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Kultur

„Der Feind heißt Putin, nicht Puschkin“

Donnerstag, 17. März 2022 | Text: Nora Koldehoff | Bild: Nora Koldehoff

Geschätzte Lesezeit: 5 Minuten

Die Schriftsteller:innen-Vereinigung „PEN Ukraine“ und drei weitere ukrainische Literaturverbände haben zum Boykott von russischer Literatur und russischen Verlagen aufgerufen, um die Verbreitung von Propaganda zu verhindern. Darauf hat nun „PEN Deutschland“ mit einem Gegenaufruf reagiert: „Der Feind heißt Putin, nicht Puschkin, Tolstoi oder Achmatowa“, erklärte Deniz Yücel, Präsident des Vereins.

Meine Südstadt sprach zu diesem Thema mit Gerrit Völker aus der Maternusbuchhandlung.

Meine Südstadt: Ukrainische Literatur-Organisationen fordern einen Boykott russischer Literatur, der deutsche PEN hält dagegen. Findet so ein Boykott auch in der Südstadt statt?
Gerrit Völker: Das weiß ich gar nicht. Für uns kommt das überhaupt nicht in Frage, die sehr vielfältige russische Literatur hier rauszuschmeißen. Wir haben jetzt auch keinen Schwerpunkt da, das gebe ich zu. Aber wir haben einige Klassiker und auch Gegenwartsautor:innen hier. Die sollte man nicht aus dem Programm nehmen. Nein, ich finde, der Aufruf der ukrainischen Literatur-Organisationen ist ein absolutes No-Go.

Weil es auf die Falschen zielt.
Ja, natürlich. Was ist denn hier bekannt aus der russischen Literatur? Es sind meistens die kritischen Stimmen. Ljudmila Ulizkaja und Viktor Jerofejew etwa. Wladimir Sorokin gehört auch dazu: Das sind ja nun wirklich Putin-Kritiker und -Kritikerinnen. Und das ist ja das, was an Literatur überhaupt hier ankommt. Mit einem Boykott würde man die Falschen treffen.

Wie stehen Sie generell zu kulturellem Boykott?
Ich finde das nicht gut. Es ist auch schwer zu beurteilen, aber ich finde immer, die Meinungsfreiheit muss sehr Vieles abdecken können. Man bewegt sich da in einem Mischfeld von Normativität und Freiheitsgedanken, das individuell geprägt ist oder aus dem kulturellen Background geprägt wird. Da darf man nicht immer aus der persönlichen Situation oder innerhalb einer Blase urteilen, sondern muss auch sehr viel zulassen.

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Wir haben das Thema in Deutschland auch im Hinblick auf rechte Verlage. Das hat sich ja insbesondere in der Corona-Zeit auch noch mal gezeigt und ist auch für Buchhändler immer ein schwieriges Feld: Bestelle ich der Kundin das Buch oder nicht? Ich bestelle nicht bei rechten Verlagen, aber wenn es um eine Informationsbeschaffung insbesondere von Kund:innen geht, die ich kenne, bin ich auch nicht die Zensurbehörde.
Die Freiheit des Wortes – und darum geht es im Kern – muss sehr, sehr weit gefasst werden. Ich finde es in Ordnung, dass die Hetzschriften von Alfred Rosenberg in den Giftschränken stehen, der Forschung natürlich zugänglich. Aber Putin befürwortende Stimmen gibt es eben nicht nur in der russischen Literatur. Das ist sehr vielfältig. Das gibt es auch bei rechten deutschen Verlagen, wahrscheinlich auch bei linken deutschen Verlagen. Das muss man im Zweifelsfall mittragen und Schwerpunkte da setzen, wo kritische Stimmen sich erheben.

Es gab zudem einen Aufruf von russischen Kinder- und Jugendbuch-Autor:innen an Putin, an seine Minister, an die Militärs, den Krieg – und sie nennen es Krieg, was alleine ja schon strafbar ist – zu beenden. Das muss man auch erwähnen/sichtbar machen: dass die Autor:innen, die sowas machen, ihr Leben riskieren für das freie Wort und gegen den Krieg. Dass gerade sie nicht boykottiert werden, das ist richtig. Es wäre grotesk, wenn es so käme.

Was könnte oder sollte man denn im Moment lesen, um die aktuelle Situation und ihren Hintergrund besser verstehen zu können?
Tatsächlich empfehle ich die Erzählungen „Die rote Pyramide“ von Sorokin. Die Erzählungen sind zwischen 2002 und 2018/19 entstanden und blicken somit ziemlich breit in die Putin Zeit. Das ist ja das Thema, um das es gerade geht. In dieser wundervollen russischen Tradition der Groteske, die es ja seit dem 19. Jahrhundert immer wieder in toller Form gibt.
Da ist mir auch, bevor wir weiter über Bücher sprechen, noch eines wichtig. Es ist ja der Krieg Putins und seiner Militärs. Es ist nicht der Krieg russischer Menschen gegen ukrainische Menschen.
Ich habe die russischsprachige Literatur immer begeistert gelesen. Ich ziehe da jetzt keine Vergleiche, aber ich finde, an die Klassiker der russischen Literatur kommen deutschsprachige Autoren einfach nicht heran, an diese literarische Qualität, den Witz, den Tiefgang. Auch nicht Goethe… Wenn ich Gogol lese – ehrlich gesagt: Ich persönlich brauche dann keinen Goethe. Da – finde ich – sind Welten dazwischen.

Es gibt natürlich auch ganz aktuell tolle Romane, zum Beispiel „Zukunftsmusik“ von Katerina Poladjan, einer deutschen Autorin, die in Russland, in Moskau, geboren wurde. Der Roman fängt die Situation der ganz frühen Gorbatschow-Zeit ein, augenzwinkernd auf der einen und melancholisch auf der anderen Seite.

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Da sieht man ja auch, dass man eigentlich das gar nicht so sagen kann: Russische Bücher, deutsche Bücher, ukrainische Geschichte, das ist auch sehr verwoben. Ich glaube auch, dass die Reaktion des deutschen PEN ja eindeutig ist und aus meiner Sicht logisch und gut. Es gibt ja einen Dachverband, „PEN International“, und die Forderungen der ukrainischen Literatur-Organisationen lassen sich gar nicht sich mit der Charta des gesamten PEN vereinbaren.
Und: Wenn im Theater nicht mehr Tschechow gespielt wird, dann ist es auch kein Theater mehr – und auch das kommt nicht in Frage.

Was empfehlen Sie aus der ukrainischen Literatur?
Die Bücher von Andruchowytsch zum Beispiel sind alle sehr großartig, sehr politisch und fangen, denke ich, auch ganz gut diese Misch-Situation zwischen ehemaliger Sowjetrepublik und gegenwärtiger Ukraine ein.

Zum Weiterlesen (Cover: Suhrkamp / Matthes & Seitz / Hanser / S.Fischer)

Haben Sie persönliche Bezüge in die Ukraine oder nach Russland?
Nach Russland nicht, in die Ukraine schon. Ich bin letzte Woche mit dem Auto und einem Freund an der polnischen Grenze gewesen, um dort drei ukrainische Bekannte nach Köln zu ihren Verwandten zu bringen, zwei Frauen Mitte zwanzig und ein vierjähriges Kind.

Stehen Sie da auch in Kontakt mit übergeordneten Organisationen, die diese Energien bündeln?
Ich habe davor einige Male mit dem Blau-gelben Kreuz gesprochen. Ein Verein, der gerade über sich hinauswächst. Ich habe mich gefragt: Macht das überhaupt Sinn, wenn wir da jetzt als Laien rumhampeln? Oder sind da so viele Profis vor Ort, dass es besser denen überlassen wäre. Ich muss aber dazu sagen, dass diese beiden Frauen und das Kind nicht rübergekommen wären, wenn nicht meine Frau und ich gesagt hätten, wir holen euch da ab. Die wären nicht alleine los, da es dort im Südwesten, wo sie wohnen, – noch – relativ ruhig ist. Das kann ich auch verstehen, als junge Frauen, die ihre Männer zurücklassen und sich in die Situation einer Flucht begeben, geschieht ja mit Frauen nicht immer Gutes.

Es scheint, dass sich auch unter den Helfenden Menschen befinden, die die Situation der Flüchtenden ausnutzen.
Das gibt es – schäbig, räudig. Aber die allermeisten, das muss man auch sagen, wollen helfen. Die Hilfsbereitschaft ist riesig, ist gewaltig, auch in Polen.
Mir kam allerdings auch gleich der Gedanke, als wir da waren: Hier sind vor ein paar Wochen die Menschen aus Syrien und Afghanistan an genau derselben Grenze erfroren. Die Hilfsbereitschaft ist ohne Frage toll, aber es zeigt auch, wie die Geschichte mit Ukraine und Russland uns jetzt sehr spät einholt und wir uns viel früher mit viel mehr Dingen hätten beschäftigen müssen.

Wir werden uns sehr viel besser um andere Menschen kümmern müssen, als in den letzten Jahren. Diese Empathie und Solidarität, die jetzt der Ukraine zugute kommt – was auf jeden Fall richtig und wichtig ist – die fehlt an anderen Stellen.

Text: Nora Koldehoff

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