Aufgeschnappt: Betrieb in der Kuhle! +++ Neueröffnung: Radfieber +++ Balkan-Roma-Nacht in der Lutherkirche +++ Neueröffnung: The Great Berry +++ „Das Double“ im Odeon – Als die Kölner Kicker in die Unsterblichkeit stürmten +++

Kultur

Blind Date – Ohne Frack!

Donnerstag, 20. Oktober 2016 | Text: Aslı Güleryüz | Bild: Tamara Soliz

Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten

Im Rahmen des Festival Italiana treffen seit dem 23. September bedeutende italienische Künstler auf deutsche Kollegen und spielen gemeinsam Jazz und Weltmusik. In unserem Veedel und drumherum.  Alle einen Tick besonders. Der Südstadt-Musiker Alessandro Palmitessa hat das ‚Festival Italiana – Kulturbrücke am Rhein‘ vor sechs Jahren ins Leben gerufen und möchte damit Talenten aus den Bereichen Jazz, Weltmusik und Songwriting eine Bühne bieten.

Zur ersten Probe vor dem Konzert im Alten Pfandhaus treffen sich Ivan Dalia und Feri Nèmeth am Dienstag – also zwei Tage vor dem Konzert. Alessandro Palmitessa hat den italienischen Pianisten gerade vom Flieger aus Neapel abgeholt und direkt in die Südstadt gefahren. Ivan Dalia ist nämlich zu einem ‚Blind Date‘ mit dem ungarisch-stämmigen Saxophonisten Feri Nèmeth verabredet. Und es ist ein ‚Blind Date‘ im wahrsten Sinne des Wortes: Beide Musiker sind blind auf die Welt gekommen. Die beiden kannten sich nicht – bis Alessandro Palmitessa dieses gemeinsame Konzert mit den Profi-Musikern arrangierte.

Für die Freiheit bezahlt

Ganz in schwarz ist Feri Nèmeth gekleidet. Schlichte Jeans, sportliche Schuhe und Pulli. Eigentlich ganz unauffällig. Wäre da nicht die große Blues Brother Sonnenbrille. Da schaut man zwei Mal hin. „Ich bin 1957 in Köln auf die Welt gekommen,“ erzählt er. „Meine Eltern sind 1956 aus Ungarn geflohen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden wohlhabende Menschen in Ungarn enteignet. Meine Großeltern hatten eine Metzgerei und ein erfolgreiches Restaurant. Da es in Ungarn zur Übernahme des russischen Systems kam, nach dem Krieg, enteignete man meine Großeltern und Eltern 1948. Man nannte sie ‚Kulaken’ – reiche Bauern. In einem Flüchtlingsheim in Österreich sind sie zunächst untergekommen. Meine Mutter war im vierten Monat schwanger und bekam die Röteln. Daher bin ich blind auf die Welt gekommen. Ich habe meine Freiheit mit der Blindheit bezahlt“.

Er spricht mit hoher Stimme und eher schnell. Die Worte sprudeln aus ihm heraus, als er über seinen Vater spricht: „Mein Vater wäre auch sehr gerne Musiker geworden. Aber weil er ‚Kulake’ war, wurde es ihm verboten. Ihm wurde vorgeschrieben, welche Arbeiten er zu verrichten hatte, er durfte nicht frei wählen. Mein Vater hat Kontrabass, Klavier und Trompete gespielt und war ein super Sänger. Er hat mir schon an der Wiege immer etwas vorgespielt. Mit anderthalb Jahren habe ich angefangen, Platten aufzulegen und mit drei Jahren habe ich angefangen, Klavier zu spielen. Als ich vier Jahre war, hat mein Vater mir ein Saxophon gezeigt. Ich war da ja noch ein kleiner Pimpf und das Saxophon genau so groß wie ich. Da habe ich gesagt: ‚Das will ich spielen’ (Feri lacht). Ich habe das studiert, was mein Vater gerne studieren wollte.“

Premiere für Feri und Ivan

Feris Vater hat ihn entscheidend in seiner musikalischen Entwicklung unterstützt. Aber auch an der Blindenschule in Düren erkannte man seine enorme musikalische Begabung. So ha er im Chor gesungen, seine Stimme gebildet, Klarinette gespielt und sich schließlich nach der Mittleren Reife ganz auf die Musik konzentriert. Er studierte Jazz in Budapest und absolvierte eine Ausbildung zum Instrumentalpädagogen in Düsseldorf. Seine rege Konzerttätigkeit hat ihn nach Amerika geführt und vor allem nach Italien. „In Italien ist die Jazz-Musik ganz anders als in Deutschland. Das ist eine ganz andere Szene,“ schildert Feri. Als er zufällig im Radio etwas über Alessandro Palmitessa und dessen MenschenSinfonieOrchester hörte, recherchierte er und nahm Kontakt zu dem Orchesterleiter auf. „Alessandro fand sofort toll, was ich machte und ich konnte im Orchester mitspielen. Was Alessandro macht, ist einzigartig. Alessandro rief mich vor ein paar Monaten an und fragte, ob ich mit Ivan Dalia ein Konzert geben wollte. Ich habe mir die Musik von Ivan im Internet angehört und war sofort begeistert. Das ist das erste Mal, dass ich mit einem anderen blinden Musiker spiele. Das ist Premiere.“

 

Feri Nèmeth und Ivan Dalia bei eine Probe.

Und für Ivan Dalia ist es auch die erste professionelle Begegnung mit einem anderen blinden Musiker. Der 1985 in Neapel geborene Musiker ist groß gewachsen und hat eine schwarz-graue, kurz geschnittene Lockenmähne. Sein Lächeln ist bestechend und genau wie Feri ist er sehr kommunikativ. Wir unterhalten uns auf Englisch, obwohl er sechs Jahre auch in Berlin gelebt hat und ein wenig Deutsch spricht: „Ich habe mich schon immer für Musik interessiert. Als ich neun Jahre alt war, habe ich mit dem Klavierspielen angefangen. Ich war aber nicht sehr interessiert am Üben. Mit elf Jahren habe ich ernsthaft angefangen, das Klavier zu studieren. Ich habe mit Klassik angefangen, dann mit 14 habe ich mich für Jazz und ethnische Musiken interessiert und mit 16 habe ich mit eigenen Kompositionen angefangen.“. Als Ivan 22 Jahre alt war, wollte er eine Reise unternehmen. Ein Freund machte ihn auf einen internationalen Wettbewerb für blinde Musiker in Russland aufmerksam. Kurz entschlossen bewarb Ivan sich, fuhr nach Russland und gewann den Wettbewerb.

DSDS auf Italienisch

Im Mai dieses Jahres rief ein Mitglied der Jury von „Italia’s got talent“ – eine Art ‚Deutschland sucht den Superstar’ auf Italienisch – an und fragte Ivan, ob er an der Show teilnehmen wolle. Ivan wollte nicht: „Ich habe gesagt, dass meine Musik sehr anders sei und sie sie bestimmt nicht mögen würden. Aber die Jury war sehr offen und mochte meine Musik. Ich nahm also teil und wurde Zweiter. Es ist sehr ungewöhnlich, dass man mit Jazz-Musik in solch einem Programm Zweiter wird,“ lacht Ivan.

Ohne Frack

Eigentlich stand das Programm des Festival Italiana schon, als Alessandro Palmitessa die Idee kam, Feri und Ivan zu einem gemeinsamen Konzert einzuladen: „Ein befreundeter italienischer Journalist aus Berlin machte mich auf Ivan Dalia aufmerksam,“ erzählt Alessandro. „Ich kannte Ivan bis dahin gar nicht. Als ich seine Musik hörte, musste ich sofort an Feri denken. Ich dachte, die beiden Musiker würden gut zueinander passen. Sie haben beide ein breites Spektrum von Musik und bewegen sich aufgrund ihrer Blindheit intuitiv in der Musik. Sie können keine visuellen Zeichen geben oder Zeichen des anderen sehen. Sie müssen intuitiv spielen. Bei Blinden sind die Töne die Zeichen. Für beide ist die Musik das Licht, denke ich. Sie sind musikalisch auf der gleichen Ebene und tasten sich bei der ersten Probe aneinander heran. Sie tauschen jetzt ihr Repertoire aus und daraus ergibt sich die Musik für das Konzert am Donnerstag (20.10.2016) im Alten Pfandhaus“.

 

Ivan lacht herzlich über den Titel des Konzertes – Blind Date: „Ja, so ist es auch. Wir spielen nach Gehör und sehen nicht. Feri hat ein absolutes Gehör. Wenn ich eine Harmonie ändere, dann folgt er mir. Er hat einen sehr starken Ausdruck. Wir werden am Donnerstag viel improvisieren. Unsere Musik ist nicht so formal. Unser Konzert wird ein Blind Date ohne Frack.“.

 

 

Verlosung: Das Festival ITALIANA möchte eine Kulturbrücke vom Rhein nach Italien spannen. Jeder, der eine Eintrittskarte kauft, nimmt automatisch an der Verlosung von 2 x 2 Tickets von Köln nach Rom mit Eurowings teil. Einfach eine Mail schicken an palmi_ale@hotmail.com mit einer Kopie der Eintrittskarte für eine Veranstaltung des Festivals ITALIANA. Name, Adresse, Telefonnummer und E-Mail-Adresse auch angeben. Die Verlosung findet am letzten Festivaltag, 23.10.2016, im Alten Pfandhaus statt.

Mehr im Netz
www.festival-all-italiana.de
 

Text: Aslı Güleryüz

Artikel kommentieren

Ich habe die Datenschutzerklärung zur Kenntnis genommen. Ich stimme zu, dass meine Angaben und Daten zur Beantwortung meiner Anfrage elektronisch erhoben und gespeichert werden. Sie können Ihre Einwilligung jederzeit für die Zukunft per E-Mail an kontaktnoSpam@meinesuedstadt.de widerrufen.

Meine Südstadt Partner

Alle Partner

Meine Südstadt Service


Parkstadt Süd

15 Geschosse an der Bonner Straße – Die Zukunft mit Parkstadt beginnt schon jetzt

Parkstadt Süd: Sieben Bürger dürfen sich hin und wieder äußern – Mehr nicht

Südstadt-Kunst im Rathaus

Aufgeschnappt

Betrieb in der Kuhle!

Neueröffnung: Radfieber

Balkan-Roma-Nacht in der Lutherkirche

Verwendet den Hashtag #meinesüdstadt auf Instagram und teilt Eure Erlebnisse hier.