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Kultur

Kunstkopist und Kodex

Montag, 14. Mai 2012 | Text: Judith Levold | Bild: Dirk Gebhardt

Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten

Noch nie sei er gefragt worden, ob man ihn während seiner Recherchen im größten Kunstfälschungsskandal von Nachkriegsdeutschland zu bestechen versucht habe. Das sei auch nicht der Fall gewesen. Wohl aber habe es diverse Bemühungen gegeben, ihm und seinem Kollegen Tobias Timm den Zugang zu Informationen zu verwehren, sie auf juristischem Wege davon abzuhalten, weiter nachzuforschen. Stefan Koldehoff, 44 Jahre, van Gogh-Kenner und Deutschlandfunk-Redakteur, wollte aber nachforschen. Denn dies hat die Justiz, im Gewand des Kölner Landgerichts, seiner Ansicht nach versäumt. Der Prozess gegen den Kunstfälscher Wolfgang Fischer-Beltracchi, seine Frau und weitere Komplizen, wurde überraschend nach nur neun Prozesstagen mit einem Deal zwischen Angeklagten und Staatsanwaltschaft beschlossen – Beltracchi büßt sechs Jahre im offenen Vollzug ab, tagsüber arbeitet er als Freigänger fotografisch. Der Laie staunt, der Fachmann wundert sich.

Das gesamte Ausmaß des über Jahrzehnte betriebenen Fälschergeschäfts von Beltracchi & Co habe so gar nicht ermessen, aufgedeckt und entsprechend beurteilt werden können, sagt Koldehoff erstaunt, denn die 170 geladenen Zeugen wurden erst gar nicht angehört. Das Loch, in das die Prozessbeobachter fielen, war groß, viele waren enttäuscht. Diese Recherchelücken zu schließen, das nahmen sich Koldehoff und sein Kollege Tobias Timm („Die Zeit“) in Reaktion auf den kurzen Prozess vor und wühlten sich fortan durch Tausende Seiten Akten, sprachen mit Berliner LKA-Ermittlern, mit Händlern, Galeristen, Experten und Gutachtern. Mit Beltracchi selbst haben sie nicht sprechen dürfen, auch anderen Journalisten wurde dies durch seinen Anwalt verwehrt. Dafür dreht der Anwaltssohn und Kölner Filmemacher Arne Birkenstock eine Dokumentation mit und über Beltracchi und dessen Kopisten- und Betrügertätigkeit. Stefan Koldehoffs & Tobias Timms gerade im Berliner Galiani Verlag  erscheinendes Buch „Falsche Bilder – Echtes Geld“ erzählt spannend, wie der Kunstmarkt funktioniert, wie kriminell dort zum Teil agiert wird und wie es möglich war, dass Beltracchi und seine Mittäter über viele Jahre mit gefälschten Kunstwerken insgesamt 16 Millionen Euro verdienen konnten.

Meine Südstadt: Was ist eigentlich so ein Experte wert, dessen Gutachten ein gefälschtes Bild zum Original erhebt?
Stefan Koldehoff: Das ist genau eins der Probleme. Für die meisten Künstler gibt es in der Tat nur einen wirklich anerkannten Experten. Wenn der den Daumen hebt, dann heißt es: Bild original, alles gut! Zum Beispiel im Falle von Max Ernst, also den Bildern Beltracchis, die er als Max Ernst-Arbeiten ausgegeben hat, war das Werner Spies. Er hat von Familie Beltracchi und von den Galeristen, denen er den Tipp zum Ankauf gab, Geld kassiert. Schon sein von Beltracchi gezahltes Gutachterhonorar von mindestens 400.000,- Euro für sieben Bilder gilt als heftig überhöht, wie hoch das Galeristen-„Honorar“ war, darüber schweigt er sich aus. Und der Prozess ist ja vorbei, das kommt wohl auch nicht mehr ´raus.

Vertraut dann so ein ankaufender Galerist nur auf das Urteil eines einzigen Experten oder sichert er sich noch weiter ab, was gibt es denn da überhaupt für Echtheitsprüfmöglichkeiten?
Stefan Koldehoff: Das ist unterschiedlich. Ankäufer wie Galeristen oder Auktionshäuser KÖNNEN sich zumindest mit diesem einen Urteil zufrieden geben und dies beim Weiterverkauf als Siegel der Echtheit vermarkten. Das ist ja im Falle der Beltracchi-Bilder auch häufig so geschehen. Und das ist auch Gegenstand in unserem Buch: Wir fordern eine Art Kodex für den Kunstmarkt, der unter anderem sicher stellt, dass es Gruppen von Experten geben muss und nicht nur einzelne. Oder dass das Expertenwesen institutionalisiert wird, etwa an Museen oder Universitäten, um wirklich unabhängig zu sein. Und dass die naturwissenschaftlichen Untersuchungsmöglichkeiten zur Echtheitsprüfung viel stärker einbezogen werden. Zum Beispiel Röntgen, Ultraschall, Farbpigmentprüfungen, die Untersuchung der Provenienz des Rahmenholzes und dergleichen mehr. Wären diese Verfahren angewandt worden, so hätten die meisten Beltracchi-Fälschungen von Anfang an als solche enttarnt werden können. Stattdessen sind immer noch jede Menge davon im Umlauf, bei gut 80 Bildern besteht dringender Verdacht, dass es Beltracchis sind, wie wir im Buch beschreiben.

Wie genau hat denn Beltracchi plötzlich Bilder berühmter Maler in den Markt geschleust? Wenn mir als Laien jemand erzählen würde, er habe im Keller seiner Oma einen Picasso gefunden, dann würde ich mich fragen, ob denn die Entstehungs- und Verkaufswege eines solchen Bildes nicht dokumentiert wurden?
Der Markt ist gierig nach so genannten marktfrischen Bildern, die noch nie oder lange nicht zu sehen waren. Und Beltracchi ist genau in diese Lücke gestoßen: Er hat Ausstellungskataloge aus dem frühen 20. Jahrhundert studiert, hat die dort beschriebenen Bilder beispielsweise von Malern wie Max Ernst, Max Pechstein, Heinrich Campendonk und anderen mit deren Werkverzeichnissen verglichen , und hat dann die Bilder, die im Werkverzeichnis als verschollen bezeichnet waren, „im Stile von“ dem jeweiligen Maler gemalt. Dazu haben er und seine Frau deren Großvater, einen Unternehmer, zum Sammler stilisiert und die ominöse Sammlung Werner Jaegers erfunden. Sie haben dafür sogar vermeintlich alte Fotos, auf denen die Großeltern mit den entsprechenden Beltracchi-Bildern zu sehen sind, gefälscht. Oder Etiketten von berühmten Galerien aus der Zeit des jeweiligen Malers auf die Rückseiten der Bilder geklebt. Sehr fantasievoll, und erst als der Experte Ralph Jentsch bemerkte, dass diese Labels gefälscht waren, fielen auch die Bilder selbst auf.


Gefälschtes foto und angebliche Sammlungs-Etikett des großen Galeristen Alfred Flechtheim.

 

Wie kam dann letztlich der Verdacht auf?
Eine maltesische Handelsgesellschaft hatte 2006 ein Gemälde von Heinrich Campendonk, „Rotes Bild mit Pferden“, gekauft (dt./niederl. Maler, 1889-1957, Anm. der Redaktion), für 2,8 Millionen Euro im Kölner Auktionshaus Lempertz. Der Käufer wollte im Nachhinein eine weitere, schriftliche Expertise haben und dabei ist ein Experte auf das angebliche Sammlungs-Etikett des großen Galeristen Alfred Flechtheim aufmerksam geworden, das einfach nicht zu diesem passen wollte. So kamen auch Zweifel an der Echtheit des Gemäldes selbst auf und später auch bei anderen Bildern, die dieses Etikett trugen. Der Stein kam ins Rollen.

Hört sich alles einfach skandalös an, oder?
Stefan Koldehoff: Ja. Und der eigentliche Skandal ist, dass die Justiz die einmalige Gelegenheit im Prozess nicht genutzt hat, die grauen und dunklen Zonen des Kunstmarktes zu beleuchten und daraus dann auch Forderungen abzuleiten: mehr Transparenz, was die Geldflüsse betrifft oder eine Meldepflicht für Fälschungen. Alles Dinge, die wir im Buch fordern. Hier gibt es jetzt auch eine ganz gute Initiative aus der Südstadt – beim Auktionshaus van Ham auf der Schönhauser Straße hat man damit begonnen, eine private Fälschungsdatenbank aufzubauen. Und Lempertz am Neumarkt hat zusammen mit der Fachhochschule auch neue Untersuchungsgeräte angeschafft.

Stefan Koldehoff – vielen Dank für diesen Einblick in „Falsche Bilder-Echtes Geld“
 

 

Am 25.05.12 sendete der WDR eine  Dokumentation mit Stefan Koldehoff und Tobias Timm  über die im Buch verarbeiteten Fakten und Einsichten.

 

Stefan Koldehoff und Tobias Timm
Falsche Bilder, Echtes Geld
Verlag Galiani Berlin?

275 Seiten, 16-seitiger Bildteil?

Gebunden mit Schutzumschlag?

19,99 Euro

ISBN 978-3-86971-057-0

Text: Judith Levold

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