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Gesellschaft

Bücherverbrennung 1933 – Mahnmal 2018

Donnerstag, 17. Mai 2018 | Text: Johann Zajaczkowski | Bild: Oliver Köhler

Geschätzte Lesezeit: 5 Minuten

Genau am 17. Mai jährt sich die Bücherverbrennung vor der alten Kölner Universität in der Claudiusstraße zum 85. Mal. Der Kunstkritiker und Journalist Walter Vitt war Ende der 1990er Jahre maßgeblich daran beteiligt, dort ein Mahnmal zum Gedenken an die verfemten Autorinnen und Autoren zu installieren. Gerade erst wurde es nach einem 20 Jahre dauernden Prozess fertiggestellt. Wir haben Walter Vitt getroffen zu einem Gespräch über den „Erich Kästner von Köln“, Steinmetzinterpretationen von Kafka und das Kunstbewusstsein von Rauchern.

Herr Vitt, Sie haben das an die Bücherverbrennung gemahnende Denkmal mit initiiert. Warum wollten Sie dieses Denkmal?

Bücherverbrennung 1933 Mahnmal Walter Vitt

Ich war in den 90er Jahren Mitglied im Kunstbeirat der Stadt Köln, der Verwaltungsbeamte und kunstsinnige Bürger zusammenbrachte. 1995 ist in Berlin auf dem Bebelplatz das unterirdische Denkmal zur Bücherverbrennung entstanden. Da dachte ich, das wäre doch auch was für Köln. Da das Gebäude der alten Universität unter Denkmalschutz steht, konnten wir keine überirdische Skulptur aufstellen. Von der anfänglichen Idee einer unterirdischen Skulptur habe ich Abstand genommen – schließlich tritt der Rhein alle paar Jahre über die Ufer, so dass ein solches Denkmal dann in dreckigem Flusswasser stünde und gesäubert werden müsste. Nach zweijähriger Diskussion schlug ich vor, die Bodensteine als Grundlage für die Namen derer zu nehmen, deren Bücher hier verbrannt worden sind. Die Arbeit am Mahnmal sollte nicht in einem Rutsch beendet sein, sondern über 20 Jahre im Zweijahres-Rhythmus kontinuierlich fortgeführt werden – auch um die Möglichkeit zu haben, das Thema Bücherverbrennung immer wieder aufs Neue zu diskutieren.

Welche Rolle spielte das Hauptgebäude der heutigen TH Köln bei der Bücherverbrennung?

1933 wurde das Gebäude von der Universität zu Köln genutzt. Die Bücherverbrennung war primär eine Aktion der deutschnationalen Studenten- und Professorenschaft. Es wurde ein gemeinsames Datum für die Aktion vereinbart, und die Führungskräfte der deutschnationalen Studentenschaft schickten jeder Universität schwarze Listen mit den Namen all jener, deren Werke man in den Bibliotheken zu suchen hatte. Den Vorplatz haben wir natürlich gewählt, weil genau hier die Bücherverbrennung stattgefunden hat. Das ist also eine Rehabilitation an jener Stelle, an der das Feuer wütete.

Deutschlandweit gab es damals die Bücherverbrennungen in den großen Universitätsstädten bereits eine Woche vorher. Was hat die Verzögerung in Köln bedingt?

Offiziell wurde die Verzögerung mit dem schlechten Wetter begründet, da es am 10. Mai in Köln regnete. Es gab aber noch einen fachlichen Grund. So mühte sich ein Professor für Germanistik -ein ausgewiesener Thomas Mann-Experte- eine Woche lang ab, seine Kollegen davon zu überzeugen, dass dessen Werke nicht ins Feuer geworfen werden. Der Professor sah einen wichtigen Teil seines Lebenswerkes gefährdet. Er hat sich durchsetzen können, so dass am Ende „nur“ Bücher von Heinrich Mann und den Kindern Erika und Klaus Mann den Flammen überantwortet wurden.

Wie stand vor 20 Jahren die Fachhochschule dem Vorhaben des Mahnmals gegenüber?

Nach dem Beschluss im Kunstbeirat stellten wir fest, dass das Gebäude nicht mehr der Stadt Köln, sondern dem Land NRW gehört. Damit war Köln gewissermaßen aus dem Spiel. Die damalige Kanzlerin der Hochschule war sofort begeistert und konnte den Rektor ebenfalls für die Sache gewinnen.

Grundsätzlich kam in Deutschland reichlich spät Bewegung in die Erinnerungspolitik. Wie erklären Sie sich das?

Die Erinnerung an die Schandtaten der Deutschen ist nur mühselig vorangekommen, weil viele Nazis nach dem Krieg wieder führende Positionen eingenommen haben und keine Initiative in diese Richtung entwickelt haben. Angesichts von Millionen von Toten und Hunderttausenden von deutschen Soldaten, die noch viele Jahre nach 1945 Kriegsgefangene waren, muss man sehen, dass alle verbliebenen Männer, die nicht im Krieg gewesen sind, dankbar dafür waren, dass es Nazis gab, die nicht als Verbrecher geahndet wurden und beim Wiederaufbau helfen konnten. Diejenigen, die keine Nazis waren, haben über die Nazis nicht gesprochen, weil sie mit ihnen zusammenarbeiten mussten. Die ganze Aufarbeitung dieser Zeit konnte erst so richtig beginnen, nachdem die Nazis allmählich in Pension gegangen oder gestorben waren.

Bücherverbrennung 1933 Mahnmal Wilhelm Unger

Mit dem Schriftsteller und Journalisten Wilhelm Unger war auch ein Kölner auf der Liste der Verfemten. Nach seiner Flucht nach England 1940 kam er über Umwege 1956 nach Köln zurück.

Unger war nach seiner Rückkehr bald als Feuilletonchef beim Kölner Stadtanzeiger tätig. Er wohnte 1933 der Bücherverbrennung sogar als Augenzeuge bei. Seine Biographie über Beethoven kam ins Feuer, einzig weil er, ein Jude, sie verfasst hatte. Es heißt, dass Erich Kästner bei der Bücherverbrennung in Berlin dabei gewesen sei. Hier galt Unger als „der Kästner von Köln“.

Übrigens war Heinrich Böll zu der Zeit Oberstufenschüler am Kaiser Wilhelm Gymnasium und wohnte in der Maternusstraße, ganz in der Nähe. In seiner Autobiographie schreibt er: „Die Verbrennung in Köln kann man vergessen, nichts Hochfliegendes und Aufwendiges, richtig kleinkariert.“ Böll hatte in erster Linie die Bücherverbrennung auf dem Schulhof seines Gymnasiums mitbekommen. Viele Schulen haben eigene Veranstaltungen organisiert. Im Falle eines katholischen Gymnasiums konnte man allerdings sicher sein, dass die Bücherei gar keine kommunistische oder jüdische Literatur eingestellt hatte, die man in die Flammen hätte werfen können.

Das Konzept des sich fortentwickelnden Mahnmals sieht vor, dass junge Steinmetzlehrlinge die Namen einmeißeln. Wie empfinden Sie die Arbeit mit den jungen Menschen?

Wir hätten auch einfach einen Steinmetzbetrieb auffordern können, die 95 Namen des Mahnmals in die Steine zu schlagen und uns eine Rechnung zu schicken. Doch ich fand es von Anfang an sehr wichtig, die Handwerkerjugend in die Arbeit und die Diskussion um die Bücherverbrennungen einzubeziehen. Daher habe ich mit den Lehrlingen im Zuge der letzten Erweiterungen hochinteressante Gespräche geführt über die Zeit damals, die Verbrennungsaktion und die Schriftsteller. Diese Unterhaltungen möchte ich nicht missen. Auch mussten sich die Lehrlinge mit dem Autor, dessen Namen sie in den Stein meißeln würden, und mit seiner Arbeit beschäftigen. Zunächst stellte sich jedoch heraus, dass für die Lehrlinge hier gar kein Kurs im Steinmeißeln angeboten wird. Deshalb hat das Berufskolleg Kontakt zur Dombauhütte in Königslutter aufgenommen. Knapp 20 Jahre lang haben die jeweils neuen Generationen von Steinmetzlehrlingen diese Aufgabe übernommen.

Haben die Lehrlinge überhaupt einen Bezug zum Mahnmal und seiner Geschichte?

Bücherverbrennung 1933 Mahnmal Franz Kafka

Ich habe immer versucht, die Lehrlinge zu locken, indem ich gesagt habe: eines Tages werdet ihr mit euren Kindern oder Enkeln herkommen und sagen können „den Kästner, den habe ich in den Stein geschlagen!“ Doch es gibt auch interessante Querverbindungen vom Handwerk in die Kultur. Die Lehrlinge werden über die Arbeit, die sie eigentlich auf dem Friedhof machen, an die Literatur herangeführt. Der Lehrling, der Franz Kafka in den Stein meißeln sollte, kam zu mir und meinte, „Ich hab hier die Folie mit dem Kafka, hab jetzt einige Novellen von ihm gelesen, das ist so absurd, das kann ich nicht zum Ausdruck bringen.“ Dann fragte er, ob er den Namen nicht vielleicht rückwärts einmeißeln könne. So geschah es dann auch.

Ist die Arbeit jetzt vollendet?

95 Namen stehen jetzt auf den Steinen. Viele Basalte sind teilweise so brüchig, dass wir sie nicht beschriften wollen. Daher ist das jetzt eine abgeschlossene Sache. Seit einigen Jahren erläutert eine Kupferplatte das Mahnmal.

Bücherverbrennung 1933 Mahnmal - Kupferplatte

Ich habe mich immer dagegen gewehrt und es als stilles Mahnmal erachtet, das sich nur denen offenbart, die sehenden Auges durchs Leben gehen. Dann wurde mir klar, dass die einzigen, die das Mahnmal wirklich kennen, die Raucher sind, die ihre Zigarette mal mit dem Fuß auf einem großen U ausgetreten und dann bemerkt haben, dass sie Tucholsky einen Tritt gegeben haben.

Text: Johann Zajaczkowski

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