Waidmarkt: Erst hinschauen, jetzt hinhören
Dienstag, 13. Oktober 2026 | Text: Markus Küll | Bild: Markus Küll
Geschätzte Lesezeit: eine Minute
Acht Wochen lang hatten im vergangenen Jahr Künstler des Kollektivs „Observatorium“ mit ihrem Projekt „PANORAMA WAIDMARKT“ den Dialog mit Menschen aus dem Veedel gesucht und geführt. Das jetzt erschienene Buch „Zu dieser Tragödie sollen wir ein Kunstwerk machen?“ erzählt von dem Projekt – und vom fortdauernden Versuch, aus einer offenen Wunde einen offenen Ort zu schaffen.
Gut dokumentiert, aber noch nicht geheilt: Kölns öffentlichste Wunde
Am Waidmarkt ist die Erinnerung weiterhin unübersehbar: Eine Lücke, Baustellen und Absperrungen markieren den Ort, an dem 2009 das Historische Archiv einstürzte. Bis heute sind die Fragen nach Verantwortung, Aufarbeitung und einer angemessenen Form des Gedenkens offen.
Hier setzte PANORAMA WAIDMARKT an: Gegenüber der Einsturzstelle errichtete „Observatorium“ im Mai 2025 einen Pavillon mit 24 Türen: kein Denkmal auf Distanz, sondern eine „reisende Klause“. Dort sprach Andre Dekker, Künstler des Kolletivs, mit Menschen über ihre Erfahrungen und Gedanken, zeichnete und nahm die „öffentlichste Wunde Kölns“ aus vielen Perspektiven in den Blick.
Ein Ort, der der Stadt etwas abverlangt – und ein Buch, das zur Diskussion darüber einlädt
Bei der Buchvorstellung vor der Kneipe „Papa Rudis“ erinnerten Andre Dekker und sein Kollege Geert van de Camp an die vielen Gespräche und Erfahrungen, die sie mit diesem Ort verbinden.
Zugleich wurde das Spannungsverhältnis am Waidmarkt erneut sicht- und spürbar: Der große Baustellenkran überragt noch immer das Gelände, während die Buchvorstellung hinter den Sichtschutzzäunen in eine Ecke gedrängt wird.

Autoren mit Kran: Geert van de Camp und Andre Dekker (Foto: Markus Küll)
Das Buch dokumentiert diese Auseinandersetzung zwischen Erinnern und Vergessen und richtet zugleich den Blick nach vorn: Die Verantwortung soll sichtbar bleiben. Dennoch soll ein öffentlicher Ort entstehen, den sich die Menschen aneignen können. Beiträge unter anderem von Jürgen Becker, Kay von Keitz, Günter Otten, Monika Rinck, Regina Sasse und Martin Stankowski vertiefen diese Perspektive.
Jetzt wird der Waidmarkt hörbar: das zweite Kunstprojekt
„Mapping Waidmarkt“ unter der Leitung von Moritz Riesenbeck bildet das nächste Kapitel der künstlerischen Bespielung dieses Ortes. An der Stelle des früheren Pavillons steht nun eine weiße „Kapsel“, die auf den ersten Blick deutlich weniger offen und einladend wirkt als die 24 Türen von „PANORAMA WAIDMARKT“.
Bei so genannten „Soundwalks“ sollen Teilnehmer*innen Geräusche, Stimmen und Atmosphären sammeln. Internationale Künstler*innen übersetzen dieses Material in Klang, Raum und Performance. Die Intervention ist vom 9. Mai bis zum 1. November 2026 zu erleben. Am 24. Oktober findet die nächste Live-Veranstaltung dort statt.
Buchhinweis: Andre Dekker/Künstlerkollektiv OBSERVATORIUM (Hrsg.): „Zu dieser Tragödie sollen wir ein Kunstwerk machen? Nach dem Einsturz des Stadtarchivs Köln“. Emons Verlag, 240 Seiten, 39 Euro, erschienen am 10. September 2026.
Quelle: Online-Logbuch von PANORAMA WAIDMARKT
Quelle zu den Soundwalks: Stadt Köln, „Mapping Waidmarkt“
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