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Kultur

Das Ende der Selbstreflexion

Sonntag, 31. August 2014 | Text: Stephan Martin Meyer | Bild: Meyer originals

Geschätzte Lesezeit: 2 Minuten

Die Spielzeit 2014/2015 beginnt im Freien Werkstatt Theater (FWT) mit einer bissigen Gesellschaftssatire. Ein großartiger Abend. Das Stück „Alltag & Ekstase“ von Rebekka Kricheldorf, das erst im Januar dieses Jahres seine Uraufführung am Deutschen Theater Berlin feierte, nimmt sich die Selbstreflexionen intellektueller Identitätssuche zur Brust.

 

Janne ist etwa 40. Er hat eine Tochter, eine Ex-Frau und Eltern, die sich schon vor Jahren getrennt haben. Dennoch agiert die Patchworkfamilie wie selbstverständlich zusammen, wenngleich Janne keinerlei Interesse an diesem intensiven Familienleben hat. Und vor allem gehen ihm die ständigen Selbstreflexionen ziemlich auf den Keks. Sein Asthma kommt daher immer genau dann zum Tragen, wenn er wieder einmal in eine emotionale Diskussion über seine oder die Befindlichkeiten anderer verwickelt ist. 

 

Seine Ex-Frau Katja ist mit der Erziehung der gemeinsamen Tochter überfordert und versucht das in diversen Gruppen und Gesprächskreisen und durch wechselnde Männerbekanntschaften zu kompensieren. Ohne Erfolg. Aber sie arbeitet an sich. Jannes Mutter Sigrun hat sich nach der Ehe selbst gefunden. In jeder Hinsicht. Und die daraus resultierende vermeintliche Selbstsicherheit versucht sie in intensiven Gesprächen und Analysen auch bei ihren Mitmenschen zu forcieren. Ihr Ex-Mann Günther, Jannes Vater, hingegen hat sich geoutet und in einen japanischen Geschäftspartner verliebt. Dessen Besuch in Deutschland steht nun auf dem Plan.

 

Diese Familie ist ein ununterbrochenes Chaos selbstreflexiver Neurosen. Herrlich!

Unter der Regie von PiaMaria Gehle bringt das FWT das intelligente Stück einer klugen Autorin auf die Bühne, in dem jeder Satz sitzt. Die Zuschauer sind amüsiert, lachen, freuen sich. Zugleich bedient das Geschehen auf der Bühne viele unterschiedliche Ebenen. Ernste und intellektuelle Momente kommen in gleichem Maße zum Tragen wie die humoristischen. Teile der Dialoge bleiben hängen, motivieren zum Nachdenken, werden jedoch sofort wieder von neuen Worten davongetragen, die gleichermaßen packen. Und das Unglück der Figuren reizt im nächsten Augenblick wieder zum Schmunzeln.

 

(v. l.) Thomas Wenzel, Fiona Metscher, Valentin Stroh, Bettina Muckenhaupt. Foto: Meyer Originals

 

Alltag und Ekstase – der Titel des Stückes führt in die Irre. Denn die Figuren erleben weder das eine noch das andere. Nur der japanische Lover Takeshi – abwechselnd gespielt von allen vier Schauspielern – hat einen passablen Weg gefunden, sich im Leben zurechtzufinden finden. Er ist mit einer Frau verheiratet und schläft mit Männern. „Hier ist die Familie, dort ist der Spaߓ, sagt er dazu. Während sich die deutsche Familie weder im Alltag zurechtfindet, noch bleibende ekstatische Erfahrungen macht, taucht Takeshi mit ethnologisch-touristischem Blick in das Chaos ein, lässt sich davon wenig irritieren und geht schließlich seinen eigenen Weg.

 

Vier packende Schauspieler, die jeder für sich und alle gemeinsam eine fulminante Show abliefern, ziehen die Zuschauer in den Bann. Valentin Stroh wird als Janne von den psychologischen Spielchen seiner Familie beinahe in den Wahnsinn getrieben und mimt eindrucksvoll den verlorenen Sohn, schlecht vögelnden Ex-Ehemann und Rabenvater.

 

Bettina Muckenhaupt durchläuft als Mutter, Oma, Ex-Frau und Schwiegermutter nie endende Diskussionen über die Ursachen individuellen Verhaltens und den Weg der Selbstfindung einschließlich des Freikaufens aus allen familiären Beziehungen.

 

Thomas Wenzel ist Vater und Lover, irgendwie kein Opa und schon gar nicht der Ex-Mann, denn das würde gegen seine Ehre als Ethnologe verstoßen. Und schließlich brilliert Fiona Metscher wieder einmal in einer, ihr wie auf den Leib geschriebenen Rolle: Sie darf diskutieren und sanft sein, sie bricht aus und dreht durch, sie schreit und heult. Und dabei wechselt sie die Stimmungen in faszinierender Geschwindigkeit. 

 

Die neue Spielzeit hat also begonnen. Und das Freie Werkstatt Theater legt die Latte hoch: Unterhaltung auf höchstem Niveau und wunderbare Darsteller, eine intelligente Inszenierung und in der Mischung ein wunderbarer Abend.

 

 

Mit Fiona Metscher, Bettina Muckenhaupt, Valentin Stroh, Thomas Wenzel

Inszenierung: PiaMaria Gehle

Ausstattung: Thomas Unthan

 

 

Weitere Termine im Freies Werkstatt Theater:

03./04./18./19. September 2014

10./11./12./25. Oktober

08./28./29. November

Text: Stephan Martin Meyer

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