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Kultur

Dürfen Männer in den Frauenturm?

Mittwoch, 5. Juni 2013 | Text: Jasmin Klein | Bild: Dirk Gebhardt

Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten

Seit zwei Monaten öffnet der ‚Frauenturm’, wie er in der Südstadt genannt wird, seine Tore nun wieder regelmäßig jeden letzten Donnerstag im Monat zu einer einstündigen Führung. Anlass für mich, mir den ‚Turm der Frauen’ mal von innen anzuschauen. Und um die Frage aus dem Titel gleich zu beantworten: Männer müssen nicht draußen bleiben.

Jasmin Schenk und ich sind verabredet. Eine exklusive Führung durch den Turm, als wäre ich eine Besuchergruppe, die durch die Räume geführt wird. Ein bisschen aufgeregt bin ich schon, als ich die Klingel drücke. Die schwere Tür summt und springt auf. Ich befinde mich in einem langen Gang, an dessen Wänden BHs, Aspirinschachteln und andere Gegenstände eingerahmt sind. Überschriften wie „Männerhasserinnen! Alle lesbisch! Alle frigide!“ – „Das sind die Klischees!“, lacht Jasmin Schenk. Sie kommt mir entgegen und begrüßt mich herzlich. Die erste Überraschung: Sie ist jünger als ich. Nicht, dass ich sonderlich jung wäre. Aber man verortet deutsche Feministinnen landläufig eher in die Generation 50plus. Mein eigenes Klischee. Aua.

Jasmin Schenk kam 2005 als studierte Kunsthistorikerin und Anglistin nach Köln und begann mit ihrer Arbeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bayenturm. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin ist neben Margitta Hösel (Geschäftsführung), Julia M. Schramm (Öffentlichkeitsarbeit) und Sarah Baldin (wissenschaftliche Bibliothekarin) eine der vier Frauen, die den FrauenMediaTurm am Laufen halten.

Auf einer steilen Treppe gehen wir nach unten. Barrierefrei ist anders. Aber daran hatten die Menschen im Mittelalter, beim Bau im Jahr 1220, nicht gedacht. Wir setzen uns an einen Tisch in die Mitte des hellen und weitläufigen Raumes. Eine große Glastür öffnet sich zum Rhein hin. Hier im Erdgeschoss erfahren wir mehr über die Geschichte des Turmes. 700 Jahre lang war er der südliche Punkt der Stadtmauer und lange vor dem Dombau DAS Wahrzeichen der Stadt Köln. 1262 wurden hier das erste Mal von einem Menschen die Worte „Kölle Alaaf“ ausgerufen, soweit die Legende. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde der Bayenturm öffentlich zugänglich. In die Räume, in denen bisher nur Soldaten, Beamte und Gefangene gewesen waren, zog ein Museum ein: zunächst die Völkerkunde, später das Museum für Frühgeschichte. Und in den Achtziger Jahren war hier die Jazzhausmusikschule beheimatet.

Als der Kölner Stadtrat Ende der Achtziger den Wiederaufbau des Turms beschloss, wurde Alice Schwarzer hellhörig und meldete Interesse an. Schließlich hatte sie 1984 das „feministische Archiv und Dokumentationszentrum“ in Frankfurt a. M. gegründet und suchte größere Räume in Köln. Die Stadt überließ schließlich 1991 den Turm im Rahmen eines Erbaurechtsvertrags für 70 Jahre dem Archiv, das 1994 einzog.
Finanziert wurde das Archiv im ersten Schritt 1984 durch Fördermittel von Jan Philipp Reemtsma, die zehn Jahre ausreichen sollten. Nachdem diese (wenn auch erst nach zwanzig Jahren) aufgebraucht waren, suchte man ab 2004 neue Einnahmequellen. Projektweise unterstützt das Familienministerium das Archiv, allerdings wäre ohne private Förderer seine Existenz gefährdet. Denn anders als in vielen europäischen Ländern fördert der deutsche Staat eher spärlich.
 

 

Wir laufen die Stufen wieder nach oben, passieren die Redaktionsräume der EMMA, die hinter Milchglastüren versteckt sind, gehen in der dritten Ebene am Büro von Alice Schwarzer vorbei und kommen nun in der vierten Ebene in das Herzstück des Turms: in die große Bibliothek, das Archiv, den eigentlichen FrauenMediaTurm.

In einer wirklich beeindruckenden, weil offenen, lichtdurchfluteten und sogar preisgekrönten Architektur stehen auf zwei Ebenen Bücher und Kartons, in denen alles, was für die Geschichte der Frauen heute noch relevant ist, gelagert, gepflegt und auch verliehen wird. Die aktuellen Hefte einer Auswahl verschiedenener Frauenzeitungen (wie Missy Magazine, Femina Politica oder Matilda) liegen aus, Flugblätter aus den Siebzigern, Plakate aus den Zwanzigern, Romane, Sachbücher, Pamphlete – hier lagert das Gold der Frauenbewegung. Denn die begann nicht erst mit der Arbeit von Alice Schwarzer Anfang der Siebziger Jahre, sondern reicht weit in die Jahrhunderte davor zurück. An einer Wand in der Mitte des Raumes hängen daher auch sechs Kunstdrucke der Porträts von Frauenrechtlerinnen des 19./20. Jahrhunderts: Hedwig Dohm, Louise Otto-Peters, Minna Cauer, Lida G. Heymann, Anita Augspurg und Bertha Pappenheim.

Wir steigen auf schmalen Industrietreppenstufen (die silbernen mit den Löchern) weiter hoch aufs Dach. Eine Luke öffnet sich, und wir sehen Köln von oben. Beeindruckend. Ich mache schnell ein paar Fotos für mich selbst. Von so hoch oben sah ich den Rheinauhafen noch nie.

Wir staksen auf den blickdurchlässigen Stufen wieder eine Etage tiefer in die Bibliothek. Sarah Baldin wird uns nun vorgestellt, eine wissenschaftliche Bibliothekarin. Sie ist wie Frau Schenk damit beschäftigt, Bücher einzupflegen, zu verschlagworten, den wirklich umfangreichen Online-Auftritt aktuell zu halten und Anfragen zu bearbeiten.
Wir setzen uns an einen Tisch, an dem auch schon eine andere Frau arbeitet, die gerade etwas recherchiert. „Schwerpunkt dieses Archivs“, erklärt uns Jasmin Schenk, „ist die historische und die neue, autonome Frauenbewegung. Der Gleichheitsfeminismus.“ Gleichheitsfeminismus. Muss ich später mal nachforschen.
Das Archiv ist exzellent verschlagwortet, 60.000 Texte, 8.000 Bilder, Flugblätter, Plakate in der (auch digitalen) Bilddatenbank. Frau Schenk und Frau Baldin haben jedes Buch selbst in der Hand gehalten und quergelesen. Man kann die Recherche  hier in Auftrag geben oder selbst nach Terminabsprache vorbeikommen und in der Präsenzbibliothek suchen, finden und kopieren. Ausleihen kann man via Fernleihe über eine andere Bibliothek.

Frau Schenk stellt uns nun den „Feministischen Thesaurus“ vor. Helga Dickel und Carolina Brauckmann haben ihn seit 1990 erarbeitet. Es geht dabei um die Entwicklung eines kontrollierten Vokabulars, die Förderung eines demokratischen Sprachgebrauchs, denn wir alle wissen ja, dass Wörter Welten erschaffen. So wurde z.B. statt des Begriffs „Arbeit“ das Wort „Erwerbsarbeit“ gesetzt. Denn Hausarbeit ist auch Arbeit, auch wenn man in der Regel kein Geld dafür bekommt. Oder der Begriff „Triebtäter“ wird vom Begriff des „Sexualstraftäters“ abgelöst. Tatsächlich ist heute der Begriff „Triebtäter“ (der ja impliziert, dass der Täter wegen eines Triebs gar nicht anders handeln konnte) aus dem offiziellen Medienvokabular fast völlig verschwunden.

 

Wir erfahren noch viel über das  Bibliothekswesen, wie man schnell querliest, Schlagworte findet und andere Feinheiten der Abläufe. Aber warum braucht man denn überhaupt ein Frauenarchiv? Warum reichen denn die bestehenden Bibliotheken nicht aus? Alice Schwarzer beantwortet die Frage im Vorwort des Thesaurus: „Als ich Anfang der 70er Jahre begann, mich für die Sache der Frauen zu engagieren, ging es mir wie den meisten: Ich glaubte mich in der Stunde Null. Auch wir neuen Feministinnen waren damals überzeugt, wir seien – abgesehen von ein paar vereinzelten Vorläuferinnen – die ersten, die es wagen, der Männermacht endlich die Stirn zu bieten. Doch weit gefehlt. Es gab unendlich viele vor uns. Und wir hätten von Anfang an weiterdenken können, statt (wieder einmal) von vorne anzufangen.“

Um dieses Wissen zu konzentrieren, gibt es das Archiv. Es ist Montag bis Freitag von 10-17 Uhr geöffnet. Einfach kurz vorher anrufen oder mailen, dann öffnen Frau Schenk, Frau Baldin und Frau Schramm die Tore des Bayenturms.

Führungen jeden letzten Donnerstag im Monat (Kosten: 5 Euro pro Person). Anmeldung erforderlich.

FrauenMediaTurm
Das Archiv und Dokumentationszentrum
Bayenturm / Rheinauhafen
50678 Köln
Tel. 0221/931881-0
info@frauenmediaturm.de

www.frauenmediaturm.de

Text: Jasmin Klein

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