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Gesellschaft

Intendant Tom Buhrow in der Südstadt: „WDR muss demütiger werden“

Mittwoch, 4. Dezember 2019 | Text: Stefan Rahmann | Bild: Stefan Rahmann

Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten

„Die Volkskirche wendet sich an alles Volk, wie es in der Barmer Erklärung heißt“, begrüßte Stadtsuperintendent Dr. Bernhard Seiger die Gäste beim Jahresempfang des Evangelischen Kirchenverbandes Köln und Region in der vollbesetzten Kartäuserkirche. Und schlug damit einen Bogen zum Gastredner Tom Buhrow, Intendant des Westdeutschen Rundfunks (WDR). Denn auch die öffentlich-rechtlichen Sender würden alle Milieus erreichen wollen, fuhr Seiger fort. Kommunikation sei die Kernaufgabe Jesu Christi gewesen und in der Nachfolge auch die der Kirche.

Hetze im Netz erschreckend

Zunächst sei es die Sprache gewesen. Dann habe die Kirche immer auch neue Medien genutzt: Bücher, Lieder, Musik, Filme und aktuell eben die neuen digitalen Medien. „Wohin entwickeln sich Trends? Wo halten sich die Menschen in ihrem Leben auf?“, seien Fragen, auf die Kirche und die öffentlich-rechtlichen Sender Antworten finden müssten. Fernsehen spiele für viele Jugendliche heute eine untergeordnete Rolle. „Wir müssen schon froh sein, wenn sie eine Tagesschau-App auf dem Smartphone haben. Filme sind für sie aber weiter wichtig“, so Dr. Seiger. Die Hetze im Netz habe erschreckende Ausmaße angenommen, beklagte der Stadtsuperintendent. „Das Internet ist aber auch eine Chance für Bildung. Es kann ein Medium der Demokratisierung sein. So unterschiedlich unser Auftrag als Kirche und Rundfunksender auch ist“, wandte sich Dr. Seiger nochmals an Buhrow, „so eng verbunden sind wir in der Herausforderung, was die Kommunikation in der Zukunft angeht.“

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Der WDR-Intendant zollte zu Beginn seines Vortrags der Kartäuserkirche wegen ihrer „wunderbaren Schlichtheit“ Respekt. Die könne Beispiel sein für die Arbeit der Medien: „Die Essenz liegt nicht im Mehr sondern im Weniger.“ Dann ging er auf das Thema des Jahresempfangs ein: „Zwischen alter und neuer Welt: Digitale Herausforderungen für öffentlich-rechtliche Organisationen“. Aber nicht, ohne noch einmal auf die Kartäuserkirche hinzuweisen. „Meine Situation ist ja: Ich stehe hier auf einer Kanzel und spreche. Das ist in der evangelischen Kirche das wöchentliche Brot. Bei den Öffentlich-Rechtlichen ja irgendwie auch. Man spricht zu anderen, und es gibt zwischen Redner und Zuhörenden eine unsichtbare Grenze.“

Ist Predigen noch zeitgemäß?

Ob Predigen noch zeitgemäß sei, laute für auch für den WDR die Frage. Buhrow nannte drei zentrale Herausforderungen für seinen Sender: Die digitale Revolution, den „demographischen Spagat“ und die Verständigung mit Jungen und Alten über eine neue gemeinsame Wertebasis. „Wir leben in einer Zeit des maximalen Umbruchs. Kein Bereich wird ausgenommen. Freizeit und Beruf wandeln sich. Die Medien sind die erste Branche, die davon betroffen ist.“ Manchen gehe die digitale Revolution nicht schnell genug, andere klammerten sich fest an das Alte. „Es gibt eine große Unsicherheit. Das gesellschaftliche Klima ist bissiger und rissiger geworden.“ Umfragen, die der WDR in Auftrag gegeben habe, hätten gezeigt, dass die Menschen auf der Suche nach Orientierung seien und sich ein besseres Miteinander wünschten. Da seien die öffentlich-rechtlichen Sender genauso gefragt wie die Kirchen.

„Wir finden nicht mehr Rückhalt bei allen“

Eine weitere Gemeinsamkeit: „Wir finden nicht mehr Rückhalt bei allen. Wir müssen uns den Rückhalt immer wieder neu erarbeiten.“ Buhrow mahnte Bescheidenheit bei den Öffentlich-Rechtlichen an. „Wir müssen demütiger werden. Die Menschen wollen nicht bevormundet werden. Wir im WDR möchten die Menschen befähigen, ihre eigene Meinung zu bilden.Teilhabe ist Voraussetzung für eine bessere Gesellschaft. Die Augenhöhe ist entscheidend.“ Aber der Kölner Sender habe weiterhin eine beachtliche Reichweite. „Fernsehen und Radio sind immer noch die am stärksten genutzten Medien. Jeder Zweite in Nordrhein-Westfalen gibt einem unserer Radio-Sender täglich die Chance, ihn in seinem Leben zu begleiten. Auch die Aktuelle Stunde und die Lokalzeit werden von vielen gesehen. Aber es gibt die Jugendlichen, die andere Medien nutzen. Streaming-Dienste, die Mediatheken. Unser Wissenschaftsmagazin Quarks läuft digital sehr gut. Und Dokumentationen funktionieren auf unserem Youtube-Kanal besser als im Fernsehen. Dort haben wir manchmal eine Millionen Zuschauer, digital zwei Millionen.“

Keine festen Sendezeitpunkte im Netz

Im Netz gebe es keine festen Sendezeitpunkte, und die Nutzer und Nutzerinnen engagierten sich über die Kommentarfunktion: „Die Menschen wollen weiterhin, dass jemand etwas vorgibt in den Medien: Aber sie wollen danach in den Dialog mit uns treten.“ Digitalisierung beim WDR stoße auf die Begrenzheit der Ressourcen. „Im Moment produzieren wir das Programm wie bisher und packen die digitalen Angebote oben drauf.“ Buhrow hat mit dem Chef vom Otto-Versand gesprochen. Dessen Firma habe trotz Online-Handels weiter den Katalog gedruckt, um traditionelle Kunden nicht zu enttäuschen, für die der Katalog sehr wichtig gewesen sei. „Der letzte Otto-Katalog wurde 2018 gedruckt. Digitale und traditionelle Angebote sind auch für die Öffentlich-Rechtlichen langfristig nicht möglich“, zog Buhrow Parallelen und ging auf die Kirchen ein: „Wir haben auf der einen Seite die gewachsenen Wünsche, und wir haben auf der anderen Seite die Wünsche derer, die wir gewinnen möchten.“

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Der ehemalige Frankeich- und Washington-Korrespondent der ARD sparte nicht mit Kritik an der eigenen Journalisten-Zunft: „Wir glauben zu oft, dass wir wissen, für was sich die Leute interessieren sollten“. Man habe sich mit Teilen der eigenen Kundschaft auseinander gelebt. Es gebe eine Vision im WDR, die Buhrow vorangetrieben hat: „Wir wollen, dass wir das Leben jedes Einzelnen jeden Tag ein Stück wertvoller machen.“ Möglicherweise wisse man aber nicht genau, was die Menschen als wertvoll für ihr Leben erachteten, räumte der Intendant ein. Für die einen sei Kultur Goethe, Schiller und Oper, für die anderen Pop-Musik und Graffiti.

Startkonto im Minus

„Wir fangen mit einem Minus auf dem Konto an“, beschrieb Buhrow das Unterfangen des WDR, Vertrauen und Zuschauer und Zuschauerinnen zurück zu gewinnen. „Wir müssen den Negativismus überwinden“, erklärte der Intendant und ging damit auf den Vorwurf gegenüber den Öffentlich-Rechtlichen ein, „voreingenommen zu sein und immer alles schlecht reden zu wollen“. Buhrow forderte aber auch mehr Optimismus und weniger schlechte Laune in der Gesellschaft. „Es kann nicht sein, dass wir an einem Tag als Radfahrer dem Autofahrer verärgert auf die Motorhaube hauen und als Autofahrer am nächsten Tag den Radfahrer wütend anhupen.“

Text: Stefan Rahmann

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Kommentare

  • Andersdenker sagt:

    Schade, dass ich nicht dabei gewesen bin: schon lange fordere ich als guter Staatsbürger höhere Steuern, mehr Verbote, höhere Preise und mehr Lebensfreude! Wenn nun von Herr Buhrow auch noch „mehr Optimismus und weniger schlechte Laune in der Gesellschaft“ gefordert werden, bin ich dabei. Vorausgesetzt, ich bekomme ebenfalls sein Gehalt (ca. 356.000 Euro pro Jahr). Vom Steuerzahler.

    Stark finde ich auch seine Haltung. Manchmal frage ich mich, ob Jesus als Pressesprecher seine Zeitgenossen mit Fakten, Glauben oder Haltung oder allem drei versorgt hätte. Ok, den Job gab es damals nicht, aber beim WDR, den manche auch für die Abkürzung von Westdeutscher Rotfunk halten, scheinen Fakten immer häufiger eine klitzekleine oder gar keine Rolle zu spielen, Glaube und Haltung dagegen immer mehr! Großer Glaube wird z.B. in der neuen Heilslehre vom Klimawandel verkündet. Täglich. Auf allen Sendern 24/7. Dabei -kicher- handelt es sich eigentlich um einen Glauben ohne Gott und transzendenter Erlösung, dafür mit jeder Menge sozialem Downgrading: je mehr du verzichtest, desto schöner wird dein Ableben sein! Außerdem bist du als echter Biomüll leichter zu kompostieren, nur für das durch deinen Tod anfallende CO2 müssen wir dich zu Lebzeiten noch besteuern.

    Haltung ist etwas, was in Buhrows Rotfunk jeden Tag rund um die Uhr gelebt wird. Von finanziell gut gefütterten Haltungs-Journalisten, die je nach Sonnen- oder Mondstand Donald Trump, Boris Johnson, Wladimir Putin, Matteo Salvini, Viktor Orban, Sebastian Kurz u.a. bespötteln, zu geistigen Kretins oder Rechtsaußen verklären, als sei insbesondere die westliche Hemisphäre politisch von Idioten bewohnt, die den redaktionellen deutschen Edelfedern nicht das Wasser reichen können. Außer Mutti. Die ist die natürlich unausgesprochen die Größte. Und völlig alternativlos. Ja, so hart muß Regierungskritik schon sein dürfen! War aber -glaube ich- schon unterm Führer so.

    Wenn Herr Buhrows Vision lautet „Wir wollen, dass wir das Leben jedes Einzelnen jeden Tag ein Stück wertvoller machen.“ und das wirklich persönlich ernst gemeint ist, dann möchte ich von den Rundfunkgebühren befreit werden. Im Ernst: das daraus resultierende Produkt würde ich nämlich nicht mal meinem dümmsten Nachbarn freiwillig finanzieren. Und meine Kinder interessieren sich nicht die Bohne für das beschriebene digitale Altersheim, in das sie offensichtlich als vermeintlich früh demente Heranwachsende geführt werden sollen.

    Zum Schluss: das Bild von dem grinsenden Dreigestirn mit Altar über dem Text hat mir gut gefallen. Erinnert mich an eine Miniaturplastik, die früher bei meinen Großeltern gestanden hat. Wie war das nochmal? Sagen sie nichts, hören sie nichts oder sehen sie nichts? Oder alles drei? Egal. Irgendetwas davon passt auf jeden Fall.

  • jan sagt:

    Vielleicht sollte Buhrow mal jemand das mit den Sendezeiten erklären? Wenn man Oscar-prämierte Dokumentarfilme nur Wochentags ab 22.40 Uhr zeigt, ist es kein Wunder, dass sie eher übers web abgerufen werden.
    (siehe: https://www.wwwagner.tv/?p=42162 )
    Bin zudem gespannt, wie Buhro seine Demut demonstrieren möchte. Er hätte dafür handfeste Möglichkeiten, wie der Express kürzlich recherchierte:
    »… Tom Buhrow (60). Der Journalist, der mit 406.700 Euro den bestdotierten Job aller ARD-Intendanten hat und im vergangenen Jahr wiedergewählt wurde, hat bereits mehr als vier Millionen Euro an Pensionsverpflichtung auf der WDR-Kante. Schon jetzt kann er sich da rechnerisch (Lebenserwartung 80 Jahre, ab Renteneintritt mit 65 Jahren sind das 180 Monate) über eine Pension von weit mehr als 20.000 Euro freuen. Plus gesetzliche Rente.«
    https://www.express.de/koeln/bericht-zeigt-krasse-zahlen–wdr-pensionaere-kriegen-so-viel-wie-15-878-koelner-rentner-33147144

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