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Kultur

„Es gibt kein Martyrium mit Vaseline“

Sonntag, 11. Mai 2014 | Text: Nora Koldehoff | Bild: Tamara Soliz

Geschätzte Lesezeit: 6 Minuten

Er ist nichts für schwache Nerven, der Kölner Mythos von der heiligen Ursula, der Schutzpatronin der Stadt, ihrem Martyrium und den wahlweise elf oder elftausend Jungfrauen.

 

Seine Version der Geschichte hat Ralf König – längst weltbekannter Comicautor und -zeichner aus Köln- in projizierten Bildern und gelesenen Sprechblasen im Cöln Comic Haus vorgestellt – auf seine Weise: Schwester Heilbutta erklärte, warum es kein Martyrium mit Vaseline gibt. Und der Bürgermeister des mittelalterlichen Köln gründete den Karneval als Mischung aus Wirtschaftsförderungsmaßnahme und frühem Toleranzprogramm. Auf die Lesung im Rahmen des Sommerblut-Festivals konnte man sich schon in der Ausstellung „Rotznasen“ einstimmen – am gleichen Ort. 120 Originalseiten und Memorabilia aus aller Welt geben eindrucksvollen Einblick in des Königs Schaffen – und sind noch bis zum kommenden Samstag an der Bonner Straße 9 zu sehen.

Ralf König veröffentlicht seit über dreißig Jahren Comics, die zum überwiegenden Teil in der Schwulenszene spielen und an Deutlichkeit wenig zu wünschen übrig lassen. In diesem Jahr wird das Werk des 53-Jährigen auf dem Internationalen Comic Salon in Erlangen, dem jährlichen Gipfeltreffen der Szene, mit dem „Sonderpreis für ein herausragendes Lebenswerk“ ausgezeichnet.

Wer die Lesung um die Legende der Ursula und ihren Jungfrauen verpasst hat, hat in dieser Woche noch an zwei anderen Tagen Gelegenheit zum Schauen und Lauschen. Am Donnerstag, dem 15. Mai, trägt Ralf König ebenfalls im Cöln Comic Haus gesammelte Kurzgeschichten vor. Am Samstag endet dann die Ausstellung mit einer letzten Lesung aus seinem neuesten Buch ‚Raumstation Sehnsucht‘, in dem es ein Wiedersehen mit dem ungleichen Paar Konrad und Paul gibt, das seit 1990 immer wieder in Königs Comics auftaucht. Mit Ralf König sprach Nora Koldehoff.

Meine Südstadt: Von Hergé ist der Satz überliefert, dass er seine Figur Tim irgendwann gehasst habe. Wie ist nach all den Jahren Ihr Verhältnis zu Konrad und Paul?
Ralf König: Also, gehasst hab ich noch keinen meiner Charaktere. Vielleicht, weil ich immer frei war in dem, was ich zeichne. Wenn ich keine Lust auf Konrad und Paul hatte, hab ich halt ‚Roy & Al‘ gezeichnet oder die Bibel verknollnast. Ich kann mir vorstellen, dass es ambivalente Gefühle geben kann, wenn man auf bestimmte Charaktere festgenagelt ist und sich immer was Neues dazu einfallen lässt. Nein, ich hab meine Nasen bisher alle lieb.

Im neuesten Band versucht sich Paul selbst als Schriftsteller – mit einem Science Fiction-Roman. „Raumstation Sehnsucht“ wird dadurch zu einem Cross-over aus Comic und Belletristik, zum Buch im Buch. Geht es damit weiter?
Genau, ich bin gerade dabei, die Science-Fiction Geschichte um Barry Hoden weiter auszubauen. In ‚Raumstation Sehnsucht‘ spielte das Szenario ja noch neben der eigentlichen Story in Köln und Frankfurt erdnah am Planeten Mars, ohne Aliens und fremde Welten. Das ändert sich in Teil 2, da geht’s dann ab in den Deep Space. Science Fiction wollte ich schon lange mal machen, ich kann nur keine Technik zeichnen, also Raumschiffe, Cockpits, Kommandobrücken. Ich kann nicht mal Autos! Da klau ich mir was aus fotografierten Alltagsgegenständen zusammen. Außerdem stammt die Geschichte ja wie beschrieben eigentlich nicht von mir, sondern von Hobbyautor Paul Niemöser. Das heißt, ich muss mein eigenes Niveau deutlich senken, was manchmal gar nicht so einfach ist. Das Buch heißt ‚Im Weltraum hört dich keiner grunzen‘.  Wenn’s schief geht, schiebe ich später alles auf Paul.

Sie lesen in diesem Monat dreimal im „Cöln Comic House“ aus ihren Büchern und sprechen dabei alle Rollen selbst. Bekommen Sie auch auf anderen Wegen direkte Reaktionen Ihrer Leser?
Ich habe ein Facebook-Profil und poste da gern mal spontane Einfälle, und darauf gibt’s dann Kommentare. Aber Signierstunden oder Lesungen sind natürlich prima, denn früher habe ich nie Reaktionen bekommen, weil ich die Comics nur gezeichnet habe. Damals waren die Auflagen der einzige Hinweis, dass es offenbar vielen Leuten gefällt. Die Leute kicherten über die Bücher zuhause auf dem Sofa oder auf dem WG-Klo, da war ich ja selten dabei.

Die Lesung findet im Rahmen des Festivals „Sommerblut“ statt, das in diesem Jahr das Thema „Tabus“ hat. Wer Ihre Bücher liest, könnte den Eindruck haben, dass das für Sie gar kein Thema ist …
Gerade darum wohl: Ich verbreite seit den 80ern meine Sicht der Dinge, und Sexualität war da schon noch Tabu, erst recht schwule Sexualität. Das hat sich zum Glück hierzulande ein Stück weit entspannt. Hoffen wir, dass es langfristig so bleibt, die Tendenz geht ja gerade besorgniserregend zurück. Mit Sex regt man bislang kaum noch jemanden auf, aber Mitte der 90er hatte ich noch das bayerische Landesjugendamt am Hals, die wollten meine Bücher ‚Kondom des Grauens‘ und ‚Bullenklöten!‘ indizieren. Die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften sah das zum Glück anders, meine Inhalte richten sich an Erwachsene, Kinder interessiert das gar nicht. Und wenn schon: Durch Comiclesen wurde noch keiner schwul oder „sozialethisch desorientiert“. Außerdem wabert da dieses deutsche Ding mit, dass Comics sowieso nur was für Kinder seien. Ich bin aber mit den amerikanischen Underground-Comix groß geworden, vor allem Robert Crumb mit seinem ‚Fritz the Cat‘ und Richard Corben, Vaughn Bode und Gilbert Shelton und so.

 


Heilige Ursula und die Barbaren. / Bild: Ralf König

Gibt es heute noch Tabus? Vielleicht im Bereich Religion – einige Ihrer Bücher setzen sich mit dem islamischen, andere mit dem christlichen Fundamentalismus auseinander?
Ja, Religion ist heute leider wieder Grund zu Aufregung. Da sehne ich mir die 80er und 90er zurück, da haben die einen an Gott geglaubt und die anderen eben nicht, aber man ließ sich in Ruhe, es war nicht wirklich Zündstoff. Diese müßigen Diskussionen, ob Gott oder nicht Gott, immer die gleichen Argumente und das seit den alten Griechen und vorher! Die Menschheit kommt an diesem Punkt nicht weiter, aber weltweit hauen sie sich die Köpfe ein und legen Bomben. Ich habe mich mit fünf Büchern eingemischt, mein ‚Prototyp‘ und ‚Archetyp‘ wurden in der FAZ als tägliche Strips veröffentlicht, und da war klar, dass ich damit an Tabus kratze.

 

Aber Tabus stellen ja immer andere auf, und an diese Grenzziehung darf man sich nicht halten. Ich dachte, dass man sich in unseren Breitengraden zumindest humorvoll über das Alte Testament äußern kann, ohne wütende E-Mails an die FAZ-Redaktion und sogar Abo-Kündigungen. Letztlich steckten dann auch die Evangelikalen dahinter, ein ziemlich ungesunder und sich leider vergrößernder Haufen Engstirniger. Aber im Gegensatz dazu hatte ich viele erfreuliche und spaßige Diskussionen mit meist evangelischen Theologen und Pfarrern, die merkten, dass ich nicht auf Blasphemie aus bin. Ich hab die öden Paulusbriefe in mehreren Übersetzungen gelesen, bevor ich meinen ‚Antityp‘ gezeichnet habe. Ich wollte verstehen, was der Apostel eigentlich wollte, bevor ich ihn zur Knollennase machte. Und sehr sympathisch war der schon seinen biblischen Zeitgenossen nicht.

Die Bundesprüfstelle hat aber schon seit längerem nichts mehr von Ihnen beschlagnahmen lassen?
Es wurde ja nie etwas beschlagnahmt. Damals wurde nur ein durchgeknallter Staatsanwalt in Meiningen aktiv, der landesweit unter anderem meine Bücher von der Polizei aus den Läden holen ließ, ohne dass sie auf dem Index gestanden hätten! Da gab’s ein großes Mediengelächter und der Mann hat sich selbst blamiert. Ich weiß ehrlich nicht, was die Bundesprüfstelle heutzutage noch für eine Funktion hat, in Zeiten der neuen Medien. Jedes Kind kann problemlos im Internet die heftigsten Pornos sehen, das ist nun mal Realität. Da sind Jugendfreigaben ab 16 oder 18 fast schon rührend.

Nehmen Sie selbst wahr, dass Sie einen wesentlichen Beitrag zur Enttabuisierung des Themas Homosexualität geleistet haben?
Im Nachhinein ja. Während all der Jahre habe ich einfach drauflos gezeichnet, ich wollte nicht wirklich aufklären oder gar belehren. Ich wollte nur spaßige Bücher machen, und das nicht nur für Schwule, und das ist auch heute noch mein Ansatz. Man fragt mich gelegentlich, ob ich nicht zum Beispiel mal einen reinen Aufklärungs-Comic für Jugendliche über Coming Out-Probleme zeichnen möchte, aber ich glaube, je weniger ich irgendwas politisch Korrektes predige, desto mehr vermittelt sich die Botschaft, dass Schwulsein viel profaner ist, als sich mancher vorstellt.

 

Mann liebt Mann, Frau liebt Frau, das ist wenig exotisch. Paul zum Beispiel ist nicht nur sympathisch, er hat vor allem Sex im Kopf und geht für ’ne gute Nummer über Leichen. Das gibt es, aber es ist vor allem ein Klischee vom schwulen Sexmaniac, und über Klischees mach ich mich gern her. Nebenbei finde ich, man kann sich in diesem kurzen Leben mit unangenehmeren Dingen befassen als gerade mit genüsslichem Sex, schwul hin, hetero her. Dass ausgerechnet das ein Tabu sein soll, sagt eher was aus über die Gesellschaft.

Wie wichtig ist Köln für Sie als Autor? Hätte Ihr Werk auch anderswo entstehen können?
Ich denke, auch in Berlin oder Hamburg würde ich das tun, was ich tue. Aber Köln ist schwule und katholische Hochburg, da war und bin ich hier schon richtig. Meine Stories spielen allermeistens in Köln, und da sind zum Beispiel Szenekneipen verewigt, die es längst nicht mehr gibt, das Teddy zum Beispiel, der Stiefelknecht oder das Chains… Da war ich wohl, ohne es zu ahnen, ein Chronist der Szene.

Sie haben hier bereits museale Weihen erhalten – mit einer Ausstellung zum Buch „11.000 Jungfrauen“ im Stadtmuseum, schräg gegenüber dem Dom. Spätestens damit ist man endgültig etabliert und anerkannt – und kann kaum mehr aufregen, oder doch?
Na, da knirschte es schon noch im katholischen Gebälk, die Heilige Ursula ist ja ’ne ernste Nummer in Köln, da war einigen die Knollnaas zu groß. Aber stimmt schon, gerade diese Ausstellung hat mich wohl zum Kölner Comiczeichner gemacht.

 

Herr König, vielen Dank für das Gespräch.

 

Im Rahmen des Sommerblut Kulturfestivals
Ausstellung „Rotznasen“ im Cöln Comic Haus
Mo – Fr 16 – 20 Uhr
Sa 12 – 20 Uhr
Eintritt 5,00 €

Comic-Lesungen von und mit Ralf König auch im Cöln Comic Haus
15. und 17. Mai 2014
20 00 Uhr
Eintritt: 12.00 €

 

Text: Nora Koldehoff

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