Suchthilfezentrum ja, Standort Perlengraben nein
Mittwoch, 21. Januar 2026 | Text: Judith Levold | Bild: Judith Levold
Geschätzte Lesezeit: 6 Minuten
So könnte man zusammenfassen, was Kritiker*innen des von der Stadt vorgeschlagenen Suchthilfezentrums am Perlengraben davon halten. Auf der Info-Veranstaltung dazu ging es hoch her, ein bisschen wie in einem analogen Shitstorm.
Vor der Tür zum Veranstaltungsort am Perlengraben skandieren in Position gebrachte Kinder mit Transparenten laut „Ohne Angst zur Schule gehen!“, während ihre Nachbar*innen, darunter viele Sympathisant*innen der IG Pantaleonsviertel, schon eine Stunde bevor es losgeht, den Saal füllen.

Schon früh füllt sich der Saal – großes Interesse, vor allem der Gegner*innen des geplanten Suchthilfezentrums am Perlengraben (Bild: Judith Levold)
Pickepackevoller Saal, viel Interesse
„Wir haben jetzt schon gut 400 Leute, müssen wir schließen?“ raunt eine Mitarbeiterin Bürgeramtsleiter Ulrich Höver zu. Die Stadt hatte angekündigt, wenn die zulässige Besucherzahl erreicht sei, den Einlass ins Berufskolleg am Perlengraben stoppen zu müssen.
Am Ende sind um die 500 Personen vor Ort, bevor der Saal pickepackevoll geschlossen wird und die „Stadt“ in Gestalt von OB Torsten Burmester, Sozialdezernent Harald Rau, Polizeipräsident Johannes Hermanns und Ulrich Höver auf der Bühne steht.

Bürgeramtsleiter Innenstadt Ulrich Höver, OB Torsten Burmester, Polizeipräsident Johannes Hermanns und Sozialdezernent Harald Rau (v.l.) – sie stellten sich der aggressiven Stimmung (Bild: Judith Levold)
Greifbarer Widerstand
Anspannung und Zorn liegen da schon seit einer Stunde greifbar in der Luft. Die Leute diskutieren während der Wartezeit und erzählen einander von ihren Befürchtungen und Erfahrungen. Dem Leben im Pantaleons- und Severinsviertel, das bereits jetzt im Alltag von Suchterkrankten geprägt sei.
Seit die Stadt kurz vor Weihnachten die Idee bekannt gab, auf einer kleinen Grünfläche zwischen Perlengraben (Zufahrt zur Severinsbrücke) und der sehr schmalen Wilhelm-Hoßdorf-Straße ein Suchthilfezentrum einzurichten, zeigen viele Anwohner*innen Widerstand.

Die Petition gegen das Suchthilfezentrum liegt in vielen Läden im Severinsviertel aus (Bild: Judith Levold)
Neue Nachbarschafts-IG
Die neu gegründete IG Pantaleonsviertel macht deshalb seit vier Wochen mobil: Mitglieder legten in den Läden der Severinsstraße Flugblätter aus, posteten bei nebenan.de und anderswo eine Petition, bestückten ihr Veedel mit Protest-Transparenten und luden zu einer großer Anwohnerversammlung ein. Denn: Sie wollen dieses Zentrum hier nicht.
Beschaffungskriminalität befürchtet
Dass es ein solches Hilfsangebot für Suchterkrankte geben müsse, sei klar – ihr Veedel dafür aber ungeeignet. Die Argumente, bei nebenan.de, in WhatsApp Gruppen und auch an diesem Abend vorgebracht, sind: Kinder könnten nicht mehr unbedarft auf die ohnehin raren Spielflächen, das einzige Grün im Block werde statt mit einem geplanten Spielplatz mit den Drogenerkrankten bevölkert und Senior*innen würden sich beim Spaziergang nicht mehr sicher fühlen.
Vor allem aber sorgten sie sich um die Sicherheit der Kinder auf den Schulwegen und hätten außerdem Angst davor, dass Beschaffungskriminalität im Viertel dramatisch zunehmen könne.

Auf diesem Stück Grün am Perlengraben soll es entstehen. das Suchthilfezentrum nach dem beschlossenen „erweiterten Suchthilfekonzept“. Viele Anwohner*innen sind dagegen. (Bild: Judith Levold)
Nicht beteiligt zu werden, macht wütend
All´ das, so wird schnell klar, entspringt nicht nur dem vielleicht ungeschickten Timing der Stadt: Vier quasi Info-lose Wochen vergingen zwischen Bekanntgabe und der Veranstaltung im Berufskolleg – viel Zeit also für Spekulation, Halbwissen und emotionale Steigerung.
Der Ärger speist sich auch aus dem Gefühl, nicht beteiligt zu werden. Vor allem aber aus der Überzeugung, dass das, was seit Jahren am Neumarkt im öffentlichen Raum so dramatisch zu erleben ist, einfach und ebenso dramatisch in ihr Viertel verlagert wird.
Allen Helfen – Offene Drogenszene von der Straße holen
Dass genau das so eben nicht passieren wird, davon wollen der OB und seine Mitstreiter in den folgenden drei Stunden die Leute überzeugen. Denn dass die so genannte „offene“ Drogenszene rund um den Neumarkt mit all ihren Begleiterscheinungen aus dem öffentlichen Raum verschwinden muss, darüber ist sich die Politik schon länger einig – und die Anwohner*innen des Neumarkts sowieso.
Zwischenrufe stören
OB Torsten Burmester spricht über seine Erfahrungen im Wahlkampf, währenddessen ihm viele Bürger*innen gesagt hätten: „Das Schlimmste in Köln ist die offene Drogenszene“. Als er seine hautnahen Erlebnisse „unterwegs mit einer Polizeistreife“ dort teilt, wird er sofort ausgebuht und lautstark unterbrochen.
Gegner*innen des Suchthilfezentrums am Perlengraben stören den gesamten Abend mit Zwischenrufen und machen ihrem Unmut Luft. Ganz kurz wird auch Burmester für einen Halbsatz laut, fängt sich aber sekundenschnell und macht einfach weiter.

Info-Veranstaltung: Längst nicht alle Infos kommen an – und nicht alle Infos werden geglaubt.
Leid im Öffentlichen Raum reduzieren
Er und Sozialdezernent Harald Rau argumentieren zusammen mit Polizeipräsident Johannes Hermanns, dass ein Suchthilfezentrum etwas für die Erkrankten und gegen die Folgeprobleme von starker Sucht leistet: Konsum und die damit verbundenen Belastungen im öffentlichen Raum zu reduzieren, verelendete Menschen von der Straße zu holen.
Ein Zentrum, in dem eben nicht nur ein Konsumraum Platz hat, sondern ein vielfältiges Beratungs-, Betreuungs- und Therapieangebot, hygienische Zustände und Raum für Ruhe und die Annahme weiterer Hilfe. Und das eben, anders als der reine Konsumraum in der Lungengasse, rund um die Uhr für die Betroffenen geöffnet ist. „Wir müssen jetzt handeln, wir können nicht mehr zuwarten“, beschwört der Polizeipräsident, der schon das Grundstück gegenüber des Präsidiums ins Gespräch brachte.

Sozialdezernent Harald Rau versucht es mit Fakten aus der Suchtforschung und den ausgewerteten Erfahrungen anderer Städte – er wird teils niedergeschrieen und ausgebuht, immer wieder muss die Moderation Umgangsformen anmahnen (Bild: Judith Levold)
Kein anderes Grundstück in der Nähe
Doch es klingt plausibel, warum dieses Grundstück nach Prüfung verworfen wurde. Harald Rau erläutert die Hintergründe der Planung und die Kriterien, die dabei ein Rolle gespielt haben. Ein Beispiel: „Es ist zu weit weg von der `Szene´. Die Forschung zeigt, dass man ca 1 km von der bereits etablierten `Szene´ etwas anbieten muss. Und die Kaufhof-Zentrale, die wir auch ins Auge gefasst hatten, gehört uns halt leider nicht“.
Es gebe schlicht kein anderes Grundstück in Neumarkt-Nähe, auf dem man das zeitnah realisieren könne. Doch das immer wieder zitierte Züricher Modell und auch Beispiele aus anderen deutschen Großstädten mit derselben Problematik hätten gezeigt, dass es bei Rund-um die-Uhr-Betrieb und gutem Sicherheitskonzept gelingen könne, dass, so Burmester die Nachbarschaft davon gar nicht so viel mitbekomme. In der Umgebung des Suchthilfezentrums werde man keine Dealerei oder Konsum dulden, die Polizei, so Hermanns, werde dort „konsequent und mit ausreichender Präsenz durchgreifen“.
Transparenz des Prozesses fehle
Viele Menschen im Saal überzeugt das nicht wirklich, es kommen Fragen aus dem Plenum nach dem Wertverlust von Immobilien im Quartier, immer wieder werden dieselben Bedenken für die Schulwegesicherheit angeführt. Außerdem stellen Kritiker*innen die Punkte Finanzierung des Ganzen, eine ausreichende Personalsituation sowie die Transparenz des Prozesses infrage.
„Wir sind nicht am Ende, sondern erst am Anfang“
Nicht alles können die vier auf der Bühne und einzelne Fachamtsleiterinnen (Jugendamt, Gesundheitsamt) sowie ein Suchtforscher wirklich final beantworten, es bleiben Fragen offen. Die sollen, so Burmester, in der weiteren Planung unter Einbeziehung von Anwohner*innen und mit der Bildung eines Beirats beantwortet werden.
„Wir nehmen auch verschiedene besonders vulnerable Gruppen noch in den Blick“, versichert der OB. Man wolle gesondert mit den Schulen, also auch den Schüler*innen, mit Seniorenheimen und der IG-Pantaleon sprechen. „Wir sind nicht am Ende, sondern erst am Anfang“, findet er.

Anwohner*innen Eva-Maria Grommes und Sebastian Endres von „Südi bleibt solidarisch“ – sie sehen die Notwendigkeit eines Suchthilfezentrums und nehmen den Standort unterstützend in Kauf (Bild: Judith Levold)
Auch Unterstützer*innen im Saal
Dass nicht nur Gegner*innen des Suchthilfezentrums im Saal sind, merkt man an mehrfach aufbrandendem Applaus und daran, dass nach dem teils wilden Geschrei der ersten anderthalb Stunden plötzlich in der abschließenden Fragerunde auch Bürger*innen ans Mikro kommen, die bislang still zugehört haben und nun andere Töne anschlagen.
„Ich frage mich den ganzen Abend: Wo bleibt hier das Menschliche, dass die Leute Hilfe brauchen?“ fragt etwa eine Anwohnerin, die sich mit inzwischen gut hundert anderen zu einer Signal-Gruppe „Südi bleibt solidarisch“ verbunden hat und PRO Suchthilfezentrum, auch in direkter Nachbarschaft ist. Oder eine Schülerin des Kaiserin-Augusta-Gymnasiums: „Ich bin schockiert, wie wenig Menschlichkeit hier herrscht“.

Eine junge KAS-Schülerin zeigt sich „schockiert“ von der Diskussionskultur im Saal (Bild: Judith Levold)
Gefühle reflektieren
Die Gruppe der Unterstützer*innen des Zentrums will jetzt ebenfalls mehr in die Öffentlichkeit gehen, dabei aber eine Spaltung der Nachbarschaft vermeiden. Stattdessen wollten sie konstruktiv und faktenbasiert diskutieren, Gegner*innen zuhören. „Ich komme aus der Klimaforschung. Das heute hier erinnert mich daran, wie bei Veranstaltungen oft der Klimawandel geleugnet wird – gegen jede wissenschaftliche Erkenntnis“, sagt Eva-Maria Grommes. Da fehle Vertrauen, da müsse man überzeugen, die „Resistenz gegen Informationen“ aufbrechen.
Sebastian Endres pflichtet ihr bei: „Wir sind auch Anwohner*innen und wir verstehen die erste Angst, das ungute Gefühl. Aber wir finden auch: Diese Gefühle muss man reflektieren, da ist ein einfaches `not in my backyard´ nicht angebracht. Es handelt sich bei den Suchtkranken vom Neumarkt um Menschen, die ganz unten sind, und wir sind hier in diesem Viertel privilegiert.“
Das dauert noch
Bevor sich am 5. Februar der Rat erstmals mit dem Vorschlag befassen kann, muss eine Vorlage dazu noch mehrere Ausschüsse in Sondersitzungen und die Bezirksvertretungssitzung passieren. Und dann kann es auch erstmal nur einen Planungsbeschluss geben – es wird noch viel diskutiert, gerungen und entwickelt werden müssen, bevor ein Suchthilfezentrum am Perlengraben wirklich dasteht. Denn Genehmigungsverfahren stehen dann ja auch noch aus. Und das dauert.
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Kommentare





danke für die berichtetstattung!!
Ich bin für das Zentrum an der geplanten Stelle, weil Wegsehen niemanden schützt und Hilfe dort wirken muss, wo die Not real ist. Suchtkranke Menschen nehmen Hilfsangebote außerhalb ihres unmittelbaren Lebensumfeldes in der Regel nicht an. Genau aus diesem Grund wurde vor Jahren das Suchthilfezentrum in Köln-Deutz wieder geschlossen. Leider gibt es zudem keine realistische Alternative in Zentrumsnähe, die gleichermaßen erreichbar ist und die notwendige Wirkung entfalten könnte.
Gleichzeitig sehe ich die Belastungen für die Anwohnenden und nehme ihre Sorgen ernst, insbesondere in Bezug auf Sicherheit, Wohnqualität sowie Kinder und ältere Menschen. Genau deshalb braucht es einen Ort, der Ordnung schafft statt Verdrängung, Schutz statt Chaos. Das Zentrum holt Menschen aus dem öffentlichen Raum und rettet Leben. Es steht für Verantwortung, Menschlichkeit und für eine Stadt, die Probleme nicht weiterreicht, sondern löst. Köln ist dann stark, wenn wir auch denen helfen, die keine Lobby haben und dabei das Zusammenleben für alle verbessern.
Wir wollen alle mehr Sicherheit. Ich hätte nichts dagegen, wenn Polizei und Ordnungsamt öfters Streife fahren oder gehen würden. Es gibt z.B. viele Falschparker in Feuerwehrzufahrten, Kreuzungs- und Einmündungsbereichen, auf Gehwegen, etc… auch im Bereich des geplanten Suchthilfezentrums. Warum wird das geduldet? LG Heiko
Die Infoveranstaltung war lachhaft. Abgesehen vom Unvermögen, sich als Erwachsene ordentlich zu verhalten und nicht ständig dazwischen zu rufen, waren die Antworten auf gestellte Fragen zum Teil sehr wenig zufriedenstellend.
So wurden Fragen teilweise gar nicht beantwortet und beleidigt abgetan, als auch mit offensichtlichen Ausreden.
Auf die Frage, warum es nicht direkt auf dem Neumarkt gebaut wird, der ALLE Voraussetzungen erfüllt, wurde gesagt, dass man durch die U-Bahn die Dealer nicht kontrollieren könnte, da diese die U-Bahn Station als „Tunnelsystem“ nutzen könnten.
Tatsächlich ist es aber so, dass es dort, wo das Zentrum jetzt hin soll, so viele kleine, verwinkelte Straßen, mit Gärten, Höfen etc. gibt – diese sind mit Sicherheit noch schwerer zu kontrollieren.
Die wirkliche Begründung: Da sind Touristen und Geschäfte. Sieht also nicht schön aus. Hier sind nur Anwohner (und kleine „unbedeutende“ Geschäfte), also quasi unsichtbar nach außen.
Ergo: Es geht einzig und allein darum, auf biegen und brechen Wahlversprechen zu halten. Gut, dass ich mir den Schuh nicht anziehen muss, dazu beigetragen zu haben
An diesem Abend ist das Kind richtig in den Brunnen gefallen.
Politiker die kein echtes Gespür für die Anwohner haben. Ihre bisherige „Bastapolitik “ weiter fortführen und vorführen.
Auch „mündige Bürger “ erkennen dieScheinheiligkeit des politischen
Vorgehen und treiben Wähler in die Politikverdrossenheit, Nichtwähler und die „Heilsuche“ von Rechten Gruppierungen. Das war eine schlechte Lehrstunde für gelebte Kölner Demokratie, Informationspolitik und nicht vorhandenes Vertrauen in die aktuelle Verwaltung, Bürgermeister und Polizeipräsident. Gute Nacht Stadt Köln…
Danke für die ausgewogene Berichterstattung.
Angst bei Schülern, Senioren und Geschäftsleuten, Verschmutzungen, Krach und offenen Konsum gibt es gerade jetzt – ohne ein Suchtzentrum. Am Neumarkt, am Friesenplatz und an vielen anderen Orten.
Wenn das Zentrum auch nur halbwegs gut funktioniert durfte es insbesondere die Suchtkranken anziehen, die ihrerseits nach einem sicheren Rahmen suchen, die natürlich auch selbst erheblich unter dem unkontrollierten Konsum, dem Beschaffungsdruck, der Hygiene und den würdelosen Zuständen auf der Straße leiden. Dass das Zentrum dagegen hauptsächlich Gewalt, Belästigung und Kriminalität anziehen könnte, ist schwer vorstellbar – womit sollte es Personen, die dies im Sinn haben, anlocken?
Die bisherige Kommunikation der Stadt sei mal dahingestellt – war ich wahrnehme ist ein klares NIMBY-Syndrom: Man soll ja was machen, ABER DOCH NICHT BEI UNS! Es ist aber überall irgendjemandes „bei uns“, und in den Grüngürtel werden die Leute nicht ziehen, um Hilfe zu bekommen.
Was haben wir für ein Glück, dass es die bestehenden Angebote für Obdachlose, Suchtkranke oder psychisch Kranke im Kölner Süden schon gibt – eine Klinik oder ein Zentrum könnte man mit dieser Abwehrhaltung wohl kaum noch irgendwo bauen.
Gut geschrieben und objektiv berichtet, liebe Judith. Dankeschön!