen, kommen miteinander ins Gespräch, tauschen sich aus, fotografieren: das Kunstwerk zwingt geradezu zum Hinsehen und Reagieren. Meine Südstadt traf sich mit Sebastian Schober vor seinem Boot.

 

Meine Südstadt: Herr Schober, wie kamen Sie auf die Idee zu diesem Kunstwerk?

Sebastian Schober: Über mein Engagement in der Flüchtlingsarbeit bin ich darauf gekommen. Ich habe im Hotel Mado eine Patenschaft für einen jungen Mann aus Eritrea. Und im Juni war ja Weltflüchtlingstag, die Woche drauf die ‚Tür auf-Initiative‘. Da wollte ich mich beteiligen. Und habe dabei auf ein Werk aus dem letzten Jahr zurückgegriffen, das ich neu gestaltet habe. Der grundsätzliche Gedanke ist, dass man ein Bild hat, das aus zwei Hälften besteht. In der einen Hälfte ist ein Flüchtlings-Boot zu sehen, wo sehr viele Menschen auf sehr engem Raum gedrängt sind. Mit einem gewissen Leiden. Mit einer Notwendigkeit zu handeln. Da ist eine Dramatik, wenn man so ein überfülltes Bild sieht.

 

Und die andere Hälfte?

Die Hälfte, die dem gegenüber steht, ist genau so groß, wird aber nur von einem Pärchen bevölkert. Zwei Menschen an Land nehmen ebenso viel Platz ein wie die –  auf den ersten Blick – unzählige Menge, die sich auf diesem von Wasser umgebenen Boot befindet. Die einen sind in großer Not, die anderen sind mit übergroßen und voluminösen Körpern ausgestattet. Zwei füllen ihren Raum so aus wie Unzählige. Seit den Neunzigern habe ich diesen Spruch: „Das Boot ist voll“ immer wieder gehört, von verschiedenen politischen Lagern. Das war immer sehr zentral und es gab viele Diskussionen darüber. Daran sieht man auch, wie skrupellos man sich über die Konsequenzen dieses Satzes hinweg gesetzt hat. In den Neunzigern war das Thema im Wahlkampf präsent, Asylbewerberheime brannten. Ich glaube nicht, dass die Parteien und Politiker das so wollten. Die wollten einfach nur Stimmen und haben den einfachen Weg gewählt. Man macht den Leuten Angst vor etwas, was politisch gar nicht gelöst werden kann. Denn egal, wer gewählt wird, die können den Strom ja nicht stoppen, die können bei Wählern nur ein Gefühl erzeugen, nach dem die dann wählen.

 

Und dem wollten Sie etwas entgegen setzen?

Ich versuche, dem Satz alle Grundlagen zu nehmen, indem ich ihn wörtlich nehme und ein Boot zeige, wie man es aus den Medien kennt. Komplett überfüllt. Dadurch kehrt er sich in seiner Bedeutung um. Das Boot, auf dem sich die Flüchtlinge befinden, ist tatsächlich voll, sie befinden sich in einer dramatischen Situation. Und die dicken Leute an Land könnten so etwas ausdrücken wie „Wir wollen niemanden mehr aufnehmen, weil wir mit unserer Dickheit den Platz füllen.“

 

Für wen stehen die Personen auf dem Boot?

Ich habe neun Figuren. Die stehen stellvertretend für eine riesige Masse. Eine Person ist aus dem Gemälde „Das Floß der Medusa“ von Géricault. Da ging es um einen realen Schiffsbruch, bei dem nur wenige überlebten. Wahrscheinlich brach auf dem Floß mit den Schiffbrüchigen sogar Kannibalismus aus. Zwei Figuren sind aus dem Kriegsgemälde Guernica von Picasso. Aber es gibt natürlich auch Figuren, die ich selbst „erfunden“ habe.

 

Auf dem Relief steht „Pappenheimer“. Ist das eine Anspielung auf das geflügelte Wort: Ich kenne meine Pappenheimer?

Nein, die „Pappenheimer“ ist eine lose Gruppe von jungen Künstlerinnen und Künstlern. Wir haben von Anfang an auch immer mit Pappkarton gearbeitet, und da ist das Wort Pappe einfach häufig gefallen. „Gib mir mal die Pappe“, und Pappe hier und da. Dann habe ich das weitergesponnen und so wurde der Begriff als Gruppenbezeichnung gefunden. Wir sind mit unserem „Anspruch“ nicht so hoch. Wir sind keine etablierte Gruppe und arbeiten auch nur mit Pappe, nicht mit Marmor oder einem anderen hochwertigen Material. Eben halt nur die Pappenheimer, das ist eine Art Understatement, mit dem wir uns über unsere Unqualifiziertheit ein bisschen lustig machen. Das gehört ja auch zum Material. Man guckt auf das Material herab. Es muss immer auf Leinwand sein. Es müssen hochkarätige Materialien sein. Es gibt ja irre Ansprüche in der Kunstszene. Aber Pappe ist ein Abfall-Produkt, es ist billig. Und dass man da sagt: „Ich wähle das direkt, fast als ausschließliches Medium“, damit macht man sich in der Qualität schon sehr niedrig. Man wird von denen, die ernsthaft Kunst betreiben, gar nicht wahrgenommen. Und damit passt der Begriff Pappenheimer wie die Faust aufs Auge.

 

Heißt das auch, dass Sie nicht nur ein gebildetes Publikum ansprechen wollen?

Ja, was ich mache, soll auch den normalen Passanten, der zufällig vorbei geht, in seinen Bann ziehen. Und wenn der ein bisschen Zeit dafür hat, sich zumindest ein Stück weit rein zu fühlen und ein bisschen nachvollziehen zu können…

 

Dadurch, dass es quasi an der Straße hängt, müssen Sie mit den Leuten kommunizieren, die dort entlang gehen.

Genau. Und denen wollte ich gerecht werden. Ihnen etwas bieten, wobei sie ihr Interesse nicht auf den ersten Blick wieder verlieren. Und das sie auch belohnt werden. Es ist ja keine Kunst, die sagt: „Wenn du dich nicht auskennst, bist du nicht das Publikum, das für Kunst geeignet ist.“ Mir gefällt der elitäre Künstler nicht, der sich anmaßt für ein elitäres Publikum zu arbeiten. Ich arbeite für ein breites Publikum.

 

Herr Schober, vielen Dank für das Gespräch.

 

Das Boot ist voll – zu besichtigen an der Lutherkirche, Martin-Luther-Platz 2 – 4, 50677 Köln

Mehr über die Pappenheimer im Netz findet ihr hier.

 

Text: Alida Pisu

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