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Kultur

Jung, weiblich, rechtsradikal

Mittwoch, 18. Januar 2012 | Text: Reinhard Lüke | Bild: Dirk Gebhardt

Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten

Die junge Marisa lebt in der ostdeutschen Provinz, jobbt im Supermarkt und schlägt sich durchs Leben. Mit Nazi-Symbolen tätowiert, terrorisiert sie mit ihrer rechtsextremen Clique ihre Umgebung, randaliert und macht Jagd auf Ausländer. Mit „Kriegerin“ hat Autor und Regisseur David Wnendt einen, inzwischen mehrfach ausgezeichneten, Debutfilm über Frauen in der Neonazi-Szene gedreht. Ein mitreißender, bisweilen verstörender, Spielfilm mit einer herausragenden Hauptdarstellerin, der ohne plakative Erklärungsversuche auskommt. Reinhard Lüke sprach am Sonntag im Odeon mit David Wnendt über seinen Film. „Kriegerin“ läuft ab morgen im Odeon.

Meine Südstadt: Kann man wirklich auf einem umgedrehten Bügeleisen Suppe kochen?
David Wnendt: Klar, das geht. Wir haben sie Szene ja praktisch in Echtzeit gedreht. Das Wasser kocht tatsächlich wegen dem heißen Eisen.

Wie sind Sie denn auf die Idee gekommen, einen Spielfilm über junge Frauen in der ostdeutschen Neo-Nazi-Szene zu drehen? Stammen sie aus den Neuen Bundeslämdern?
DW: Nein, ich bin in Bonn aufgewachsen. Aber während meines Studiums in Berlin bin ich oft in Brandenburg und der Lausitz über Land gefahren und habe dabei Dörfer und Kleinstädte gesehen, in denen die Rechte Szene im öffentlichen Leben enorm präsent ist. Ich bin dabei mit vielen Jugendlichen ins Gespräch gekommen, die mir erklärt haben, dass man sich da nur entweder einer linken oder einer rechten Gruppe anschließen könne. Als ich dann ein Thema für meinen Abschlussfilm suchte, fielen mir diese Dinge wieder ein und dann habe ich mit der Recherche begonnen. Es hat sich eine rechte Jugendkultur entwickelt, die in absehbarer Zeit nicht wieder einfach verschwinden wird.

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Und wieso haben sie zwei Frauen in den Mittelpunkt Ihres Films gestellt? In anderen Filmen über die Rechte, ohnehin vornehmlich Dokumentationen, tauchen die doch so gut wie gar nicht auf.
DW: Eben. Dabei gibt es immer mehr Frauen in der Szene, deren Rolle m. E.  oft verharmlost wird. Sie werden meist nur als unpolitische Mitläuferinnen dargestellt, was sie jedoch nicht sind. Sie sind genau so rassistisch, politisch engagiert und zunehmend genau so gewalttätig wie die männlichen Neo-Nazis.

Wie verträgt sich das mit dem tradierten NS-Frauenbild von der liebenden Mutter und getreuen Hüterin von Heim und Herd?
DW: Genau dieser Widerspruch hat mich interessiert. Er macht die Frauen für mich als Filmfiguren interessant. Die Frauen, mit denen ich im Rahmen der Vorbereitung gesprochen habe, konnten diesen Widerspruch nicht auflösen. Zum einen haben sie sich als zornige, selbstbewusste, aktive Jugendliche dargestellt, zum anderen aber erklärt, Emanzen schrecklich zu finden und von einer Familie mit klassischer Rollenaufteilung zu träumen, da Männer nun mal manche Dinge einfach besser könnten.

Und wie verhalten sich die männlichen Neo-Nazis dazu?
DW: Ähnlich widersprüchlich. So wie sie es toll finden, in ihren Gruppen auch Frauen dabei zu haben, die mit ihnen saufen, Randale machen und auf Demos gehen, beharren sie gleichzeitig auf ihrer Vormachtstellung.

Wie sahen denn Ihre Recherchen konkret aus ? Haben Sie sich undercover in die Szene eingeschlichen?
DW: Zum Teil. Aber in erster Linie bin ich in einschlägige Jugendclubs gefahren, habe mehr oder minder offen von meinem Vorhaben erzählt, und mit den Leuten geredet. Was speziell die Frauen angeht, war das etwas komplizierter. Da hat mir vor allem die Dissertation von Michaela Kötting zum Thema „Frauen und Rechtsextremismus“ geholfen, aber ich selbst habe dann in Internetforen weibliche Mitglieder solcher Gruppen gefunden, die bereit waren, mir ihre Lebensgeschichten zu erzählen. Diese Gespräche haben mir letztlich das Material für das Drehbuch geliefert.

War für Sie von vornherein klar, keine Dokumentation, sondern einen Spielfilm zu dem Thema zu drehen?
DW: Ja. Nicht zuletzt, weil ich da auch eine Diskrepanz gesehen habe zwischen der Präsenz solcher Frauenfiguren in Spielfilmen oder Krimis wie „Tatort“ und der Art, wie ich sie erlebt habe. Darüber hinaus war ich überzeugt, der Szene mit den Mitteln der Fiktion wesentlich näher kommen zu können, als es eine Dokumentation vermocht hätte.

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Bewegt sich Ihr Film nicht dennoch hart am Klischee, wenn (zumindest die männlichen) die Akteure durchweg mit kahlen Schädeln und martialischen Tatoos auftreten? Hintermänner und Chefideologen, die inzwischen auch in feinem Zwirn auftreten und in Landtagen sitzen, kommen zumindest nicht vor.
DW: Mit dem älteren Herrn, der seine Wohnung für Partys zu Verfügung stellt und dabei Schulungsfilme vorführt, habe ich so eine Figur ja durchaus drin. Dabei war mir wichtig, in diesen Sequenzen zu zeigen, dass viele Neo-Nazis zu solch ideologischem Nachhilfeunterricht ein eher ambivalentes Verhältnis haben, da sie eigentlich überhaupt keinen Bock darauf haben, sich mit so etwas wie Politik und Parteiprogrammen zu befassen. Wenn man sie beispielsweise fragt, was sie denn tun würden, wenn sie an der Macht wären, stößt man nur auf ratloses Schweigen oder bekommt völlig diffuse bis absurde Antworten. Die Gefahr besteht jedoch darin, dass sie mit ihrer dumpfen Ausländerfeindlichkeit, Demokratie- und Politikverdrossenheit zunehmend bei frustrierten Durchschnittsbürgern auf offene Ohren stoßen.
Die Neonazis im Film rennen eben nicht alle mit Glatze und Tatoos rum. Es gibt immer noch klassische Skinheads bei den rechten, doch ist diese Kultur nicht mehr dominierend. Im Film sieht man „normal“ aussehende Jugendliche denen man nicht ansieht dass sie rechts sind. Es gibt ein paar, die sogar schulterlanges Haar tragen.

Manche Sequenzen Ihres, von der FSK ab 12 Jahren freigegebenen, Films sind ja nichts für zart besaitete Gemüter. Welche Funktion haben die –virtuos inszenierten- intensiven Gewaltdarstellungen?
DW: Sie sind fraglos intensiv, aber wenn man genau hinschaut, wird man da kaum explizite Körperverletzungen entdecken. Aber ich wollte diese Gewaltexzesse, die es ja in Wirklichkeit gibt, nicht verharmlosen und diese Neo-Nazis als harmlosen Zeitgenossen darstellen, die sich nur am Baggersee grölend die Kante geben und anschließend im Dorf ein bisschen Randale machen.

Wie haben Sie ihr hervorragendes Schauspielerensemble und vor allem die Hauptdarstellerin Alina Levshin gefunden, die hierzulande bislang ja vor allem durch ihre Rolle in Dominik Grafs TV-Serie „Im Angesichts des Verbrechens“ von sich reden gemacht hat?
DW: Ganz normal, über ein Casting. Alina kannte ich flüchtig, weil sie mit mir zusammen studiert hat. Sie hat mich beim Casting vor allem überzeugt, weil sie die beiden Facetten dieser Figur der Marisa, ihre radikale, manchmal unberechenbare Aggressivität und ihre gleichzeitig geradezu zarte Verletzlichkeit, am besten rübergebracht hat. Anders als Alina , die aus der Ukraine stammt, kommen viele Jungschauspieler bei uns aus eher behüteten Verhältnissen, in denen so etwas wie körperliche Gewalt ganz weit weg ist. Und das merkt man ihrem Spiel dann auch an.

War es schwer Geldgeber für einen Film zu finden, der praktisch ohne eine positiv rundum positiv besetzte Identifikationsfigur auskommt?
DW: In der ZDF-Redaktion von „Das kleine Fernsehspiel“, die den Film koproduziert hat, gab es in dieser Hinsicht zum Glück keinerlei Bedenken.

Aber viel Geld haben die ja auch nicht zur Verfügung. Was hat der Film gekostet?
DW: Rund 700 000 Euro.

Peanuts, wenn ein „Tatort“ heute mit knapp zwei Millionen zu Buche schlägt.
DW: Genau.

Text: Reinhard Lüke

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