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Kultur

100 Minuten Sprachgewitter

Freitag, 29. November 2013 | Text: Jörg-Christian Schillmöller | Bild: Meyer Originals

Geschätzte Lesezeit: 2 Minuten

 – Furiose Premiere von „X-Freunde“ im „Freien Werkstatt Theater“

„Die Hölle, das sind die anderen“: Der Satz aus dem Klassiker „Geschlossene Gesellschaft“ von Jean-Paul Sartre passt ziemlich gut zu dem preisgekrönten Gegenwarts-Stück „X-Freunde“, das gestern Abend Premiere feierte.

Denn wie bei Sartre liefern sich drei Hauptfiguren einen beeindruckenden Krieg der Worte, so unbeirrbar und unermüdlich, dass einem keine Sekunde langweilig wird. Im Gegenteil: Im Verlauf des Abends entsteht nicht nur ein dichtes, vielschichtiges Bild dieser unguten Dreier-Beziehung. Es entsteht zugleich eine Kartographie des Lebens in der Großstadt – mit dem Effekt, dass man sofort auf’s Land ziehen möchte.

Liebe, Arbeit, Stress: Das sind die Koordinaten der drei Protagonisten. Nummer eins: Die hektische Geschäftsfrau Anne. Nummer zwei: ihr arbeitsloser Gatte Holger. Und Nummer drei: Holgers Freund Peter – ein zweifelnder Künstler, der gerne twittert.

Das Dekor ist spartanisch und lässt den Figuren Platz für ihre sprachliche Selbstvergewisserung: Ein Tisch, drei schwarze Bürocontainer, fünf bewegliche Wände aus Plexiglas, um sich abzugrenzen und Räume zu gestalten: das war’s. Als Requisite kommen noch ungefähr 200 Klebezettelchen dazu, die vor allem Anne liebt, um ihre vielen Geschäftsgedanken zu sortieren.

Sunga Weineck und Johanna Paliatsou.

 

Das Sprachgewitter dauert 100 Minuten, in denen die drei Schauspieler tatsächlich nonstop um ihr Leben reden. Dabei spricht keiner von den dreien seine Sätze zuende. So viele Informationen müssen raus aus dem Kopf, da bleibt keine Zeit für vollständige… Der Zuschauer versteht trotzdem alles (und ergänzt fehlende Wörter selbst, wie Sie gerade erleben).

Das Stück braucht eine Viertelstunde, um in Gang zu kommen. Anfangs klingen die Gespräche wie Versatzstücke, an- und aufeinandergeklebt wie die Zettelchen auf den Plexiglaswänden. Anne zieht über ihren früheren Chef her, Holger leidet an seinem Arbeitslos-Sein, Peter bekommt seine Skulptur nicht fertig und spielt Gespräche mit seiner Kuratorin nach.

Dann kommt die Rede-Maschinerie in Gang, die Schauspieler sprechen sich immer weiter in Rage, mal Anne und Holger im kriselnden Ehe-Duett, mal Holger und Peter als Freunde, die dringend mal wieder zusammen… (ergänzen Sie selbst). Ausgeleuchtet wird die Bühne dabei von Christoph Wedi, der die Inszenierung von Kay Link einfühlsam mit wechselnden Licht-Stimmungen begleitet.

Das Vertrackte an Felicia Zellers Theaterstück ist, dass sich niemand weiterentwickelt. Genervtheit, Wut, Verzweiflung, Apathie: durch alle Seelenzustände ackern sich die Schauspieler, und immer wieder muss das Publikum (zurecht) lachen, weil der Kampf ums Dasein einfach wahnsinnig komisch sein kann (etwa wenn Anne sich akrobatisch umzieht oder Holger sich weniger akrobatisch als Zahnarzt versucht).

 

Nonstop um ihr Leben reden: Sunga Weineck, Thomas Hupfer und Johanna Paliatsou.

 

Es ist Sprach- und Theaterkunst, was die drei Schauspieler auf die Bühne bringen – und am Ende spielt Johanna Paliatsou als Anne die beiden Männer (Thomas Hupfer als Gatte Holger und Sunga Weineck als Freund Peter) an die Wand – so unglaublich schnell, messerscharf und treffsicher spricht sie. Anne ist dabei so mit sich und ihrem neuen Job befasst, dass sie sogar übersieht, dass Holger sich in seiner Not… (ergänzen Sie selbst). Da denkt man wieder an Sartre und den letzten Satz der „Geschlossenen Gesellschaft“: „Also, machen wir weiter.“

Die 100 Minuten im „Freien Werkstatt Theater“ sind ruckzuck um, und man hatte sich doch vorher noch stirnrunzelnd angeschaut bei der Ansage: „100 Minuten, keine Pause“. Doch das menschliche Dreieck da vorne auf der Bühne sorgt dafür, dass niemand den Abend bereut. Man fragt sich nur, wie die drei es geschafft haben, diese unfassbare Textmenge auswendig zu lernen. Verdienter und lang anhaltender Applaus.

Weitere Termine von „X-Freunde“ im Freien Werkstatt Theater
Freitag, 29. November, 20 Uhr, sowie am 3./20./27. und 28. Dezember, 20 Uhr

Text: Jörg-Christian Schillmöller

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